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11. September 2001 - Ein empirisch-analytischer Beitrag über politische Kommunikation

Thesis (M.A.), 2003, 178 Pages
Author: Matthias Janßen
Subject: Communications: Media and Politics, Politic Communications

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2003
Pages: 178
Grade: 1.3
Language: German
Archive No.: V16083
ISBN (E-book): 978-3-638-21028-7

File size: 803 KB
Notes :
Untertitel: Die Relevanz diskursiver Strategien bei der Konstruktion politischer Wirklichkeiten in massenmedial vermittelter Kommunikation.



Excerpt (computer-generated)

Universität Duisburg - Essen

Standort Essen

Fachbereich 3: Literatur- und Sprachwissenschaften

Magisterarbeit

11.September 2001:
Ein empirisch-analytischer Beitrag über
politische Kommunikation

Die Relevanz von diskursiven Strategien 
bei der Konstruktion politischer Wirklichkeiten 
in massenmedial vermittelter Kommunikation

Abgabetermin: 24.04.2003

Vorgelegt von: Matthias Janßen

20. Semester

Hauptfach :Kommunikationswissenschaft
Nebenfach :Psychologie
Nebenfach :Soziologie

 

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung ... 5

II. Theoretische Grundlagen ... 9

1. Die elementaren Zusammenhänge von Massenmedien, Öffentlichkeit und Wirklichkeit ... 9

1.1 Ein kurzer Abriss der Entwicklung von Kommunikationsmedien ... 9

1.2 Erlebte Welt - Eine konstruktivistische Darstellung zur Entstehung von Wirklichkeiten ... 14
1.2.1 Einführung zu einer konstruktivistischen Perspektive ... 14
1.2.2 Das Beobachten als Grundlage von Wirklichkeitskonstruktion ...15
1.2.3 Das Entstehen wirklichkeitsrelevanter Bedingungen durch kognitive und kulturelle Prozesse ... 18
1.2.4 Die Alltagswelt: Allerweltswissen und die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit ... 21

1.3 Massenmedien: Bedingungen und Eigenarten der Wirklichkeitskonstruktion ... 25
1.3.1 Einführendes zur Wirklichkeit von Massenmedien ... 25
1.3.2 Die besonderen Merkmale der Massenmedien ... 25
1.3.3 Der wirklichkeitskonstituierende Einfluss von Massenmedien ... 29
1.3.4 Die Selektion von Nachrichten ... 31
1.3.5 Massenmedien und Wahrheit ... 33

1.4 Öffentlichkeit: Annäherung an einen Begriff ... 36
1.4.1 Aspekte von Öffentlichkeit ... 36
1.4.2 Eingrenzung des Öffentlichkeitsbegriffs ... 37
1.4.2.1 Die Funktion von Öffentlichkeit in Gesellschaften ... 37
1.4.3 Öffentlichkeit in massenmedialer Kommunikation ... 39
1.4.3.1 Öffentlichkeit und Themen ... 40
1.4.3.2 Aufmerksamkeit ... 41
1.4.4 Aspekte der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung ... 43
1.4.4.1 Die öffentliche Meinung ... 44
1.4.4.2 Die veröffentlichte Meinung 46 Luhmann′ s Verständnis von öffentlicher Meinung ... 47

2. Die Konstruktion politischer Wirklichkeiten: Die Bedeutung rhetorischer Sprachstrategien in politischen Diskursen von Massendemokratien ... 50

