Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 28 Pages
Author: Tim Brüning
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Bielefeld University (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Tags: Problematik, Wahrheitsfindung, Johnsons, Roman, Mutmassungen, Jakob, Literatur, Jahrhunderts, III)
Year: 2004
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-28003-7
File size: 483 KB
"...als ob die Dinge wären wie einer sie ansieht" - so heißt es in Johnsons "Mutmassungen über Jakob". Das Zitat steht programmatisch für die besondere Erzählstruktur, die in dieser Arbeit untersucht wird: Nachdem zunächst die Anlage der "drei Gesten des Erzählens" (Monologe, Dialoge, Erzählpassagen) analysiert wird,beschreibt die Arbeit daraufhin den Einfluss der Polyperspektivität auf die unterschiedlichen Wirklichkeitsauffassungen und Bilder des Sozialismus.
Other users also were interested in the following titles:
Excerpt (computer-generated)
Zur Problematik der Wahrheitsfindung in
Uwe Johnsons Roman "Mutmassungen über Jakob"
von: Tim Brüning
Inhaltsübersicht
1. Einleitung Seite 3
2. Die Wirklichkeit der Mutmaßungen
2.1. Exposition von Thematik und Erzählstruktur Seite 4
2.2. Die drei Gesten des Erzählens und ihr Einfluss auf die figurative Erinnerungsbildung
• Vorbemerkungen Seite 6
• Dialoge Seite 7
• Monologe Seite 9
• Erzählpassagen Seite 11
• Überleitung Seite 13
3. Zur Darstellung der zeitgeschichtlichen Situation Seite 14
4. Zum Bild des Sozialismus in „Mutmassungen über Jakob“
4.1. Besuch beim vernünftigen Leben: Jakob Seite 15
4.2. Utopiebild eines demokratischen Sozialismus: Jonas Seite 17
4.3. Funktionierendes Element im Spiel der Mächte: Rohlfs Seite 19
5. Deutsch-deutscher Zeitroman? – Ein abschließendes Fazit Seite 20
6. Fußnoten Seite 22
7. Quellenverzeichnis Seite 26
1. Einleitung
„Ich habe das Buch so geschrieben, als würden die Leute es so langsam lesen, wie ich es geschrieben habe.“1 Bei dem Eindruck aller Übertriebenheit, deren man sich bei dieser Aussage Uwe Johnsons zu seinem Buch Mutmassungen über Jakob gewiss nicht zu erwehren vermag, kritisiert sie gleichwohl epigrammatisch eine zeitgenössische Rezeptionshaltung, die den Leser bei der Lektüre jenes Werkes zwangsläufig scheitern lassen muss. Mit der besonderen Beschaffenheit des Buches, das bereits von Marcel Reich-Ranicki als „Provokation und unglaubliche Zumutung“2 charakterisiert wurde, stellt sich der Autor bewusst gegen eine dominante Form des Lesens, die „sich eigentlich nur nach Signalen orientiert“3 und somit dem Erwartungshorizont sowohl in Ost als auch in West quasi diametral gegenübersteht. Bereits die ersten Zeilen machen deutlich, dass dieser Roman ohne Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Mitarbeit nicht lesbar ist. So bietet das Werk der Leserschaft eine umfassende Offerte an sich ergänzenden, bisweilen widersprechenden Meinungen und lässt sie an den Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung partizipieren.
Mit der eigenwilligen formalen Anlage hat Johnson ein Werk erschaffen, das auf Grund seiner drei „Gesten des Erzählens“ eine hohe narrative Komplexität aufweist, die zu der Annahme verleitet, der Autor habe nicht eigentlich über, sondern vielmehr „gegen die bestehende Welt“4 geschrieben. Dies erfolgt jedoch – wie Johnson selbst konstatiert – nicht aus einem Eigensinn oder Selbstzweck heraus, sondern wird durch die Handlung gewissermaßen vorgegeben: „Die Geschichte sucht, sie macht sich ihre Form selbst.“5 Dass die Mutmassungen über Jakob gerade wegen ihres „ästhetischen Mehrwert[s]“6 in der DDR unveröffentlicht und ihren Bürgern lange Zeit unzugänglich bleiben, während sie in der west-deutschen Öffentlichkeit auf ein Publikum treffen, das mit den spezifischen Besonderheiten des ostdeutschen Lebens weitgehend unvertraut ist, lässt die Treffsicherheit der oft zitierten Formel vom „Autor der beiden Deutschland“ fragwürdig erscheinen, obgleich sie nicht über ihren unmittelbar nach der Publikation eingenommenen und mittlerweile weitgehend unbestrittenen hohen Rang in der Gegenwartsliteratur hinwegtäuschen kann. So gehören die Mutmassungen in der Bundesrepublik neben Günter Grass’ Blechtrommel und Heinrich Bölls Billiard um halbzehn nicht zuletzt der Schreibweise wegen zu den herausragenden literarischen Ereignissen des Jahres 1959.
