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Doktorarbeit / Dissertation, 2009, 216 Seiten
Autor: Dr. Ulrike Amann
Fach: Medizin
Details
Jahr: 2009
Seiten: 216
Note: magna cum laude
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-41761-2
ISBN (Buch): 978-3-640-40726-2
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Zusammenfassung / Abstract
Die Studie untersucht Bindungsrepräsentationen suchtmittelabhängiger Jugendlicher und ihrer Eltern anhand des Adult Attachment Interviews. Zustätzlich wurden das Junior Temperament and Character Inventory (JTCI) und der Adverse Childhood Experiences Score (ACE-Score) eingesetzt. Es zeigte sich, dass bei einem sehr hohen Anteil der untersuchten Jugendlichen und noch häufiger bei deren Müttern ein hochunsicheres Bindungsmuster vorlag. Beim Großteil der erfaßten Probanden bestand durch multiple Risikofaktoren (z.B. Vernachlässigung, viele Wechsel im Bezugsumfeld) ein belastender, in vielen Fällen traumatisierender Entwicklungskontext. Dieser war ebenso für die untersuchten Mütter mit hochunsicheren Bindungsmustern und ähnlichen Biographien charakteristisch. Bei fast allen untersuchten Jugendlichen bestand eine jugendpsychiatrische Komorbidität, neben den substanzbezogenen Störungen wiesen sie meist andere Störungsbilder auf. Hochunsicher gebundene Jugendliche erwiesen sich jedoch in der klinischen Einschätzung und im JTCI als auffälliger. Die Ergebnisse des Vergleichs der Mutter-Kind-Dyaden, insbesondere die nach operationalisierten Kriterien erfolgte qualitative Einzelfallanalyse erlaubten Rückschlüsse auf protektive Faktoren hinsichtlich der Verhinderung einer Weitergabe hochunsicherer Bindungsrepräsentationen. Von besonderer Bedeutung waren hierbei korrigierende Beziehungserfahrungen. Vor allem das Vorhandensein mindestens einer kontinuierlichen und verlässlichen erwachsenen Bezugsperson(auch außerhalb der Kernfamilie) wirkte sich positiv auf die Bindungsentwicklung aus. Was die transgenerationale Weitergabe hochunsicherer Bindungsrepräsentationen angeht erwiesen sich eine aktuelle stabile Partnerschaft oder keine Partnerschaft nach wiederholten belasteten Beziehungserfahrungen, eine befriedigende Berufstätigkeit und sinnvolle Freizeitgestaltung sowie eigene psychotherapeutische/psychiatrische Behandlung der betroffenen Mütter als protektiv. Diese Faktoren trugen zur psychischen Stabilität und Zufriedenheit der Mütter bei, was die Jugendlichen vor Rollenumkehr und Parentifizierung schützte, ihnen Sicherheit und Kontinuität im sozialen Umfeld bot und alters angemessene Autonomie und Ablösung ermöglichte. Die Ergebnisse erweisen sich als insofern klinisch relevant als sie wichtige Hinweise darauf geben, wie ein Behandlungssetting für suchtmittelabhängige Jugendliche unter Berücksichtigung ihrer Bindungsrepräsentationen gestaltet werden sollte.
Textauszug (computergeneriert)
ZfP Südwürttemberg
Akademisches Krankenhaus der Universität Ulm
Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Bindungsrepräsentationen suchtmittelabhängiger
Jugendlicher und ihrer Eltern
Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Humanbiologie der Medizinischen
Fakultät der Universität Ulm
Verfasserin: Ulrike Amann
vorgelegt im Jahr 2009
Amtierender Dekan: Prof. Dr. Klaus-Michael Debatin
1. Berichterstatterin: PD Dr. Ute Ziegenhain
2. Berichterstatterin: Prof. Dr. Renate Schepker
Tag der Promotion: 27.07.2009
3
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Forschungsstand
6
1.1 Substanzkonsum im Jugendalter
6
1.2 Behandlung von substanzbezogenen Störungen im Jugendalter
7
1.3 Entwicklungspsychopathologie
10
1.4 Diagnostik und Konsummuster
11
1.4.1 Komorbidität und psychosoziale Belastung
13
1.5 Sucht und Familie
15
1.5.1 Familiäre Einflüsse und Risikofaktoren
15
1.5.2 Kinder suchtbelasteter und psychisch kranker Eltern
16
1.5.3 Systemische Erklärungsansätze
17
1.5.4 Systemische und familientherapeutische Interventionen
18
1.6 Psychoanalytische und psychodynamische Ansätze zur Erklärung der Sucht
21
1.7 Bindungstheorie
23
1.7.1 Grundgedanken der Bindungstheorie
23
1.7.2 Bindung im Jugendalter
26
1.7.3 Bindungsrepräsentationen Jugendlicher und Erwachsener
28
1.7.4 Transgenerationale Zusammenhänge
33
1.8 Bindung und Trauma
34
1.9 Bisherige Forschungsergebnisse
39
1.9.1 Bindung und Sucht
39
1.9.2 Transgenerationale Vermittlung von Bindung im klinischen Kontext
40
1.9.3 Transgenerationale Vermittlung von Bindung und Sucht
42
1.10 Fragestellung
45
1.11 Hypothesen
46
2. Material und Methodik
47
2.1 Ethikkommission
47
2.2 Probanden
47
2.3 Untersuchungsinstrumente
49
2.3.1 Adult Attachment Interview (AAI)
49
2.3.2 Junior Temperament und Character Inventory (JTCI)
52
2.3.3 ACE-Score: Adverse Childhood Experiences
52
2.3.4 Basisdokumentation
53
2.3.5 Statistik und quantitative Auswertungen
54
2.4 Durchführung
54
3. Ergebnisse
56
3.1 Beschreibung der Stichprobe
56
3.1.1 Alter, Geschlecht und Lebenskontext
56
3.1.2 Diagnosen und Einstiegsalter
56
3.1.3 Substanzmissbrauch/-abhängigkeit der Eltern
58
3.1.4 Andere psychiatrische Erkrankungen der Eltern
58
3.2 JTCI
58
3
4
3.3 Adverse Childhood Experiences (ACE-Score)
59
3.4 Wechsel im Bezugsumfeld
60
3.5 Bindungsklassifikationen: Auswertung der Adult Attachment Interviews
61
3.5.1 Allgemeine Ergebnisse und Auffälligkeiten
61
3.5.2 Jugendliche
62
3.5.3 Mütter
62
3.5.4 Mutter-Kind-Dyaden
63
3.5.5 Ergebnisse der Interviews mit Jugendlichen ohne Elternteile
64
3.6 Subgruppenvergleich: Unsicher vs. hochunsicher gebundene Jugendliche
65
3.7 Exkurs: Vertiefende Analyse weiterer bindungsrelevanter Lebensereignisse
71
3.8 Qualitative Darstellung der Ergebnisse der Mutter-Jugendlichen-Dyaden in Bezug
auf bindungsrelevante Aspekte
73
3.8.1 Vorgehensweise
73
3.8.2 Mütter und Jugendliche mit unsicheren Bindungsrepräsentationen (Gruppe 1) 76
3.8.3 Mütter mit hochunsicheren, Jugendliche mit
unsicherenBindungsrepräsentationen (Gruppe 2)
81
3.8.4 Mütter und Jugendliche mit hochunsicheren Bindungsrepräsentationen
(Gruppe
3)
89
3.9 Zusammenfassung der Ergebnisse
125
4. Diskussion
130
4.1 Methodik
130
4.2 Methodische Beschränkungen der Arbeit
131
4.3 Ergebnisse
132
4.4 Relevanz der Ergebnisse
136
4.4.1 Kompensierende und protektive Faktoren
136
4.4.2 Klinische Relevanz der Ergebnisse: Bedeutung für die stationäre
