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Bachelor Thesis, 2009, 63 Pages
Author: Hanna Ruehle
Subject: Pedagogy - Media Pedagogy
Details
Year: 2009
Pages: 63
Grade: 1.0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-45656-7
ISBN (Book): 978-3-640-45655-0
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Abstract
Leben in einer postmodernen Gesellschaft bedeutet sich täglich weiterzubilden um den Anschluss nicht zu verlieren, um immer auf dem neuesten Stand zu bleiben in einer sich täglich weiterentwickelnden Welt. Ohne Medien wäre das wohl kaum zu schaffen, so genügt schon ein Blick in die Tageszeitung um zu wissen, was in der Welt geschieht. Wer kein Geld für die gedruckte Version der News ausgeben möchte, ist im Internet inzwischen auch gut beraten: viele Zeitungsartikel sind hier auch online abrufbar. Um sich einen groben Überblick über das Geschehen in der Welt zu verschaffen, genügt es schon, sich die täglichen Fernsehnachrichten anzuschauen. Insgesamt sind die neuen Medien keine „Monster“, die unsere Jugend verderben. Handys beispielsweise sind nicht nur unnützlich, schließlich können wir so mit unserem Kind in Kontakt bleiben. Natürlich behindern diese modernen Erfindungen den Alltag vieler Lehrer: So dient das Handy im Unterricht nicht selten dem SMS schreiben mit der Freundin in der ersten Bankreihe. Zu meiner Zeit schrieben wir uns „Zettelchen“, kleine Botschaften, die im Unterricht unauffällig hin- und hergereicht wurden. Ziel war dabei damals ebenso wie heute, mit der Freundin, von der man angesichts zu vieler Gespräche und Albernheiten weggesetzt wurde, über andere zu lästern oder die Jungs in der Klasse zu bewerten- teenagertypische Dinge eben. Auch das „Computerspielen sollte nur eine spaßvolle Ergänzung der bisherigen Freizeitbeschäftigung sein und nicht die Freizeit dominieren“ (Lerchenmüller- Hilse/ Hilse 1998, S.84).
Excerpt (computer-generated)
1. Einleitung 2
2. Die Jugendphase 4
2.1. Kurzer Überblick: Definitionen zu Jugend und Sozialisation 5
2.2. Jugend heute 7
2.2.1. Entwicklungsaufgaben 9
2.2.2. Sozialisationsinstanzen 11
3. Identitätskonstruktion Jugendlicher 15
3.1. Zum Verständnis: Was bedeutet ,,Identität"? 16
3.2. Keupp: Patchwork- Identität 19
3.3. Palfrey: Mehrfachidentitäten der ,,Digital Natives" 22
4. Jugend im Medienzeitalter 26
4.1. Jugend zwischen alten und neuen Medien 27
4.2. Die vernetzte Jugend 33
4.2.1. Communitys 37
4.2.2. Chat/ Messengerprogramme 40
4.2.3. Newsgroups/ Foren 42
4.2.4. Online- Rollenspiele 43
4.3. Internet- Fluch oder Segen? 47
4.3.1. Chancen des Internets 47
4.3.2. Gefahren des Internets 51
5. Fazit 55
6. Literaturangaben 59
1
1. Einleitung
Leben in einer postmodernen Gesellschaft bedeutet sich täglich weiterzubilden um den
Anschluss nicht zu verlieren, um immer auf dem neuesten Stand zu bleiben in einer sich
täglich weiterentwickelnden Welt. Ohne Medien wäre das wohl kaum zu schaffen, so genügt
schon ein Blick in die Tageszeitung um zu wissen, was in der Welt geschieht. Wer kein Geld
für die gedruckte Version der News ausgeben möchte, ist im Internet inzwischen auch gut
beraten: viele Zeitungsartikel sind hier auch online abrufbar. Um sich einen groben Überblick
über das Geschehen in der Welt zu verschaffen, genügt es schon, sich die täglichen
Fernsehnachrichten anzuschauen.
Insbesondere das Leben der Heranwachsenden1 in unserer Gesellschaft ist gekennzeichnet
von technischen Neuerungen und modernen Medien. ,,Das Leben ist für die Jugendlichen wie
ein Supermarkt mit sehr langen Regalen voller Möglichkeiten und kein Tante- Emma- Laden,
in dem alles nur einmal vorhanden ist" (Dammler 2009, S.61). Die heutigen
Heranwachsenden leben in einer hochkomplexen Welt, die durch moderne Technik geprägt
ist. Mehr und mehr Jugendliche besitzen ein eigenes Fernsehgerät und verfügen
gleichermaßen über einen eigenen Internetanschluss im Kinderzimmer. ,,95 Prozent aller
deutschen Haushalte mit Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren sind bereits online, knapp
die Hälfte der Jugendlichen hat einen Internet- Anschluss im eigenen Zimmer" (Bonstein in
Der Spiegel 20/2008, S.101).