Im Folgenden gilt es, Johnsons erstveröffentlichten Roman zunächst von seiner erzähltheoretischen Konzeption zu untersuchen und eine historische Einordnung in die für Entstehungszeitraum und Handlung relevante gesellschaftspolitische Situation vorzunehmen. Ausgehend davon sollen in einem weiteren Themenkomplex die unterschiedlichen im Buch gezeichneten Bilder des Sozialismus analysiert und, damit verbunden, auf die Problematik der Wahrheitsfindung hin untersucht werden, bevor abschließend – mit einem Fazit verbunden – eine Beurteilung hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ausrichtung vorgenommen werden kann.
2. Die Wirklichkeit der Mutmaßungen
2.1. Exposition von Thematik und Erzählstruktur
Bereits mit dem einführenden Satz des Romans scheint das Fundament für eine intervenierende und Einspruch erhebende Grundstimmung gesetzt zu sein, die sich schließlich durch den gesamten Roman hindurch ziehen wird: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“7. Zweifellos kann der komplexe Charakter dieser Wendung in toto erst durch eine retrospektive Analyse erfasst werden. Wie sich aus der Lektüre ergibt, muss diesem Eingangssatz ein symbolischer Wert gänzlich abgesprochen werden, wenn man bedenkt, dass Jakob zu keiner Zeit als ein oppositioneller DDR-Bürger beschrieben wird. Vielmehr sollte mit dieser gesetzten Äußerung eine protestierende Haltung verdeutlicht werden, die „die Geschichte nicht glauben wollte“8. Diese Aussage muss zunächst verwun-dern, da vorerst schließlich noch gar keine Geschichte existiert. Johnson selbst konstatiert:
Der Mann, um den es geht, ist tot am Ende der Geschichte, das ist überhaupt die Geschichte! Sie ist geschehen, bevor die Beteiligten anfangen, sich ihrer zu entsinnen. Das Erzählen fängt an, wenn die Geschichte zu Ende ist.9
Doch deutet schon die Konjunktion „aber“ im Eingangssatz mit ihrer relativierenden Funktion auf den positiven Gehalt eines normalerweise vorausgehenden, hier jedoch fehlenden Hauptsatzes und verweist mithin auf eine noch ausstehende Geschichte, die die Umstände von Jakobs Tod beleuchtet. Durch diese Konstruktion wird der Erzählung ein retrospektiver Raum der Erinnerung eröffnet und bildet den für den Roman konstitutiven Sachverhalt, dass hier vom Ende aus erzählt wird, und zwar in einer Form, die sich keine festgeschriebene, bewertende Haltung zu Eigen macht, sondern stets eine Perspektive des Einwands, des Zweifels, der Unsicherheit und Suche nach Erklärung anstrebt.