2.1 Einführung in das Kapitel ... 50

2.2 Zur politischen Kommunikation in Massendemokratien ... 52

2.3 Der Diskurs als wirklichkeitskonstituierendes Phänomen einer massenmedialen Gesellschaft ... 53

2.4 Die Matrix der fünf Adressen beim Deuten von Ereignissen ... 55 

2.5 Die Logik der öffentlichen Aufmerksamkeit: Rahmenbedingungen rhetorischer Sprachstrategien ... 57

2.6 Die rhetorischen Strategien politischer Kommunikation ... 60
2.6.1 Zur Einführung ... 60
2.6.2 Die semantischen Komponenten von Deutungsmustern ... 61
2.6.2.1 Konnotationen ... 61
2.6.2.2 Deontik: Positive und negative Zuschreibungen von Begriffen ... 63
2.6.2.3 Die Hochwertbegriffe ... 65
2.6.3 Moralisierung als rhetorische Strategie in politischen Diskursen ...66
2.6.3.1 Die narrative Darstellungsform politischer Diskurse ... 69
2.6.3.2 Topoi: Argumentationsfiguren politischer Kommunikation ... 71
2.6.3.3 Personalisierung ... 72
2.6.3.4 Ent- und Gegenmoralisierung ... 74
2.6.4 Komplementärkategorien der Moralisierung ... 75
2.6.4.1 Komplementärkategorie I: Sachzwang ... 75
2.6.4.2 Komplementärkategorie II: Interesse ... 77
2.6.5 Die Bedeutung von Angstkommunikation ... 80
2.6.5.1 Die Funktion von Feindbildern und vom Gut-Böse-Schema ... 81

III. Empirischer Teil ... 86

1. Vorbemerkungen zur Diskursanalyse ... 86

1.1 Die Betrachtung des Untersuchungsgegenstands ... 86

1.2 Untersuchungsgegenstand und Materialauswahl ... 86
1.2.1 Politische Kommunikation in der Tageszeitung ... 86
1.2.2 Der analytische Umgang mit den Artikeln der Frankfurter Rundschau ... 88

1.3 Allgemeines zur Diskursanalyse ... 90

2. Eine diskursanalytische Beobachtung der Deutungsmuster im thematischen Zusammenhang mit dem ′Krieg gegen den Terror′ in der Frankfurter Rundschau ... 92

2.1 Übersicht über den Aufbau der Diskursanalyse ... 92

2.2 Das diskursive Ereignis des 11. September: Ein Szenario der Betroffenheit und Bedrohung ... 94
2.2.1 Vom Ereignis zur massenmedialen Realität ... 94
2.2.2 Überraschungsangriff: Der Mythos von der Unverwundbarkeit ... 96
2.2.3 Die übergreifende Beschreibung und Bewertung des Terrorismus ... 98
2.2.4 Die Symbolisierung von World Trade Center und Pentagon ... 99
2.2.5 Vom Motiv zur Bestimmung des Feindes ... 100
2.2.6 Das Untergangsszenario: Die Bedrohung unserer Grundwerte ... 103
2.2.7 Die Solidarität der Guten im Kampf gegen das Böse ... 104

2.3 Die Opferrhetorik ... 107

2.4 Die diskursive Bedeutung der dargestellten Ermittlungen und Beweise ... 111
2.4.1 Das Betroffenheits- und Bedrohungsszenario als Grundlage für die Narration der Ermittlungen ... 111
2.4.2 Die ′Fakten und Tatsachen′ des 11. September ... 113
2.4.3 Von der Vermutung zur Gewissheit: Die Verbindung zu bin Laden ... 118

2.5 Kriegsrhetorik: Strategien der Moralisierung im Vorfeld des Afghanistankriegs ... 123
2.5.1 Vom ′Kampf Gut gegen Böse′ ... 124
2.5.2 Die Konstruktion der zentralen Feindbilder ... 125
2.5.2.1 Allgemeines zur Rolle der Feindbilder ... 125
2.5.2.2 Osama bin Laden ... 127
2.5.2.3 Al Qaeda ... 130
2.5.2.4 Die Taliban ... 132
2.5.2.5 Das übergreifende Feindbild vom internationalen Terrorismus ... 135
2.5.2.6 Folgen der Feindbildkonstruktion ... 138
2.5.4 Über den Topos der Verteidigung von Freiheit, Demokratie und Zivilisation ... 139
2.5.5 Solidarität gegenüber den USA: Die moralische Pflicht zur uneingeschränkten Unterstützung ... 143

2.6 Ein Fazit über die öffentliche Legitimation des Afghanistankriegs: Die Deutungszusammenhänge politischer Argumentationslogiken ... 145

IV. Schlussbemerkung ... 147

V. Anhang ... 150

Anhang I ... 151
Anhang II ... 155
Anhang III ... 165

VI. Literaturverzeichnis ... 169

 

 

 

