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Einfluss der Beziehung zu Olga Waissnix auf Leben und Werk Arthur Schnitzlers

Intermediate Diploma Thesis, 2000, 26 Pages
Author: Christina Wolf
Subject: Theater Studies

Details

Category: Intermediate Diploma Thesis
Year: 2000
Pages: 26
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V15691
ISBN (E-book): 978-3-638-20738-6

File size: 244 KB


Excerpt (computer-generated)

„Von der Künstlernatur zum Künstler“1
oder „Liebe, die starb vor der Zeit“2
Der Einfluss der Beziehung zu Olga
Waissnix auf Leben und Werk Arthur Schnitzlers

 


von Christina Wolf

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite 1

2. Zwei Menschen im Wien des „fin de siècle“ Seite 2

2.1. „Ich fühl`es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.“ 5
2.2. Die Biographie einer gescheiterten Liebe: Olga Waissnix 7

3. Die Meraner Tage: „Das Abenteuer seines Lebens“ Seite 9

4. Funktion und Bedeutung der Beziehung zu Olga Waissnix 12

4.1. ... auf persönlicher Ebene des Menschen Arthur Schnitzlers 13
4.2. ...auf das künstlerische Werk des Dichters Seite 18

Literaturverzeichnis



1. Einleitung:

Der Mensch und der Dichter Arthur Schnitzler... Zwei fast eigenständige Persönlichkeiten, die sich manchmal im Weg standen, wenn es um seine dichterischen Aktivitäten ging, die aber auch nicht ohne einander denkbar wären, da der Dichter seine Anregungen und seine Figuren nur aus der erlebten Realität des Menschen Schnitzler gewinnen konnte. Bis heute prägen die Erfahrungen des Menschen Arthur Schnitzler seine Werke und machen sie so zu einem unverwechselbaren persönlichen Zeugnis eines Lebens im Wien der Jahrhundertwende. Dass die zwei Hälften Arthur Schnitzlers, der Mensch und der Dichter, sich nicht aus den Augen verloren haben, dass nicht die ernüchternde Lebensperspektive ein durchschnittlicher Arzt zu werden die künstlerische Entwicklung hemmte, dafür zeichnete sich eine Frau verantwortlich: Olga Waissnix traf Arthur Schnitzler zu einer Zeit, in der der junge Mann hin- und hergerissen war zwischen seinen, oft noch dilettantischen, künstlerischen Versuchen und der vom Vater bestimmten Laufbahn als Arzt. Sie spürte sein Talent, die Dinge zu sagen, die unter der Oberfläche verborgen waren: „Hervorragende Geister müssen ringen, damit die Dutzendmenschen, die sie zuerst anfeindeten, es dann recht bequem haben. Sie gehören zu den Kämpfern des 20. Jahrhunderts [...]!“3

In ihrer gemeinsamen Liebe und besonders in ihrem späteren Briefwechsel ermutigte und bestärkte sie ihn, seinen künstlerischen Neigungen zu folgen. In einer Zeit, in der der spätere Erfolg des Dichters noch nicht abzusehen war, hielt sie zu ihm und gab so vielleicht seinem Leben die entscheidende Richtung, ein großer Dichter zu werden. Olga selbst war ein solcher Erfolg nicht vergönnt. Als Opfer der herrschenden Moral, verweigerte sie Schnitzler eine „richtige“ Beziehung und zog sich in ihre träume einer idealisierten Liebe zurück. Am Ende ihres Lebens musste sie erkennen, dass sie nicht nur ihre große Liebe Schnitzler verloren, sondern auch sich selbst bis zur Selbstaufgabe preisgegeben hatte. Diese Arbeit versucht, die Beziehung der beiden von ihrem Treffen in Meran bis zu Olgas Tod darzustellen und die Auswirkungen dieser „metaphysischen“ Freundschaft auf Leben und Werk des Dichters anhand schriftlicher Zeugnisse der beiden nachzuzeichnen. Da ein Verständnis ohne die Beschreibung der Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht möglich wäre, soll dies nun zu Anfang geschehen.

2. Zwei Menschen im Wien des „fin de siècle“

„Leichtsinn und Eleganz, grundiert durch Melancholie: diese Mischung ergibt jene fin de siècle-Stimmung, die, schillerndes Fäulnisprodukt des absterbenden Liberalismus, als ‚Stimmung‘ beherrschend blieb für die restlichen Jahrzehnte der habsburgischen Monarchie.“ Schnitzlers Jugend fällt in eine Zeit der politischen Perspektivlosigkeit, deren Auswirkungen sich in einem ideologischen und moralischen Werteverfall bürgerlicher Tugenden äußern, die bis dorthin das Klima der habsburgischen Monarchie bestimmt hatten.

