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"Oral History" in Theorie und Praxis

Hauptseminararbeit, 1987, 27 Seiten
Autor: Jutta Faehndrich
Fach: Geschichte - Geschichtstheorie

Details

Veranstaltung: Kulturgeschichte Deutschlands seit der Aufklärung (IV)
Institution/Hochschule: Universität Leipzig (Institut für Kulturwissenschaften)
Tags: Oral, History, Theorie, Praxis, Kulturgeschichte, Deutschlands, Aufklärung
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 1987
Seiten: 27
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V23214
ISBN (E-Book): 978-3-638-26381-8

Dateigröße: 98 KB
Anmerkungen :
Die Arbeit ist schon ein paar Jahre alt, aber sehr gut als Einstieg in das Thema geeignet. Enthält neben einem einführenden Theorieteil praktische Beispiele von Oral-History-Studien des LUSIR-Projektes (Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930-1960) unter Leitung von Lutz Niethammer, in denen es um sich wandelnde Selbst- und Fremdbilder von Frauen im Berufs- und Familenalltag geht.



Textauszug (computergeneriert)

Kulturgeschichte Deutschlands seit der Aufklärung (IV)
Sommersemester 1997

„Oral History“ in Theorie und Praxis

Jutta Faehndrich

 

INHALT 

A -
I. Oral History - was ist das?  2

II. Das Gedächtnis  5
II. 1 Das ‘kollektive’ und das ‘individuelle’ Gedächtnis  6
II. 1.1 Das ‘autobiographische’ Gedächtnis  6
II. 1.2 Das ‘kollektive’ Gedächtnis  7

III. Das Interview selbst  8
III. 1 Besonderheiten eines Erinnerungsinterviews gegenüber herkömmlichen Quellen  8
III. 2 Praktische Vorüberlegungen bei der Durchführung von Erinnerungsinterviews  9
III. 3 Faktoren, die das im Interview Gesagte beeinflussen  9
III. 4 Faktoren, die Auswertung und Ergebnisse beeinflussen  10

IV. Fazit: Was kann Oral History leisten?  11

V. Oral History in Deutschland heute  12

B. Beispiele aus der Praxis - Nachkriegsalltag von Bergarbeiterfrauen im Ruhrgebiet  12

I. Anne-Katrin Einfeldt: Zwischen alten Werten und neuen Chancen - Häusliche Arbeit von Bergarbeiterfrauen in den fünfziger Jahren  13
Sozialisation im Elternhaus  14
Erfahrungen außerhalb der Familie  14
Arbeit nach dem Krieg  16
Außenwelt und Innenwelt  18
Erziehungsziel: Liebe und Strenge  19
Fazit..20

II. Margot Schmidt: Im Vorzimmer. Arbeitsverhältnisse von Sekretärinnen und Sachbearbeiterinnen bei Thyssen nach dem Krieg  21
Männermangel und seine Auswirkungen  21
Frauen haben keine Ehefrauen  23
Fazit  24

C. Literaturverzeichnis  25

 

I. Oral History - was ist das?

Der Begriff „Oral History“ greift zurück auf die Ethnologie, wo Kulturen, die eine rein mündliche Überlieferung und keine Schriftkultur haben, als „Oral Traditions“ oder „Oral Societies“ bezeichnet werden. In solchen Gesellschaften ist die mündliche Überlieferung, oft in ritualisierter Form, die einzige bestehende Geschichte und nimmt als solche einen viel größeren Stellenwert ein als mündliche Überlieferung in westlichen Industrienationen.

Das Vokabular aus der Ethnologie wird jedoch in der Geschichtsforschung in einen völlig anderen Zusammenhang gebracht: ‘Diachrones Interview’, ‘Erinnerungsinterview’, ‘Oral-History-Interview’, ‘biographisches Interview’, dies alles sind unterschiedliche Bezeichnungen für die gleiche Methode, nämlich die, Personen, die an Ereignissen, Epochen und Entwicklungen, die erforscht werden sollen, selber teilgenommen haben, ihre Erinnerungen erzählen zu lassen.

