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Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller

Title: Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller

Essay , 1999 , 14 Pages

Autor:in: Rolf Todesco (Author)

German Studies - Linguistics
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Summary Excerpt Details

Neue Werkzeuge werden gemeinhin zuerst für alte Zwecke eingesetzt. Werkzeuge werden meistens unter diesem Gesichtspunkt entwickelt und oft auch entsprechend gestaltet. Selten weiss der Erfinder, was er erfunden hat. Das Telefon war als Rundfunk gedacht. Der Computer - nomen est omen - sollte beim Rechnen helfen. Das Internet wurde als Faxsystem konzipiert, das WWW als Datenbank. Meistens erfüllen die neuen Werkzeuge die alten Zwecke gut, viele Erfindungen könnten sonst gar nicht überleben.

Auch die Erfinder von Hypertext hatten ganz praktische Anliegen. Der CIA-Agent Vannevar Bush versuchte damit, seine Mikrofiche wiederzufinden. Ted Nelson - der den Begriff Hypertext prägte - wollte Ordnung in der Archivierung von Literatur schaffen. An das Internet konnten beide nicht denken, weil diese Technologie noch nicht vorhanden war. Vernünftigerweise sollte ich natürlich keine Erfinder von Hypertext erfinden, weil das, was die Erfinder erfunden haben, sehr spezifische Probleme lösen sollte, die mit dem, was Hypertext als neue Technologie darstellt, relativ wenig zu tun hatten (vgl. Todesco 1998:267). Neue Zwecke für die neuen Werkzeuge müssen sich erst entwickeln. Beim Telefon waren es nachgewiesenermassen die Hausfrauen der Manager, die das Chatten entdeckten und zeigten, was das Telefon eigentlich ist - denn Symphoniekonzerte hören wir am Telefon erst seit jüngster Zeit, wenn wir durch eingespielte Konserven zum Warten animiert werden sollen. Und dass ich heute alles mittels eines Computers schreibe, den ich nur ganz selten zum Rechnen benutze, hat sehr viel damit zu tun, dass viele Programmierer merkten, dass man auf den Programmeditoren auch Liebesbriefe schreiben kann. Als sogenannte Textverarbeitungssysteme wurden diese Editoren erst verkauft, nachdem sie bereits tausendfach als solche benutzt wurden. Wirklich erfunden wird Hypertext erst allmählich - in der Reflexion dessen, was wir mit Hypertext jenseits von Datenbankapplikationen, die die Erfinder im Auge hatten, tun.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Prolog: Technologie - Von der Zählmaschine zur Erzählmaschine

2 Hypertext: Neue Schläuche für alten Wein

3 Text: Artefakt

4 Hypertexter: Leser - Autor

5 Hyper-Kommunikation: Text jenseits von Mitteilungen

6 Hyperfiction: Neue Schläuche für autorisierte Schriftsteller

7 Hyper-Kunst: Ein weiterentwickelteres Kunstverständnis

8 Epilog: primitive Technologie

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Hyperkommunikation aus einer radikal konstruktivistischen Perspektive. Ziel ist es zu analysieren, wie sich die Rolle von Autor und Leser durch die technologischen Möglichkeiten von Hypertext verändert und warum eine Modellierung als klassischer Kommunikationsprozess (Sender-Empfänger) hier nicht zielführend ist.

  • Technologie als Spiegel menschlicher Fähigkeiten und Entwicklung
  • Die Transformation von Schriftstellern zu "Schrift-Um-Stellern"
  • Hyperkommunikation als kollaborativer Prozess ohne klassische Mitteilungsfunktion
  • Hypertext als autonomes Kunstmedium und Artefakt
  • Kritik am traditionellen Interpretationsverständnis im Kontext digitaler Texte

Auszug aus dem Buch

Hyper-Kommunikation: Text jenseits von Mitteilungen

Hyper-Kommunikation heisst die Kollaboration verschiedener Menschen an einem gemeinsamen Hypertext. In dieser Kollaboration nimmt jeder der Beteiligten am gemeinsamen Text die Veränderungen vor, die das Text-Artefakt für ihn selbst "stimmig" machen. Sie verfahren dabei so wie ein bildender Künstler, etwa ein Bildhauer, mit der Ent-Wicklung seines Gegenstandes verfährt. Die Arbeit am Text erscheint unter dieser Perspektive als Arbeit an einer "Graphit"-Struktur unter ästhetischen Gesichtspunkten. Jede Veränderung des Textes kann auf den Veränderer oder auf die andern an der Kollaboration Beteiligten zurückwirken. Mit ihren Veränderungen am gemeinsamen Text perturbieren sich die Hyper-Kommunizierenden gegenseitig, solange bis ein relativer Gleichstand erreicht ist und die Kommunikation abstirbt - weil das Kunstwerk ent(ausge)-wickelt ist. Ein Hypertext ist wie ein Bild oder eine Skulptur nie fertig, aber der Produzent des Werkes ist irgendwann nicht mehr motiviert, das Werk noch weiter zu treiben. Dieses nicht mehr Motiviertsein ist manchmal von der Emotion begleitet, dass das Werk perfekt sei, manchmal von der Emotion, dass daraus nichts mehr werden könne.

