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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 1999, 37 Pages
Author: Hadwig-Maria Kuhn
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Details
Tags: Logik, Gesten, Nibelungenlied
Year: 1999
Pages: 37
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-29999-2
File size: 360 KB
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Excerpt (computer-generated)
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Ältere deutsche Literatur und Sprache
HS "Das Nibelungenlied"
7. Semester
Die ′Logik der Gesten′ im Nibelungenlied
von: Hadwig-Maria Kuhn
Inhaltsverzeichnis
1 Am Anfang war die Geste 4
2 Zu einer «Gestikologie» des Nibelungenliedes 5
2.1 Höfisch reglementierte Gesten 8
2.1.1 Die Geste der milte 8
2.1.2 Der Gruß als höfisches Ritual 14
2.1.3 Das Gedränge in Kriegs- und in Friedenszeiten 17
2.2 Gesten der Gefühlsäußerung 19
2.2.1 Funktionen des Weinens 19
2.2.2 Die «Topoisierung» unwillkürlicher Gesten 23
2.2.3 Kriemhilts Träume 25
2.3 Das Verlassen des höfischen Weges 27
2.3.1 Ursachen des Untergangs 27
2.3.2 Antizipation des Untergangs 30
2.3.3 Mechanismen des Untergangs 31
3 Einige abschließende Gedanken 35
4 Literaturverzeichnis 38
1 Am Anfang war die Geste
Am Anfang jeglicher menschlicher Kommunikation stand die Geste. Bevor der Mensch zur Sprache kam, verfügte er schon über einen Fundus an Gesten, mit denen er sich in seiner ganzen Persönlichkeit der Umwelt begreiflich machen konnte. Auch wenn Verständigung mittels Sprache und Schrift heutzutage, zumindestens in Mitteleuropa, gestische Ausdrucksweisen mehr und mehr überformt und ins Unbewußte verdrängt hat, ist es doch unbestritten, dass Körpersprache wesentlich zum Gelingen einer erfolgreichen kommunikativen Handlung beiträgt. Wenn uns jemand mit freundlichen Worten, aber einer abweisenden Körperhaltung entgegentritt, werden wir uns schwertun, dem Inhalt seiner Worte Glauben zu schenken. Erst wenn Rede und Gestus einer Person miteinander übereinstimmen, wirkt ihr Auftreten authentisch und glaubwürdig. Gestik ist diejenige Ausdrucksform des Menschen, über die sich sein ganzes Sein und Wesen vermittelt. Es ist die spezifische Art und Weise seines „aktiven In-der-Welt-Seins“1.
Dieser Tage ist mir ein Buch in die Hände gefallen, welches sich mit den spezifischen Idiomen der türkischen Gastarbeiterkinder aus zweiter und dritter Generation befaßt. Auch hier wird betont, dass Habitus und Sprache einer Person als Möglichkeit der kulturellen Identifikation gleichrangig nebeneinander stehen. Das gilt gleichermaßen für jede andere Subkultur, wie auch generell für jede Art von Gestik in Bezug auf ihre identitätsbildende Funktion innerhalb eines Kulturkreises. Die Geste ist ja gerade auch Mittlerin und Trägerin grundlegender kulturspezifischer Merkmale: Über die Bedeutung der erhobenen Hand beim Schwur müssen wir zum Beispiel genauso wenig diskutieren wie über die des oft sehr kreatürlich wirkenden Siegesgeschreis beim Fußball. Das setzt voraus, dass wir über bestimmte «Codes» verfügen, mit deren Hilfe wir in der Lage sind, die Bedeutungen von Gesten aufzudecken. Dabei sind wir „auf eine empirische, intuitive Lektüre der Welt der Gesten, jener um uns her kodifizierten Welt, eingeschränkt“2, die eben auf solch tradierten Kulturmodellen beruht. Das gilt vor allem auch für die Kultur des Mittelalters, die gelegentlich sogar als eine „Kultur der Geste“ 3 bezeichnet worden ist. Dies könnte in der „Unzulänglichkeit des Schriftlichen“4 begründet liegen, denn in der Feudalgesellschaft des Mittelalters war Lesen und Schreiben ja bekanntermaßen fast ausschließlich dem Klerus vorbehalten. So erhalten das gesprochene Wort und die sichtbare Geste einen wesentlich höheren Stellenwert als die Schrift. Dies spiegelt sich in besonderem Maße in der Darstellung von Gesten in mittelalterlicher Kunst und Literatur wieder. Hier wird deutlich, in welcher Form Gesten sowohl durch ihre normativen Eigen- schaften als auch durch den ihnen innewohnenden Symbolcharakter innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft zur Wirkung gelangen.
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich darauf beschränken, repräsentative Gesten des Nibelungenliedes zu benennen und den Versuch einer Systematisierung zu unternehmen. Dabei geht es mir vor allem um die jeweiligen Beweggründe, die sich hinter dieser oder jener Geste verbergen. Das Nibelungenlied enthält eine ganze Anzahl von Gesten, die dem damaligen Rezipienten wohl so geläufig waren, dass eine nähere Definition derselben im Text nicht nötig war. Nichtsdestoweniger entsteht beim modernen Leser in Bezug auf einige bestimmte gestische Darstellungsmodi Unverständnis und Erklärungsbedarf, da solche Ausdrucksweisen heutzutage entweder überhaupt nicht mehr gegenwärtig sind oder sich die ihnen zugrundeliegende Semantik verschoben hat. Ich möchte die Unterschiede und die eventuellen Übereinstimmungen zu Heute herausarbeiten und somit sowohl auf die Besonderheiten als auch auf die universellen Merkmale der nibelungischen Gestik eingehen. Besondere Inspriration und wichtige Anregung habe ich dabei in Bezug auf Gesten allgemein bei Vilém Flusser, auf Gesten im Mittelalter bei Jean-Claude Schmitt und konkret auf Gesten im Nibelungenlied bei Jan-Dirk Müller erfahren.
