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"Legendarisches" und "Höfisches" in Hartmanns Bearbeitung der Gregorius-Legende

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 26 Pages
Author: M.A. Matthias Reim
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Event: Das epische Werk Hartmanns von Aue
Institution/College: LMU Munich (Institut für Deutsche Philologie)
Tags: Legendarisches, Höfisches, Hartmanns, Bearbeitung, Gregorius-Legende, Werk, Hartmanns
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 26
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V29363
ISBN (E-book): 978-3-638-30886-1
ISBN (Book): 978-3-638-70298-0
File size: 219 KB
Notes :
Seit langen Jahren wird in der Mediävistik ein ziemlich kontroverser Forschungsstreit über Hartmanns von Aue ´Gregorius` ausgetragen, der nicht zuletzt von der Komplexität und Vielschichtigkeit, ja sogar Mehrdeutigkeit der Erzählung herrührt. Die Ursachen dafür liegen zum einen im Werk selbst, das aus dem höfischen Roman geläufige Erzählmuster mit einem überlieferten Legendenstoff verbindet. Eine der umstrittensten Streitfragen handelt von der Schuld der aus einem Geschwisterinzest geborenen...


Abstract

Seit langen Jahren wird in der Mediävistik ein ziemlich kontroverser Forschungsstreit über Hartmanns von Aue ´Gregorius` ausgetragen, der nicht zuletzt von der Komplexität und Vielschichtigkeit, ja sogar Mehrdeutigkeit der Erzählung herrührt. Die Ursachen dafür liegen zum einen im Werk selbst, das aus dem höfischen Roman geläufige Erzählmuster mit einem überlieferten Legendenstoff verbindet. Eine genaue Gattungszuordnung wird aber auch dadurch erschwert, dass die heilige Person, die üblicherweise im Mittelpunkt der legendarischen Erzählung steht, hier keinem der historischen Gregor-Päpste zugeordnet werden kann; bei ´Gregorius` handelt es sich also in erster Linie um eine rein fiktionale, literarische Gestalt. Eine der umstrittensten Streitfragen handelt von der Schuld der aus einem Geschwisterinzest geborenen Figur, die später unwissend die eigene Mutter heiratet und dennoch nach 17jähriger härtester Buße Erlösung erlangt und sogar zum Haupt der Christenheit erhoben wird. Moraltheologische Fragestellungen werden vom Dichter selbst im Text explizit thematisiert, der seinen bearbeiteten Erzählstoff somit – zur Zeit der frühscholastischen Theologie – schon von vorneherein problematisiert. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich ein Zusammentreffen ´höfischer` und ´legendarischer` Erzählmuster in der Struktur des Werks niederschlägt. Abschnitt 2.3, der auf die kontrovers diskutierte Schuldproblematik eingeht, stützt sich dabei ausschließlich auf Christoph CORMEAU`s Dissertation, in der die wesentlichen Eckpunkte dieser Diskussion festgehalten sind.


Excerpt (computer-generated)

Ludwig-Maximilians-Universität München
Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften
Hauptseminar: Das epische Werk Hartmanns von Aue
11. Fachsemester

"Legendarisches" und "Höfisches" in Hartmanns
Bearbeitung der Gregorius-Legende

von: Matthias Reim

 


Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Zur Entstehung und Überlieferung des Gregorius-Stoffes

2 Der ´Gregorius` Hartmanns von Aue – ein Epos zwischen Roman und Legende

2.1 Zur Vorlage Hartmanns und seiner Bearbeitung
2.2 Zur Struktur der Erzählung

2.2.1 Der Prolog
2.2.2 Die ´Dichotomie` der Erzählung
2.2.3 Exkurs: Das literarische Brautwerbungsschema im ´Münchner Oswald` und der ´Alexius`-Legende Konrads von Würzburg im Vergleich mit Hartmanns ´Gregorius`

2.3 Die Schuldproblematik und ihre theologische Bewertung

2.3.1 Der Geschwisterinzest
2.3.2 Das illegitime Kind
2.3.3 Das Verlassen des Klosters
2.3.4 Die Inzestehe

2.4 Zum Verhältnis von Dichtung und Theologie in Hartmanns ´Gregorius`

3 Ausblick

4 Literatur

5 Anhang


 

