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Subtitle: Die Abkehr von der Konsensdemokratie im Parteiensystem und deren Auswirkungen auf die Stabilität der Regierungen
Thesis (M.A.), 1999, 164 Pages
Author: Anke Dörrzapf
Subject: Politics - Political Systems - General
Details
Year: 1999
Pages: 164
Grade: 1,85
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-44216-4
ISBN (Book): 978-3-640-44211-9
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Abstract
Das politische System Italiens und insbesondere dessen Parteiensystem gerieten 1992 in eine schwere Krise: Man warf dem Parteiensystem vor, instabile Mehrheiten zu produzieren, die zu einer im europäischen Vergleich extrem kurzen Lebensdauer von Regierungen führten: 1992 zählte man bereits die 49. Nachkriegsregierung. Schuld an der Ineffizienz und Instabilität gab man vor allem den Parteien und insbesondere der Struktur des Parteiensystems: Es würde weder stabile Mehrheiten, noch einen klaren Machtwechsel zwischen Regierung und Opposition ermöglichen, seine heterogenen Mehrheiten würden kurzlebige Regierungen bewirken. Hilfe erhoffte man sich deswegen von einer Abkehr vom Konsensprinzip: Das Mehrheitsprinzip sollte Machtwechsel ermöglichen, für klare Verantwortlichkeiten der Regierenden gegenüber den Wählern und für eine Reduzierung der Zahl der Parteien sorgen. Man glaubte, ein vom Mehrheitsprinzip geprägtes Parteiensystem würde das Land „regierbar” machen. In einem Referendum entschieden sich 82,7 Prozent der Wähler 1993 für die Einführung eines Mehrheitswahlsystems. Italiens Parteiensystem hat sich seitdem gewandelt: Diese Arbeit will klären, ob seit der Krise Anfang der neunziger Jahre und nach der Änderung des Wahlsystems 1993 tatsächlich eine Hinwendung zur Mehrheitsdemokratie im Parteiensystem vollzogen wurde und ob eine Verstärkung mehrheitsdemokratischer Elemente im Parteiensystem italienische Regierungen stabiler gemacht hat. Der Wandel des Parteiensystems soll deshalb vor dem Hintergrund der Modelle der Mehrheits- und der Konsensdemokratie von Arend Lijphart analysiert werden: Hat sich das italienische Parteiensystem durch den Wandel von dem bis dahin dominierenden Konsensprinzip entfernt? Oder haben sich nur die Namen der Parteien geändert, während alles beim Alten blieb? Anschließend werden die Auswirkungen des Wandels im Parteiensystem auf die Stabilität der Regierungen untersucht: Hat sich die Lebensdauer der Kabinette erhöht? Welche Gründe gibt es im italienischen Parteiensystem für die Instabilität der Regierungen? Welchen Einfluss hatte der Wandel auf die Stabilität? Kann eine weitere Verstärkung der mehrheitsdemokratischen Elemente im Parteiensystem die Stabilität fördern? Dabei wird insbesondere auch auf die Eigenheiten der politischen Kultur des Landes eingegangen.
Excerpt (computer-generated)
Ludwig-Maximilians-Universität München
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Sommersemester 1999
Der Wandel im italienischen Parteiensystem
Die Abkehr von der Konsensdemokratie im Parteiensystem und deren
Auswirkungen auf die Stabilität der Regierungen
Schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium
(M.A.)