Der Hypertext einer Hyperkommunikation ist das Produkt eines kollektiven Produzenten. In der Hyperkommunikation hat der Text keine Mitteilungs-Funktion, das heisst, die Kommunikation liegt in seiner kollaborativen Produktion, nicht in einer nachgelagerten Rezeption. Darauf werde ich später zurückkommen. Zunächst will ich etwas zur Kommunikation sagen.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Prolog: Technologie - Von der Zählmaschine zur Erzählmaschine: Der Autor erläutert seine technikphilosophische Sichtweise, in der neue Werkzeuge als Instanzen dienen, die menschliche Fähigkeiten explizit machen.

2 Hypertext: Neue Schläuche für alten Wein: Hier wird dargelegt, dass neue Technologien oft erst für alte Zwecke genutzt werden, bevor sie ihre eigenständige Logik entfalten.

3 Text: Artefakt: Dieses Kapitel definiert Text nicht als Träger von Mitteilungen, sondern als materielles Artefakt, dessen Bedeutung in der funktionalen Verwendung liegt.

4 Hypertexter: Leser - Autor: Der Autor beschreibt die Auflösung der traditionellen Rollenteilung und führt den Begriff des "Schrift-Um-Stellers" für den Hyper-Leser ein.

5 Hyper-Kommunikation: Text jenseits von Mitteilungen: Es wird die These entwickelt, dass Hyperkommunikation eine kollaborative Praxis ist, die keine gemeinsamen Sinnwelten voraussetzt.

6 Hyperfiction: Neue Schläuche für autorisierte Schriftsteller: Eine kritische Auseinandersetzung mit der literarischen Nutzung von Hypertext, die oft bei alten Vorstellungen von Autorenschaft verharrt.

7 Hyper-Kunst: Ein weiterentwickelteres Kunstverständnis: Das Kapitel betrachtet Kunst als autonomes Medium des Ausdrucks, das frei von Rezeptionsorientierung agiert.

8 Epilog: primitive Technologie: Eine abschließende Reflexion über die Form der Publikation, die selbst als lineare Sequenzierung von Hypertext-Elementen entstanden ist.

Schlüsselwörter

Hyperkommunikation, Hypertext, Radikaler Konstruktivismus, Artefakt, Kommunikation, Technologie, Schrift-Um-Steller, Hyperfiction, Autonomie, Kollaboration, Medien, Textverarbeitung, Systemtheorie, Ästhetik, Kunstverständnis.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die Auswirkungen von Hypertext-Technologien auf die Art und Weise, wie wir kommunizieren, schreiben und Kunst produzieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Schwerpunkte liegen auf der Technikphilosophie, dem Radikalen Konstruktivismus und der kritischen Analyse von Textproduktion im digitalen Zeitalter.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?

Das Ziel ist es zu zeigen, dass Hyperkommunikation nicht mit klassischen Sender-Empfänger-Modellen erklärt werden kann, da sie einen eigenständigen, kollaborativen Handlungszusammenhang bildet.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich primär auf konstruktivistische Theorien und systemtheoretische Überlegungen zur Natur von Kommunikation und Medien.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert die Rolle des Nutzers als "Hyper-Leser" oder "Schrift-Um-Steller" und kontrastiert diese mit dem traditionellen Verständnis von Literatur und Autorenschaft.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind unter anderem Hyperkommunikation, Hypertext, Artefakt, Autonomie und der kollektive Autor als emergentes Phänomen.

Wie unterscheidet sich ein Hyper-Leser von einem traditionellen Leser?

Der Hyper-Leser ist nach Ansicht des Autors ein aktiver "Schrift-Um-Steller", der durch seine Auswahl und Navigation erst den spezifischen Text generiert, den er liest.

Warum lehnt der Autor die Interpretation als wissenschaftliche Methode ab?

Interpretationen setzen nach seiner Argumentation einen "gegebenen Sinn" voraus, den die Literatur als autonomes Kunstwerk gerade nicht zwangsläufig mitteilen muss oder will.

Inwiefern ist das vorliegende Buch selbst ein Beispiel für das Thema?

Der Autor weist im Epilog darauf hin, dass der Text aus Hypertext-Elementen zusammengesetzt wurde, die nun eine gedruckte, lineare Form angenommen haben.

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Details

Title
Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller
Author
Rolf Todesco (Author)
Publication Year
1999
Pages
14
Catalog Number
V148607
ISBN (eBook)
9783640602582
ISBN (Book)
9783640602421
Language
German
Tags
Hyperkommunikation Schrift-Um-Steller Schriftsteller Hypertext Konstruktivismus Kommunikation
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Rolf Todesco (Author), 1999, Hyperkommunikation: Schrift-Um-Steller statt Schriftsteller, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148607
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