Entzugsbehandlung 138
4.5 Schlussfolgerung
148
4.6 Ausblick
151
5. Zusammenfassung
152
6. Literaturverzeichnis
154
7. Anhang
172
8. Danksagung
215
4
Abkürzungsverzeichnis
AACAP
American Academy of Child and Adolescent Psychiatry
AAI
Adult Attachment Interview
AAP
Adult Attachment Projective
ACE
Adverse Childhood Experiences
AD(H)S Aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)syndrom
BADO
Basisdokumentation
BBW
Berufsbildungswerk
BVJ
Berufsvorbereitungsjahr
BZgA
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
DGKJP
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie
DSM
Diagnostical and Statistical Manual
DTD
Developmental
Trauma
Disorder
D Deutschland
EMDR
Eye Movement Desensitization and Reprocessing
F Frankreich
GHB
Gamma-Hydroxy-Buttersäure
GBL
Gammabutyrolacton
ICD
International Statistical Classification of Diseases and Related Health
Problems
IQ
Intelligenzquotient
JTCI
Junior Temperament and Character Inventory
KIDNET
Narrative Expositionstherapie für Kinder
KJP Kinder-
und
Jugendpsychiatrie
LEVT
Leitfaden zur Erfassung von Verlust- und Trennungssituationen
MW Mittelwert
N Personenanzahl
PTSD
Post Traumatic Stress Disorder
PTBS
Posttraumatische Belastungsstörung
SD Standardabweichung
SSV Störung
des
Sozialverhaltens
YSR
Youth Self Report
ZfP
Zentrum
für
Psychiatrie
Einleitung und Forschungsstand
1. Einleitung und Forschungsstand
1.1 Substanzkonsum im Jugendalter
Substanzkonsum von Jugendlichen ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus von
Politik und Gesundheitswesen getreten.
Der im Mai 2007 veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht der Drogenbeauftragten der
Bundesregierung berichtet einen Rückgang der Todesfälle durch illegale Drogen sowie
einen Rückgang des Alkoholkonsums bei jungen Menschen, was unter anderem auf die
Effektivität von Beratungs- und Behandlungsangeboten zurückgeführt wird. Gleichzeitig
wird auf eine Risikogruppe Jugendlicher mit exzessivem und sehr früh begonnenem
Alkoholkonsum aufmerksam gemacht sowie auf die Entwicklung neuer Konsummuster,
die sich z.B. in der Zunahme von erstauffälligen Amphetamin- und
Metamphetaminkonsumenten1 und der Verbreitung neuer synthetischer Stoffe zeigt
(Bundesministerium für Gesundheit 2007).
Nach dem Drogen- und Suchtbericht an die Bundesregierung 2008 (Bundesministerium für
Gesundheit 2008) gaben 26 % aller 12-17 jährigen Jugendlichen ,,binge drinking" (5 und
mehr alkoholische Getränke kurz hintereinander) im Monat vor der Befragung an. 2-3 %
der 14-17jährigen gehörten zu den regelmäßigen Cannabiskonsumenten. Laut Bericht von
2009 wurde bei 8,2% der 12-17jährigen Jugendlichen ein riskanter oder gefährlicher
Alkoholkonsum festgestellt, die Zahl der Krankenhausaufnahmen in Folge von
Alkoholintoxikationen stieg von 19 500 im Jahr 2007 auf 23 000 in 2008 an
(Bundesministerium für Gesundheit 2009).
Cannabis, bei Jugendlichen nach wie vor die am weitesten verbreitete illegale Droge, wird
von diesen immer früher konsumiert, das Einstiegsalter ist in den letzten Jahren erneut
gesunken, im Jahr 2008 ist die Zahl der Konsumenten nur leicht rückläufig. Auch wird von
einem zunehmend missbräuchlichen und abhängigen Konsum von Cannabisprodukten mit
entsprechend problematischen Folgen, häufig als Mischkonsum in Verbindung mit anderen
1 Zur besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die maskuline Form verwendet, auch wenn ausdrücklich auf
beide Geschlechter Bezug genommen wird.
