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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 21 Pages
Author: Cornelia Wurzinger
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Lebende, Bilder, Frau, Kunstwerk
Year: 2001
Pages: 21
Grade: sehr gut (1)
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-28756-2
File size: 236 KB
Anhand der Texte "Gothes Briefwechsel mit einem Kinde" (Bettine von Arnim) und "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" (Sophie von La Roche) sollen die Stilisierungen der Frau anhand dieser Weiblichkeitsentwürfe untersucht werden. In Verbindung dazu werden die Kunstformen der Attitüde und des Tableau Vivant herangezogen, die die Darstellerin zum unbelebten Kunstwerk, zur Projektionsfläche machen.
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Excerpt (computer-generated)
Lebende Bilder - die Frau als Kunstwerk
von: Cornelia Wurzinger
Inhalt
¨ Der neue Weiblichkeitsentwurf
¨ Hysterie als Bilderkrankheit
¨ Attitüde und lebende Bilder
¨ Mignon, Psyche, Kindsbraut
¨ Bildproduktionen
¨ Heilige, Märtyrerin, Madame Leidens
¨ Die Frau als Bild und Projektionsfläche
¨ Literaturverzeichnis
Der neue Weiblichkeitsentwurf
„Irgendwann im 18. Jahrhundert wurde die Weiblichkeit neu entdeckt – als das Andere, das Gegenstück zur Männlichkeit.1 Die alteuropäische Ständegesellschaft wurde durch die moderne Industriegesellschaft abgelöst, was als Ursache für die „Entstehung einer radikalen Dissoziation der Geschlechter“ gilt.2 Die Frau sollte das „stabile Zentrum für eine Welt bilden, die aus den Fugen zu geraten drohte“3, sie hatte die Aufgabe, als „Gegenpol zur öffentlichen Geschäftigkeit eine empfindsame Gefühlsfähigkeit“4 zu entwickeln. Das bedeutet, dass diese neue Form der Weiblichkeit von den Bedürfnissen der Männer geprägt war und im Prinzip auch daraus entstanden ist. Die Frau als „Garant“ für eine bessere, eine noch „heile“ Welt: „Durch ihre neu entdeckten Tugenden – die Keuschheit, die Schicklichkeit, die Empfindsamkeit, das Taktgefühl, die Verschönerungsgabe, die Anmut und die Schönheit – bestand die Aufgabe der Frau darin, all jene Werte am Leben zu erhalten, die mit der bürgerlichen Arbeit nicht vereinbar sind. In diesem neuen bürgerlichen Entwurf wird die Frau zur Gattin und Hausfrau, die das Heim des Mannes liebevoll verschönert, zur Mutter, die in ihrer Fürsorge für ihre Familie und in ihrer Funktion als Erzieherin ihrer Kinder aufgeht.“5
Hier fallen weiters die Begriffe der „Selbstverleugnung“ und „Selbstlosigkeit“, die für die ideale Frau des 18. Jahrhunderts charakteristisch sind. Diese Attribute lassen natürlich sofort an das Fräulein von Sternheim denken, die genau auf diese Rolle angelegt ist. „Die Frau wird sodenn entworfen als Trägerin eines idealen Geschlechts. Ihr wird die echte Würde des Menschen, die bessere Moralität, die größere Güte des Herzens, die warme aufrichtige Freundschaft angedichtet.“6 Die Frau wird also verklärt und nach Idealvorstellungen des Mannes entworfen. „Diese imaginierte Weiblichkeit soll das Häßliche der männlichen Wirklichkeit verdecken.“7 „Das Perfide dieser Geschlechtskonstruktion besteht nun darin, daß gerade die Erhöhung der Frau ihre Erniedrigung bedeutet.“8 Die Frau ist keine Persönlichkeit für sich selbst, sondern vom Mann und seinen Projektionen abhängig, vor allem wird sie über die Funktionen, die Aufgaben, die sie für den Mann hat, definiert. Sie trägt dazu bei, den Mann als Subjekt zu entwerfen. Um das bewirken zu können, muss ihr selbst natürlich jeglicher Subjektstatus fehlen – Selbstaufgabe ist die Folge.
Diese Entwicklung war im 19. Jahrhundert abgeschlossen, als sich die bürgerliche Kleinfamilie etabliert hatte: der Mann hatte sich alle Bereiche in der bürgerlichen Gesellschaft erobert, während sich die Frau in einem Zustand der Selbstaufgabe befand, sie war völlig abhängig von ihrem patriarchalischen Ehemann. Die Frau hatte sich an gewisse Regeln zu halten, man forderte von ihr „ihre körperliche Jungfräulichkeit, psychische Unschuldigkeit, Reinheit und absolute Geschlechtslosigkeit.“9 Überhaupt war die Wahrnehmung der Frau in dieser Zeit äußerst zwiespältig: einerseits war sie das unbezähmbares Naturwesen und andererseits die disziplinierte Natur; dies drückte sich in zwei Frauenbildern aus: Prostituierte und Ehefrau.
Hysterie als Bilderkrankheit
Die Frau wurde also in ein bestimmtes Klischee gedrängt, sie hatte eine Rolle zu spielen, aus der sie nicht fallen durfte: das liebevolle, anmutige und hingebungsvolle Wesen.
Die einzige Möglichkeit zur Flucht bedeutete für viele Frauen die „Rettung“ in die Krankheit, in hysterische Anfälle; die Befreiung gleichsam durch dieses aus der Rolle fallen, das eine Einengung der Persönlichkeit bedeutete, angestaute Gefühle entweichen lassen zu können und in dieser Rolle aufgehen, die völlig im Gegensatz zu ihrer, von der Gesellschaft legitimierten, Rolle stand. Hysterie kann man als Bilderkrankheit bezeichnen, die Frau weiß nicht mehr, wer sie selbst ist, deshalb sucht sie nach Rollenfragmenten – eine „Mode“ in der Zeit um 1800. Dies trifft in gewisser Weise auf Bettine von Arnim zu, die sich ja selbst inszeniert, indem sie sich eine Rolle, eine neue Person schafft – Bettine von Arnim wird zu Mignon, zu Psyche, einem geflügelten Wesen in einem weißen Kleid.
[...]
1 Bronfen, Elisabeth: Die schöne Seele, S. 372
2 Schaps, Regina: Hysterie und Weiblichkeit, S. 120
3 Die schöne Seele, S. 372
4 Die schöne Seele, S. 372
5 Die schöne Seele, S. 372
6 Die schöne Seele, S,. 373
7 Die schöne Seele, S. 372
8 Die schöne Seele, S. 373
9 Schaps, Regina: Hysterie und Weiblichkeit, S. 122
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