Vorgelegt von: Anke Dörrzapf
30.09.1999
1
INHALTSVERZEICHNIS
VERZEICHNIS DER TABELLEN UND ABBILDUNGEN
4
EINLEITUNG 5
1. DER THEORETISCHE RAHEMEN:
DIE DEMOKRATIEMODELLE VON AREND LIJPHART
8
1.1. MEHRHEITSDEMOKRATIE
8
1.2. DIE KONSENSDEMOKRATIE 10
2. DIE ELEMENTE DER KONSENS- DEMOKRATIE IM
ITALIENISCHEN PARTEIENSYSTEM IM WANDEL
13
2.1. DAS WAHLSYSTEM UND DIE REFORM 1993 13
2.1.1. DER ZUSAMMENHANG ZWISCHEN WAHLSYSTEM UND PARTEIENSYSTEM 13
2.1.2. DAS VERHÄLTNISWAHLSYSTEM BIS 1993 16
2.1.3. DIE REFORM DES WAHLSYSTEMS 1993 17
2.2. DAS ITALIENISCHE MEHRPARTEIENSYSTEM: DIE ENTWICKLUNG DER
ANZAHL DER PARTEIEN 20
2.2.1. KRITERIEN FÜR RELEVANTE PARTEIEN 20
2.2.2. DIE FRAGMENTIERUNG DES ITALIENISCHEN PARTEIENSYSTEMS IM WANDEL 23
2.2.2.1. Die Zahl der Parteien von 1946 bis 1992
24
2.2.2.2. Die Zahl der Parteien ab 1992
26
2.3. DAS MULTIDIMENSIONALE PARTEIENSYSTEM: DIE VERÄNDERUNG IN
DER KOALITIONSBILDUNG VOR DEM HINTERGRUND DES WANDELS DER
KONFLIKTLINIEN 33
2.3.1. DIE VERÄNDERUNGE DER KONFLIKTLINIEN DES ITALIENISCHEN PARTEIENSYSTEMS 34
2.3.1.1. Die
Cleavage
-Theorie 34
2.3.1.1.1. Der Zusammenhang zwischen Konfliktlinien und Parteiensystem
34
2.3.1.1.2. Kriterien zur Messung der Stärke von Konfliktlinien
35
2.3.1.2. Die Homogenisierung des italienischen Parteiensystems
37
2.3.1.2.1. Der sozio-ökonomische Konflikt
37
2.3.1.2.2. Der abnehmende Konflikt um die Religion
41
2.3.1.2.3. Der ideologische Konflikt zwischen Systemgegnern und Systembefürwortern
44
2.3.1.2.4. Die neue Anti-System-Partei Lega Nord und die territoriale Konfliktlinie zwischen Nord-
und Süditalien
49
2.3.1.2.5. Der Einfluss der außenpolitischen Konfliktlinie und des Konflikts zwischen Materialisten
und Postmaterialisten
55
2.3.2. DIE MÖGLICHKEITEN DER KOALITIONSBILDUNG: VON DER ,,BLOCKIERTEN DEMOKRATIE"
ZUM EINGESCHRÄNKTEN BIPOLARISMUS 57
2.3.2.1. Die Koalitionsbildung und die Mechanismen des Parteienwettbewerbs bis
1993
58
2.3.2.1.1. Tripolarität
58
2
2.3.2.1.2. Die Dominanz der Democrazia Cristiana
60
2.3.2.1.3. Der mangelnde Wechsel
61
2.3.2.1.4. Zentrifugaler Wettbewerb
62
2.3.2.1.5. Zentripetale Tendenzen, Depolarisierung und die Krise des alten Parteiensystems durch die
Abschwächung der Konfliktlinien
63
2.3.2.2. Die neuen Möglichkeiten der Koalitionsbildung seit 1994
67
2.3.2.2.1. Bipolarität
67
2.3.2.2.2. Die neue Mitte und zentripetaler Wettbewerb
68
2.3.2.2.3. Die Einschränkungen des Bipolarismus
70
3. DIE MANGELNDE STABILITÄT DER REGIERUNGEN UND DIE
GRÜNDE DAFÜR IM PARTEIENSYSTEM 75
3.1. DIE INSTABILITÄT ITALIENISCHER REGIERUNGEN 77
3.1.1. KRITERIEN ZUR MESSUNG VON STABILITÄT 77
3.1.2. DIE INSTABILITÄT ITALIENISCHER REGIERUNGEN IM WANDEL 81
3.1.3. DIE BEDEUTUNG VON REGIERUNGSSTABILITÄT 83
3.2. DIE URSACHEN DER INSTABILITÄT ITALIENISCHER KABINETTE IM
