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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 40 Pages
Author: Jutta Faehndrich
Subject: Art - Art Theory, General
Details
Institution/College: University of Leipzig (Institut für Kulturwissenschaften)
Tags: Warburg, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft, Geschichtsschreibung, Jahrhundert
Year: 1999
Pages: 40
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 37 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-26377-1
File size: 481 KB
Ausgehend von Verbindungen zwischen Jacob Burckhardt und Aby Warburg, versucht diese Arbeit einen Gesamtüberblick über die Kunst- und Kulturtheorie Aby Warburgs sowie eine Annäherung an die legendäre "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg" und ihre spezifische Ordnung des Wissens. Sehr umfassend und auf breiter Literaturbasis.
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Excerpt (computer-generated)
Aby Warburg - Kunstgeschichte als Kulturwissenschaft
von: Jutta Faehndrich
INHALT
1. Aby M. Warburg: Heranführung an einen ungewöhnlichen Kulturwissenschaftler 4
Warburg und Burckhardt: die Peripherie als geistiges Zentrum 4
Aby Warburg – Person und Werk 9
2. Von der Privatbank über die Privatklinik zur Privatbibliothek: Stationen einer Kunsthistoriker-Laufbahn 13
Biographie und Bibliophilie 13
3. ‘Zauberhauch der Bücherreihen’: Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg (K.B.W.) 15
4. Wider „grenzpolizeiliche Befangenheit“: Warburgs Theorie und Methode 23
Reise zu den Archetypen 24
Mnemosyne und soziales Gedächtnis 27
Denkraum der Besonnenheit 30
5. Abschließender Exkurs: Warburgs Seminar über Jacob Burckhardt im Jahre 1927 32
Biographisches in chronologischer Abfolge 35
Literaturverzeichnis 38
1. Aby M. Warburg: Heranführung an einen ungewöhnlichen Kulturwissenschaftler
Warburg und Burckhardt: die Peripherie als geistiges Zentrum Ansatzpunkt der Beschäftigung mit Aby Warburg im Rahmen des Seminars „Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert“ waren Verbindungen und Parallelen zwischen Warburg und Jacob Burckhardt.
Warburg äußert sich in seinen Schriften nur ein einziges Mal explizit zu seinem Verhältnis zu Jakob Burckhardt, nämlich im Vorwort zur Studie Bildniskunst und florentinisches Bürgertum: „Als vorbildlicher Pfadfinder hat Jakob Burckhardt der Wissenschaft das Gebiet der italienischen Kultur der Renaissance erschlossen und genial beherrscht; aber es lag ihm fern, das neuentdeckte Land selbstherrlich auszunutzen; im Gegenteil erfüllte ihn wissenschaftliche Selbstverleugnung so sehr, dass er das kulturgeschichtliche Problem, anstatt es in seiner ganzen künstlerisch lockenden Einheitlichkeit anzupacken, in mehrere äusserlich unzusammenhängende Teile zerlegte, um jeden für sich mit souveräner Gelassenheit zu erforschen und darzustellen.“1