Oft wird über die heutige Jugend geschimpft, die Heranwachsenden stehen am Pranger, weil
sie sich angeblich nicht mehr sinnvoll beschäftigen können, ihr Leben ist geprägt von
,,passivem vor der Glotze hängen" und sinnlosem ,,Internetgesurfe". Doch ist dieser oft von
Seiten der älteren Generationen gebrachte Vorwurf gerechtfertigt? Die folgende Arbeit
beschäftigt sich unter anderem mit der Klärung dieser Frage. Des Weiteren wird auf den
Prozess der Identitätskonstruktion der heutigen Jugend, der sich mithilfe der Medien
vollzieht, eingegangen und schließlich soll das Internet als modernes Medium näher
beleuchtet werden.
Hier werden Fragen geklärt wie: Welchen Sinn hat das Internet eigentlich, bringt es überhaupt
Vorteile mit sich? Wäre unsere Jugend heute nicht ohne all diese technischen Neuerungen
besser beraten? Und: Wird unsere Gesellschaft in der Zukunft nur noch aus internetsüchtigen
Menschen bestehen, die ihr Leben nicht mehr selbst organisieren können? All diese Fragen
1 Ich verwende die Bezeichnungen Jugendlicher und Heranwachsender hier gleichbedeutend, einige Autoren
haben für diese Begriffe spezifische Altersgrenzen festgelegt (näheres dazu z.B. Schäfers 2001, S.19).
2
beinhalten Vorwürfe, denen unsere Jugendlichen gegen-überstehen. Zu klären bleibt im
Folgenden, inwiefern diese Anschuldigungen berechtigt sind.
Beginnen möchte ich meine Arbeit, indem ich die Jugend als eigene Lebensphase darstelle.
Letztendlich sollen gesellschaftliche Wandlungsprozesse und deren Konsequenzen für die
heutige Jugend aufgezeigt werden.
3
2. Die Jugendphase
,,Die Jugendphase ist die Zeit verstärkter, mehr und mehr reflektierter und eigen-
verantwortlicher Identitätssuche. Der Jugendliche muss zu sich selbst, zum anderen
Geschlecht, zu den Werten seiner Kultur und Gesellschaft einen Standpunkt gewinnen"
(Schäfers 2001, S.93). Die heutige Jugend hat es mit der Ausbildung einer eigenen Identität
sicherlich nicht leichter als die vorherigen Jugendgenerationen. Massenweise
Medienangebote lauern an jeder Straßenecke, Handys müssen regelmäßig ,,gepimpt" werden,
um mit den Freunden mithalten zu können, und wer nicht über Fernseh- und Internetanschluss
verfügt, hat es ohnehin schwer, mit der Clique zu kommunizieren. ,,Für die Jugendlichen ist
das permanente Update ihrer technologischen Geräte jedoch eine Art Mitgliedsausweis zu
ihrer Generation [...] 46 Prozent der befragten Jugendlichen hatten das Cover ihres Handys
im letzten Jahr geändert. Die Möglichkeit, nicht nur technologisch, sondern auch ästhetisch
Eigenständigkeit zu demonstrieren, erhöht das Abgrenzungspotential" 2 (Steinle 2003, S.121).
Diese neuen Technologien wie Handy und Internet führen die Jugendlichen zusammen, hier
bilden sich Interessengruppen (vgl. Dammler 2009, S.50).
Tägliche Gespräche unter Freunden, ob online oder in der Realität, beziehen sich nicht selten
auf das aktuelle Geschehen in der täglichen Lieblingsserie, die neuesten Handys und die
Fotos, die von Gleichaltrigen letzte Woche im StudiVZ3 hochgeladen wurden. ,,Die
elektronische Anwesenheit überbrückt die Phasen, in denen man sich nicht von Angesicht zu
Angesicht treffen kann" (Steinle 2003, S.128). Heranwachsende sind heutzutage geradezu
darauf angewiesen, Zeit im Internet zu verbringen um nicht zum Außenseiter zu werden (vgl.
ebd., S.128). Die Jugend hat es in Zeiten von Pluralisierungs- und Differenzierungsprozessen
also zunehmend schwerer, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu bleiben und mit ihnen
mitzuhalten, sei es in Form von Markenklamotten oder durch das Besitzen des neuesten
Handys. Wer dazu gehören möchte, braucht die aktuellsten Produkte. Ihnen wird eine
Vielzahl von Möglichkeiten und Angeboten gemacht, zwischen denen sie das für sich
Richtige herausfiltern müssen. Es kommt zur ,,sog. ,,Entstrukturisierung" (Olk 1985, zit. nach
Hoffmann 2002, S.18) und ,,Biographisierung der Jugendphase" (Hoffmann 2002, S.18).