Wie aber sieht die genaue Vorgehensweise bei der Geschichtsforschung mit Hilfe von Oral-History- Interviews aus?
Grob vereinfacht gesagt sucht man sich vor Beginn eines geplanten Projektes eine Anzahl von Personen, die für das geplante Forschungsprojekt ‘aussagekräftig’ scheinen und läßt sie aus ihren Erinnerungen erzählen. Entweder man stellt ihnen Fragen zu bestimmten Themenbereichen oder man beginnt mit nur einer Leitfrage (z.B.: „Erzählen Sie doch mal, wie das war bei Kriegsende 1945...“) und läßt sie im weiteren Verlauf frei reden.

Die Impulse der Wissenschaftler, die in den fünfziger Jahren in den USA zum ersten Mal mit der Oral-History-Methode arbeiteten, waren vor allem, die Eliten- und Herrschaftsfixierung der Geschichtswissenschaft zu durchbrechen. Man wollte „die Sprachlosen, die bislang von Historikern nur allzu oft vernachlässigt worden sind“1, wieder zu Wort kommen lassen. Dementsprechend gab und gibt es zahlreiche Forschungen zu Arbeitern und unteren Schichten der Bevölkerung; man wollte zur Individualität der Massen vordringen, die ‘einfachen Leute’ in den Blickpunkt der Geschichtsschreibung rücken. Man versuchte, eine Geschichtsschreibung anhand von Qualität statt Quantität der Erfahrungen zu etablieren.

Die Oral History - Forschung ist angewiesen auf die Aussagen von Zeitzeugen, was es schlichtweg unmöglich macht, einen mehr als ca. neunzig Jahre zurückliegenden Zeitraum zu erforschen, einfach weil es heute dazu fast niemanden mehr gibt, den man befragen könnte. Lutz Niethammer, einer der führenden Oral-History-Forscher der Bundesrepublik, bringt dieses Problem auf den Punkt: „Oral History kann sich nur auf Zeitgeschichtliches beziehen, denn wir können keine Grabsteine befragen.“2

Forschern, die sich der Methode der Oral History bedienen, geht es nicht darum, einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu befragen um damit repräsentative Aussagen zu erhalten. Solche Dinge kann und will die Oral History nicht leisten. Oral History hat mit Statistik nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, Menschen zu befragen, von denen man annimmt, daß sie „bestimmte historische Prozesse exemplarisch verdeutlichen können.“3
Dabei „werden Konturen einer Lebensgeschichte sichtbar, die ihrerseits Verhaltensmuster eines Menschen in bestimmten Lebenssituationen zu erklären vermögen.“4

Lothar Steinbach, der sich u.a. auch mit methodologischen Problemen der Oral History auseinandergesetzt hat, charakterisiert die Zielsetzung der Oral History folgendermaßen: „Nicht Lebensläufe beliebiger Personen gilt es zu untersuchen, sondern Lebensläufe von Personen, die sich in einer ähnlichen, vergleichbaren Sozialisationssituation befanden. Der individuelle Erfahrungshorizont kann dann zum Ausdruck von kollektiven Erfahrungen werden.“5

Die Sammlung von Informationen wie Daten und Fakten mittels eines Interview erweist sich als sehr problematisch. Bei einem Interview muß man sich immer der Tatsache bewußt sein, daß das Erzählte zutiefst subjektiv ist und die Erlebnisse eines einzelnen Individuums darstellt. Erinnerungsinterviews können höchstens insoweit zur Gewinnung von ‘Tatsacheninformationen’ herangezogen werden, als über andere Wege keinerlei Material über bestimmte Sachverhalte zu erhalten ist, z.B. weil es sich um vernachlässigte Bereiche der Geschichts- und Sozialgeschichtsschreibung handelt.

[....]


1 Terence Ranger: Persönliche Erinnerung und Volkserfahrung in Ost-Afrika; in: Lutz Niethammer (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis: die Praxis der ‘Oral History’; Frankfurt/Main 1985, S. 100-145. Hier zitiert: S. 101. Dieser Band wird im Folgenden als NIETHAMMER 1985 bezeichnet.

2 Lothar Steinbach: Lebenslauf, Sozialisation und ‘erinnerte Geschichte’; in: NIETHAMMER 1985, S. 393-435. Hier zitiert: S. 430

3 Ronald J. Grele: Ziellose Bewegung - Methodologische und theoretische Probleme der Oral History; in: NIETHAMMER 1985, S. 195-220. Hier zitiert: S. 200

4 Steinbach in NIETHAMMER 1985, S. 396

5 Steinbach in NIETHAMMER 1985, S. 432


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