Daß in der Kultur der Renaissance die Kunst keine direkte Behandlung erfuhr, führt Warburg hier vor allem auf ökonomisch-pragmatische Gründe zurück, auch wenn es in seinen Augen einen Mangel darstellt, den er in den eigenen Arbeiten – auch wenn er dies sehr vorsichtig formuliert – auszugleichen gedenkt: „Dass wir uns der überlegenen Persönlichkeit Jakob Burckhardts bewusst sind, darf uns nicht hindern, auf der von ihm gewiesenen Bahn weiterzuschreiten.“ 2 Im folgenden bezeichnet Warburg seinen Aufsatz zur florentinischen Bildniskunst auch ausdrücklich als „Ergänzung“ zu einem posthum veröffentlichten Aufsatz Burckhardts über das Porträt (aus den Beiträgen zur Kunstgeschichte von Italien, 1898); ein Umstand, der zeigt, in welch hohem Maße er sich Burckhardts Arbeiten verpflichtet sah. Vor allem aber war das, was Burckhardt für eine kunstgeschichtliche Kulturgeschichte geleistet hatte, für Warburg, wie die oben zitierten Äußerungen belegen, ein Punkt, an den er in seinen eigenen Arbeiten anknüpfen konnte, über den er aber auch hinausgehen wollte. Sein Ziel war es eben, „das kulturgeschichtliche Problem ... in seiner ganzen künstlerisch lockenden Einheitlichkeit anzupacken“ und „auf der von ihm [Burckhardt] gewiesenen Bahn weiter- zuschreiten.“ So sieht auch Edgar Wind in seiner Darstellung von Warburgs Begriff der Kulturwissenscha ften die methodischen Anregungen, die Warburg durch Burckhardt erfahren hat, gerade darin, daß Warburg „die Arbeit Burckhardts gerade in der Richtung weitergeführt [hat], von der Wölfflin [...] mit vollem Bewußtsein abgebogen war.“3
Eine der wesentlichen methodischen Übereinstimmungen beider Wissenschaftler bildet die Beschäftigung mit der Gesamtkultur einer Epoche. Während der Burckhardt-Schüler Heinrich Wölfflin sich nurmehr für das reine künstlerische Sehen interessierte,4 standen bei Warburg genau wie schon bei Burckhardt die Zeugnisse der Gebrauchs- und Alltagskunst neben den Meisterwerken der Hochkultur gleichberechtigt im Mittelpunkt des Interesses. Warburg zog zum Verständnis der Renaissance u.a. Testamente5 und Handelskorrespondenz6 hinzu, und er verfolgte die Wanderung von kulturprägenden Ausdrucksmotiven bis hinein in Werbung und Briefmarken7 seiner eigenen Zeit.
[...]
1 Bildniskunst und florentinisches Bürgertum. I. Domenico Ghirlandaio in Santa Trinita. Die Bildnisse des Lorenzo de´ Medici und seiner Angehörigen. Leipzig 1902, 5f. Zuletzt in: Wuttke, Dieter (Hrsg.): Aby M. Warburg. Ausgewählte Schriften und Würdigungen. Baden-Baden: Koerner 1979 (Saecvla Spiritalia; 1), S. 65- 102, hier S. 67f. Im folgenden wird dieses Werk zitiert als ‘ASW’.
2 ebda.
3 Wind, Edgar: Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine Bedeutung für die Ästhetik. [Zuerst 1931] In: ASW, S. 163-179. Hier zitiert S. 167.
4 vgl. hierzu die Ausführungen bei Wind, a.a.O.
5 Francesco Sassettis letztwillige Verfügung. Leipzig 1907. Zuletzt in: ASW, S. 137-63.
6 Flandrische Kunst und florentinische Frührenaissance. Studien I; in: Jahrbuch der Königlich Preußischen Kunstsammlung 23 (1902); zuletzt in ASW, S. 103-124.
7 Im Material zu Warburgs unvollendetem Spätwerk, dem „Mnemosyne-Atlas“, findet sich u.a. eine Reisewerbung der Hapag-Lloyd; Warburg klassifiziert die abgebildete Reisende als „heruntergekommene Nymphe“; vgl. Hofmann, Werner (Hg.): Die Menschenrechte des Auges. Über Aby Warburg. Frankfurt/ M.: Europäische Verlagsanstalt 1980 (Europäische Bibliothek; 1), Abb. S. 109 und Anm. 35, S. 111. Dieses Werk wird im Folgenden als HOFMANN 1980 zitiert. Ebenso waren Briefmarken Teil des Mnemosyne-Materials, vgl. Gombrich, Ernst H.: Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Frankfurt/ M.: Europäische Verlagsanstalt 1981 [Engl. EA 1970], S. 352, Abb. 134, 136. Dieses Werk wird im Folgenden zitiert als GOMBRICH 1981.
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