Was das nun bedeutet, soll im Folgenden erläutert werden. Auch die Konsequenzen, die diese
Prozesse für die Heranwachsenden haben, werden hier aufgezeigt, es wird des weiteren darauf
2 Befragt wurden im Zuge dieser Studie 300 Jugendliche in 12 Städten Ost- und Westdeutschlands (vgl. Steinle
2003, S.14).
3 Näheres zu Communities wie ,,StudiVZ" in Kapitel 4.2.1.
4
eingegangen, vor welchen (neuen) Herausforderungen unsere heutige Jugend steht und wie
sie diese bewältigt. Zum besseren Verständnis werde ich vorab eine kurze Einführung in die
Begriffe ,,Jugend" und ,,Sozialisation" geben.
2.1. Kurzer Überblick: Definitionen zu Jugend und Sozialisation
Der Begriff Jugend ist nicht neu, dennoch möchte ich ihn hier noch einmal definieren um
Missverständnisse zu vermeiden und Differenzen zwischen vorherigen Jugendgenerationen
und der heutigen Jugend aufzuzeigen: ,,Jugendalter oder die Adoleszenz bezieht sich auf die
Phase des Übergangs von der Kindheit zum Erwachsensein. Es erstreckt sich ungefähr von
zwölf Jahren bis zum 18. oder 19. Lebensjahr, wenn das Körperwachstum nahezu
abgeschlossen ist. In dieser Zeit wird der Jugendliche sexuell erwachsen und erwirbt sine
Individualität als ein von der Familie unabhängiges Individuum" (Smith/ Nolden- Hoeksema/
Fredrickson/ Loftus 2007, S.129). Eine weitere, aktuellere Definition des Begriffs Jugend
zeigt, dass man sich aufgrund von Enttraditionalisierungsprozessen in postmodernen
Gesellschaften von Altersbegrenzungen der Jugendphase loslösen muss: ,,In den
hochentwickelten individualisierten Industrie- und postmodernen
Dienstleistungsgesellschaften wird meistens eine bestimmte Alterphase mit unscharfen
Rändern zwischen Kindheit und Erwachsensein im Lebenslauf als Jugendphase
gekennzeichnet [...] Mit dem Begriff ,,
Jugend
" werden in der Regel die Heranwachsenden
(adolescents) gekennzeichnet, die nicht mehr Kind und noch nicht vollends mündig-
selbständige Erwachsene sind. Die Jugendphase wird daher durch die mehr oder minder
scharf umgrenzte oder bewußte Auswahl einer Mehrzahl von menschlichen Subjekten, die
einer bestimmten demographischen ,Klasse′ von Altersjahren angehören, charakterisiert"
(Ferchhoff 1993, S.54). Die Jugendphase kann heutzutage nicht mehr klar umrissen werden
und findet je nach Lebenslauf einen individuellen Ausgang: ,,Die Jugendzeit ist heute so
gesehen für die meisten Jugendlichen angesichts längerer Schul- und Ausbildungszeiten,
Warteschleifen, Zweitausbildung etc. so weit ausgedehnt worden, daß sie selbst den Charakter
als verlängerte ,Warte-, Übergangs- oder Reifezeit′ weitgehend verloren hat. Die
Jugendphase hat sich mehr oder weniger von einer ,relativ sicheren Übergangs-, Existenz-
und Familiengründungsphase zu einem ,,offenen Lebensbereich′ gewandelt" (Böhnisch/
Müller, zit. nach Ferchhoff 1993, S.57).
5
Die Jugendphase ist eine Zeit des Experimentierens, der Heranwachsende kann in
verschiedene Rollen schlüpfen, sich ausprobieren, neue Möglichkeiten erfahren und so die
Konsequenzen seines Handelns kennen lernen. In dieser Zeit geben sich die Jugendlichen
erwachsen, sie möchten mitbestimmen und verfügen mittlerweile über einen eigenen
Kleidungs- und Lebensstil. Die Eltern sollen sie dabei akzeptieren wie sie sind, mit all ihren
alterstypischen Wutausbrüchen und in Augen der Erzieher oftmals komischen Outfits. Nach
außen hin wirken diese Jugendlichen selbstbewusst und selbstständig, sie sind jedoch nicht
erwachsen und haben auch ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden (vgl. Böhnisch
in Ködelpeter 2008, S.26).
