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Die nationalsozialistische Instrumentalisierung des Sports für den Zweiten Weltkrieg

Subtitle: Leibesertüchtigung zwischen Erziehung, Front und Propaganda

Examination Thesis, 2008, 132 Pages
Author: Bernhard Wetzstein
Subject: History - National Socialism, World War II

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2008
Pages: 132
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V133212
ISBN (E-book): 978-3-640-39361-9
ISBN (Book): 978-3-640-39378-7

Abstract

Zur historischen Fundierung der Fragestellungen wird zunächst bis auf die Tage des populären „Turnvaters“ Jahn zurückzugehen sein, da dessen patriotische Sportideologie den Grundstein lieferte für die unter anderem in Hitlers Mein Kampf geäußerten Gedanken zur Bedeutung des Sports für die Wehrkraft und Gesundheit des Volkes. Auch der Sport im Ersten Weltkrieg ist vergleichend kurz zu betrachten. Des Weiteren bilden der Schulsport, die Leibesübungen in nationalsozialistischen Organisationen und die allgemeine politische Funktionalisierung des Sportlebens die Eckpunkte für die Untersuchung. Diese selbst ist, um die Entwicklung im einzelnen präzise aufzeigen zu können, in chronologische Hauptabschnitte gegliedert, die den dramatisch wechselnden Kriegsbedingungen für den Sport Rechnung tragen. Nach dem einleitend dargestellten Vorkriegsstadium, dass mit dem „Anschluss“ Österreichs und des Sudetenlandes als kennzeichnend für den hemmungslosen nationalsozialistischen Expansionswillen und seine erste offen politische Nutzbarmachung des Sports angesehen werden kann, folgen in drei Schritten die Kriegsjahre 1939-1941 (mit und nach den erfolgreichen „Blitzkriegen“), 1941-1943 (mit dem Angriff auf die Sowjetunion, zunehmenden Kraftanstrengungen und der Ausweitung des Kriegs auf neue Kriegsschauplätze) und schließlich die Jahre 1943-1945 (mit der Katastrophe von Stalingrad, dem „Totalen Krieg“ und dem folgendem totalen Untergang). Um die dennoch erkennbare Überlebenskraft des Sports auch in einem weiteren Bereich zu beleuchten, werden abschließend und kontrastiv, soweit bekannt, die organisierten sportlichen Aktivitäten unter den entsetzlichen Bedingungen in einigen KZs und in Lagern deutscher Kriegsgefangener beleuchtet, in denen alliierte Wachmannschaften mit den deutschen Gefangenen Fußball spielten, wobei beide Seiten erste Anfänge einer Verständigung erlebten.


Excerpt (computer-generated)

Die nationalsozialistische Instrumentalisierung des Sports

für den Zweiten Weltkrieg

-

Leibesertüchtigung zwischen Erziehung, Front und Propaganda

Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt in Gymnasien

vorgelegt von Bernhard Wetzstein

Studienfächer Geschichte / Deutsch

Göttingen, den 19.11.2008


2

Inhaltsverzeichnis

:

Seite

1.

Einleitung

4

1.1

Zum Verhältnis von Sport und Staat

4

1.2

Zielsetzung und Methode

9

1.3

Forschungsstand

und

Quellen

12

2.

Sport als Instrument der Vorbereitung auf den Krieg

14

2.1

Der Sport- und Wehrsport-Gedanke des ,,Turnvaters" Jahn

14

2.2

Sport

und

Erster

Weltkrieg

17

2.3

Die Rolle des Sports in der NS-Ideologie

18

2.4

Leibeserziehung in Schule, Eliteschule und Hochschule

28

2.5

Der Sport in HJ und BdM

33

2.6

SA, SS und der Sport

39

2.7

Sport in Reichswehr und Wehrmacht

43

2.8

,,Kraft durch Freude" (KdF): Ertüchtigung der arbeitenden Bevölkerung 44

2.9

Zusammenfassung: Sport im Dienst der nationalsozialistischen

Innenpolitik

47

3.

Sport als Waffe der Außenpolitik

47

4.

Die Inszenierung des Sports in den Medien

50

5.

