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Die Griechen und die Rache

Subtitle: „Gerecht gerächt?“ Ein Überblick über die Rache im antiken Griechenland

Essay, 2008, 8 Pages
Author: Jochen Engelhorn
Subject: History - Early and Ancient History

Details

Event: Emotionalität und Affektkontrolle
Institution/College: University of Freiburg (Seminar für Alte Geschichte)
Category: Essay
Year: 2008
Pages: 8
Grade: 1,5
Language: German
Archive No.: V133442
ISBN (E-book): 978-3-640-40296-0

Notes :
Ein essayistischer Überblick über die Rache im antiken Griechenland


Abstract

„Mord aus Rache für verletztes Ehrgefühl“ lautete die Überschrift einer Meldung der Ludwigsburger Kreiszeitung am 21. Mai diesen Jahres, in der von einem Rachemord eines Taxiunternehmers an seiner Ehefrau berichtet wird. Meldungen wie diese tauchen immer wieder in der Presse auf; Gewalttaten oder gar Mord aus Rache sind jedoch eher die Ausnahme im heutigen Rechtsstaat. Von Eifersüchteleien zwischen Liebschaften und einzelnen grausamen Einzelfällen abgesehen, fristet die Rache im modernen aufgeklärten Staat ihr Dasein als unerwünschte und überflüssige Gefühlsregung. In der heutigen Gesellschaft, in der menschliches Zusammenleben geprägt ist von Selbstbeherrschung und Zurückhaltung, wirkt die Rache wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Rache gilt als unmenschlich, als barbarisch – Menschen, die Vergeltung an anderen ausüben, werden als unkontrolliert und unbeherrscht betrachtet. Der Duden definiert Rache als „eine von Emotionen geleitete persönliche Vergeltung für eine als böse, besonders als persönlich erlittenes Unrecht empfundene Tat“. Sie ist als also eine Handlung, die den Ausgleich eines erlittenen Unrechts bewirken soll; ein emotional gesteuerter Akt, der gegenwärtigen Auffassungen von Recht widerspricht. Denn durch die persönliche Vergeltungstat würde ein Grundprinzip des modernen Staates angetastet, das in großem Maße zur Stabilität der heutigen Gemeinschaft dient: das Gewaltmonopol des Staates.


Excerpt (computer-generated)

Albert- Ludwigs-Universität Freiburg

Seminar für Alte Geschichte

Hauptseminar ,,Emotionalität und Affektkontrolle"

Sommersemester 2008

,,Gerecht gerächt?"

Ein Überblick über die Rache im

antiken Griechenland

von

Jochen Engelhorn

Geschichte/Deutsch/Spanisch (07/07/07)


,,Mord aus Rache für verletztes Ehrgefühl" lautete die Überschrift einer Meldung der

Ludwigsburger Kreiszeitung am 21. Mai diesen Jahres, in der von einem Rachemord

eines Taxiunternehmers an seiner Ehefrau berichtet wird. Meldungen wie diese

tauchen immer wieder in der Presse auf; Gewalttaten oder gar Mord aus Rache sind

jedoch eher die Ausnahme im heutigen Rechtsstaat. Von Eifersüchteleien zwischen

Liebschaften und einzelnen grausamen Einzelfällen abgesehen, fristet die Rache im

modernen aufgeklärten Staat ihr Dasein als unerwünschte und überflüssige

Gefühlsregung. In der heutigen Gesellschaft, in der menschliches Zusammenleben

geprägt ist von Selbstbeherrschung und Zurückhaltung, wirkt die Rache wie ein

Relikt aus vergangenen Zeiten. Rache gilt als unmenschlich, als barbarisch ­

Menschen, die Vergeltung an anderen ausüben, werden als unkontrolliert und

unbeherrscht betrachtet. Der Duden definiert Rache als ,,eine von Emotionen

geleitete persönliche Vergeltung für eine als böse, besonders als persönlich

erlittenes Unrecht empfundene Tat". Sie ist als also eine Handlung, die den

Ausgleich eines erlittenen Unrechts bewirken soll; ein emotional gesteuerter Akt, der

gegenwärtigen Auffassungen von Recht widerspricht. Denn durch die persönliche

Vergeltungstat würde ein Grundprinzip des modernen Staates angetastet, das in

großem Maße zur Stabilität der heutigen Gemeinschaft dient: das Gewaltmonopol

des Staates.

Durch den modernen Rechtstaat wurde die ungezügelte Rache zunehmend

zurückgedrängt und durch den Prozessweg ein Mittel bereitgestellt, indirekt

Vergeltung unter der Kontrolle des Staates auszuüben. Selbstjustiz und

eigenmächtige Vergeltung wurden verdrängt durch ein Gewaltmonopol des Staates,

der mit Hilfe von Gesetzen und Strafen ein Gleichgewicht zwischen Opfer und Täter

aufrechtzuerhalten versucht. Das Gericht als Ersatzhandlung für menschliche Triebe

­ heute entscheidet nicht der Einzelne, sondern die durch den Staat verkörperte

Gemeinschaft über Vergeltung von Unrecht. Gleichzeitig wirkt auf uns die

Anwendung von Rache wie ein barbarischer Akt, wie ein Überbleibsel aus einer

archaischen Epoche, in der jeder, der sich in seinen Rechten verletzt fühlte,

unmittelbar Vergeltung üben konnte. Wir besitzen zwar den Drang nach Ausgleich,

Vergeltung und Genugtuung, doch diesen einzulösen würde den Grundprinzipien

unserer heutigen Gesellschaft widersprechen. Doch wie sah dieses Verhältnis in

antiken Gesellschaften aus? Welchen Bezug zur Rache besaßen die Menschen im

antiken Griechenland? Und wie gingen sie mit dieser um?

2


Rache war für die Griechen grundsätzlich nichts Negatives ­ die zahlreichen

literarischen Darstellungen und Überlieferungen, die Rachehandlungen beinhalten,

vermitteln ein eher positives Bild von Rächerinnen und Rächern. Besonders in der

Welt der Götter spielte die Rache zwischen Artgenossen keine geringe Rolle.

Vielfältig waren die Ursachen und Formen. So ließ Göttervater Zeus beispielsweise

Pandora erschaffen, um Rache für den Feuerraub des Prometheus zu nehmen.

Seine Gemahlin, ebenfalls kein unbescholtenes Blatt, wenn es um das Rächen geht,

konnte nicht genug von der Rache an ihren Nebenbuhlerinnen bekommen, denn

davon gab es bekanntlich nicht wenige. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen ­

nicht weniger als vier Göttinnen kümmerten sich um die Rache ­ Nemesis sowie die

drei Rachegöttinnen, die Erinnyen, hatten alle Hände voll zu tun, um ihren Einfluss

auf Rache- und Vergeltungsakte spielen zu lassen.

Auch die Heldensagen und die Epen Homers kennen die eigenmächtige Vergeltung

von Unrecht allzu gut. Besonders blutig und grausam erscheint hier die

Vergeltungstat Achills an seinem Widersacher Hektor. Für den Mord an seinem

Gefährten Patroklos schleift er dessen Leichnam gleich einem morgendlichen Ritual

Tag für Tag um die Mauern seiner Heimatstadt, bis die Götter schließlich

einschreiten, um die Leichenschändung mit Hilfe von Hektors Vater Priamos zu

beenden. Auch die Rache Odysseus an den Freiern, die sich in seinem Palast an

seinen Gütern vergnügen, versucht in blutiger Manier, Ungerechtigkeit zu vergelten

und das erlittene Unrecht am Feind zu ahnden. Die Tragödie bringt ebenfalls

zahlreiche Rächerinnen und Rächer mit sich. Vielmals wird sie als berechtigter

Grund des Handelns angeführt; oft jedoch ebenfalls in ihrer maßlosen Art ins

Grausamste gesteigert, so dass gerade hier die Grenzen und die Folgen

übermäßiger Rache ans Licht gebracht werden. Die unbedingte Rachsucht der

Hauptpersonen des Euripides zeigt die Widersprüche und die Zwiespältigkeit

menschlichen Handelns. Anhand des Mythos der Medea schildert er den Racheakt

einer Mutter, die von der Kränkung durch ihren untreuen Ehemann getrieben, ihre

eigenen Kinder tötet. Ihre Zerrissenheit zwischen Mutterliebe und dem Drang nach

Ehre, der Widerspruch zwischen Gerechtigkeit und Rache, führt das Publikum die

schonungslose Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins vor Augen und mahnt

zugleich zum sorgsamen Umgang miteinander.

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