Im Zuge dieses neuen Handlungsspielraumes, denen jeder Heranwachsende in unserer
Gesellschaft heutzutage ausgesetzt ist, kommt der Selbstsozialisation4 als Teil des
Sozialisationskonzepts eine immer größer werdende Bedeutung zu. Zu klären heißt es nun,
was der Begriff ,,Sozialisation" überhaupt meint: Unter Sozialisation ist, allgemein gesagt, der
,,Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit
zwischen Individuum und der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt
zu verstehen, wobei das Individuum als ,aktiver Umweltgestalter′ (Geulen 1977) bzw. als ein
,produktiv realitätsverarbeitendes Subjekt′ (Hurrelmann 1986; 2002; s. Kap. 4.3.) gesehen
wird" (Raithel/ Döllinger/ Hörmann 2007, S.60). ,,Im Prozeß der Sozialisierung5 lernt der
Mensch, die Sprache in Übereinstimmung mit sozialen, insbesondere moralischen Normen zu
gebrauchen. Er lernt, daß bestimmte Wörter unanständig sind und nicht gesagt werden
dürfen" (Kron 2001, S.51).
Der Prozess der Sozialisation läuft in jedem einzelnen Individuum ab, er ist also spezifisch
und dient zur Entwicklung und Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit: ,,Sozialisation ist die
lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen,
insbesondere den körperlichen und psychischen Grundmerkmalen, die für den Menschen die
,innere Realität′ bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen
die ,äußere Realität′ bilden" (Hurrelmann 2006, S.16). Der Sozialisationsprozess ist
notwendig um gesellschaftsfähige Individuen zu schaffen, durch verschiedene
Sozialisationsinstanzen wird der Jugendliche in die Gesellschaft integriert und erlangt
schließlich eine individuelle Persönlichkeit sowie seinen Platz in der Gemeinschaft. Im Zuge
der Sozialisation sieht sich jede Jugendgeneration verschiedenen, gesellschafts- und
4 ,,Selbstsozialisation geschieht über die Definition von Zugehörigkeiten und Abgrenzungen zu anderen
Menschen als Teil sozialer Gruppen. Dies erfolgt u.a. über sozialästhetische Umgehensweisen mit Musik und
Medien, die neben dem ,reinen′ ästhetischen Genuss ein nicht zu vernachlässigendes Motiv für deren Nutzung
und Gebrauch darstellen können" (Müller/ Glogner/ Rhein/ Heim 2002, S.16).
5 Die Begriffe Sozialisation und Sozialisierung werden hier synonym gebraucht (vgl. Kron 2001, S.52).
6
kulturspezifischen Problemen und Herausforderungen gegenüber-gestellt, die sie zu
bewältigen hat.
2.2. Jugend heute
Die heutige Gesellschaft ist einer enormen Umstrukturierung der Lebensgewohnheiten- und
Verhältnisse unterworfen: Prozesse wie der Wandel der Geschlechtsrollen, die Auflösung
konventioneller Autoritäten, die Zersplitterung von Beziehungen und schließlich die
Individualisierung haben dazu beigetragen, dass die gesellschaftlichen Werte sich in den
letzten 100 Jahren enorm gewandelt haben. Aktuell wird auf Flexibilität und Mobilität
gesetzt, Formen des Zusammenlebens gibt es wie Sand am Meer, an Stelle von Tradition steht
nun Modernisierung (vgl. Roth- Ebner 2008, S.26f).
Die Jugend wächst mit immer mehr technischen Neuerungen auf, im Zuge der
Modernisierung kam es zur Entstrukturisierung und Individualisierung der Jugendphase:
,,Ausgangspunkt für den Prozess der Individualisierung war die in den fortgeschrittenen
Industriegesellschaften sich rasch vollziehende Modernisierung der Gesellschaft.
Modernisierung steht für Veränderungen, insbesondere für einen bestimmten Typ des
sozialen Wandels, der sich in verschiedenen Bereichen in den vergangenen Jahrhunderten
vollzogen hat. Eigentlich geht es um die beschleunigte Entwicklung von der traditionalen
Agrargesellschaft zur hochentwickelten, demokratisch- pluralistischen Industrie-gesellschaft"
(Hoffmann 2002, S.21).
