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Subtitle: Fotografie (Zeit/Raum-)Wahrnehmung und Zeitmanagement
Scholary Paper (Seminar), 1999, 35 Pages
Author: Ilsemarie Walter
Subject: History - Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Vienna (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte/Institut für Philosophie)
Tags: Zeit“, Tiefe, Zeit“, Interdisziplinäres, Seminar, Zeit, Ewigkeit“
Year: 1999
Pages: 35
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-23009-4
ISBN (Book): 978-3-638-68218-3
File size: 2276 KB
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Abstract
Ausgehend von einer Aussage Kurt Weis’, mit dem Aufkommen der Fotografie habe eine ganz neue Codierung von Zeit begonnen, geht diese Arbeit der Frage nach, was diese Erfindung zu ihrer Zeit bedeutete und welche Veränderungen sie mit sich brachte. Zur Erfindung der Fotografie mussten Kenntnisse aus zwei Wissenschaften kombiniert werden: aus der Physik/Optik zur Herstellung der Kamera und aus der Chemie zur Fixierung des Bildes. Die ersten Verfahren, die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstanden, waren Positivverfahren, mit denen nur Unikate hergestellt werden konnten. Sie wurden in der zweiten Hälfte der 1850er Jahre von der Fotografie im engeren Sinn verdrängt, die mit einem Negativverfahren arbeitete und damit die Herstellung vieler Kopien ermöglichte. Die ersten Belichtungszeiten waren noch sehr lang. Erst ab Anfang der 1850er Jahre waren die technischen Voraussetzungen für die sogenannte „Momentaufnahme“ erfüllt. Während bisher hauptsächlich Portraits gemacht bzw. Architektur, Stilleben u. ähnl. abgebildet wurden, konnte sich nun auch die sogenannte „Dokumentarfotografie“ entwickeln. Die ersten ausführlichen Kriegsberichte erschienen aus dem Krimkrieg 1853 - 1856; später dann aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865). Eine äußerst wichtige Entwicklung stellten auch die systematischen Bewegungsstudien dar, die in den 1870er und 1880er Jahren begannen. In der Literatur herrscht Einigkeit darüber, dass die Fotografie und ganz besonders die Bewegungsaufnahmen die menschliche Wahrnehmung wesentlich verändert haben. Dabei wird verschieden argumentiert. Wo die Fotografie mit Gemälden oder Zeichnungen verglichen wird, herrschen negative Aussagen über die Fotografie vor. Die Fotografie gilt dann als etwas Erstarrtes, Totes, Unnatürliches, Unmenschliches, etwas, das nicht die „wirkliche Realität“ wiedergibt. Die Vertreter einer anderen Argumentationskette sind von der Entwicklung der neuen elektronischen Medien fasziniert und sehen darin eine fast unbeschränkte Verfügbarkeit über Zeit und Raum. Vergangenheit und Zukunft würden zu Gegenwart, die Zeit „schrumpfe“; mit der Fotografie habe diese Entwicklung begonnen. Andere wiederum betonen die große Möglichkeit der Meinungsbeeinflussung durch die Art der Darstellung und die Auswahl der Bilder. Jedenfalls hat die Erfindung der Fotografie wesentliche Veränderungen eingeleitet, die möglicherweise noch gar nicht abgeschlossen sind.
Excerpt (computer-generated)
"Geronnene Zeit" und/oder "Blick in die Tiefe der Zeit"?
Fotografie, (Zeit/Raum-)Wahrnehmung und Zeitmanagement
Ilsemarie Walter
Inhalt 1
1. Einführung 2
2. Einige wichtige Daten aus der Geschichte der Fotografie 3
3. Die Fotografie - eine Neucodierung der Zeit? 6
3.1. Festhalten der Zeit 6
3.2. Verfügbarkeit über Zeit und Raum 10
3.3. Kybernetische Struktur 12
3.4. „Sichtbarmachen des Unsichtbaren“ 13
3.5. Beliebige Reproduzierbarkeit 14
4. Fotografie, Zeit und Wahrnehmung 15
4.1. Belichtungszeiten und „Momentaufnahmen“ 15
4.2. Bewegungsaufnahmen - der „Blick in die Tiefe der Zeit“ 17
5. Gilbreth - die Fotografie im Dienste des Zeitmanagements 22
6. Zusammenfassung 23
Bibliographie 25
1. Einführung
Den Anstoß dazu, mich mit der Erfindung der Fotografie in ihrem Bezug zur Zeit zu beschäftigen, bot mir ein Zitat aus dem Beitrag „Zeitbild und Menschenbild: Der Mensch als Schöpfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit“ von Kurt Weis. Weis schreibt dort: „Mit dem Aufkommen der Photographie beginnt eine ganz neue Codierung von Zeit“.1 Es stellte sich mir zuerst einmal die Frage: Wie begründet Weis diesen Anspruch einer „ganz neuen Codierung“? Und weiter: Sind auch andere Autoren (Philosophen, Psychologen, Historiker, Soziologen, Kommunikationswissenschaftler) von dieser Bedeutung der Erfindung der Fotografie überzeugt? Besonders wichtig war mir auch die geschichtlich bedeutsame Frage nach der Rezeption der Fotografie durch die Zeitgenossen und nach ihrer Auffassung im Hinblick auf den Zusammenhang mit dem Konzept „Zeit“. Worin sahen die Zeitgenossen das Neue in der Fotografie? Zwei weitere Fragestellungen, die ich behandeln möchte, sind die Fragen nach Veränderungen der Wahrnehmung durch die Fotografie und nach Einflüssen der Fotografie auf das Zeitmanagement.
