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Aufsätze zum Verhältnis von Faktum und Fiktion in Literatur und Sprache

Subtitle: Der 2. Weltkrieg in der Literatur, der 11. September 2001 in der Literatur, Persönliche Ereignisse in der Literatur, Essays zu Sprache und Schrift

Anthology, 2009, 106 Pages
Author: René Ferchland
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Institution/College: University of Erfurt
Category: Anthology
Year: 2009
Pages: 106
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V137929
ISBN (E-book): 978-3-640-46468-5
ISBN (Book): 978-3-640-46183-7

Abstract

Zu Anfang soll geklärt werden, wodurch Jurek Becker zu diesem, seinem wohl größten Werk inspiriert wurde und welche Aspekte es für eine tiefergehende Rezeption durchaus zu beachten gilt. Eine Äquivalenz der Schwerpunkte des Romans hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Judentum, der Darstellung eines jüdischen Ghettos und Jurek Beckers erste Lebensjahre in einem solchen ist augenscheinlich. Doch kann man das 1967 von Jurek Becker geschriebene Drehbuch „Jakob der Lügner“ wirklich als einen autobiografischen Verarbeitungsversuch betrachten? Als Versuch also, das Gefühl des Einzelnen in einer großen Masse – eingesperrt, überwacht und mundtot – in den eigenen Kontext zu setzen und dadurch eine Eigenrehabilitation herbeiführen zu wollen? Man sollte meinen, dass dies nahe liegt, doch war der Autor für rekapitulierbare, explizite Erinnerungen an ein solches Ghettoleben zu jung; es handelt sich hier um den Zeitraum ab seiner Geburt, also 1937 bis zum Jahre 1939. Trotz oder gerade aufgrund nicht vorhandener Erinnerungen ist es Becker ein Bedürfnis, in eine solche Welt einzutauchen, was ihm mithilfe der Schriftstellerei zu gelingen vermag, denn „ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst“. Ein weiterer Aspekt für die Romangrundlage ist sicherlich die Geschichte, die der Autor von seinem Vater Max Becker erfahren hat. Dieser bat ihn im Anschluss, über jemand Außergewöhnliches zu schreiben. Die Geschichte: „Ich habe einen Mann gekannt, der hat im Ghetto Radio gehört. Weißt du, was das bedeutet? Das war bei Todesstrafe verboten. Der hat Radio London oder Radio Moskau oder was weiß ich gehört und hat die guten Nachrichten weiter verbreitet, und das ist solange gegangen, bis ein Spitzel ihn denunziert hat, und dann ist er erschossen worden“. Sowohl das Motiv des Radios als auch der vermeintliche Held und dessen tragisches Ende haben Becker derart beeinflusst, dass er sein Drehbuch stark daran anlehnte. Dass der Held in Beckers Umsetzung den Namen Jakob trägt, ist kein Zufall – Jurek Becker wies darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit der biblischen Geschichte von Jakob und dessen Betrug an Esau gebe. In dieser wird beschrieben, wie Jakob den Segen des Erstgeborenen, also den Vorzug vor seinem Bruder Esau durch eine Lüge erhält und damit am Ende zum Wohle aller beiträgt. [...]


Excerpt (computer-generated)

SAMMLUNG I

Aufsätze zum Verhältnis von Faktum und Fiktion

in Literatur und Sprache

von René Ferchland (B.A., Universität Erfurt)

I

DER 2. WELTKRIEG IN DER LITERATUR

1. DARSTELLUNG VON JUDEN UND JUDENTUM IN JUREK BECKERS

ROMAN »JAKOB DER LÜGNER«

2. DER MONTIERTE EFFEKT IM LETZTEN TEIL VON WALTER

KEMPOWSKIS »ECHOLOT«-PROJEKT

II

DER 11. SEPTEMBER 2001 IN DER LITERATUR

3. DIE SCHLAGZEILE DES 11. SEPTEMBERS ­

FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE ASPEKTE

4. »EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH« - NEOHISTORISTISCHE

ANSÄTZE IN DER LITERATUR DES 11. SEPTEMBERS 2001

III PERSÖNLICHE EREIGNISSE IN DER LITERATUR

5. »DER SCHIMMELREITER« - EINE LITERATURKRITISCHE

ANALYSE DES BÜRGERLICH-REALISTISCHEN WERKES

6. GOETHE REIST NACH ITALIEN ­

MÖGLICHE URSACHEN EINER KRISE

IV ESSAYS ZU SPRACHE UND SCHRIFT

7. PSYCHOGRAFIEN, DIE CHINESISCHE SCHRIFT, DAS ESPERANTO



Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis:

1.