6
Einleitung und Forschungsstand
Substanzen, berichtet. Dieser spiegelt sich in der höheren Inanspruchnahme von
Beratungs- und Behandlungsangeboten durch diese jugendliche Personengruppe wider.
Die Erhebung der BZgA von 2008 zur Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik
Deutschland bestätigt diese Ergebnisse v.a. in Hinblick auf einen nach wir vor
risikoreichen Alkoholkonsum von 6,2% der 12-17Jährigen (BZgA 2008).
In Deutschland wachsen mehr als 2,5 Millionen Kinder mit mindestens einem
suchtkranken Elternteil auf. Diese sind in besonderem Maße gefährdet, selbst abhängig
und/oder psychisch krank zu werden und leiden bei fehlender Unterstützung oft unter
ungünstigen Entwicklungsbedingungen (Klein 2009, s. auch 1.5.2).
Tatsächlich wurde in den letzten Jahren immer wieder auf die transgenerationale
Vermittlung von Sucht und negativer Bindungserfahrung hingewiesen (s.1.7). Im Kinder-
und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts Berlin (Erhart et al
2007) wird aktuell auf die Bedeutung familiärer Ressourcen als Schutzfaktor hingewiesen.
Wo diese nicht vorhanden sind, ist das Risiko für Alkohol- und Drogenkonsum im Kindes-
und Jugendalter stark erhöht (Erhart et al 2007).
1.2 Behandlung von substanzbezogenen Störungen im
Jugendalter
Im vergangenen Jahrzehnt hat die Kinder- und Jugendpsychiatrie bundesweit spezialisierte
Angebote zur ambulanten und stationären Behandlung für Suchtmittel missbrauchende und
-abhängige, häufig komorbid erkrankte Kinder und Jugendliche geschaffen (zu den
diagnostischen Kriterien s.u.1.4), es kann jedoch noch nicht von einer ausreichenden
Versorgung dieser Klientel gesprochen werden. Die bisher vorgehaltenen
Behandlungsstationen in Deutschland haben überwiegend einen höherschwelligen Zugang,
was dem rechtzeitigen Erreichen der betroffenen Jugendlichen im Sinne einer
Frühintervention entgegensteht (Thomasius et al 2008). Bundesweit existieren an 17
Kliniken spezialisierte Jugend-Suchtstationen unter kinder- und jugendpsychiatrischer
Leitung mit insgesamt 201 Betten, d.h. in 12 % der vollstationären Einheiten existiert ein
entsprechendes Angebot mit überregionaler Versorgung. Während diese Spezialangebote
7
Einleitung und Forschungsstand
bereits einen Anteil von 3,9 % aller psychiatrischen Krankenhausbetten für Kinder und
Jugendliche einnehmen, sind sie auf die Bundesländer sehr unterschiedlich verteilt,
überdies integrieren einige Abteilungen die Langzeittherapie für Jugendliche und haben
daher ein eher niedriges Fallzahlaufkommen (Fegert, Schepker 2009).
In Baden-Württemberg ist die Jugend-Drogenstation clean.kick der Abteilung für Kinder-
und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie am Zentrum für Psychiatrie Weissenau2 bislang die
einzige spezialisierte Einrichtung zur qualifizierten Entzugsbehandlung für diese
Altersgruppe3. In clean.kick werden 15 stationäre Behandlungsplätze zur Entgiftungs- und
Motivationsbehandlung vorgehalten. Der Zugang ist niederschwellig, das heißt eine
telefonische Anmeldung ohne vorherigen ,,Motivationsnachweis" ist bei minderjährigen
Patienten ausreichend4. Das Angebot richtet sich nicht nur an bereits abhängige oder
komorbid erkrankte junge Menschen sondern auch an Substanzmissbraucher mit
beginnenden negativen Konsumfolgen. Das multimodale Behandlungskonzept sieht eine
neunwöchige Behandlung in mehreren Stufen vor. Hierbei spielt neben medizinisch-
psychiatrischer Diagnostik und Behandlung sowie therapeutischen Einzel- und
Gruppenangeboten und Erlebnistherapie die Beziehungs- und Bezugspersonenarbeit eine
wichtige Rolle. Anders als in Einrichtungen der Suchthilfe für Erwachsene werden hier
Entwicklungsaspekte berücksichtigt und dementsprechend pädagogische Interventionen
ergänzend zu suchttherapeutischen Ansätzen besonders gewichtet. Angehörige,
insbesondere Eltern(teile) und andere Sorgeberechtigte, aber auch Verantwortliche aus
Jugend- und Suchthilfe werden in die Behandlung und Perspektivenplanung
miteinbezogen. Die geplanten neun Wochen werden von den Jugendlichen häufig in
mehreren Abschnitten durchlaufen (Intervallbehandlung), wenn es zu Abbrüchen von
Seiten der Jugendlichen oder Behandlungsunterbrechungen aufgrund von Regelverstößen
kommt. Diese Jugendlichen kommen in der Summe auf durchschnittlich längere
Behandlungszeiten (Fetzer 2008). Von den im Jahr 2006 behandelten Jugendlichen
durchliefen 57% nur eine Behandlungsepisode, 13% wurden in drei oder mehr Intervallen
behandelt. Die durchschnittliche Verweildauer pro Episode betrug 31 Tage.
2 Seit 2009: ZfP Südwürttemberg
3 Die Eröffnung einer zweiten Station nach demselben niederschwelligen Konzept ist in Nordwürttemberg
am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg für Herbst 2009 geplant.
4 Bei 18-20jährigen Adoleszenten erfolgt eine vorherige ambulante Abklärung zur Einschätzung, ob die
Behandlung in jugendspezifischem Rahmen noch gerechtfertigt ist, was aufgrund meist noch nicht
bewältigter alterangemessener Entwicklungsschritte häufig der Fall ist.
8
Einleitung und Forschungsstand
Für das Jahr 2010 ist eine Erweiterung des stationären Angebots um fünf Plätze geplant
und genehmigt. Damit wird eine Altersdifferenzierung ermöglicht mit dem Ziel, die
zunehmend jüngeren Drogen konsumierenden Kinder und Jugendlichen im Alter von 12-
15 Jahren in einer baulich getrennten Einheit zu behandeln, um so ihren besonderen
Bedürfnissen entwicklungsspezifisch gerecht zu werden und sie vor den Szeneeinflüssen
älterer Jugendlicher zu schützen.
Die bisherige Erfahrung mit drogenabhängigen Jugendlichen in qualifizierter stationärer
Entzugsbehandlung zeigt, dass ihre Vorgeschichte häufig geprägt ist von multiplen
Beziehungsabbrüchen und Trennungserlebnissen. Damit sind bei vielen betroffenen jungen
Menschen Bindungsunsicherheiten und dysfunktionales Verhalten verbunden. Die Anzahl
komorbider jugendpsychiatrischer Erkrankungen ist bei dieser Personengruppe sehr hoch
(80% nach den Auswertungen der Basisdokumentation clean.kick 2006, s.a. 1.4.1), so dass
von einer insgesamt hohen psychosozialen Belastungssituation auszugehen ist.
Die Evaluation der Behandlungsverläufe in clean.kick ergab, dass bei mehr als 50% (2002-
2004) bis 60% (2006) der behandelten Jugendlichen mindestens ein Elternteil von einer
Sucht- oder anderen psychischen Erkrankung betroffen war (Bernhardt et al 2004, BADO
2006). Bei 72% der Jugendlichen war eine psychische Erkrankung in der Familie bekannt.