0 Einleitung

Seit langen Jahren wird in der Mediävistik ein ziemlich kontroverser Forschungsstreit über Hartmanns von Aue ´Gregorius` ausgetragen, der nicht zuletzt von der Komplexität und Vielschichtigkeit, ja sogar Mehrdeutigkeit der Erzählung herrührt. Die Ursachen dafür liegen zum einen im Werk selbst, das aus dem höfischen Roman geläufige Erzählmuster mit einem überlieferten Legendenstoff verbindet. Eine genaue Gattungszuordnung wird aber auch dadurch erschwert, dass die heilige Person, die üblicherweise im Mittelpunkt der legendarischen Erzählung steht, hier keinem der historischen Gregor-Päpste zugeordnet werden kann; bei ´Gregorius` handelt es sich also in erster Linie um eine rein fiktionale, literarische Gestalt. Eine der umstrittensten Streitfragen handelt von der Schuld der aus einem Geschwisterinzest geborenen Figur, die später unwissend die eigene Mutter heiratet und dennoch nach 17jähriger härtester Buße Erlösung erlangt und sogar zum Haupt der Christenheit erhoben wird. Moraltheologische Fragestellungen werden vom Dichter selbst im Text explizit thematisiert, der seinen bearbeiteten Erzählstoff somit – zur Zeit der frühscholastischen Theologie – schon von vorneherein problematisiert. In dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich ein Zusammentreffen ´höfischer` und ´legendarischer` Erzählmuster in der Struktur des Werks niederschlägt. Abschnitt 2.3, der auf die kontrovers diskutierte Schuldproblematik eingeht, stützt sich dabei ausschließlich auf Christoph CORMEAU`s Dissertation,1 in der die wesentlichen Eckpunkte dieser Diskussion festgehalten sind.

1 Zur Entstehung und Überlieferung des Gregorius-Stoffes

Die früheste schriftliche Fassung der Gregorius-Legende liegt in der altfranzösischen ´Vie du pape Grégoire` vor, deren unbekannter Verfasser sich auf eine ältere „Sainte Escripture“ als Quelle beruft; das Werk ist uns in zwei Redaktionen A und B, in insgesamt 6 Handschriften überliefert und um die Mitte des 12. Jahrhunderts im Westen Frankreichs, vermutlich im angevinischen Herrschaftsbereich, entstanden. 2 MERTENS hält aufgrund der Herkunft der Figur Grégoire aus dem Herzogtum Aquitanien eine bewusste Referenz auf die historische Eleonore von Aquitanien für möglich; nach seiner Interpretation hätte das Werk somit einem Nachweis der Geblütsheiligkeit gedient, indem man der eigenen Sippe einen - aufgrund des Inzestvergehens natürlich nicht unproblematischen – Heiligen eingliedern konnte, der es immerhin zum Papst geschafft hätte.3 Hartmann von Aue übertrug den Stoff ins Mittelhochdeutsche, wobei keine der erhaltenen Fassungen des ´Grégoire` als unmittelbare Quelle in Frage kommt.4 Die zeitliche Fixierung des ´Gregorius` innerhalb der Werkchronologie 5 des Verfassers gilt als gesichert; nach CORMEAU`s Berechnungen ist die Entstehung zwischen 1187 und 1189 oder im Zeitraum 1190 bis 1197 anzusetzen. 6 Hartmann lebt und schreibt im Großraum zwischen Bodensee und Schwarzwald, einem Reichsgebiet also, wo mit den Staufern, Zähringern und Welfen drei politische Dynastien um Besitz und Einfluss ringen; sein herre ist wahrscheinlich Berthold IV. von Zähringen, ein Herzog ohne territorialfürstliche Rechte, der allerdings seit 1152 den Titel eines rector über Burgund und die Provence führte.7 Wie PLATE anschaulich zeigt, war die politische Situation durch eine prekäre Machtbalance zwischen Papst- und staufischem Kaisertum, sowie durch stärkere Spannungen zwischen den genannten Dynastien gekennzeichnet.8 Der Kleriker Arnold, seit 1177 erster Abt des neu gegründeten Johannisklosters in Lübeck, dessen Geschichtswerk über die Slawen einen an klassischen Autoren der Antike geschulten Verfasser9 mit Verehrung für das Welfenhaus und Ablehnung Friedrich Barbarossas10 erkennen lässt, übertrug den ´Gregorius` im Auftrag Herzog Wilhelms von Lüneburg, dem Sohn Heinrichs des Löwen zwischen 1210 und 1213 unter dem historisierenden Titel ´Gesta Gregorii peccatoris` ins Mittellateinische; seine direkte Vorlage war nachweislich Hartmanns Werk.11 Besondere Beachtung muss der Tatsache geschenkt werden, dass hier ein weltlicher Auftraggeber die lateinische Bearbeitung eines volkssprachlich verfassten religiösen Stoffes bei einem Kleriker in Auftrag gibt, die sich an ein höfisches Laienpublikum wendet,12 was gewissermaßen als literaturgeschichtlicher Sonderfall zu betrachten ist. Ulrich ERNST untersuchte für seine Gregorius-Interpretation erstmals auch die Verortung der verschiedenen Erzählungen in den mittelalterlichen Sammelhandschriften und schlug damit eine neue Richtung unter rezeptionsgeschichtlich-kodikologischer13 Perspektive ein. Bereits Hartmanns altfranzösischer Prätext erscheint bis auf eine Ausnahme im Zusammenhang mit didaktischer und geistlicher Literatur; im Rahmen der Verbundtexte, die „ein religiöses Leseinteresse kirchlicher und laikaler Kreise ansprechen“14 wollen, wurde der ´Grégoire` als Hagiographie rezipiert. Die insgesamt 8 Handschriften, 15 die den mittelhochdeutschen ´Gregorius` überliefern, zeigen ein ähnliches Bild: in „höfischer Sprache und Versform gedichtet und durchsetzt von höfisch-ritterlichen Vorstellungen, die keineswegs nur abgewertet werden, ist der >Gregorius< in der Überlieferung doch nie mit der für die Entstehungszeit und das frühe 13. Jahrhundert repräsentativen höfischen Minne- und Aventiureromanliteratur […] assoziiert.“16 In einem vergleichbar hagiographischen Kontext erscheint die lateinische Übersetzung Arnolds; die ´Gesta` sind in nur einer, 1981 gestohlenenen, Handschrift von zwei Heiligenlegenden umrahmt.17