DER JUDE IM TEXT »JAKOB DER LÜGNER«

DARSTELLUNG VON JUDEN UND JUDENTUM IN JUREK BECKERS ROMAN

(2006)

1.1 REZEPTIONSASPEKTE DES ROMANS »JAKOB DER LÜGNER«

01

1.2 IDENTIFIKATION MIT DEM JÜDISCHEN

03

1.2.1

Die

Figur

Kowalski

03

1.2.2

Die

Gebrüder

Schtamm 04

1.2.3

Leonard

Schmidt 06

1.2.4

Jakob

Heym

06

1.3

DAS TEXTINTERNE JUDENBILD VS. DAS »HISTORISCHE DEUTSCHE« 08

2.

DER MONTIERTE EFFEKT IM LETZTEN TEIL

VON WALTER KEMPOWSKIS »ECHOLOT«-PROJEKT

(2007)

2.1 DIE ROLLE DES ABGESANGS ′45 IM »ECHOLOT«-PROJEKT

09

2.2 »DAS ECHOLOT« ALS MONTIERTE DOKUMENTATION

10

2.3 PARA- UND INTERTEXTUALITÄT IN DER LITERARISCHEN MONTAGE

12

2.3.1 Verwendung von Fotografien / Paratextuelle Aspekte

12

2.3.2 Intertextualität als Grundbaustein der Montage

13

2.4 ABGESANG ′45

15

2.4.1 Hitlers Geburtstag ­ Rekonstruktion eines ,,Trauertages"

15

2.4.2 Dialog von Subjekten als Objektivitätskriterium

16

2.4.3 Die Kapitulation ­ Abgesang ′45

17


Inhaltsverzeichnis

3.

DIE SCHLAGZEILE DES 11. SEPTEMBERS ­

FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE ASPEKTE

(2007)

SCHLAGZEILEN NACH DEM 11. SEPTEMBER 2001

19

3.1

DIE TAGESZEITUNG: TABLOID UND BROADSHEET

20

3.2

DIE ALLGEMEINE PRINTMEDIALE SITUATION NACH DEM 11.09.

21

3.2.1

Unmittelbare Reaktionen der deutschen Tagespresse

21

3.2.2

Reflektionen kurz- und fünf Jahre danach

22

3.3 ZIFFER 11 DES PRESSEKODEX′ UND DER 11.09. 23

3.4 ALLGEMEINE EIGENSCHAFTEN DER SCHLAGZEILE

24

3.5 DIE SCHLAGZEILENFORMULIERUNG

26

3.5.1 Die

Schlagzeilen-Berichtvorspann-Relation

26

3.5.2

Die Aufmachung der Schlagzeile und ,,double talk"

28

3.6 FAZIT

30

4.

»EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH« - NEOHISTORISTISCHE

ANSÄTZE IN DER LITERATUR DES 11. SEPTEMBERS 2001

(2007)

4.1 DER 11. SEPTEMBER 2001 UND LITERATUR

73

4.2

LITERATUR DES 11. SEPTEMBER

75

4.2.1

»Extremely loud & incredibly close« von Jonathan Safran Foer

76

4.2.2

»www.else-buschheuer.de ­ das New York Tagebuch«

79

4.3 DIE REFERENZ AUF »9/11«

35

4.4 THESEN DES NEOHISTORISMUS

38

4.5 NEOHISTORISTISCHE ANSÄTZE IN FOERS ROMAN

42

4.5.1

Kontextbildende

Materialien

42

4.5.2

Der

Diskursfaden

45

4.5.3

Die

kulturelle

Energie 47

4.6 FAZIT

49


Inhaltsverzeichnis

5.

»DER SCHIMMELREITER« - EINE LITERATURKRITISCHE ANALYSE

DES BÜRGERLICH-REALISTISCHEN WERKES

(2006)

5.1 EINBLICK IN DIE EPOCHE UND STORMS LEBEN

51

5.1.1

Der

Realismus-Begriff 52

5.1.2

Exkurs:

Storm

in

Husum

53

5.1.3

Aspekte

zur

Werkentstehung

54

5.2

DER MYTHOS »SCHIMMELREITER«

57

5.2.1 Selbstheroisierung

Hauke

Haiens

58

5.2.2

Die dargestellte Gesellschaft: Konservatismus vs. Moderne

59

5.3 LITERATURTHEORETISCHE ANALYSE DES ERZÄHLTEXTES

62

5.4 REZEPTIONSERGEBNISSE FÜR DEN LESER

65

6.

GOETHE REIST NACH ITALIEN ­

MÖGLICHE URSACHEN EINER KRISE

(2008)

6.1 DAS WERTESYSTEM DES MÜNDIGEN MENSCHEN GOETHE

67

6.2

DIE KRISE UND ITALIEN

68

6.3 PHASEN KINDLICHER ENTWICKLUNG

70

6.3.1

Goethe wird, was man ihm gibt

71

6.3.2

Goethe ist, was er will

73

6.3.3

Goethe ist, was er sich zu werden vorstellen kann

74

6.4 ERGEBNISSE DER ITALIENREISE

76

7.

ESSAYS ZU SPRACHE UND SCHRIFT

(2008)

I

PSYCHOGR.: IST EINE ALPHABETISIERUNG DER SEELE MÖGLICH? 80

II

DIE CHINESISCHE SCHRIFT: ENTSTEHUNG UND VERSTÄNDNIS

85

III DIE IDEE DES ESPERANTO: KÜNSTLICH VS. NATÜRLICH

90



1.

DER JUDE IM TEXT »JAKOB DER LÜGNER«

DARSTELLUNG VON JUDEN UND JUDENTUM

IN JUREK BECKERS ROMAN

1 . 1 REZEPTIONSASPEKTE DES ROMANS »JAKOB DER LÜGNER«

Zu Anfang soll geklärt werden, wodurch Jurek Becker zu diesem, seinem wohl größten Werk

inspiriert wurde und welche Aspekte es für eine tiefergehende Rezeption durchaus zu beach-

ten gilt.

Eine Äquivalenz der Schwerpunkte des Romans hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem

Judentum, der Darstellung eines jüdischen Ghettos und Jurek Beckers erste Lebensjahre in

einem solchen ist augenscheinlich. Doch kann man das 1967 von Jurek Becker geschriebene

Drehbuch ,,Jakob der Lügner" wirklich als einen autobiografischen Verarbeitungsversuch be-

trachten? Als Versuch also, das Gefühl des Einzelnen in einer großen Masse ­ eingesperrt,

überwacht und mundtot ­ in den eigenen Kontext zu setzen und dadurch eine Eigenrehabilita-

tion herbeiführen zu wollen? Man sollte meinen, dass dies nahe liegt, doch war der Autor für

rekapitulierbare, explizite Erinnerungen an ein solches Ghettoleben zu jung; es handelt sich

hier um den Zeitraum ab seiner Geburt, also 1937 bis zum Jahre 1939.1

Trotz oder gerade aufgrund nicht vorhandener Erinnerungen ist es Becker ein Bedürfnis, in

eine solche Welt einzutauchen, was ihm mithilfe der Schriftstellerei zu gelingen vermag, denn

,,ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste

mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst"2.

Ein weiterer Aspekt für die Romangrundlage ist sicherlich die Geschichte, die der Autor von

seinem Vater Max Becker erfahren hat. Dieser bat ihn im Anschluss, über jemand Außerge-

wöhnliches zu schreiben. Die Geschichte: ,,Ich habe einen Mann gekannt, der hat im Ghetto

1 Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene: Schreiben im Schatten der Shoah, in: Text + Kritik. Jurek Becker, hg. von

Heinz Ludwig Arnold. München 1992, S. 19.

2 In: ,,Das Ghetto in Lodz 1940-1944", Wien 1991, S.16.


2

Rezeptionsaspekte des Romans »Jakob der Lügner«

Radio gehört. Weißt du, was das bedeutet? Das war bei Todesstrafe verboten. Der hat Radio

London oder Radio Moskau oder was weiß ich gehört und hat die guten Nachrichten weiter

verbreitet, und das ist solange gegangen, bis ein Spitzel ihn denunziert hat, und dann ist er er-

schossen worden"3. Sowohl das Motiv des Radios als auch der vermeintliche Held und dessen

tragisches Ende haben Becker derart beeinflusst, dass er sein Drehbuch stark daran anlehnte.

Dass der Held in Beckers Umsetzung den Namen Jakob trägt, ist kein Zufall ­ Jurek Becker

wies darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit der biblischen Geschichte von Jakob und

dessen Betrug an Esau gebe.4 In dieser wird beschrieben, wie Jakob den Segen des Erstgebo-

renen, also den Vorzug vor seinem Bruder Esau durch eine Lüge erhält und damit am Ende

zum Wohle aller beiträgt. Dieses Motiv des Lügens aus Barmherzigkeit übertrug Becker mit

Jakob in seine Geschichte.

Nachdem das Drehbuch zu ,,Jakob der Lügner" 1968 abgelehnt wurde, arbeitete Becker es

zum Roman um. 1969 dann erschien dieser und begründete seinen Ruhm als Prosaschriftstel-

ler. Ironisch wirkt die Tatsache, dass der Roman dann doch verfilmt wurde und sogar eine

Oscar- Nominierung erhielt.

Jurek Beckers ganz eigene Einstellung zum Judentum ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt für

das Verstehen dessen, was der Roman vermitteln will. Er identifizierte sich nie mit dieser ihm

scheinbar aufgebrannten religiösen Zugehörigkeit, denn wenn man ihn danach fragte, so ant-

wortete er: ,,Meine Eltern waren Juden"5. Sein distanziertes Verhältnis mündet sogar fast in

einer Ablehnung jeglicher jüdischer Attribute, denn er verstand sie als eine Mahnung, eine

Schuld begleichen zu müssen, die er nie auf sich genommen hat.6 Damit macht er sehr deut-

lich, dass eine Identifizierung mit dem Judentum eine zu komplexe Identität mit sich bringt, in

der er sich nicht einzuordnen bereit war. Aber genau dieses Problem des ,,Aufstempelns"

zieht sich durch seinen Roman, ganz abgesehen von dem denunzierenden Judenstern. Seine

Figuren nehmen unmissverständlich Stellung zu ihrem Verhältnis zum Judentum und überra-

schen den Leser teilweise mit völliger Ablehnung, zum Teil purem Atheismus. Dies lässt sich

bei der Beleuchtung einzelner Figuren veranschaulichen.

3 Werkstattgespräch mit Jurek Becker. In: Graf, Konietzny 1991, S. 59.

4 Vergleiche Schenke, Manfred Frank: ...und nächstes Jahr in Jerusalem?: Darstellung von Juden und Judentum

in Texten, Frankfurt am Main 2002, S. 254 ff.

5 Heidelberger-Leonard, in: Text + Kritik. S. 21.

6 Ebd.


3

Identifikation mit dem Jüdischen

1.2

IDENTIFIKATION MIT DEM JÜDISCHEN

Festzuhalten ist demnach, dass Jurek Beckers Verhältnis zum Judentum auf der einen Seite

sehr eindeutig ist; dies betrifft seine Ablehnung der Selbstidentifizierung mit dieser Religion

und auf der anderen Seite stellt er die Figuren in seinem Roman als Personen und vor allem

als Juden sehr differenziert dar, untermauert seine Überzeugung mit fast schon appellieren-

dem Charakter. Die Hauptaussage ist wohl, dass es zwischen Juden kaum mehr Gemeinsam-

keiten gibt, als zwischen den Individuen überhaupt.

An dieser Stelle soll nun untersucht werden, welche Figuren des Romans ,,Jakob der Lügner"

sich wie mit ihrer Herkunft und dem Judentum identifizieren. Zudem kann eine solche Unter-

suchung Aufschluss darüber geben, welchen Effekt die Darstellung dieser verschiedenen Ju-

denbilder auf den Rezipienten hat.

,,Im Roman wird ,,das Image der Juden durch eine traditionelle und verbreitete Typologie

strukturiert [...], die allerdings in ihrer Repräsentation durch das Figurenensemble auf

Menschliches bezogen wird."7. Becker streut demnach sehr bewusst verschiedenste charakter-

liche Eigenschaften, die dem Juden mit der Zeit als typische Merkmale anheim fielen, über

seine Figuren. Die Figur Kowalski lässt sich als Beispiel dafür heranziehen; er wird als ge-

schwätzig und hinterlistig dargestellt, womit er das Klischee des typischen Juden erfüllt.

Festzuhalten ist zudem, dass Becker weitgehend auf die Darstellung äußerer Merkmale ver-

zichtet, denn zum einen war in dieser Hinsicht keine Differenzierung zwischen Juden und

Nichtjuden nötig, schließlich sind seine Charaktere fast ausschließlich Juden ­ und zum ande-

ren war ihm nicht daran gelegen, die so oft karikierten physiognomischen, physischen und

psychischen Eigenschaften des typischen Judenbildes zu bestätigen. Ausnahmen wie Kowals-

ki dienen sicherlich zur intertextuellen Diskussion.