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen Beitrag zur politischen Kommunikation dar, welche ihren Fokus auf das Problemfeld der massenmedialen Konstruktion politischer Wirklichkeiten richtet. Politische Kommunikation, das sagt bereits der ′Begriff′, befasst sich mit der kommunikativen Vermittlung politischer Sachverhalte. In Demokratien unserer Zeit gelingt dies über den ′Gebrauch′ von Massenmedien. Politiker stehen der Aufgabe gegenüber, ihr politisches Handeln und Denken in der Öffentlichkeit von Massendemokratien1 zu dokumentieren. Die Art und Weise, wie dieser Prozess vollzogen wird, ist geprägt von der ′Beschaffenheit′ der Massenmedien, welche in ihren ′sprachlichen Ausformungen′ im gleichen Zuge die öffentliche Wahrnehmung der politischen Wirklichkeiten bestimmt. Für die Kommunikationswissenschaft eröffnet sich durch die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ein Forschungsgegenstand, der einen Einblick in die Zusammenhänge von ′Politik′, ′Massenmedien′ und ′Wirklichkeit′ gewährt und daran anschließend ein Verständnis der politisch-kommunikativen Prozesse vermitteln kann. Der besondere Wert, politische Kommunikation aus dem Blickwinkel der ′Konstruktion von Wirklichkeit′ theoretisch zu beschreiben und empirisch zu untersuchen, liegt in der konstitutiven Bedeutung dieser Prozesse für die kulturelle Ausprägung von Gesellschaften begründet. Kommunikative, kognitive und kulturelle Prozesse, die in ihrer Reziprozität die Bedingungen der Wirklichkeitswahrnehmung hervorbringen und prägen, bilden dabei den Ausgangspunkt und die Grundlage für die Beantwortung der allgemeinen Frage, ′wie Wirklichkeit um uns herum entsteht′.

In der Vergangenheit näherte sich die Kommunikationsforschung den thematischen Zusammenhängen der politischen Kommunikation vornehmlich aus einer Sichtweise, welche sich an den Ansätzen der Medienwirkungsforschung orientierte. Die bekannte Lasswellformel ,,Who says what to whom in which channel with what effect"2 verdeutlicht in unverkennbarer Weise die in den Vordergrund gestellten Interessen. Der Gegenstand dieser Untersuchungen war stets, die Wirkzusammenhänge zu elaborieren. Der Formelteil ′Wer sagt Was zu Wem auf Welchem Kanal′ spiegelt sich innerhalb der Medienwirkungsforschung in verschiedenen Ansätzen wider, wobei mal die Rezipienten, mal die ′schreibende Zunft′ der Journalisten oder aber die unterschiedlichen Massenmedien selbst Ausgangspunkt des Forschungsinteresses waren.3 Die übereinstimmende zentrale Fragestellung blieb aber immer darauf ausgerichtet, ′wie Massenmedien die Wirklichkeit verzerren′.

Diese Herangehensweise halten wir in Bezug auf die politische Kommunikation für nicht ausreichend, da wir die Auffassung vertreten, dass sich die Prozesse massenmedialer Wirklichkeitskonstruktion nur unzureichend durch die ′Suche nach Kausalbezügen′ (z.B. Stimulus-Response-Modell u.a.)4 erklären lassen. Vielmehr wenden wir uns der Beschreibung wirklichkeitskonstituierender Kommunikationsprozesse in Massendemokratien aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive zu, die N. LUHMANNtreffend mit den folgenden Fragen umreißt: ,,Wie konstruieren Massenmedien Realität? Oder komplizierter [...]: Wie können wir [...] die Realität ihrer Realitätskonstruktion beschreiben? Sie lautet nicht: Wie verzerren Massenmedien die Realität durch die Art und Weise ihrer Darstellung?"5 Diese Fragen bilden den allgemeinen Rahmen der vorliegenden Arbeit.