Sport als Ablenkungsmittel und Gemeinschaftserlebnis

im Kriegsalltag

58

6.

Der instrumentalisierte Sport auf seinem Weg in und durch den

Zweiten Weltkrieg

60

6.1

Vorkriegsstadium: Der Anschluss Österreichs und des Sudentenlandes

60

6.2

Die

Kriegsjahre

1939-1941

66

6.2.1

Im

Sport

gilt:

Weitermachen!

66

6.2.2 Zwischen scheinbarer Normalität und

Barbarossa

71

6.2.3 Erste Einschränkungen und Anpassungen des Sports an den Kriegsalltag 73


3

6.2.4 Die Propaganda und der Fallschirmjäger Max Schmeling

76

6.2.5

Sport

auf

internationaler

Ebene 78

6.3

Die

Kriegsjahre

1941-1943

84

6.3.1 Die Fassade der Normalität beginnt zu bröckeln

84

6.3.2 Der nationale Sportbetrieb im sich ausweitenden Krieg

und

seine

propagandistische

Vermittlung

86

6.3.3 Weitere Einschränkungen und Kriegsanpassungen des Sportlebens

87

6.3.4

Letzte

internationale

Begegnungen

90

6.3.5

Aktion

,,Soldatenklau" 93

6.3.6 Kriegssportmannschaften auf dem Vormarsch

95

6.4

Die

Kriegsjahre

1943-1945

101

6.4.1

,,Totaler

Krieg" 101

6.4.2 Der langsame Untergang des nationalen Sports

103

6.4.3 Letzte Einschränkungen und Kriegsanpassungen des Sportbetriebs

110

7.

Sport hinter Stacheldraht ­ in KZs und Lagern deutscher

Kriegsgefangener

113

8.

Schlussbetrachtung

und

Ausblick 117

Literaturverzeichnis

121

Abkürzungsregister

127

Anhänge

128


4

1. Einleitung:

1.1 Zum Verhältnis von Sport und Staat

Was haben Sport und Politik gemeinsam? In einem modernen demokratischen Staat lässt

sich diese Verbindung in der Regel auf einen rudimentären Bezug reduzieren, der dem

Sport in wesentlichen Zügen seine Unabhängigkeit erhält, obwohl es selbstverständlich

gewisse grundlegende staatliche Einflüsse und Förderungen geben kann. Anders verhält es

sich dagegen in einem totalitären Staatsgebilde, dessen Herrschaft der Idee nach gerade

seines anti-individualistischen, anti-positivistischen und zugleich anti-naturrechtlichen

Totalitätsanspruchs wegen grenzenlos ist. Seiner Zugriffsgewalt ist jeder einzelne Mensch,

jede Institution und jede Lebenssphäre ­ somit auch der Sport - unterworfen.1 Wer als

Individuum oder Institution der Ideologie eines solchen Staates entgegensteht, ist

automatisch Staatsfeind.

Sport als ,,Handlungs-, Verwirklichungs- und Anspruchsraum im Gefolge einer

herrschenden Ideologie"2 - das ist ein dem klassischen Sportgedanken deutlich

widerstrebendes Gebilde, das jedoch in der Weltgeschichte und besonders im 20.

Jahrhundert immer wieder aufgetaucht ist. Zu nennen wäre hier das faschistische Italien

oder der subtilere Totalitarismus der sowjetisch gelenkten DDR. Aber auch im antiken

Sparta, wo der Erziehung des jungen Körpers für den späteren Heeresdienst große

Bedeutung zugemessen wurde, fanden sich bereits Grundzüge dieses Phänomens. Jedoch

gehört es keineswegs ausschließlich der Vergangenheit an, sondern kann noch heute von

durchaus heikler Aktualität sein. Man denke an die ebenso pompös wie rigoros inszenierten

Olympischen Spiele 2008 in Peking mit ihren spektakulären Aufmärschen und

1 Vgl. Frank Schmitz,

Zur Ideologisierbarkeit des Sports

-

Eine vergleichende Untersuchung zum
Zusammenhang von politischer Ideologie und Sport im Nationalsozialismus und in der DDR

, Braunschweig

2001, S. 26 und 27. Als konstitutiv für ein totalitäres System können nach Schmitz spezifizierend folgende

Aspekte genannt werden: Ideologische Momente wie die Resakralisierung der Politik, neue technische

Entwicklungen, Dynamik der Politisierung der Gesellschaft und ideologisch legitimierte Verbrechen. Die

Wissenschaft liefert unterschiedliche Typologien, die jedoch ähnliche Aspekte totalitärer

Herrschaftsausübung benennen, darunter hierarchische, zentralistische und monolithische Massenbewegung,

Kontrolle der Kommunikationsmittel, Lenkung der Wirtschaft, penible Überwachung, Waffenmonopol und

eine ausgearbeitete Ideologie. Einen umfassenden Überblick liefert Eckhard Jesse,

Totalitarismus im 20.
Jahrhundert : eine Bilanz der internationalen Forschung

(Baden-Baden 1996).

2 Ebd. S. 220.


5

Vorführungen sowie an die in China praktizierte, mitunter kasernenhofartige

Sporterziehung der Athleten von frühesten Kindestagen an.3

Spricht man vom Sportgeschehen zur Zeit des totalitären Systems des Nationalsozialismus,

so denkt man wahrscheinlich in erster Linie an die ­ durch die NS-Regisseurin Leni

Riefenstahl zugleich für die Leinwand opulent inszenierten ­ vorbildlich organisierten XI.

Olympischen Spiele des Jahres 1936, die wohl eindrucksvollste Leistung

nationalsozialistischer Propaganda und Selbstdarstellung vor der versammelten Welt. Dabei

trat auch die stark emotionale und irrationale Komponente des Nationalsozialismus hervor

­ hier im Entfachen von Begeisterung, leidenschaftlichem Siegesverlangen und stolzem

Jubel über den großen Erfolg, verbunden mit einer Art feierlicher Sakralisierung des

Geschehens ­, ein Grundzug, der die oben genannten allgemeinen Charakteristika des

Totalitarismus überschreitet und als Besonderheit der nationalsozialistischen Variante

dieser Herrschaftsform angesehen werden kann. Es war jedoch eine Besonderheit, die

jenseits vom Sport zu den entsetzlichsten Exzessen führte ­ zu einem von den NS-

Machthabern entfachten Herrenmenschenwahn und Rassismus in Verbindung mit

Radikalnationalismus und extrem gesteigertem, leidenschaftlichen Judenhass, der in der

gnadenlosen Vernichtungsaktion des Judengenozids gipfelte, der ,,fundamentalen Untat"

und dem weltgeschichtlich einmaligen ,,Zivilisationsbruch" der Nationalsozialisten.4

Vor allem auch die dies alles auslösende und tragende Kraft, der Herrschaftsanspruch des

charismatischen Demagogen, begleitet vom unbedingten Glauben und Gehorsam seiner

3 Auch angesichts des Historikerstreits über die Vergleichbarkeit des nationalsozialistischen und sowjetischen

Totalitarismus sowie des Holocaust und sowjetischer Massendeportationen und -tötungen (s. unten), erscheint

der Hinweis auf das heutige China legitim. Denn er zielt nicht darauf ab, das eine mit dem anderen

gleichzusetzen, sondern Übereinstimmendes und Divergierendes gleichermaßen zu berücksichtigen, um so

das jeweils Individuelle im Rahmen des Typischen, hier des Totalitarismus, deutlicher hervorzuheben.

Totalitarismus wird also als Ordnungsbegriff im Sinne des Max Weberschen ,,Idealtypus" verstanden, nicht

als Oberbegriff im aristotelischen Sinne, dessen Merkmale bei jedem der untergeordneten Phänomene

vollständig vorhanden sein müssten. - Von China wird niemand behaupten, dass seine Sporterziehung wie im

Nationalsozialismus einer Kriegsvorbereitung dient. Es geht dort vielmehr um Leistungsdemonstration und

globale Anerkennung. Dennoch sind gewisse Merkmale des Begriffs ,,Totalitarismus" erkennbar, besonders

wenn man auf die staatlich gelenkten Medien, die Zensur der internationalen Berichterstattung und die hohe

Staats- und Militärpräsenz bei den Spielen blickt. Zu dem besonders auf Ernst Nolte und Jürgen Habermas

zurückzubeziehenden, bis heute nachwirkenden Historikerstreit der Jahre 1986-88 sei auf die Sammlung

Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen
Judenvernichtung

von Rudolf Augstein u.a. (Hrsg.) (München/Zürich 1987) und das jüngste Wiederaufleben

der Kontroverse seit September 2008 hingewiesen: Ernst Nolte, ,,Nachdenken über den Nationalsozialismus",

Frankfurter Allgemeine Zeitung

, 17.Sept. 2008, Seite N3 (Rezension von Hans-Ulrich Wehlers 5. Band der

Deutschen Gesellschaftsgeschichte

[München 2008]) und Hans-Ulrich Wehler, ,,Die fundamentale Untat"

ebd., 1. Oktober 2008, S. N3 (Replik auf Noltes Rezension).

4 Vgl. Hans-Ulrich Wehler, ,,Die fundamentale Untat" (s. Fußnote 3).


6

Anhänger, wie es Max Weber typologisch beschrieben hat,5 gehört in diesen Kontext des

Irrationalen und Leidenschaftsbewegten, der in Hitlers Gefolgschaft zu fanatischen

Aktionen und einem fast religiösen Führerkult führte.

6

7

In den von Leidenschaft und Begeisterung getragenen und als Feier für die Massen perfekt

inszenierten Olympischen Spielen freilich war für den arglosen Beobachter von dieser

menschenverachtenden Seite nationalsozialistischer Radikalität und Gefühlsgetriebenheit

wenig oder nichts zu bemerken. Vielmehr brachte das Jahr 1936 für den längst massiv

geförderten deutschen Sport zum einen beeindruckende Erfolge auf olympischem Parkett,8

die das Konzept der staatlich gelenkten Leibeserziehung zu rechtfertigen schienen. Zum

anderen verwandelte es das generelle Erscheinungsbild des deutschen Sportgeschehens, das

in dieser neuen Form die nächste Stufe seiner nationalsozialistischen Instrumentalisierung

einleiten sollte.

Während die Olympischen Spiele vielfach untersucht worden sind, ist die anschließende

Phase der Aufwertung des Sports zum staatlich kontrollierten Politikum und sein folgender

Weg in und durch den Zweiten Weltkrieg allgemein weniger bekannt. Zu Unrecht, wie man

sagen muss, stellt dieser facettenreiche Werdegang doch bis weit in den Krieg hinein neben

seinen (wehr)sportlichen und gesellschaftlich-sozialen Aspekten vor allem auch ein

5 Vgl. die Bestimmung von ,,charismatischer Herrschaft" und ,,Hingabe der Gehorchenden an das rein

persönliche ,Charisma′ des ,Führers′" in Max Webers einflussreichem Aufsatz ,,Politik als Beruf" (1919), in:

Max Weber,

Gesammelte politische Schriften

, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 1988, S. 507 und

508, hier zitiert nach Max Weber

, Gesammelte Werke,

Berlin, 2001,

Digitale Bibliothek

Nr. 58.

6 Spektakuläre Inszenierung der Sommerspiele im Berliner Olympiastadion 1936.

http://www.lsg.musin.de/Projekte/projekt_lichterkette/geschichte/olympiade/olympiade%201.jpg, eingesehen

am 14.08.2008.

7 Die englische Fußball-Nationalmannschaft zeigt kollegial den Hitlergruß.

http://www.theglobalgame.com/images/salute_1938.jpg, eingesehen am 14.08.2008.

8 Vgl. Gerhard Fischer, Ulrich Lindner,

Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel von Fußball und
Nationalsozialismus

, Göttingen 1999, S. 101. Das frühe olympische Ausscheiden der deutschen

Fußballmannschaft gegen Norwegen lag den Machthabern in propagandistischer Hinsicht schwer im Magen,

war es doch das einzige Spiel dieser populärsten aller Sportarten, zu dem Hitler persönlich anwesend war. Die

Tore für den Gegner erzielte zu allem Überfluss noch ein Spieler mit jüdisch klingendem Namen.


7

bemerkenswertes diplomatisch-propagandistisches Instrumentarium der Politik dar. Der

Sport hatte einen so hohen Stellenwert erlangt, dass er letztlich sogar auf Geheiß des

Reichssportführers seinen Beitrag zum ,,Totalen Krieg" zu leisten hatte und nicht etwa im

Angesicht größter Not eingestellt wurde.

Bis 1936 war es ­ insbesondere angesichts massiver Boykottdrohungen und internationaler

Proteste aufgrund der im Jahr zuvor feierlich verkündeten Nürnberger Gesetze ­

außenpolitisch ratsam, dem Motto der Olympischen Spiele entsprechend der

Weltöffentlichkeit ein ebenso glanzvolles wie friedliebendes Land des Sports zu

präsentieren.

9

10

Jedoch eröffnete das Ende der Spiele dem NS-Regime zugleich die Möglichkeit, die bisher

eher gemäßigt erscheinenden Eingriffe in das Sportgeschehen zu intensivieren, was im

Zeichen von Gleichschaltung, Ausschluss rassisch unerwünschter Elemente und Vier-

Jahrsplan geschah.11 Sport wurde nun endgültig zur zentralen staatlich-pädagogischen

Aufgabe, die das Volk in seiner Ganzheit erfassen sollte. Das deutsche Volk, das durch die

Berliner Spiele auf sportlicher Ebene bereits die angestrebte Weltgeltung erlangt hatte,

sollte jetzt nach dem Willen seines selbst wenig sportbegeisterten ,,Führers" Adolf Hitler12

binnen weniger Jahre kriegsbereit sein, um den Lebensraum erobern zu können, der seinem

9 Das offizielle Werbeplakat der Sommerspiele. Reinhard Rürup (Hrsg.),

1936

-

Die

Olympischen

Spiele

und

der

Nationalsozialismus

,

Eine

Dokumentation

/

The

Olympic

Games

and

National

Socialism

: A

Documentation

, Berlin 1996, S. 78.

10 Der radikale Gegenentwurf: Titelseite einer illegalen Broschüre der KPD, die sehr direkt die potentiellen

Ziele nationalsozialistischer Leibeserziehung auf den Punkt bringt. Rürup, 1936, S. 33.

11 Siehe hierzu auch Fischer,

Stürmer für Hitler

, S. 104.

12 Vgl. Otto Dietrich,

12 Jahre mit Hitler

, München 1955, S. 176. Dietrich liefert folgende Erklärung: ,,Er

selbst betrieb keinerlei Körperübungen oder Sportspiele und begründete es damit, dass er es sich nicht

erlauben könne, sich selbst an irgendeinem Sport zu beteiligen, wenn er nicht in dieser Konkurrenz der erste

sei."


8

Weltgeltungsanspruch entsprach. Längst schon waren die Sportler keine Leistungssportler

im klassischen Sinne mehr, vielmehr verrichteten sie, nach dem Willen des Regimes als

opferbereite, weltanschaulich geschulte Soldaten geeint, ehrenvollen Dienst am

Vaterland.13 Für den herausragenden Einzelnen, der Höchstleistungen vollbrachte, war da

aus nationalsozialistischer Perspektive nur noch im Rahmen einer kameradschaftlich-

politischen, nach dem Führerprinzip geordneten Mannschaft Platz.

Ganz ohne die Ausnahmesportler und das heißt ohne die dem Leistungsideal

verschriebenen Individuen ging es in der internationalen Konkurrenz aber doch nicht.

Deswegen und unter dem Eindruck des überwältigenden olympischen Erfolgs bot sich der

definitionstechnische ,,Kompromiss" förmlich an, den individualistischen Leistungssport

kurzerhand in den mannschaftlichen Rahmen aufzunehmen. Zugleich legte er allerdings die

chronische Verschwommenheit der nationalsozialistischen Ideologie offen. Was irgendwie

nutzte, das nahm man sich und suchte es ideologisch zu verbrämen.14

Ausgehend von der auf kriegerische Expansion abzielenden Politik Hitlers musste eine

möglichst alle sozialen Schichten erfassende sportliche Erziehung und aktive Betätigung

geradezu obligatorisch sein, wenn man eine Steigerung der Wehrkraft und künftigen

Kriegswirtschaft erreichen wollte. Dieser Gedanke war im Prinzip in Deutschland nicht

neu: Sport und Militär pflegten schon seit den Zeiten des ,,Turnvaters" Jahn eine durchaus

innige Beziehung zueinander. Selbst heute sieht man vor allem im Wintersport regelmäßig

ein Großaufgebot von Sportlern, die der Bundeswehr, der Bundespolizei oder dem Zoll

angehören.

Doch konnte sich der Sport für den NS-Staat noch in anderer Hinsicht als nützlich

erweisen. Mit zunehmender Isolation des Deutschen Reiches musste eine gezielte Nutzung

des internationalen Sportverkehrs zu außenpolitischen und propagandistischen Zwecken

sinnvoll erscheinen. Im Gegenzug konnte der Sport im Krieg auf nationaler Ebene eine

13 Nach Hajo Bernett,

Nationalsozialistische Leibeserziehung, Eine Dokumentation ihrer Theorie und
Organisation

, Stuttgart 1966, S. 204. Die schon lange vor Kriegsbeginn extrem militaristisch-politische

Durchdringung des deutschen Sport- und Olympiagedankens beziehungsweise der Sprache illustriert Bernett

sehr anschaulich mit einem Artikel des NS-Sportfunktionärs Guido von Mengdens (

Deutscher Fußball-Sport

,

Heft 1, S. 4, 1934), den er auf S. 208 zitiert: ,,Der Volkskanzler [...] hat damit den jungen Kämpfern den

Brand heiliger Begeisterung ins Herz geworfen, die unerläßliche Voraussetzung für einen Erfolg ist gegeben.

Nun kann der Reichssportführer der leibestüchtigen deutschen Jungmannschaft, die vom Führer geschlossen

seinem Befehl unterstellt ist, das Kommando erteilen: Im Gleichschritt marsch! Richtung: Der deutsche

olympische Festplatz, die ,Adolf-Hitler-Kampfbahn′ zu Berlin."

14 Vgl. Lothar Tietze,

Nationalsozialistische Leibeserziehung, Ursprung und Entwicklung ihrer Theorie

,

Düsseldorf 1984, S. 100. Die sporttheoretischen Definitionen waren vor allem das Betätigungsfeld des NS-

Erziehungspädagogen und Philosophen (Nietzsche-Herausgeber) Alfred Baeumler.


9

wichtige stabilisierende Funktion ausüben und ein Stück weit der mit den Jahren allgemein

ausgreifenden Resignation und Kriegsmüdigkeit in der Heimat ebenso entgegenwirken wie

durch Truppenbetreuung an der Front. Einmal in den Sog des Weltkrieges geraten, konnte

das nur eines bedeuten: Im Dienst eines totalitären und leidenschaftsgetriebenen Regimes

sollte der deutsche Sport bis an seine äußersten Grenzen für den Krieg instrumentalisiert

und ausgenutzt werden.

1.2 Zielsetzung und Methode

Wie schon angedeutet, soll der relativ wenig erforschte Weg des deutschen Sports in und

durch den Zweiten Weltkrieg unter dem Gesichtspunkt der Instrumentalisierung durch den

NS-Staat Hauptgegenstand dieser Arbeit sein. Um diesen Prozess historisch verstehen und

angemessen beurteilen zu können, ist zunächst zu fragen, wie es dem totalitären Regime

überhaupt möglich war, den Sport auf eine so intensive und effektive Weise in seine

Kriegsanstrengungen einzubeziehen. Ausgehend hiervon, sind einleitend grundlegende

Erziehungs- und Ideologieaspekte wie die der Wehrertüchtigung und der zu steigernden

Volksgesundheit zu untersuchen.