1.2.1. Die

Figur

Kowalski

Um das Beispiel der Figur Kowalski weiter zu verfolgen; dieser scheinbar durchaus mit ty-

pisch jüdischen Charakterzügen ausgestattete Friseur (,,[er] war misstrauisch, verschroben,

ungeschickt,..." (S. 256)), zeichnet sich dagegen auch durch ein sehr soziales Wesen aus. So

rettet er den Protagonisten Jakob vor dem Zugriff der Deutschen, als Jakob sich die Zeitung

von deren Toilette stiehlt. Kowalski macht mit viel Mut durch ein absichtliches Missgeschick

7 Schenke: Judentum in Texten, S. 266.


4

Identifikation mit dem Jüdischen

auf sich aufmerksam und rettet sein Leben. Und auch als Jakob ihm gesteht, dass es gar kein

Radio gibt, ist seine Schlussreaktion voll menschlicher Wärme: Kowalski ,,dreht [...] sich

noch einmal um, zwinkert tatsächlich, mit beiden Augen. ,Und ich bin dir nicht böse.′" (S.

253). Dieser Ausspruch Kowalskis weist auf eine Sensibilität hin, die der Rezipient dem im

Verlaufe als oberflächlich und fahrlässig Dargestellten gar nicht zutraut. Hier ist das Überra-

schungsmoment auf Beckers Seite, abgesehen davon, dass sich eine gewisse Feigheit in dem

Suizid Kowalskis niederschlägt, so macht diese Handlung umso deutlicher, dass es sich bei

dem geschwätzigen und listigen Juden immer noch um einen Menschen handelt, der hinter

seiner Fassade alle Hoffnung in das Radio und die guten Nachrichten projiziert hat und dass

die Wahrheit ihn um alles zu berauben imstande ist. So stellt Jakob nachdrücklich fest: ,,du

hast mir das falsche Gesicht gezeigt" (S. 256). So klischeeerfüllt diese Figur also zu Beginn

wirkt, so überraschend ist das hohe Maß an Empfindlichkeit und Menschlichkeit, was, wie

uns Becker lehrt, nicht im Kontrast zum ,,typisch Jüdischen" zu stehen hat, sondern damit

einhergehen kann.

1.2.2 Die Gebrüder Schtamm

,,Er schwitzt wie ein Wasserfall, ich habe noch nie jemand so schwitzen sehen, er wird erst

aufhören, wenn die Russen dieses verfluchte Ghetto genommen haben, keinen Tag früher.

Denn Herschel Schtamm ist fromm" (S. 68). Die Figur Herschel Schtamm dient als Vorzei-

geobjekt des kompromisslosen Synagogendieners, immer emsig und fleißig, eben wie es das

Judentum gebietet. Denn nach der Lehre des Judentums ist die Arbeit dem Menschen von An-

fang an eine von Gott gestellte Aufgabe, der diese Figur besonders eindringlich nachgeht.

Auch neben seinem Verhalten bekennt sich dieser Herschel durch seine Schläfenlöckchen

zum Jüdischen. Diese Schläfenlöckchen versteckt er unter einer Mütze, um sie vor den Deut-

schen zu schützen. Und so schwitzt er sommers unerträglich unter dieser Mütze, um sich die-

se Bekenntnisse zu seiner Religion bewahren zu können. Becker stellt mit Bedacht eine so

orthodoxe Figur ins Geschehen; um den Maßstab einer Gottesfürchtigkeit zu setzen, die sogar

innerhalb des ganzen Ensembles stark polarisiert. Zum anderen macht diese Figur den Unter-

schied zu den vermeintlich nichtjüdischen Bewohnern des Ghettos sehr deutlich.

Das Radio stellt für Herschel eine große Gefahr dar, doch verschließt er sich den Neuigkeiten

nicht gänzlich. So nutzt er seine Informationen, um den Menschen in einem Wagen Hoffnung

zu machen: ,,Ihr müsst aushalten, nur noch kurze Zeit müsst ihr aushalten. Die Russen sind

schon bei Bezanika vorbei!" (S. 137). In der Folge wird Herschel deswegen erschossen. Alle



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