2 Der ´Gregorius` Hartmanns von Aue – ein Epos zwischen Roman und Legende

2.1 Zur Vorlage Hartmanns und seiner Bearbeitung

Der in 4006 vierhebigen Reimpaarversen abgefasste ´Gregorius` ist gegenüber seiner Vorlage stark erweitert: die Handschriftengruppe A umfasst 2736, B dagegen nur 2076 Verse.18 Hartmann setzt bei der Rezeption seiner Quelle deutlich eigene Akzente; er verfolgt eine gezielte Strategie, indem er nicht nur ausgestaltet, sondern Exkurse einfügt, „die ein bestimmtes Thema neu einführen und vertiefen“19 sollen. Besonders auffällig ist bei einem direkten Vergleich eine Verstärkung der ´höfischen` Züge gegenüber seiner legendarischen Vorlage. So etabliert Hartmann ein eigenes ethisches System: an mehreren Stellen lässt er seine Figur bzw. den Erzähler ´ideale` Tugenden auflisten, die den Herrscher oder den Angehörigen des Adels auszeichnen sollen, z.B. in der sogenannten Fürstenlehre20 des sterbenden Vaters an seinen Sohn am Beginn der Elterngeschichte.

[...]


1 CORMEAU, Christoph: Hartmanns von Aue ´Armer Heinrich` und ´Gregorius`. Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns, München: Beck 1966 (= Münchener Texte und Untersuchungen zur Deutschen Literatur des Mittelalters 15).

2 Siehe MERTENS: Gregorius-Legende, S. 254 f.

3 Vgl. ebd., S. 255.

4 Siehe CORMEAU u. STÖRMER: Hartmann von Aue, S. 123.

5 In folgender zeitlicher Reihenfolge der Epen: ´Erec`, ´Gregorius`, ´Der arme Heinrich`, ´Iwein`; vgl. CORMEAU: Hartmann von Aue, Sp. 501.

6 Vgl. ebd., Sp. 501 f.

7 Siehe PLATE: ´Gregorius peccator`, S. 74.

8 Siehe ebd.

9 Siehe BERG: Arnold von Lübeck. Leben und Werke 1, Sp. 473 f.

10 Siehe WESCHE: Arnold v. Lübeck, S. 32.

11 Vgl. WORSTBROCK: Arnold von Lübeck. Werke 2, Sp. 474 f.


12 Vgl. ebd., Sp. 475.
13 Indem sich die Kodikologie mit den Überlieferungsprozessen mittelalterlicher Literatur beschäftigt, erlaubt sie wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf Autorintention, Gattungsbestimmung und Publikumserfassung; vgl. ERNST : Der Gregorius Hartmanns von Aue im Spiegel der handschriftlichen Überlieferung, S. 4.

14 ERNST: Der Gregorius Hartmanns von Aue im Spiegel der handschriftlichen Überlieferung, S. 13.

15 Diese sind mit den Kürzeln A, L, B, D, G, K, J, E gekennzeichnet. Die älteste, auf das 2. Viertel des 13. Jahrhunderts datierte Handschrift A stammt aus dem Besitz der Königin Christina Alexandra von Schweden und wird heute in der ´Biblioteca Apostolica Vaticana` in Rom aufbewahrt; die jüngste Handschrift von Hartmanns ´Gregorius` beinhaltet der zweite, aus dem Ende des 15. Jahrhunderts datierende Teil von E, heute aufbewahrt in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Siehe ERNST : Der Gregorius Hartmanns von Aue im Spiegel der handschriftlichen Überlieferung, S. 14 ff.

16 WACHINGER: Einleitung, S. XVI.

17 Siehe ERNST: Der Gregorius Hartmanns von Aue im Spiegel der handschriftlichen Überlieferung, S. 22 f.

18 Siehe PLATE: Grégoire und Gregorius, S. 97.

19 PLATE: Grégoire und Gregorius, S. 97.

20 „wis getriuwe, wis stæte, / wis milte, wis diemüete, / wis vrevele mit güete. / wis dîner zuht wol behuot, / den herren starc, den armen guot. / die dînen solt dû êren, / die vremeden zuo dir kêren. / wis den wîsen gerne bî, / vliuch den tumben swâ er sî. / vor allen dingen minne got, / rihte wol durch sîn gebot“ (V. 248-258).


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