Im Anschluss an den scheinbar von einem Erzähler stammenden Eingangssatz folgt ein Dialog, dessen Gesprächspartner aus ihrer jeweiligen Sicht den Tod von Jakob rekapitulieren. Eine Identifizierung der Sprecher ist vorerst unmöglich; dennoch geht aus ihren Aussagen hervor, dass einer von beiden näher mit dem Arbeitsalltag und Milieu von Jakob vertraut ist, während der andere seine Aussagen auf objektive, aus einer Außenperspektive bezogene Informationen stützt. In diesem Gespräch reflektieren die beiden Sprecher auch die offizielle, „aus den Fingern gesogen[e]“10 Parteisprache, die als parataktisch abgespulte Formel an die Blochsche Vorstellung vom Sterben des sozialistischen Helden erinnert.11: „Wenn sie auch gleich wieder Worte gefunden haben von tragischem Unglücksfall und Verdienste beim Aufbau des Sozialismus und ehrendes Andenken bewahren“12. Mit einer derart simplen Enunziation, die Jakobs Tod zu einer lediglich minimalen Irritation des sozialistischen Alltags degradiert und dafür das Aufbaugeschehen des Sozialismus exponiert, wollen sich die beiden Dialogpartner offensichtlich nicht zufrieden geben. Zu einer genaueren Rekonstruktion des Vorfalls sind die beiden allerdings noch nicht im Stande. Vielmehr bedarf es zunächst eines erzählerischen Abschnitts, der den Fokus auf die lokale Szenerie am Tag des Unfalls richtet. Der Einschub der Erzählpassage dient dabei nicht der Konkretisierung Jakobs, der lediglich „vielleicht“13 zu erkennen ist, sondern fungiert als Exposition des Eisenbahner-Milieus.
[...]
1 Neusüß, Arnhelm: Über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. Gespräch mit Uwe Johnson. In: »Ich überlege mir die Geschichte…«. Uwe Johnson im Gespräch. Hrsg. Von Eberhard Fahlke. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988. S. 185
2 Marcel Reich-Ranicki: Ein Eisenbahner aus der DDR. Zu Uwe Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“. In: Uwe Johnsons Frühwerk im Spiegel der deutschsprachigen Literaturkritik. Dokumente zur publizistischen Rezeption der Romane „Mutmaßungen über Jakob“, „Das dritte Buch über Achim“ und „Ingrid Babendererde“. Hrsg. von Nicolai Riedel. Bonn: Bouvier 1987. (Abhandlungen zur Kunst, Musik- und Literaturwissenschaft; Band 371). S. 60
3 Neusüß, S. 185
4 Theo Buck: Uwe Johnsons Utopie gegen die deutsche(n) Wirklichkeit(en). In: Internationales Uwe-Johnson-Forum. Hrsg. von Carsten Gansel und Nicolai Riedel. Frankfurt a.M.: Lang 1996 (= Band 5). S. 27
5 Neusüß, S. 187
6 Theo Buck, S. 27
7 Johnson, Uwe: Mutmassungen über Jakob. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000. S. 7 (im Folgenden mit „MüJ“ abgekürzt).
8 Krellner, Ulrich: »Was ich im Gedächtnis ertrage«. Untersuchungen zum Erinnerungskonzept von Uwe Johnsons Erzählwerk. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003 (Epistemata: Würzburger Wissenschaftliche Schriften; Band 430 – 2003). S. 84
9 Neusüß, S. 185
10 MüJ, S. 8
11 Krellner, S. 85
12 MüJ, S. 8
13 MüJ, S. 8
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Reinhard Johannes Sorge: Der Bettler
Author: M.A. Sabine LommatzschGerman Studies - Modern German Literature, 1993 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Effects of Globalisation on City Regions
Author: Ansgar BaumsEconomics / Business: Political Economics, 2005 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Globalisation and its economic consequences
Author: Christina HaringEconomics / Business: Political Economics, 2003 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Globalisation - opportunity or thread?
Author: Michael KrausePolitics - International Politics - Region: Western Europe, 2006 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Australian and New Zealand impact on the English language
Author: Andreas HenningsEnglish Language and Literature Studies - Linguistics, 2003 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ist die sportliche Leistungsfähigkeit antrainiert oder geerbt?
Author: Thomas SpörrerSport - Sport Medicine, Therapy, Prevention, Nutrition, 2002 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Die Ursachen der Schizophrenie
Author: Maike WörschingPedagogy - Pedagogic Psychology, 2005 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Der Einfluß von Douglas Sirk und seinen Filmmelodramen auf das Werk von Rainer Werner Fassbinder. Untersucht an den Filmbeispielen All That Heaven Allows von Douglas Sirk und Angst Essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder.
Author: Marion KlomfassFilm Science, 1996 Download as PDF-file for 8,99 EUR
Die Bedeutungstheorie Donald Davidsons
Author: Marc HoubenPhilosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language), 2003 Download as PDF-file for 6,99 EUR
This text can be quoted and accessed from this url: