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"Minna oder Madame"

Subtitle: Über die Entsendung von Dienstmädchen nach Deutsch-Südwest im Auftrag der deutschen Kolonisation

Termpaper, 2009, 28 Pages
Author: Dr. med. Guenter Rutkowski
Subject: History - Empire, Imperialism

Details

Category: Termpaper
Year: 2009
Pages: 28
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V134301
ISBN (E-book): 978-3-640-40191-8
ISBN (Book): 978-3-640-40203-8

Abstract

„Das globalisierte Dienstmädchen“ lautete ein Artikel in DIE ZEIT, worin die Migration von Ausländerinnen nach Deutschland am Beispiel einer Philippina, die trotz akademischer Ausbildung zu Hause ihre Familie nicht unterhalten konnte, beschrieben wird.. In Deutschland stösst die Immigration auf geteilte Freude. Die Angst vor „Überfremdung“ durch Osteuropäer, Moslems oder „Chinesen“ sorgt seit Jahren für emotionsgeladene Debatten in den Medien. Dabei haben vor gerade einmal einhundert Jahren die Deutschen selber das getan, was ihnen heute in der Heimat große Furcht einflößt: Fremde Länder besiedelt. Im Unterschied zum Dienstmädchen aus Manila, von dem täglich etwa 1900 ihre Heimat verlassen, betrug die Zahl der insgesamt in die deutschen Kolonien Schwarzafrikas emigrierten Frauen nur wenige Hundert. Auch will die moderne fremde Kraft nur Geld verdienen, während die deutsche Frau der Kaiserzeit ans Herrschen und Verbreiten des „Deutschtums“ dachte. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Frau als gebildete Bürgersfrau im Gefolge deutscher Missionare, Beamten oder Offiziere in Afrika erschien oder als Dienstmädchen per Vertrag mit dem Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft. Diese Arbeit beschreibt die Entsendungspraxis von Dienstmädchen durch den vorgenannten Frauenbund. Was machte eine im Kaiserreich unterprivelegierte Berufsgruppe für die Entsender so attraktiv, dass sie große Geldsummen nicht scheuten, um Werbung für die Kolonien, Überfahrt und Betreuung zu finanzieren? Als regionaler Schwerpunkt wurde „Deutsch-Südwestafrika“ als der eigentlichen Siedlungskolonie des deutschen Reiches ausgewählt.. Als hauptsächliche Primärquelle diente das Vereinsorgan des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft „Kolonie und Heimat“. Allerdings erschien dieses erst ab 1907, was den Untersuchungszeitraum auf die Zeit von etwa 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 begrenzt. Zwar prägten auch Missionarinnen und Krankenschwestern das Bild der „weißen“ Frau erheblich. Wegen ihrer andersartigen Vorgeschichte und Lebensformen bleiben diese Frauengruppen hier unberücksichtigt. In der modernen Forschung wird das Wirken der deutschen Kolonialfrau mit bis heute bestehenden Misständen in Afrika in Zusammenhang gebracht. Das koloniale Selbstverständnis, das diesen Eindruck prägte, wird im zweiten Abschnitt detaillierter untersucht.


Excerpt (computer-generated)

FernUniversität Hagen

Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften

Historisches Institut, Abteilung für neuere europäische und außereuropäische Geschichte

Hausarbeit zum Kurs 04173 ,,Einführung in die afrikanische Geschichte" mit dem Thema:

,,Minna" oder ,,Madame". Über die Entsendung von Dienstmädchen nach Deutsch-

Südwest im Auftrag der deutschen Kolonisation

Vorgelegt von

Günter Rutkowski

am 26. Apr. 2009

Masterstudiengang, Hauptstudium (Hauptfach Geschichte, Nebenfächer Psychologie, Recht)




Günter Rutkowski: ,,Minna" oder ,,Madame"

2

Gliederung:

Seite


1. Einführung, Eingrenzung des Themas

1.1. Migration; ein aktuelles Thema

3

1.2. ,,Deutschlands Beruf" und das Wirken der Frau als ,,Komplizin"

4

2. Die Auswanderung von Dienstmädchen nach Deutsch-Südwest

2.1. Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft

5

Exkurs 1:

Koloniale Schreckgespenste: ,,Mischehe",

,,Mischlingskinder", ,,Verkafferung"

6

2.2. Das Leitbild: Die Aufgaben der Entsandten

9

2.3. Deutsche Sitten - deutsche Prügel

10

2.4. Deutsche Kulturmission

11

2.5. Übersiedlung der Dienstmädchen

14

Exkurs 2

:

Lebensbedingungen von Dienstmädchen um 1900 im

Deutschen

Reich

17

3. Die Wirklichkeit in Deutsch-Südwest: Begegnung Kolonisten und Kolonisierte

3.1. Die Stellung der Dienstmädchen: ,,Minna" oder ,,Madame"?

19

3.2. Zur Reaktion der Kolonisierten auf den Kolonialisierungsprozess

20


4.

Machtfragen, Zusammenfassung und Fazit:

4.1. Durchsetzung der Macht in den Kolonien Schwarzafrikas

21

4.2. Ausnutzung einer vermeintlichen Machtsstellung durch die ,,weiße" Frau

22

4.3. Könnte kolonialistisches Eingreifen auf dem Boden einer ,,Kulturmission"

heute wieder passieren?

23

Im Anhang:

A. Abkürzungsverzeichnis

24

B. Bildnachweise

24

C. Währungsumrechnungstabelle und Fahrpreistafel Woermann-Linie

24

C. Quellen- und Literaturverzeichnisse

26


Günter Rutkowski: ,,Minna" oder ,,Madame"

3

1. Einführung und Eingrenzung des Themas:

1.1. MIGRATION - EIN AKTUELLES THEMA

,,Das globalisierte Dienstmädchen" lautete ein Artikel in DIE ZEIT. Wolfgang UCHATIUS be-

schrieb die Migration von Ausländerinnen nach Deutschland am Beispiel einer Philippina, die

trotz akademischer Ausbildung zu Hause ihre Familie nicht unterhalten konnte, wie folgt:

,,Manila.

Im Hafen der philippinischen Hauptstadt lagerten die Spanier einst den Zucker, den sie

nach Europa verschifften. Heute sitzt das vielleicht wertvollste Exportprodukt der Dritten Welt auf

Plastikstühlen in einem fensterlosen Raum, erhellt von weißem Neonlicht. Es sind Frauen.

Sie sind gekommen, um zu lernen. Zwei Dutzend sind es, in diesem Kurs an der Philippine

Women′s University. Die meisten sind Ende zwanzig oder Anfang dreißig, sie haben studiert, sie

haben ein paar Jahre gearbeitet. Jetzt wollen sie endlich richtig Geld verdienen.

Vor ihnen steht ein großes, schweres Bett, und neben dem Bett steht eine dicke, ebenfalls jun-

ge Frau, das ist die Dozentin. Sie sagt: »Wichtig ist, dass das Muster der Tagesdecke parallel zur

Matratze verläuft.« Sie zupft ein wenig an der Decke.

Die Frauen sind ausgebildete Lehrerinnen, Buchhalterinnen, Tierärztinnen. Sie wissen, wie

man Mathematik unterrichtet, eine Bilanz erstellt, eine Kuh kuriert. Jetzt bekommen sie gezeigt,

wie man in reichen Ländern Betten macht, in einem amerikanischen Hotel zum Beispiel oder in

einem italienischen Haushalt. Sie lernen, wie eine Geschirrspülmaschine funktioniert, und erfah-

ren, mit welchen Spielsachen sich kanadische oder deutsche Kinder die Zeit vertreiben. Nach

sechs Monaten sind sie diplomierte Haushälterinnen.

Dann steigen sie in ein Flugzeug und verlassen das Land."

1

Zwanzig Stunden später können die Damen in Frankfurt stehen, oft zur Unfreude der einhei-

mischen Bevölkerung (Deutsche). Die Zuwanderung von fremden Menschen in die Bundes-

republik sorgt bereits seit Jahren für angsterfüllte Debatten in den Medien. Der Furcht vor

,,Überfremdung" durch Osteuropäer, durch Moslems oder ,,Chinesen". Seltener finden man

Überlegungen zur Definition des ,,deutschen Wesens".

Dabei haben vor gerade einmal einhundert Jahren die Deutschen selber das getan, was ihnen

heute bezüglich der Heimat große Furcht einflößt: Fremde Länder besiedelt. Im Unterschied

zum Dienstmädchen aus Manila, von dem laut Uchatius täglich etwa 1900 ihre Heimat verlas-

sen2, betrug die Zahl der insgesamt in die deutschen Kolonien3 Schwarzafrikas emigrierten

Frauen nur wenige Hundert. Auch will die moderne fremde Kraft zunächst nur Geld verdie-

nen, während die deutsche Frau der Kaiserzeit ans Herrschen und Verbreiten des ,,Deutsch-

tums" dachte. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Frau als gebildete Bürgersfrau im Gefolge

deutscher Missionare, Beamten oder Offiziere in Afrika erschien oder als Dienstmädchen per

Vertrag mit dem Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft.4

In dieser Arbeit soll wegen der mir verfügbaren Quellen bevorzugt auf die Entsendungspraxis

von Dienstmädchen durch den vorgenannten Frauenbund eingegangen werden. Dabei muß

die Frage angesprochen werden, was eine im Kaiserreich eher unterprivelegierte Berufsgrup-

pe für die Entsender so attraktiv machte, dass sie große Geldsummen nicht scheuten, um

Werbung um für die Kolonien, Überfahrt und Betreuung zu finanzieren. Darüber hinaus wird

sich der Schwerpunkt um ,,Deutsch-Südwestafrika" als der eigentlichen Siedlungskolonie5

des deutschen Reiches in Afrika drehen. Siedlungskolonien sind nach Osterhammel militä-

risch flankierte Landnahmen unter Missachtung der Interessen der ortsansässigen Bevölke-

1 Uchatius, Wolfgang: Das globalisierte Dienstmädchen, Die Zeit 35 (2004), S. 3

2 ebd., S.5

3 Ich verwende den amtlichen Begriff ,,deutsche Schutzgebiete" und den umgangssprachlichen Terminus ,,deut-

sche Kolonien" synonym.

4 Siehe auch Schnee, Heinrich (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon, Band III, S. 95. Die Deutsche Kolonialge-

sellschaft, 1887-1943, (1913: 42.000 Mitglieder) war der Nachfolger des Deutschen Kolonial-vereins (1882-

1887). Sie führte die vom Kolonialverein initierte ,,Deutsche Kolonialzeitung" fort. Daneben existierte eine

Reihe weiterer Zeitschriften und amtlicher Verlautbarungen der Gouverneure. Zur Propaganda in "Kolonie

und Heimat" siehe auch Tuschik, Marta: Kolonialpropaganda.

5 Söldenwagner, Philippa: Sie bestreitet dessen ausschließliche Stellung. Ihr zufolge trägt auch Deutsch-

Ostafrika Züge der Siedlungskolonie, wengleich die Kolonialpolitik des Reiches diesbezüglich schwankte.


Günter Rutkowski: ,,Minna" oder ,,Madame"

4

rung durch Farmer und Pflanzer, die auf Nutzung billigen Landes und billiger Arbeitskräfte

abzielen.6

1.2. ,,DEUTSCHLANDS BERUF" UND DAS WIRKEN DER FRAU ALS ,,KOMPLIZIN"

Die deutschen Dienstmädchen wünschten sich nicht nur bessere Lebensbedingungen oder

womöglich einen gewissen sozialen Aufstieg durch Heirat mit einem deutschen Pflanzer. Ein

Hauptanliegen war die Förderung des deutschen Nationalprestiges, wie Lora Wildenthal in ih-

rem Buch bemerkt7. Das Nationalprestige speiste sich aus der wahrgenommenen ökonomisch-

militärischen-kulturellen Überlegenheit der Deutschen in den Schutzgebieten und dem Glau-

ben an Rassenunterschiede, demzufolge der ,,weiße"8 Mensch auf der höchsten Entwicklung-

stufe stünde. In der Tat hat es in allen deutschen Kolonien ein deutliches rassistisches ,,Wei-

ßen"-Bewusstsein gegeben, verbunden mit dem Gedanken, tieferstehende Völker mit den für

besser empfundenen deutschen Segnungen zu beglücken, so wie es Emanuel Geibel bereits in

der letzten Strophe seines Gedichts ,,Deutschlands Beruf" formuliert hatte:

,,Macht und Freiheit, Recht und Sitte,

Klarer Geist und scharfer Hieb

Zügeln dann aus starker Mitte

Jeder Selbstsucht wilden Trieb,

,,Und es mag am deutschen Wesen

Einmal noch die Welt genesen." 9

Dieser Gesichtspunkt ist verknüpft mit den Fragen, welche Frauen mit welchen Absichten

und Hoffnungen in die deutschen Schutzgebiete nach Afrika auswanderten. Hierzu soll vor al-

lem das Vereinsorgan des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft ,,Kolonie und

Heimat" Auskunft geben. Allerdings erschien dieses erst ab 1907, was den Untersuchungs-

zeitraum auf die Zeit von etwa 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 begrenzt.

Immerhin war die Zahl ausreisewilliger Frauen so groß, dass der Frauenbund sich geeignete

Personen aussuchen konnte. Der Ausleseprozess umfasste nach Walgenbach eine Reihe von

kolonialpolitisch bedeutsamen Kriterien wie ein gewisses Alter, Sittlichkeit, Tugendhaftigkeit

und Tüchtigkeit.10 In diesen Auswahlkriterien spiegelt sich das wider, was die Vereinsfüh-

rung, die überwiegend dem Adel bzw. gehoben Bürgertum entstammte, unter Deutschtum

verstanden wissen wollte. Den Frauen, deren Ausreise schließlich gefördert wurde, dürfte

nach dem Ausleseverfahren sicherlich bewusst gewesen sein, dass ihre Reise nach Deutsch-

Südwestafrika auch einer politischen Aufgabe diente, wenngleich sie persönlich wohl eher ih-

re eigene, gegenwärtige Arbeitssituation, z.B. als städtisches Alleinmädchen einer bürgerli-

chen Familie und die wenig rosigen Zukunftsperspektiven sowie die vermeintlich vorzügli-

chen Aussichten in den Kolonien, durch Heirat den sozialen Aufstieg zur (,,weißen") ,,Mada-

me", vor Augen gehabt haben dürfte. Da die Dienstmädchen selber nur ausnahmsweise ideo-

logische Aufsätze verfasst haben11, soll die Untersuchung der ,,amtlichen" Vorgaben und der

tatsächlichen Machtausübungsgpraxis den Überlegenheitswahn der ,,weißen" Frau gegenüber

dem Menschen anderer Hautfarbe und Kultur belegen.

Unerheblich bleibt hier die Trennung zwischen temporären Arbeitswanderern und echten

Daueremigrantinnen. Auch die Dienstmädchen des Frauenbundes reisten nur mit einem be-

6 Osterhammel, Jürgen: Kolonialismus, S. 17f.

7 Wildenthal, Lora: German Women for Empire, S. 2f.

8 Die Begriffe ,,weiß", ,,schwarz" werden in Bezug auf Hautfarben außer in Zitaten in Anführungszeichen ge-

setzt, um ihre Konstruiertheit hervorzuheben.

9 Geibel, 3. Band: Neue Gedichte. - Gedichte und Gedenkblätter, S. 214. Franz Emanuel August Geibel, 1815-

1884, deutscher spätromantischer Lyriker, schrieb das Gedicht wohl 1861. Die Idee des ,,deutschen Wesens"

war aber schon zuvor bei Johann Gottlieb Fichte erwähnt worden (s. Schulz). Literaturwissenschaftlich gilt

Geibel zwar als Patriot, aber nicht als Nationalist, was der Nationalsozialismus später gerne in seine Werke

hineininterpretieren wollte.

10 Walgenbach, Katharina: Dei weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 91f.

11 Pauweleit, Karin: Dienstmädchen um die Jahrhundertwende, S. 8 und 13f.


Günter Rutkowski: ,,Minna" oder ,,Madame"

5

grenzten Zweijahresvertrag aus, wenngleich politisch die Verheiratung und permanente An-

siedlung das Ziel blieb.

Missionarinnen und Krankenschwestern spielten in der Heiratsstrategie wegen oft zölibatärer

Verpflichtungen keine Rolle. Allerdings prägten auch sie das Bild der ,,weißen" Frau erheb-

lich.