Zentrale Bedeutung kommt darüber hinaus dem Komplex der Propaganda zu, die den Sport

bis zuletzt in ihre Anstrengungen einbezog. Zu berücksichtigen sind hier zwei Methoden

oder Ebenen ­ zum einen die unmittelbare Demonstration, gewissermaßen die ,,Propaganda

der Tat" (in eindrucksvoll inszenierten öffentlichen Veranstaltungen und Aufmärschen, in

Lehrgängen, Schule und Freizeit usw.), zum anderen die mittelbare, also berichtende und

bildhaft darstellende Propaganda, wie sie sich in Printmedien, Rundfunk, Fotos,

Wochenschau und Film niederschlug. Besonders zu prüfen ist dabei der Umgang des

Nationalsozialismus mit den Sportidolen der Zeit, die natürlich ein bevorzugtes Ziel der

Instrumentalisierung auf allen Ebenen waren. Vor allem aufschlussreich ist die Frage,

welche Privilegien das NS-Regime bedeutenden Sportlern in welchem Stadium des Krieges

zukommen ließ und welche Rolle diese Maßnahmen für die Innenpolitik sowie auf der -

kriegsbedingt immer kleiner werdenden - internationalen Bühne des Sports spielten.

Nimmt man die Einzelheiten in den Blick, so fällt auf, dass Improvisation, Abwägung und

Anpassung zu wesentlichen Verhaltensmustern, gelegentlich auch zu Schlagworten der

fortschreitenden Kriegszeit wurden. Sie sind deshalb wichtige zusätzliche Gesichtspunkte


10

für die vorliegende Untersuchung. Sie werden hier verstanden als Symptome der

Gesamtentwicklung, die zeigen, wie unerwartet schnell das nationalsozialistische Regime ­

trotz Durchhalteparolen ­ bereit war, so manche seiner Grundsätze zu verwerfen oder

radikal abzuändern, wenn das dem propagierten Endsieg irgendwie dienlich zu sein schien.

Dies betraf sowohl die Frage der Fortführbarkeit des nationalen wie internationalen

Sportbetriebs unter den härter werdenden Kriegsbedingungen überhaupt als auch das

Verhalten der Propagandamaschinerie, die sehr anpassungsfähig auf die verschiedenen

Kriegslagen reagierte. Daneben sind aber auch zunächst marginal erscheinende Aspekte

wie die im Krieg neu definierte Rolle der sporttreibenden Frau zu beachten.

Zur historischen Fundierung dieser Fragestellungen wird zunächst bis auf die Tage des

populären ,,Turnvaters" Jahn zurückzugehen sein, da dessen patriotische Sportideologie den

Grundstein lieferte für die unter anderem in Hitlers

Mein Kampf

geäußerten Gedanken zur

Bedeutung des Sports für die Wehrkraft und Gesundheit des Volkes. Auch der Sport im

Ersten Weltkrieg ist vergleichend kurz zu betrachten. Des Weiteren bilden der Schulsport,

die Leibesübungen in nationalsozialistischen Organisationen und die allgemeine politische

Funktionalisierung des Sportlebens die Eckpunkte für die Untersuchung. Diese selbst ist,

um die Entwicklung im einzelnen präzise aufzeigen zu können, in chronologische

Hauptabschnitte gegliedert, die den dramatisch wechselnden Kriegsbedingungen für den

Sport Rechnung tragen. Nach dem einleitend dargestellten Vorkriegsstadium, dass mit dem

,,Anschluss" Österreichs und des Sudetenlandes als kennzeichnend für den hemmungslosen

nationalsozialistischen Expansionswillen und seine erste offen politische Nutzbarmachung

des Sports angesehen werden kann, folgen in drei Schritten die Kriegsjahre 1939-1941 (mit

und nach den erfolgreichen ,,Blitzkriegen"), 1941-1943 (mit dem Angriff auf die

Sowjetunion, zunehmenden Kraftanstrengungen und der Ausweitung des Kriegs auf neue

Kriegsschauplätze) und schließlich die Jahre 1943-1945 (mit der Katastrophe von

Stalingrad, dem ,,Totalen Krieg" und dem folgendem totalen Untergang). Um die dennoch

erkennbare Überlebenskraft des Sports auch in einem weiteren Bereich zu beleuchten,

werden abschließend und kontrastiv, soweit bekannt, die organisierten sportlichen

Aktivitäten unter den entsetzlichen Bedingungen in einigen KZs und in Lagern deutscher

Kriegsgefangener beleuchtet, in denen alliierte Wachmannschaften mit den deutschen

Gefangenen Fußball spielten, wobei beide Seiten erste Anfänge einer Verständigung

erlebten.



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