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Der emanzipierte Mythos - Medea im Werk Heiner Müllers m. besonderem Augenmerk auf "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 29 Pages
Author: Nadia Hamdan
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 29
Grade: 2,3
Language: German
Archive No.: V16289
ISBN (E-book): 978-3-638-21184-0

File size: 147 KB
Notes :
Zu Mythen in der Literatur, bes. der Medea Mythos, Dramatik Heiner Müllers, Müllers Medea Rezeptionen vom Medeaspiel, über Medeakommentar bis zum Hauptteil über "Verkommenes Ufer..."



Excerpt (computer-generated)

HS Antikrezeption im deutschsprachigen Drama

Der emanzipierte Mythos – Medea im Werk
Heiner Müllers mit besonderem Augenmerk auf
„Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“

Nadia Hamdan
SS 2002

 

Inhalt:

Einleitung S. 3

1. Begriffserklärung Mythos S. 5

2. Der Medea Mythos in der Literatur S. 7
2.1 Der kolchisch-jolkische und der korinthische Mythos S. 8
2.2 Medeas universelle Charakterzüge S. 10

3. Heiner Müllers dramatisches Werk S. 12
3.1 Schrecken und Katastrophe S. 13
3.2 Intertextuelle Elemente S. 14
3.3 Geschichte und Mythos S. 14

4. Medea in Müllers Werk S. 16
4.1 Medeakommentar S. 16
4.2 Medeaspiel S. 17

5. Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten S. 18
5.1 Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten S. 21
5.2 Landschaft mit Argonauten S. 23

Schlussbetrachtung S. 26

 

Einleitung

Antike Stoffe und ihre Rezeptionen haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Nach wie vor steht der Mensch im Bannkreis der mythologischen, meist in der griechischen Antike wurzelnden, Überlieferung.

„Mythos“ – ein Wort das heute in vielerlei Zusammenhang gebraucht wird. Es gibt eine Vielzahl moderner Mythen, die ebenso schnell verschwinden, wie sie die Gesellschaft beschäftigen. Jede Epoche hatte seine eigenen Mythen – die Suche nach dem heilige Gral im Mittelalter, die Formel der Alchimisten zur Herstellung von Gold, der Mythos des sagenhaften Atlantis, der bis heute fortbesteht, universelle, religiöse Mythen wie das „Fatum“, das Schicksal im Islam. Heutige Mythen lassen sich schwer zusammenfassen – eben weil sie so schnell wieder in Vergessenheit geraten und jede Generation, jede individuelle Gruppierung, seine eigenen Mythen hat.

Die Kenntnis der antiken Mythologie trägt wesentlich dazu bei, Eingang zu einer Vielzahl von moderner Literatur zu finden – auch wenn diese sich nicht sofort ersichtlich mit einem antiken Topos beschäftigt.

In vielfacher Gestalt haben antike Mythen per se Eingang in die moderne Literatur gefunden, wurden und werden von modernen Autoren übernommen und in abgewandelter Form in die moderne Zeit adaptiert. Dabei verliert sich aber nie das antike „Ur“- Thema, es wird in ein modernes Kleid gesteckt, aber die Fragen nach dem Schicksal, dem Gesetz, der Liebe und menschlichen Problemen bleiben dieselben wie vor 3000 Jahren, sie sind dem heutigen Leser - und Zuschauer - so bekannt und vertraut wie dem Damaligen.

Sei es der Zweifel am Rechtsstaat, wie ihn Antigone äußert, oder das Leiden und die Erlösung durch den Tod, sowie das Verhältnis einer Frau zur Mutter bei Elektra. Der bekannte Mythos des Ödipus thematisiert die Suche eines Menschen nach seiner Herkunft, die Geschichte von Medea und Jason – ein Teil der Argonautensage – beschreibt den Betrug eines Mannes an seiner Frau.

Das Gesetz, seelisches Leiden, Identitätssuche, Betrug – Themen die die Literatur noch heute beherrschen und die Leser faszinieren. Als Konsens bleibt die Einsicht, dass die Menschen nur Spielbälle des Schicksals sind – sie können es nicht beeinflussen. Am Beispiel der Medea – in der Originalfassung von Euripides, der sich eines noch älteren Mythos bediente – lassen sich neben dem Topos des Betruges noch weitere allgemein gültige Motive aufzeigen.

Adaptionen des Mythos von Jason und Medea ziehen sich durch die Jahrhunderte der Literaturgeschichte. Angefangen bei Euripides, über Grillparzer, bis zu Jahnn, Christa Wolff und eben Heiner Müller gibt es zahlreiche Bearbeitungen des Mythos Medea. Sie alle stellen unterschiedliche Attribute Medeas in den Vordergrund. Mal ist sie die mordende Mutter, mal die mythologische Zauberin, die betrogene Frau oder die einsame Fremde. Medea ist im Mythos all dies gleichzeitig.

Erstmals in der Literatur erwähnt wurde die Sage Medeas vom griechischen Epiker Hesiod. Bearbeitungen von Sophokles und Aischylos gelten als verschollen. Erhalten geblieben sind von den antiken Bearbeitungen des Mythos nur die von Euripides und die des Römers Seneca. Euripides ‚Medea’ gilt bis heute als prägend für alle nachfolgenden Bearbeitungen. So beschreibt auch Heiner Müller Euripides, neben Hans Henny Jahn und Seneca, als Hauptquelle für seine Medea Bearbeitung „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“ aus dem Jahr 1982.

Müllers ‚Medeamaterial’ ist eine von vielen Adaptionen antiker Stoffe, die er verfasste. Bereits 1965 stellte er mit ‚Philoktet’ sein erstes antikes Stück fertig. Darauf folgt eine Bearbeitung von Herakles, 1966 ‚Ödipus Tyrann’ und 1972 mit ‚Zement’, zwar kein Drama, das per se einen antiken Mythos behandelt, aufgrund des Vergleiches mit dem Medea Mythos jedoch Erwähnung bei den mythischen Stücken findet.

Müller verfasste nicht nur Adaptionen antiker Stoffe, sondern verwendete auch klassische Vorlagen, wie Shakespeare in dem Stück ‚Hamletmaschine’, Grillparzer in ‚Germania 3’, oder Bertold Brecht in ‚Schlacht’, sowie viele weitere Anspielungen und Zitate. Trotzdem sind Müllers Dramen durchaus neu und anders. Müller unterscheidet zwischen dem „Stoff“ – das sei die Geschichte, „die er freilich nicht selbst erfinden kann“ 1 und der Form. Und eben diese ist das besondere an Müllers Werk, „diese ist seine Leistung und sehr wohl neuartig“ 2, wie Rainer E. Schmitt bemerkt.

Joachim Pfeiffer beschreibt in seiner Abhandlung „Arbeit am Mythos – Ödipus in der deutschsprachigen Literatur“ die Funktion des Mythos für den französischen Soziologen Levi-Strauss:

[....]


1 Rainer E. Schmitt, „Geschichte und Mythisierung – Zu Heiner Müllers Deutschland Dramatik“, Berlin, 1999, S. 32; künftig zitiert als Schmitt
2 ebd.


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