Verglichen mit den Auswanderungswellen nach Nordamerika blieb die Emigration von Frau-

en in die deutschen afrikanischen Kolonien unbedeutend. Anderseits schreibt Martha Mamo-

zai über die deutschen Frauen wenig vorteilhaft:

,, Diese {

die Männer, G.R

.] brauchten sie zur rassistischen Herrschaftssicherung ihrer Eroberun-

gen (...) Stattdessen brachten sie Unheil und Unrecht, machten sich mitschuldig. (...) Die deut-

schen Frauen hatten daran [

an der Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der
ehemaligen Kolonien, G.R.

] ihr gerütteltes Maß an Verantwortung." 12

Hier wird das Wirken der deutschen Kolonialfrau offensichtlich mit bis heute bestehenden

Zuständen in Zusammenhang gebracht. Insofern hätte selbst eine verschwindend geringe An-

zahl von Frauen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das koloniale Selbstverständnis,

das diesen Eindruck prägte, soll im zweiten Abschnitt detaillierter untersucht werden.

2. Die Auswanderung von Dienstmädchen nach Deutsch-Südwest

Wie schon festgestellt, war der Hauptträger für die Entsendung von Dienstmädchen nach

Afrika der Frauenbund der DKG. Zunächst soll geklärt werden, wer der Frauenbund war und

was seine Aktivitäten waren.

2.1. DER FRAUENBUND DER DEUTSCHEN KOLONIALGESELLSCHAFT

Der Frauenbund der DKG hatte sich erst 1907 als Deutschkolonialer Frauenbund gegründet

und sich ein Jahr später korporativ der DKG angeschlossen. Bis 1914 erreichte er 18.700 Mit-

glieder13. Seinen größten Mitgliederstand erreichte der Bund allerdings erst in der nachkolo-

nialen Zeit, bis er nach der Machtergreifung ,,gleichgeschaltet" wurde. Die erste Vorsitzende

des Frauenbundes, Fraufrau von Liliencron14, beschrieb anlässlich der Jahreshauptversamm-

lung 1909 des Vereins die Anlässe für die Gründung wie folgt:

,,Der Gedanke dieser Arbeit ging von den Damen des Kommandos der Schutztruppe aus. (...) Wir

stellten uns zur Aufgabe Südwestafrika mit weiblichen Hilfskräften zu versehen, nach Möglichkeit

für Schulen und für Bildung in den Kolonien zu sorgen und den deutschen Frauen drüben mit Rat

und Tat zur Seite zu stehen. (...) Der Mann hat mit den Waffen in der Hand die Kolonie erobert

(...), nun ist die Zeit da, wo die Frau als seine Gehilfin mit ihm schaffen soll."15

Diese Rede benannte bereits drei Hauptaufgaben:

- weibliche Hilfskräfte zu entsenden

- für Schulen und Bildung zu sorgen und

- dem Mann eine Frau (,,Gehilfin") zu schaffen.

12 Mamozai, Martha: Einheimische und ,,koloniale" Frauen, in: Bechhaus-Gerst, Marianne, Leutner, Mechthild

(Hrsg.): Frauen in den deutschen Kolonien (,,Schlaglichter der Kolonialgeschichte", Band 10), Berlin 2009, S. 30

13 Kundrus, Birthe: Die imperialistischen Frauenverbände des Kaiserreichs, S.7

14 Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 294. Adda Freifrau von Liliencron,

geb. 1844 (als Freiin von Wrangel zu Lützow)- 1913, Gründungsmitglied und Vorsitzende des Frauenbundes

1907-1909, Schriftstellerin. Sie hatte nie selbst in den Kolonien gelebt..

15

Kolonie und Heimat

, Jg. II, Nr. 21 (1909), Beilage S.8 (bei Zitaten aus dieser Zeitung wird der Kurztitel ver-

wendet und der Herausgeber, der nicht auf dem Titelblatt angegeben wird [Eduard Buchmann, lt. Jg.IV, Nr.43,

S.8], nicht aufgezählt.)


Günter Rutkowski: ,,Minna" oder ,,Madame"

6

Schon diese drei Stichworte lassen erahnen, dass es um mehr als nur bloße Personalbeschaf-

fung ging. Wozu brauchte man weibliche auswärtige Hilfskräfte in einem Landstrich, der ge-

nügend lokale Kräften bereithielt? Um Schulen und Bildung kümmert sich der, der einen

Mangel wahrgenommen zu haben glaubt und seine eigenen Curricula verbreiten möchte. So-

mit versteht sich von selbst, dass die Freifrau dabei nicht an Ausbildung im englischen oder

womöglich afrikanischen Stil gedacht hatte. Deutsches Wissen sollte verbreitet werden. Dass

die Frau dem Mann nur eine Gehilfin (statt gleichberechtigter Partnerin) sein sollte, war nicht

nur ein biblisches Wort, sondern entsprach dem Zeitgeist.

Die Vereinsssatzung gab als weitere Ziele vor, ,,Frauen aller Stände für die koloniale Frage zu

interessieren" und ,,Frauen und Kindern beizustehen, die in den Kolonien schuldlos in Not ge-

raten sind"16

Die Beistandsverpflichtung dürfte sich überwiegend auf die (deutschen) Hinterbliebenen aus

den Herero- und Nama-Kriegen (1904-1907) bezogen haben.

Das harmlos klingende ,,Interessewecken an der kolonialen Frage" bedarf der Erklärung, was

denn die koloniale Frage war. Dieses beantwortete die Freifrau selbst in einem früheren Bei-

trag in

Kolonie und Heimat

wie folgt:

,,Die Frauenfrage in den Kolonien entspringt, umgekehrt wie in der Heimat, dem Fehlen der

deutschen Frauen draußen. (...) Im Jahre 1907 waren ­ ohne die Angehörigen der Schutztrup-

pe ­ 4899 Männer und nur 1179 Frauen in der Kolonie. Infolge dieser mangelhaften Zuwande-

rung deutscher Frauen und Mädchen besteht zunächst die grosse Gefahr, dass eine Mischrasse

aus den Eingeborenen heranwächst."17

Die koloniale Frage war also geschürt von der Angst, die deutschen Männer würden sich zu

intensiv der Damenwelt vor Ort widmen und somit zu einer ,,Mischrasse" beitragen. Wieso

wäre das so schlimm gewesen?

---

EXKURS 1:

KOLONIALE SCHRECKGESPENSTE: ,,MISCHEHE", ,,MISCHLINGSKINDER", ,,VERKAF-

FERUNG"

Die Mischehe, in der Regel zwischen einem deutschen, ,,weißen" Mann und einer andersfar-

bigen Frau, stellte nach Martha Mamozai einen Angriff auf die koloniale Herrschaft dar.

,,Herrschaft" würde sich durch Ausschluss der anderen von der Macht definieren. ,,Die ande-

ren" waren in Afrika die Afrikaner. Mischlingskinder hätten damals automatisch die Staats-

angehörigkeit des Vaters, also deutsch, erhalten und hätten damit alle ,,Herrenrechte" beses-

sen. Sie hätten womöglich Richter oder Polizeipräsident werden können.18 Die Herren des

Landes hatten deutsch zu sein, und Deutsche waren ,,weiß". So schrieb Clara Brockmann

schon 1909 in

Kolonie und Heimat

:

,,Die Kolonie braucht weiße Frauen. Schon als Vorbeugungsmittel gegen die Mischehen, die den

Ruin des Landes in sittlicher und kultureller Beziehung herbeiführen würden. Und dieses Land

muss deutsch bleiben, deutsch bis ins innerste Mark."19

Hier zeigte sich, dass die Mischehe nicht nur als Risiko der politischen Herrschaft empfunden

wurde, sondern sie wurde mit moralischen Werten (Sittlichkeit) verknüpft. Der Hintergrund

war die Darstellung des ,,Negers" als absolut ungleichwertig gegenüber dem ,,Weißen". Dabei

wichen die Einzelbeschreibungen je nach Motiv voneinander ab. Die ,,Neger" wurden oft

nach Volksstämmen geordnet und bewertet; dabei reichten die Attribute von ,,schwerfällig",

16 Walgenbach, Katharina: Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur, S. 85f.

17

Kolonie und Heimat

, Jg. II Nr. 4 (1908), S.8

18 Mamozai, Martha:Einheimiche und ,,koloniale" Frauen, in: Bechhaus-Gerst, Marianne, Leutner, Mechthild

(Hrsg.): Frauen in den deutschen Kolonien, S.16f.

19

Kolonie und Heimat

, Jg. II Nr. 22 (1909), S.2



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