PARTEIENSYSTEM 87
3.2.1. DER EINFLUSS DES PARTEIENSYSTEMS AUF DIE STABILITÄT DER REGIERUNGEN 87
3.2.2. DIE GRÜNDE FÜR DIE INSTABILITÄT ITALIENISCHER REGIERUNGEN UND DIE ERHÖHTE
STABILITÄT DER KABINETTE SEIT 1994 IM PARTEIENSYSTEM 89
3.2.2.1. Instabile Regierungen und die Zahl der Parteien
89
3.2.2.1.1. Das zersplitterte Parteiensystem
89
3.2.2.1.2. Die Fragmentierung der Regierung
90
3.2.2.1.3. Die Dominanz einer Partei in der Regierung
93
3.2.2.2. Die Größe der Regierung
94
3.2.2.3. Die Heterogenität und Polarisierung der Koalitionen
96
3.2.2.4. Der Wandel in der Struktur des Parteiensystems und der Einfluss des neuen Wahlsystems 100
4. DER ZUSAMMENHANG ZWISCHEN DER ITALIENISCHEN
REGIERUNGSSTABILITÄT UND DER KONSENSDEMOKRATI
105
4.1. DIE FRAGMENTIERTEN REGIERUNGEN IM MEHRPARTEIENSYSTEM
DER KONSENSDEMOKRATIE 106
4.2. DER KOALITIONSSTATUS ITALIENISCHER KABINETTE UND DER
GERINGE ZUSAMMENHANG MIT DER KONSENSDEMOKRATIE 109
4.3. DIE HETEROGENEN REGIERUNGEN ALS PROBLEM DER
KONSENSDEMOKRATIE 110
4.4. DIE STRUKTUR DES PARTEIENSYSTEMS UND DER NUR GERINGE
ZUSAMMENHANG MIT DEN MODELLEN LIJPHARTS 110
SCHLUSSBEMERKUNG UND AUSBLICK
114
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
118
3
ANHANG 127
ANHANG A: ITALIENISCHE PARTEIEN: NAMEN, ABKÜRZUNGEN UND
DEUTSCHE ÜBERSETZUNG 128
ANHANG B: ERGEBNISSE DER WAHLEN ZUR ABGEORDNETENKAMMER
1948 1992 IN PROZENT 130
ANHANG C: ERGEBNISSE DER WAHLEN ZUR ABGEORDNETENKAMMER
1994 UND 1996 IM BEREICH DES VERHÄLTNISWAHLSYSTEMS 131
WAHLERGEBNIS 1994 131
WAHLERGEBNIS 1996 133
ANHANG D: ITALIENISCHE KABINETTE 1946-1998: AMTSZEIT,
ZUSAMMENSETZUNG, KOALITIONSSTATUS, DAUER 134
ANHANG E: INTERVIEW MIT KLAUS BRILL 136
ANHANG F: INTERVIEW MIT ANTONIO SODA 148
ANHANG G: INTERVIEW MIT GIOVANNI SARTORI 155
4
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen
Abbildungen:
Abbildung 1: Die regionale Verteilung des Bruttoinlandprodukts 1994
50
Abbildung 2: Die Polarisierung des Parteiensystems am Beispiel des
Wahlergebnisses zur Abgeordnetenkammer von 1976
59
Abbildung 3: Die Zentrifugalität des italienischen Parteiensystems in den
Wahlergebnissen zur Abgeordnetenkammer 1948-1976
62
Abbildung 4: Zentripetale Tendenzen der Wahlergebnisse zur
Abgeordnetenkammer
1979-1992
64
Abbildung 5: Die Entwicklung der prozentualen Anteile der zwei größten
Parteien
zwischen
1948
und
1996
70
Abbildung 6: Die Volatilität der Parlamentswahlen 1948-1996
74
Abbildung 7: Die Regierungsstabilität
1946-1994
82
Abbildung 8: Die Regierungsstabilität
1994-1998
82
Abbildung 9: Die Zersplitterung des Parteiensystems nach den Wahlen zur
Abgeordnetenkammer
1996
93
Tabellen:
Tabelle 1: Die Wahlbündnisse, die Parteien und die Sitzverteilung der
Abgeordnetenkammer
nach
der