Der Liberalismus als politische Kraft, in der sich die Bürger repräsentiert fanden und auf denen ihre Moralvorstellungen beruhten, sah seinem Niedergang entgegen. Der Industrialisierung, die das Leben aller Menschen veränderte, blieb die bürgerliche Anhängerschaft des Liberalismus unbeweglich gegenüber. Anstatt neue Ideen und Richtungen zu finden, beschränkte sich die reiche Oberschicht des Bürgertums darauf, ihre Stellung in der Gesellschaft zu konservieren. Bezeichnend ist demnach auch, wie Schnitzler selbst über die Bedeutung des Staates und den damit verbundenen Ideologien seiner Zeit urteilt. Schnitzler gehörte ja zu der Generation, die zwar noch in der Welt der alten Gesellschaftsordnung auf die Welt gekommen war, im Laufe deren Leben sich aber Konventionen und gesellschaftliche Regeln aufzulösen begannen, um schließlich nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Identität zu finden:

„[...] die Heimat war eben nur Tummelplatz und Kulisse des eigenen Schicksals; das Vaterland, ein Gebilde des Zufalls, - eine völlig gleichgültige, administrative Angelegenheit, - und das Weben und Walten der Geschichte drang doch nur , wie es uns Gegenwärtigen meist passiert, in der misstönigen Melodie der Politik ans Ohr [...]“4 In den Worten Schnitzlers zeigt sich, dass das Auseinanderklaffen von bürgerlicher Identität und der Wirklichkeit der beginnenden Moderne nicht mehr zu vermeiden war. Die Diskrepanz zwischen bürgerlicher Selbstauffassung und der Realität trat erstmals beim Börsenkrach 1873 deutlich hervor, bei dem auch der Vater Schnitzlers, Johann Schnitzler, einen großen Teil seines Vermögens verlor. Weniger war es allerdings diese finanzielle Beeinträchtigung, als die Erkenntnis, dass etwas völlig Neues und Unfassbares diese geordnete Welt zum Einstürzen bringen konnte. Die Schwächung ihrer Ideologie begann die Legitimation bürgerlicher Wertevorstellungen auszuhöhlen, indem sie sie ihrer ideologischen Basis beraubte. Die Oberschicht der Wiener Gesellschaft zog sich aus dem politischen Leben zurück und widmete sich nur noch ihren eigenen Interessen. Verdrängung wurde zum obersten Prinzip, um das Traumbild einer gefestigten Gesellschaft bewahren zu können. Schnitzler gibt in seiner Autobiographie mehrmals Einblicke in diese Welt der Bürger, denen der Schein wichtiger war als das Sein.5

Dem Theater kam in dieser Zeit verschwimmender Grenzen eine besondere Bedeutung zu. Die Bürger Wiens verstanden das Theater als Teil ihres eigenen Kultur- und Wertesystems und wiesen ihm, als gesellschaftliche Institution, eine wichtige Rolle zu. Über den Aspekt des Vergnügens hinaus, wirkte das Theater ideologie- und normfestigend für das liberale Großbürgertum, die wiederum in ihm ihre eigene Identität wieder fanden. Als Resümee dieses Zusammenspiels von Schein und Sein auf der „Bühne bürgerlicher Weltanschauungen“ fasst Scheible den Begriff des fin de siècle zusammen:

„[Da]hinter [...] verbirgt sich die altgewordene Utopie: noch immer ästhetischer Schein statt bürgerlicher Emanzipation, [...] was ursprünglich auf gesellschaftliche Realisierung aus war, [ist] nach innen gewandt [...], als Neigung zur subtilen Selbstanalyse. Politische Richtungslosigkeit und subtile Sicherheit des Geschmacks, ein entpolitisiertes öffentliches Leben und eine kaum noch vorstellbare kulturelle Produktivität bedingten einander.“6

[...]


1Tagebuch Arthur Schnitzler 2. Januar 1880.
2 Titel des von Heinrich Schnitzler und Therese Nickl veröffentlichten Briefwechsels zwischen Olga Waissnix und Arthur Schnitzler.
3 Briefwechsel Olga Waissnix-Arthur Schnitzler. S. 168.
4 Jugend in Wien. S. 276.
5 Zum Verhältnis Eltern-Kind: Jugend in Wien. S. 44, zu Sexualität und Aufklärung: Jugend in Wien. S. 287.
6 Hartmut Scheible. Arthur Schnitzler. S. 10.


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