Um eine Annäherung an diese Themenkreise zu versuchen, war es notwendig, den Begriff Fotografie für den Zweck dieser Arbeit abzugrenzen. Wie bei vermutlich jeder Erfindung sind die Grenzen zu Beginn unscharf, denn für die einzelnen Elemente, die den Vorgang des Fotografierens konstruieren, läßt sich eine Reihe von Vorstufen finden. Dazu kommt, daß die ersten fotografischen Verfahren von verschiedenen Personen zu ungefähr der gleichen Zeit teilweise unabhängig voneinander entwickelt wurden. Unscharf werden die Grenzen jedoch auch zu einem anderen Zeitpunkt. Es stellt sich die Frage, was noch als Weiterentwicklung der Fotografie zu betrachten ist und wo mit dem Medium „Film“ etwas grundsätzlich Neues beginnt. Ein Überblick über die Literatur ergab, daß häufig auf eine solche Unterscheidung nicht Wert gelegt wird, da es vielen Autoren darum geht, die Entwicklung der modernen Medien und ihre Implikationen allgemein zu beleuchten. In einer Arbeit, die sich speziell mit der Fotografie befaßt, erscheint mir eine Abgrenzung nötig. Zuvor möchte ich jedoch einige wichtige Daten aus der Geschichte der Fotografie von der Zeit der Erfindung an, für die allgemein das Jahr 1839 angegeben wird, bis zur Jahrhundertwende darstellen, wobei ich wegen der notwendigen Kürze naturgemäß stark vereinfachen muß.
2. Einige wichtige Daten aus der Geschichte der Fotografie
Zur Erfindung der Fotografie mußten Kenntnisse aus zwei Wissenschaften kombiniert werden: aus der Physik/Optik zur Herstellung der Kamera und aus der Chemie zur Fixierung des Bildes. Das Prinzip der „Camera obscura“, das bei der Fotokamera angewendet wurde, war schon lange bekannt. Es beruht darauf, daß Licht, das durch ein kleines Loch in der Wand eines abgedeckten Raumes tritt, auf der gegenüberliegenden Wand ein auf dem Kopf stehendes Bild dessen formt, was sich vor dem Loch befindet. Bereits Aristoteles erwähnt dieses Prinzip; eine der bekanntesten zeichnerischen Darstellungen der Camera obscura findet sich bei Leonardo da Vinci. Seit dem 16. Jahrhundert benützte man sie in verschiedenen Varianten, mit einer Linse versehen, als Hilfsmittel zum Zeichnen. Die Erkenntnis, daß die Einwirkung von Licht die Beschaffenheit vieler Substanzen verändert, geht ebenfalls auf die Antike zurück. Daß diese Erkenntnis gerade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Prinzip der Camera obscura zusammengebracht wurde, hängt zweifellos mit dem wachsenden Wunsch nach Bildern zusammen, der im aufsteigenden Bürgertum bereits im 18. Jahrhundert verbreitet war (siehe später) und zunächst mit Hilfe der Lithographie zu befriedigen versucht wurde. Viele suchten unabhängig voneinander nach einem Weg, das mit Hilfe der Camera obscura entstandene Bild festzuhalten. Das Jahr 1839, in dem das Verfahren der Daguerreotypie der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gilt als Zeitpunkt der Erfindung der Fotografie, doch war dies weder das erste noch das einzige Verfahren. So hatte z. B. Joseph Nicéphore Niépce (1765 - 1833) eine Methode erfunden, die er „Heliographie“ nannte. Das älteste noch erhaltene, mit diesem Verfahren erzielte und noch sehr unscharfe Bild stammt aus dem Jahr 1826. Niépce hielt im Positivverfahren mit Hilfe der Camera obscura Bilder auf einer Zinnplatte fest, auf der er eine Asphaltschicht aufgebracht hatte. Als Erfinder der Daguerreotypie, ebenfalls eines Positivverfahrens, bei dem eine mit Joddämpfen lichtempfindlich gemachte Silberplatte verwendet wurde, gilt Louis Jacques Mandé Daguerre (1787 - 1851). Dieser hatte in Form eines Vertrages mit Niépce zusammengearbeitet. Als Daguerre das Verfahren veröffentlichte, war Niépce schon sechs Jahre tot und es ist nicht ganz geklärt, wie hoch dessen Beitrag zur Erfindung war. Bei der Daguerreotypie handelte es sich infolge des Positivverfahrens um Unikate; sie wurden in Etuis aufbewahrt und mußten aus einem bestimmten Blickwinkel aus betrachtet werden. Die Daguerreotypie breitete sich ungeheuer rasch sowohl in Europa als auch in den USA aus. Einer Statistik ist z. B. zu entnehmen, daß in dem am 1. Juni 1855 endenden Geschäftsjahr allein im Bundesstaat Massachusetts 403.626 Daguerreoptypien hergestellt wurden.2 Für Europa nennt Walter Benjamin das Beispiel von Marseille, wo es 1850 vier bis fünf „peintres de miniature“ gegeben habe, aber einige Jahre später schon 40 bis 50 Fotografen.3 Die Methode der Daguerreotypie wurde laufend verbessert und erzielte eine ausgezeichnete Qualität der Abbildungen; sie war jedoch, da nur Unikate hergestellt werden konnten, in der Epoche der industriellen Revolution eine anachronistische Erscheinung. Sie wurde in der zweiten Hälfte der 1850er Jahre von der Fotografie im engeren Sinn verdrängt, die mit einem Negativverfahren arbeitete und damit die industrielle Bewältigung einer immer größeren Anzahl von Teilschritten der Herstellung ermöglichte.4
[...]
1 K. Weis, 1995, S.42
2 B. Newhall, 1989, S.33
3 W. Benjamin, 1991, S.830
4 T. Starl, 1998, S.50
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