Hurrelmann sieht die Gründe für die Ausdifferenzierung der Lebensphase Jugend zum einen
in der ,,Etablierung des allgemeinen Schulwesens, des beruflichen Ausbildungssystems und
der akademischen Hochschulen " (Hurrelmann 2007, S.22), zum anderen jedoch auch in
technischen Modernisierungs- und Rationalisierungsprozessen, infolge derer weniger
Arbeitskräfte benötigt werden. Des Weiteren hat sich auch der Eintritt in die Pubertät in den
vergangenen 100 Jahren zeitlich enorm vor verlagert (vgl. ebd., S.22). Das Leben der
Heranwachsenden heute ist demnach kaum vergleichbar mit der Jugendlichen vor 100 Jahren.
Die Jugendphase ist mittlerweile geprägt von Institutionalisierung in Form von Schule und
Ausbildung: ,,[...] der Bildungs- bzw. Lernaspekt ist zweifelsohne zu einem zentralen
Merkmal für das Verständnis der Jugendphase geworden" (Böhnisch, zit. nach Ferchhoff
1993, S.109). Die Jugendlichen müssen ihr Leben vermehrt selbst in die Hand nehmen, wo
vor 100 Jahren die Herkunft noch den zukünftigen Beruf bestimmte, wo das Leben von
7
religiösen Riten mitbestimmt wurde, steht heute der Kampf um einen eigenen Ausbildungs-
oder Studienplatz: ,,[...] müssen Jugendliche [...] ihre Lebensbiographie jenseits traditioneller
Herkunftsmilieubindungen und jenseits verbindlicher institutionalisierter, kollektiv
vorgelebter Statuspassagen in die eigene Hand nehmen" (Ferchhoff 1999, S.182). Die
Heranwachsenden sind heute im Gegensatz zu vorhergehenden Jugendgenerationen vielen
Angeboten und Möglichkeiten ausgesetzt, sie müssen sich in einer Vielzahl von Medien- und
Werbeangeboten zurechtfinden und sich letztendlich daraus ihren eigenen, individuellen Stil
zusammenbasteln.
Die Pluralisierung der Lebensstile führt zum einen zu früher unvorstellbaren Freiräumen, die
die Jugendlichen heute genießen dürfen, zum anderen jedoch auch zu Verunsicherungen und
Ängsten vorm eigenen Scheitern und vor Arbeitslosigkeit (vgl. Ferchhoff 1993, S.47). Viele
Jugendliche sind dem gesellschaftlichem Druck nicht gewachsen, kommen mit der
Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt nicht zurecht und bleiben häufig arbeits- und perspektivlos
allein zurück. ,,Immer häufiger tritt auch die Situation ein, dass eine Entwicklungsaufgabe gar
nicht oder nicht voll abgeschlossen werden kann, etwa der Eintritt in einen Beruf wegen
Arbeitsplatzmangel nicht erfolgt oder wenn sich junge Frauen und Männer entscheiden, keine
eigene Familie mit Kindern gründen zu wollen" (Hurrelmann 2007, S.9).
Jugendliche müssen heutzutage ,,eine hohe Kompetenz der persönlichen und biografischen
Selbstorganisation aufbauen, wenn sie Anforderungen der körperlichen und psychischen
Innenwelt und der sozialen und physischen Außenwelt bewältigen wollen. Sie stehen vor der
Aufgabe, in den gesellschaftlich jeweils voneinander getrennten Lebensbereichen
Herkunftsfamilie, Schule, Berufsausbildung, Hochschule, Freizeit, Medien, Konsum,
Freundschaft, Partnerschaft, Recht und Religion jeweils eigene Wege der individuellen
Erntfaltung und der sozialen Integration zu finden" (Hurrelmann 2007, S.9). Eine
Pluralisierung der Gesellschaft erfordert somit auch ein gewisses Organisationstalent um all
diese Aufgaben bewältigen zu können, nicht selten jedoch bleibt dabei ein Lebensbereich auf
der Strecke. Jugendliche sehen sich unter dem ,,zunehmenden Druck zur Selbstorganisation,
zur individualisierten Gestaltung ihrer Lebensgeschichte anfällig für unvorhersehbare Brüche
und einem nicht kalkulierbaren Scheiterrisiko ausgesetzt" (Ferchhoff 1993, S.123). Auch die
Rolle der Erwachsenen als leitende Instanz der Identitätsbildung verliert aufgrund von
Arbeitslosigkeit und fehlenden Vorbildcharakters zunehmend an Bedeutung (vgl. Hurrelmann
2007, S.18). Nichts desto trotz setzen die Heranwachsenden auch gegenwärtig noch auf die
Meinung ihrer Erziehungsberechtigten und lassen sich von diesen Unterstützung und Halt
geben. Jugendliche stehen in Zeiten der Individualisierung vor einer Vielzahl zu
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