Wahl
1994
29
Tabelle 2: Die Wahlbündnisse, die Parteien und die Sitzverteilung der
Abgeordnetenkammer
nach
der
Wahl
1996
30
5
EINLEITUNG
Das politische System Italiens und insbesondere dessen Parteiensystem gerieten 1992 in eine
schwere Krise: Man warf dem Parteiensystem vor, instabile Mehrheiten zu produzieren, die
zu einer im europäischen Vergleich extrem kurzen Lebensdauer von Regierungen führten:
1992 zählte man bereits die 49. Nachkriegsregierung.1 Schuld an der Ineffizienz und
Instabilität gab man vor allem den Parteien und insbesondere der Struktur des
Parteiensystems: Es würde weder stabile Mehrheiten, noch einen klaren Machtwechsel
zwischen Regierung und Opposition ermöglichen, seine heterogenen Mehrheiten würden
kurzlebige Regierungen bewirken.
Hilfe erhoffte man sich deswegen von einer Abkehr vom Konsensprinzip: Von der
Mehrheitsdemokratie erwartete man sich Regierungen, die auf sicheren, langlebigen und
homogenen Parlamentsmehrheiten basierten.2 Das Mehrheitsprinzip sollte Machtwechsel
ermöglichen, für klare Verantwortlichkeiten der Regierenden gegenüber den Wählern und
für eine Reduzierung der Zahl der Parteien sorgen. Man glaubte, ein vom Mehrheitsprinzip
geprägtes Parteiensystem würde das Land ,,regierbar"3 machen auch wenn die
Vorstellungen, die sich unter den Begriffen ,,Regierbarkeit" (,,governabilità") oder
,,Stabilität" sammelten, relativ weit gefächert und nicht immer ganz klar waren. Nicht
wenige setzten sich sogar ein Zweiparteiensystem zum Ziel.4
Die Idee der Abkehr vom Konsensprinzip war nicht neu: Bereits 1953 versuchten die
Christdemokraten mit der ,,legge truffa"5, sich vom reinen Verhältniswahlsystem zu
verabschieden: Eine ,,Mehrheitsprämie" sollte stabilere Regierungen schaffen. Allerdings
vermuteten die anderen Parteien hinter diesem Reformvorschlag die Interessen der
Democrazia Cristiana, die damit ihre Macht ausbauen wollte, und ließen die Reform schnell
wieder scheitern. Ab 1979 wurde wieder intensiver über eine Neuerung des Wahlsystems
debattiert, ohne jedoch eine Einigung zwischen den Parteien zu erzielen.6
1 Vgl. Chiellino, Carmine/Marchio, Fernando/Rongoni, Giocondo: Italien. München: Beck 19953, S. 292f.
2 Vgl. Calise, Mauro: Remaking the Italian Party System: How Lijphart Got It Wrong by Saying It Right. In:
West European Politics Bd. 16 Heft 4 (1993), S. 547ff.
3 Katz, Richard S.: Le nuove leggi per l´elezione del parlamento. In: Mershon, Carol/Pasquino, Gianfranco
(Hrsg.): Politica in Italia. I fatti dell´anno e le interpretazioni. Edizione 94. Bologna: Mulino 1994, S. 162.
4 Vgl. ebd. S. 162ff.
5 Pombeni, Paolo: La rappresentanza politica. In: Romanelli, Raffaele (Hrsg.): Storia dello stato italiano
dall´Unità a oggi. Roma: Donzelli 1995, S. 119.
6 Vgl. Zohlnhöfer, Reimut: Die Transformation des italienischen Parteiensystems in den 90er Jahren. In:
Zeitschrift für Politikwissenschaft Bd. 8 Heft 4 (1998), S. 1377.
6
Erst die Aufdeckung der zahlreichen Korruptionsskandale durch Mailänder Staatsanwälte
hatte 1992 eine Welle ausgelöst, in der das ganze System in Frage gestellt wurde. Die
ohnehin weit unter dem europäischen Durchschnitt liegende Demokratiezufriedenheit der
Italiener sank 1992 auf den Tiefstand.7 Endlich schien es sowohl bei den Politikern als auch
bei der Bevölkerung Einigkeit darüber zu geben, dass eine Reform unaufschiebbar sei. Man
ging endlich die Reformen an, an denen man sich seit Jahrzehnten versuchte. Erst jetzt
bekamen sie den nötigen Elan:
In einem Referendum, das der Abgeordnete Mario Segni initiiert hatte, entschieden sich 82,7
Prozent der Wähler 1993 für die Einführung eines Mehrheitswahlsystems.8 Die Reform des
gesamten politischen Systems sollte folgen. Letztere lässt allerdings noch immer auf sich
warten.
Doch zumindest Italiens Parteiensystem hat sich gewandelt: Diese Arbeit will klären, ob seit
der Krise Anfang der neunziger Jahre und nach der Änderung des Wahlsystems 1993
tatsächlich eine Hinwendung zur Mehrheitsdemokratie im Parteiensystem vollzogen wurde
und ob eine Verstärkung mehrheitsdemokratischer Elemente im Parteiensystem italienische
Regierungen stabiler gemacht hat, wie man es sich erhoff hatte.
Der Wandel des italienischen Parteiensystems soll deshalb vor dem Hintergrund der
Modelle der Mehrheits- und der Konsensdemokratie von Arend Lijphart analysiert werden:
Hat sich das italienische Parteiensystem durch den Wandel Anfang der neunziger Jahre von
dem bis dahin dominierenden Konsensprinzip entfernt? Oder haben sich nur die Namen der
Parteien geändert, während alles beim Alten blieb?
Im Zusammenhang mit dem Demokratiemodellen Lijpharts wird dabei unter anderem auf
die Theorie der Konfliktlinien von Seymour Lipset und Stein Rokkan eingegangen:
Inwiefern hat auch eine Homogenisierung, bzw. eine Depolarisierung der Konfliktlinien das
italienische Parteiensystem verändert?
Anschließend werden die Auswirkungen des Wandels im Parteiensystem auf die Stabilität
der Regierungen untersucht: Hat sich die Lebensdauer der Kabinette seit Anfang der
neunziger Jahre erhöht? Welche Gründe gibt es im italienischen Parteiensystem für die
Instabilität der Regierungen? Welchen Einfluss hatte der Wandel auf die Stabilität? Steht die
Stabilität italienischer Kabinette überhaupt im Zusammenhang mit den Demokratiemodellen
Lijpharts? Hat die Abkehr vom Konsensprinzip im Parteiensystem Regierungen tatsächlich
7 Vgl. Zohlnhöfer, Die Transformation des italienischen Parteiensystems in den 90er Jahren, in: Zeitschrift für
Politikwissenschaft, 1998, S. 1376.
7
stabiler gemacht? Kann eine weitere Verstärkung der mehrheitsdemokratischen Elemente im
Parteiensystem die Stabilität fördern?
In dieser Magisterarbeit wird auf verschiedene Theorien eingegangen. Sie dienen hier als
Hilfsmittel, um Strukturen und Mechanismen des italienischen Parteiensystems zu
beleuchten. Natürlich haben auch sie - wie jede Theorie - ihre Schwachstellen und können
nicht alle Phänomene vollständig erklären. Die Theorien werden nur in Bezug auf das
italienische Parteiensystem verwendet. Es erfolgt keine generelle Diskussion über ihre Vor-
und Nachteile im Allgemeinen. Wenn Schwachstellen der Theorie erläutert werden, dann
nur im Hinblick auf den konkreten italienischen Fall. Wendet man diese Theorien auf andere
Länder an, mag das durchaus ganz anders aussehen.
Hinsichtlich Italiens greift diese Arbeit in erster Linie auf Sekundärliteratur der italienischen
Politikwissenschaft zurück, sowie auf die weniger zahlreich vorhandenen Untersuchungen
englisch- oder deutschsprachiger Autoren. Befasst man sich mit dem italienischen
Parteiensystem kommt man nicht umhin, sich mit den Standpunkten Giovanni Sartoris
auseinanderzusetzen, da er sowohl die italienische Politologie als auch die öffentliche
Reformdebatte in den italienischen Medien maßgeblich beeinflusst. Daher wurde auch ein
Interview mit ihm geführt. Außerdem wird natürlich auch auf Untersuchungen und
Standpunkte anderer Politologen eingegangen, die sich unter anderem auf das politische
Systems Italiens spezialisiert haben wie zum Beispiel Giorgio Galli, Paolo Farneti, Stefano
Bartolini, Roberto D′Alimonte, Luciano Bardi, David Hine, Ludger Helms und andere.
Daneben basiert die Arbeit auf eigenen Recherchen, zum Beispiel zur genauen Anzahl der
Parteien in der derzeitigen Abgeordnetenkammer, die interessanterweise nicht einmal beim
italienischen Parlament zu erfahren war, sowie auf Interviews der Verfasserin mit Antonio
Soda, einem Abgeordneten im bikameralen Ausschuss für Verfassungsreformen, über die
praktischen Erfahrungen und Probleme mit dem italienischen Parteiensystem in der
parlamentarischen Arbeit und mit dem Italienkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung,
Klaus Brill, über die Eigenarten der politischen Auseinandersetzung, die Verhaltensweisen
und politische Kultur italienischer Parlamentarier.
8 Vgl. Weber, Peter: Wege aus der Krise: Wahlreform und Referenden in Italien. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte B 34 (26.08.94), S. 24.
8
1. DER THEORETISCHE RAHEMEN: DIE
DEMOKRATIEMODELLE VON AREND
LIJPHART
Eines der grundlegenden Dilemmata der Demokratie ist die Frage: Wer regiert und welchen
Interessen soll die Regierung verantwortlich sein? Denen der Mehrheit oder so vielen wie
möglich?
Je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, ergeben sich zwei Demokratiemodelle mit
unterschiedlichen Konsequenzen für das Parteiensystem:
1.1. Mehrheitsdemokratie
Diesem Modell liegt die Auffassung zugrunde, dass in einer Demokratie die Mehrheit zu
entscheiden hat.9
Für die Regierung ergeben sich daraus folgende Eigenschaften: Die Exekutivmacht ist
hochgradig konzentriert: In der Regel stellt die Partei, die über die Mehrheit der
Parlamentssitze verfügt, die Regierung.10 Sie regiert alleine oder dominiert zumindest die
kleinstmögliche Koalition.11 Die Minderheit ist von der Macht ausgeschlossen.12 Da
normalerweise die Mehrheitspartei die Regierung stellt, findet eine Verschränkung von
exekutiver und legislativer Macht statt, wobei in der Regel das Kabinett das Parlament
dominiert: Die Legislative hat gegenüber der Exekutive eine schwächere Position.13 Durch die
ungeschriebene Verfassung der Mehrheitsdemokratie erhält die Parlamentsmehrheit - und
damit auch die Regierung weit reichende Souveränität.14 Ihre Macht wird außerdem weder
durch den unitarisch und zentralistisch organisierten Staat,15 noch durch eine zweite Kammer
9 Vgl. Lijphart, Arend: Democracies: Patterns of Majoritarian and Consensus Government in Twenty-One
Countries. New Haven/London: Yale University Press 1984, S. 21.