Nach einem kurzen einleitenden Abriss über die Entwicklung von Kommunikationsmedien, werden wir uns aus der Perspektive des Konstruktivismus dem Themenkomplex der ′Wirklichkeit′ nähern. Ausgangspunkt dieses Abschnitts ist der Begriff der ′Beobachtung′, welcher in Hinsicht auf den konstruktivistischen Ansatz von bestimmender Bedeutung für die Beschreibung von Wirklichkeit ist. U. MATURANA folgert in diesem Zusammenhang: ,,[...], weil Leben und Beobachten gleichbedeutend sind".6 Diese Feststellung besagt, dass es notwendig ist, die spezifischen Prozesse, welche in Verbindung mit dem Beobachten in Erscheinung treten, immer auch in Beziehung zu den gesellschaftlichen und kognitiven Prozessen zu sehen sind. Welche Konsequenzen das für die Wirklichkeitswahrnehmung hat, beschreiben P. BERGER und TH. LUCKMANN in ihren Ausführungen über die ,,Wirklichkeit der Alltagswelt"7. Sie sind Gegenstand eines eigenen Kapitels und schließen den allgemeinen Teil über die Konstruktion von Wirklichkeit ab.

Das bis dahin Besprochene bereitet den ′theoretischen Boden′ für die anschließende Auseinandersetzung mit der massenmedialen Konstruktion von Wirklichkeit. Der Fokus wird nun auf das Anliegen ausgerichtet, die Besonderheiten in Bezug auf ′Massenmedien′ und ′Wirklichkeit′ zu erarbeiten und herauszustellen. Mit Blick auf die Zusammenhänge der Konstruktion von politischen Wirklichkeiten, ist es zwingend, genau zu betrachten, wie die ,,Realität der Massenmedien"8 entsteht. Des Weiteren erfordert eine Arbeit über politische Kommunikation ein ′Sich-Befassen′ mit den Begriffen ′Öffentlichkeit′ und ′öffentliche Meinung′. Sie stellen zentrale Begriffe dar und werden entsprechend thematisiert.
In den folgenden Kapiteln richten wir dann unser Augenmerk auf die Konstruktion politischer Wirklichkeiten in Massendemokratien. Bevor wir im Weiteren auf Grundlage der evozierten Ausführungen über ′Wirklichkeit′, ′Massenmedien′ und ′Öffentlichkeit′ auf die spezifischen ′politischen Sprachgebilde′, welche in massenmedial vermittelter Kommunikation beobachtbar sind, eingehen können, bleibt die Frage zu beantworten, ′welche allgemeine Aufgabe politische Kommunikation in Massendemokratien übernimmt′.

Der zweite Abschnitt des theoretischen Teils berührt somit das konkrete Ziel dieser Arbeit, welches in der Ausarbeitung der wirklichkeitskonstituierenden ′Leistung′ angewandter rhetorischer Strategien9 im ′politischen Diskurs′10 zu verorten ist. Die zentral zu bearbeitenden Fragestellungen lauten schließlich:

Wie kommen rhetorische Strategien innerhalb der massenmedialen Politikvermittlung zur Geltung und auf welche Art prägen sie die Konstruktion politischer Wirklichkeiten?

Die Beantwortung dieser Fragen erfolgt, neben der theoretischen Auseinandersetzung mit den generellen und speziellen Bedingungen politischer Rhetorik innerhalb der massenmedialen Kommunikation, in Form einer empirischen Analyse. Aus der theoretischen Betrachtung der rhetorischen Strategien bilden sich ′Beschreibungskriterien′ für politisch geführte Diskurse in Massenmedien heraus, die es ermöglichen, ′Wertigkeiten′ und dahinterstehende ′Deutungsmuster′ in massenmedialen Beiträgen zu benennen. Zweck der Analyse ist es, am Beispiel eines konkreten politischen Sachverhalts aufzuzeigen, wie rhetorische Strategien auf den politischen Diskurs Einfluss nehmen. Ausgangspunkt ist zum einen das politische Ereignis des ′11. September′ selbst und zum anderen das Phänomen der ′Zustimmungsbereitschaft der deutschen Öffentlichkeit′ zu einer kriegerischen Intervention gegen Afghanistan.