2 Zu einer «Gestikologie» des Nibelungenliedes
Bekanntermaßen sind Interaktionen zwischen Menschen permanent der Gefahr ausgesetzt, Missverständnissen zu unterliegen. In der Realität gelten Interaktionen erst dann als erfolgreich, wenn sie ungestört ablaufen können. Literarisch gesetzte Handlungsmuster dagegen zeigen ihre bedeutungstragende Struktur aber nicht nur im harmonischen Vollzug, sondern besonders auch in den Störungen der jeweiligen Interaktionen. Nicht die Gleichförmigkeiten des Verhaltens erzeugen Spannung im dramatischen Aufbau einer Erzählung, sondern deren Brüche und Ambivalenzen. Diese scheinen auf den mittelalterlichen Erzähler (oder auf das Erzählerkollektiv) eine genauso große Faszination ausgeübt zu haben wie auf die modernen Rezipienten. Die Handlungsfelder für ungestörte beziehungsweise gestörte Interaktionen bieten in der Regel vom Menschen geschaffene Rituale an, die ein hohes Maß an gesellschaftsbindenden Elementen garantieren und eine Katalysatorfunktion in Bezug auf ein friedliches Miteinander übernehmen, indem sie helfen, Aggressionen abzubauen. Ist ein solches Ritual gestört, kann ein geregelter Umgang innerhalb der Gesellschaft nicht mehr gewährleistet werden. Das System wird in seinen Grundfesten erschüttert. Gerade im Mittelalter sind Rituale geprägt durch symbolträchtige Handlungen der Menschen, die sich in streng reglementierten Gesten ausdrücken und deren Bedeutung allgemein bekannt ist. Die Gestik des Nibelungenliedes erhält in den meisten Fällen ihre tiefe Signifikanz gerade durch die Symbolkraft der ihr eigenen Aussagen. Die Akteure machen wahrhaft große Gesten, die von ihnen selbst und von den anderen beteiligten Personen auch als solche wahrgenommen werden und verstanden werden sollen. Jean-Claude Schmitt hat diese Handlungen unter dem Begriff gestus zusammengefaßt5. Es geht hierbei um „Bewegungen und Haltungen“ 6 des Körpers, die in der Regel noch eine Zusatzbedeutung erhalten; Schmitt betont, dass diese Gesten in mittelalterlichen Texten meistens als ein „Verweis auf eine Norm (ist diese oder jene Geste «unpassend»), auf eine gesellschaftliche Wertvorstellung (soweit die Geste vom sozialen Rang des Betreffenden zeugt) oder auf einen bestimmten Modus des Gestischen verwendet (es gibt ein «Idealmaß» für die Geste)“7 wird. Diesen Interaktionen ist ein ganz spezifisches Tempo zu eigen, welches den Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers nur einen sehr geringen Aktionsradius zugesteht. Gesten, welche die Würde und den Status einer Person ausdrücken, werden langsam und gemessen ausgeführt. Dies entspricht der Glaubenseinstellung und christlich geprägten Weltanschauung jener Zeit, in der prinzipiell allen Bewegungen des Körpers eine sehr pejorative Bedeutung zugemessen wurde: „So verquickt sich in der Ideologie des Christentums der Argwohn, der bereits auf der Mobilität ruht, mit der Verächtlichmachung des Körpers, und beides verstärkt das von vornherein abfällige Urteil über die Gesten. Dies muß man sich vergegenwärtigen, um die mittelalterlichen Riten zu verstehen, bei denen ja die Zurschaustellung der Reglosigkeit, das Hieratische, die Ostentation der Leiber und rituellen Gegenstände, der langsame feierliche Gang Attribute der Macht und Insignien des Heiligen sind: etwa eines Bischofs, eines Königs oder des Papstes.“8
Die Gesten des Nibelungenliedes zeichnen sich selten durch hohe Mobilität ins sich selbst, beziehungsweise durch schnellen Wechsel der Interaktionen zwischen einzelnen Personen aus, obwohl es auch in diesem Punkt Ausnahmen gibt, auf die ich noch zu sprechen komme. Jan-Dirk Müller weist in Bezug sowohl auf das Erzähltempo, als auch auf die Geschwindigkeit der erzählten Vorgänge im Nibelungenlied, auf einen interessanten Zusammenhang zwischen einer sichtbaren Beschleunigung des Geschehens und der im zweiten Teil sich kontinuierlich steigernden Katastrophe hin.9 Schmitt hebt besonders hervor, dass dem gestus, der angemessenen Bewegung des Körpers, der Begriff der gesticulatio entgegengestellt werden kann.
[...]
1 Vilém Flusser, S. 223
2 Ebd., S. 10
3 Jaques Le Goff, La Civilisation de l’Occident médiéval, Paris 1964, S. 440. Zit. n. Jean-Claude
Schmitt, S. 16
4 Schmitt, S. 16
5 Er greift dabei auf Kategorisierungen für Gesten zurück, die schon im Mittelalter maßgeblich waren.
6 Jean-Claude Schmitt, S. 28
7 Ebd.
8 Schmitt, S. 30
9 Müller, S. 384
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