Gleichzeitig lebten nur etwa ein Viertel der behandelten Jugendlichen bei beiden
Elternteilen, alle anderen soweit nicht in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht,
lebten überwiegend bei der Mutter. Immer wieder wechselnde Partnerschaften und
instabile Paar- und Elternkonstrukte sind ein weiteres häufiges Merkmal in den
Familienzusammensetzungen. In stationärer Jugendhilfe lebten im Jahr 2006 24% der
behandelten Jugendlichen (BADO 2006).
Auch aufgrund dieser Risikokonstellationen fällt es den beschriebenen Jugendlichen oft
schwer, sozialen Übereinkünften zu vertrauen, verlässliche Beziehungen einzugehen und
alterstypische Entwicklungsaufgaben angemessen zu bewältigen, so dass sich hier Folgen
von Substanzkonsum und Sozialisationsbedingungen vermischen bzw. gegenseitig
verstärken.
9
Einleitung und Forschungsstand
1.3 Entwicklungspsychopathologie
Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist davon auszugehen, dass das Experimentieren
mit Risiko- und Grenzerfahrungen und in diesem Zusammenhang auch erste Erfahrungen
mit Suchtmitteln für Jugendliche typische Verhaltensweisen sind. Daraus entsteht jedoch
vor allem bei denjenigen Jugendlichen ein problematischer Missbrauch oder eine
Abhängigkeitsentwicklung, die ohnehin schon durch verschiedene individuelle, familiäre
oder soziale Risikofaktoren belastet sind (Silbereisen 1998, Jordan u. Sack 2009). Folgen
sind neben psychischen und somatischen Erkrankungen häufig Schwierigkeiten in der
Aufnahme tragfähiger sozialer Beziehungen inklusive Paarbeziehungen sowie in der
Entwicklung und Initiierung beruflicher Perspektiven, da bereits häufig ein Scheitern in der
Schule das Erlangen der entsprechenden Voraussetzungen erschwert. Auch die Ablösung
vom Elternhaus im Sinne einer alters angemessenen bezogenen Individuation5 kann meist
nicht funktional bewältigt werden. Dies zeigt sich teils in verstrickten, engen Bindungen
mit fehlender Ablösung, teils in einem gänzlichen Kontakt- und Beziehungsabbruch mit
massiven, oft gegenseitigen Abwertungen und unverarbeiteten Kränkungen.
Silbereisen (1998) nennt unter familiären Risiken, die den Drogenkonsum im Jugendalter
begünstigen v.a. ein durch Desinteresse und Instabilität gekennzeichnetes häusliches
Milieu.
Der Suchtmittelkonsum scheint in diesen Konstellationen häufig ein Bewältigungsversuch
derjenigen Jugendlichen zu sein, die wenig funktionale Copingstrategien und eine geringe
Selbstwirksamkeitserwartung aufweisen. Bewältigt werden müssen neben der Erfahrung
von Unsicherheit und mangelnder Verlässlichkeit in der Herkunftsfamilie auch ein meist
sich fortsetzendes Scheitern in anderen Beziehungen und Lebensbereichen, traumatische
Erlebnisse von Missbrauch/Misshandlung sowie häufig daraus resultierende oder
vorbestehende psychische Beeinträchtigungen.
Die Mannheimer Risikokinderstudie, eine vor 20 Jahre begonnene prospektive
Längsschnittstudie, benennt zwei wichtige Resilienzfaktoren als besonders relevant für
eine gesunde psychische Entwicklung: Erfahrungen gelungener Bewältigung sowie
5 Stierlin (Stierlin et al 1980) prägte den in der systemischen Familientherapie verwendeten Begriff der
bezogenen Individuation. Er beschreibt die Fähigkeit sich abzugrenzen, eigene Ziele und Ideale zu verfolgen
und gleichzeitig Teil eines familiären Gefüges und in Beziehung zur Herkunftsfamilie zu bleiben.
10
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