II. Theoretische Grundlagen

1.Die elementaren Zusammenhänge von Massenmedien, Öffentlichkeit und Wirklichkeit

1.1. Ein kurzer Abriss zur Entwicklung von Kommunikationsmedien
a) Anfänge der Kommunikationsmedien

Bevor wir näher auf die für politische Kommunikation basalen Zusammenhänge von ′Massenmedien′, ′Wirklichkeit′ und ′Öffentlichkeit′ eingehen, werden wir diesen voran, eine kurze Beschreibung der Entwicklung von Kommunikationsmedien vornehmen. Wir wollen damit verdeutlichen, welche bedingenden Voraussetzungen wir bezüglich der Kommunikation grundsätzlich zu berücksichtigen haben.

Betrachten wir die heutigen Möglichkeiten, sich mit anderen Menschen kommunikativ auseinander zu setzen, so ist festzustellen, dass wir auf verschiedene Arten von Kommunikationsmedien zurückgreifen können. Uns erscheinen diese Kommunikationsmedien und der Umgang mit ihnen als selbstverständlich, doch wissen wir auch, dass die meisten im Vergleich zur Geschichte der Menschheit erst kurze Zeit vorhanden sind. Wir reflektieren in unserer alltäglichen Anwendung nur selten die Voraussetzungen, welche uns die einzelnen Kommunikationsmedien durch ihre jeweilige ,,Materialität"11 zur Verfügung stellen12

Werfen wir einen Blick auf die Menschheitsgeschichte, so tritt die Phylogenese als Bedingung für die kommunikative und soziale Entwicklung der Menschen in den Vordergrund.13 Während dieser Entwicklung findet auch der entscheidende Schritt in Richtung Ausbildung und Nutzung von Zeichen und Symbolen statt:14 Die Menschen machen sich die einst von der Natur ,,vorprogrammierten Gebärden und Lautgebärden"15 zu eigen. Ein bedeutender Schritt, da sie fort an in die Lage versetzt sind, diese nach eigenem Willen, in Situationen außerhalb ihres ursprünglichen ′Zwecks′ zu verwenden. In Bezug auf die Benutzung der Zeichen bleibt von Beginn dieser Entwicklung an eines immer im Mittelpunkt: Sie ,,ist nur in einer gemeinsamen Anstrengung möglich, im Aufeinander-Eingehen und Miteinander-Handeln". Die daraus abzuleitenden ,,Normen und Regeln" haben die verschiedenen ,,Kulturgemeinschaften" hervorgebracht, die K. BOECKMANN als eine vom ,,Menschen erschaffene Lebensform" bezeichnet.16

Bis heute stellt die eben geschilderte Beobachtung, bezüglich Zeichen und Symbole, die ′zentrale Erkenntnis′ dar, dass nur über eine gemeinsame Bezugnahme kommunikative Verständigung erreicht werden kann. Das an sich scheint obsolet, doch die Folgen dieses ′Sichaufeinanderbeziehens′ sind in den Ausprägungen eines gemeinschaftlich entstandenen Sinns (d.h. Kultur und Gesellschaft) zu finden. Die Loslösung von der ,,genetischen Gebärde" hin zu einer symbolisch verwendeten Gebärde bewirkt aber nicht nur einfach die Möglichkeit, diese unabhängig vom ,,genetischen Programm"17 zu benutzen, was wie soeben verdeutlicht, die Grundvoraussetzung aller menschlichen Kultur bedeutet. Sie ermöglicht auch, sich mit Kommunikationspartnern inhaltlich über ′räumlich′ und ′zeitlich Abwesendes′ auseinander zu setzen. Der Mensch erreicht mit der Nutzung von Zeichen und Symbolen eine stete Erweiterung seiner kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, welche eng mit der Wahrnehmung und den alltäglichen Handlungsweisen verknüpft sind.18 Die unmittelbare Verbindung zwischen Kommunikation und der gemeinsamen Handhabbarmachung der Umwelt, zum Zwecke der Handlungsfähigkeit durch selektive symbolische Prozesse, ist der entscheidende Faktor im Verstehen einer Entwicklung von Kommunikationsmedien. Betrachten wir die Ausdifferenzierung der Medien unter der Prämisse, dass damit immer auch eine Verbesserung der eigenen Handlungsmöglichkeiten innerhalb der direkten Umwelt verbunden ist, so deutet sich der Zusammenhang zur Wirklichkeitskonstruktion hier erstmals an.

In der weiteren Entwicklung der Kommunikationsmedien, die K. BOECKMANN fort an als ,,Objektivierung"19 beschreibt, wenden wir uns der Benutzung von Gegenständen aus der Umwelt als Zeichenträger zu. Dies hat die Notwendigkeit aufgehoben, zur Kommunikation, immer und überall, d.h. ′zeitlich′ wie ′räumlich′, anwesend zu sein.20 Die Relevanz dieser Entwicklung ist nur zu begreifen, wenn wir uns vor Augen halten, dass dieser Schritt, als ′Urbeginn′ der ′Loslösung des Körpers′ von der Kommunikation zu sehen ist.21: Von diesem Punkt der Geschichte aus, lassen sich zwei Entwicklungsprozesse bezüglich der Kommunikationsmedien feststellen: Zum einen die Entwicklung der gesprochenen Sprache bzw. der Körpersprache und zum anderen eine zweite stetige Entwicklung weg vom Körper als Ausgangspunkt von Kommunikation hin zum zeichenhaften Gebrauch ,,objekthafter" Gegenstände der Umwelt. Entscheidend bei dem Prozess der fortschreitenden Objektivierung ist, dass mit diesem Schritt der Verfügbarkeit von ,,abbildhafter" Kommunikation die Möglichkeit entstand, Dinge unabhängig eines nicht immer verlässlichen Gedächtnisses und vor allem eines sterblichen Gedächtnisträgers zu speichern.22 Eine Entwicklung, die zusätzlich zur mündlichen Überlieferung, eine Gemeinschaft in kultureller Sicht hin absicherte. Das ,,kollektive Wissen"23, konnte erstmals losgelöst vom Individuum, wenn auch vorerst eher fragmental, an nachfolgende Generationen weitervermittelt werden. Sprache, die auf der Ebene der Erweiterung durch Benennungen von Objekten der Umwelt und Bedeutungen von Zeichen/Symbolen ihre Objektivation und ihren Fortschritt fand, ist sicherlich zentrales ′Werkzeug′ für die Bildung sozialer Wirklichkeiten. Dennoch sind parallel dazu, die Entwicklungen der technischen Mittel auf Seiten der ,,objekthaften Bedeutungsträger"24, angefangen von der Abstrahierung ikonischer Malerei, über erste Schriftzeichen, hin zur heutigen Schrift, in Bezug auf die kulturelle Ausdifferenzierung, von konstituierender Bedeutung.

Fassen wir das eben Gesagte zusammen, ergibt sich, dass der Prozess der Objektivierung ein ständiges Ineinandergreifen der Bedingungen und Möglichkeiten von Kommunikationsmedien und Kommunikationspraxis beinhaltet. N. LUHMANN drückt dies systemtheoretisch mit dem Begriff der ,,Irritation"25 aus. Er verweist damit auf den ′emergenten Charakter′ der Ausdifferenzierung von Kommunikationsmedien und Kommunikationsprozessen, den er exemplarisch anhand der ,,Verbreitungstechnologie" darlegt:


[...] Sie konstituiert selber nur ein Medium, das Formenbildungen ermöglicht, die dann, anders als das Medium selbst, die kommunikativen Operationen bilden, die die Ausdifferenzierung und die operative Schließung des Systems ermöglichen.26

b) Massenmediale Kommunikationsmedien

Der Beginn der Geschichte von Massenmedien wird meistens mit der Erfindung des Buchdrucks lokalisiert. Dabei wird erstmals im Verlauf der Objektivierung eine möglichst hohe Distribution seiner Materialität (dem Gedruckten) zur Priorität. Der Buchdruck gilt seither im Allgemeinen auch als erster ′Höhepunkt′ der massenmedialen Entwicklungsgeschichte. K. BOECKMANN beschreibt dies damit, dass erstmals ,,die materiellen Bedingungen des geistigen Prozesses auf die Kommunikationsverhältnisse und damit auch die Qualität der Kommunikation einwirken und sie verändern können."27


1 Der Begriff beinhaltet eine zusammenfassende Beschreibung von Demokratien, die in ihrer politischen Kommunikation durch massenmediale Prozesse gekennzeichnet sind. Vgl. C. KNOBLOCH (1998), S. 73 ff.