10 Vgl. ebd., S. 6.
11 Vgl. Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien. Eine Einführung. Opladen: Leske und Budrich 19972, S. 241.
12 Vgl. Lijphart, Democracies, 1984, S. 6.
13 Vgl. ebd., S. 6f. Lijphart mißt die Stärke der Exekutive in der durchschnittlichen Lebensdauer von Kabinetten
in Monaten.
14 Vgl. ebd., S. 9.
15 Vgl. ebd., S. 8.
9
eingeschränkt. Wenn es eine zweite Kammer gibt, so hat die erste Kammer im
asymmetrischen Bikameralismus wesentlich mehr Kompetenzen.16 Auch direktdemokratische
Elemente, wie zum Beispiel Referenden, limitieren die Macht der Mehrheit nicht: Die
Mehrheitsdemokratie ist eine rein repräsentative Demokratie mit Parlamentssouveränität.17 In
Anlehnung an das britische politische System, das Lijphart als bestes Beispiel dafür ansieht,
bezeichnet er das Mehrheitsmodell auch als Westminstermodell.
Das Parteiensystem der Mehrheitsdemokratie ist in der Regel ein Zweiparteiensystem, das
eine klare Trennung zwischen Mehrheit und Opposition bewirkt. Zwar kann es durchaus noch
zusätzliche Parteien geben, doch normalerweise sind diese nicht groß genug, um die Mehrheit
zu gewinnen, oder Koalitionen erzwingen zu können.18 Das Parteiensystem ist außerdem
eindimensional: Die Gesellschaft ist hochgradig homogen und deshalb in erster Linie durch
das Links-Rechts-Spektrum sozio-ökonomischer Konflikte getrennt. Andere
innergesellschaftliche Konfliktlinien sind nicht stark genug, um zusätzliche Trennungslinien
im Parteiensystem und weitere Parteien im Parlament entstehen zu lassen.19 Das Parlament
wird durch ein Mehrheitswahlsystem bestellt. 20
Die Mehrheitsdemokratie eigne sich, so Lijphart, vor allem für homogene Gesellschaften.21
Zu ihren Vorzügen gehört, dass sie die Macht in den Händen der Mehrheit bündelt: Diese
müsse daher keine zeitraubenden Kompromisse aushandeln und könne schneller auf konkrete
Probleme reagieren. Da in der Mehrheitsdemokratie meistens nur eine Partei ohne
Koalitionspartner regiert, schreibt man ihr stabilere Regierungen zu.22 Der Wähler hat
außerdem eine klare Wahl zwischen zwei Alternativen.23 Die Verantwortung für die
Regierungsarbeit liegt deutlich bei der Mehrheitspartei und nicht bei einem schwer
durchschaubaren Beziehungsgeflecht von Koalitionspartnern: Wenn die Mehrheit der Wähler
mit der Leistung der Regierung nicht zufrieden war, kann sie die Regierung beim nächsten
Wahltermin abwählen. Der Nachteil dieses Demokratiemodells besteht in der mangelnden
Integration unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, da es Minderheiten nicht an den
16 Vgl. Lijphart, Democracies, 1984, S. 7.
17 Vgl. ebd., S. 9.
18 Vgl. ebd., S. 7.
19 Lijphart geht von einem Zusammenhang zwischen der Anzahl der Konfliktlinien in der Gesellschaft und der
Anzahl der Parteien aus. Vgl. Lijphart, Democracies, 1984, S. 148f.
20 Vgl. ebd., S. 8.
21 Vgl. Schmidt, Demokratietheorien, 19972, S. 246.
22 Lijphart, Arend: Forms, performance, and constitutional engineering.In: European Journal of Political
Research 25 (1994), S. 1. Inwieweit dies tatsächlich zutrifft, wird später in dieser Magisterarbeit noch
untersucht werden.
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