2 Vgl. H. D. LASSWELL (1964), S. 37.

3 Einführende Literatur zur Medienwirkungsforschung finden sich bei R. BURKART (2002), S. 186 ff. und H. BONFADELLI (1999).

4 Vgl. K. MERTEN (1999), S. 331 ff.

5 N. LUHMANN (1996), S. 20.

6 U. MATURANA (2001), S. 21 f.

7 Vgl. P. BERGER/TH. LUCKMANN (2001), S. 21 ff.

8 Vgl. N. LUHMANN (1996). Siehe dazu auch das Interview mit N. LUHMANN, Anhang I, S. 149-152

9 Nicht im Sinne ′individueller Strategien′ einzelner Akteure, sondern von Individuen unabhängige sprachliche Strategien. Vgl. dazu auch C. KNOBLOCH (1998), S. 16 f.

10 Vgl. dazu ST. SCHALLENBERGER: ,,Was sagbar und schließlich machbar ist, wird in Diskursen ausgehandelt." ST. SCHALLENBERGER (1998), S. 11. Wir werden an späterer Stelle noch näher auf den Begriff eingehen.

11 Vgl. zum Begriff ,,Materialität" S.J. SCHMIDT, der treffend feststellt: ,,Folglich müssen die Materialitäten all das enthalten, was eine systemspezifisch bewertbare Anschlussfähigkeit von Medienangeboten eröffnet; denn wir gehen kognitiv wie kommunikativ mit der Materialität von Medienangeboten um, nicht mit Sinn oder Bedeutungen." S.J. SCHMIDT (2000), S. 28.

12 K. BOECKMANN (1994), S. 16 f.

13 Vgl. S.J. SCHMIDT (2000), S. 24.

14 Vgl. K. BOECKMANN (1994), S. 18. Anmerkung zur weiteren Verwendung von Begriffen ′fremder′ Autoren: Wir werden nach einmaligen Quellennachweis wiederverwendete Begriffe nicht mehr explizit kenntlich machen. Wenn nicht anders angemerkt, verwenden wir sie weiterhin in diesem Sinne.

15 Vgl. ebd. (1994), S. 17.

16 Vgl. ebd. (1994), S. 19.

17 Vgl. zu beiden Begriffen K. BOECKMANN. ebd. (1994), S. 17 f.

18 Einen Hinweis für diesen Zusammenhang liefert K. BOECKMANN mit seiner Beschreibung von der Ausdifferenzierung des Zeichensystems durch lebensnahe Handlungen wie der Jagd. Vgl. ebd. (1994), S. 18.

19 Vgl. K. BOECKMANN (1994).

20 Vgl. ebd. (1994), S. 19ff und G. MALETZKE (1984), S. 27.

21 K. BOECKMANN sieht den Ausgangspunkt dieser Entwicklung in engem Bezug zu den natürlichen ,,Spuren", welche er angelehnt an die Tierwelt identifiziert. Ähnlich der Genese der Gebärden/Lautgebärden sieht er in den Spuren die ,,vorgefundenen Informationsmittel", aus denen Menschen im Zuge der Verwendung von Zeichen eigene Bedeutungsträger hervorbrachten, quasi den Ursprung von technischen Kommunikationsmedien K. BOECKMANN (1994), S. 21f.

22 Vgl. ebd. (1994), S. 21 ff.

23 Vgl. hierzu S.J. SCHMIDT (2000), S. 24.

24 Vgl. K. BOECKMANN (1994), S. 23.

25 Siehe dazu N. LUHMANN: Er beschreibt diesen Vorgang allgemein im Zusammenhang mit dem Begriff der ,,Irritation", der besagt, dass operativ geschlossene Systeme sich mittels struktureller Kopplung gegenseitig irritieren können und so als Auslöser für Veränderungen im System zu sehen sind, wobei aber keine ′unmittelbare Beeinflussung′ stattfindet, da das jeweilige System die Irritationen ausschließlich durch die eigenen Operationen integrieren kann. Vgl. N. LUHMANN (1996), S. 46 ff.

26 ebd. (1996), S. 11.

27 K.BOECKMANN (1994) S. 28.


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