Termpaper, 2001, 14 Pages
Author: Dinah Stratenwerth
Subject: Romance Languages - Latin American Studies
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Lateinamerika Institut)
Tags: Borges, Rosinen, Cortázar, Borges, Werk
Year: 2001
Pages: 14
Grade: 1
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-35110-2
File size: 211 KB
Borges' Rosinen kann man nicht essen. Sie sind intellektuelle Hinweise, Anspielungen und Verweise in seinen Texten, die den Leser verwirren und neugierig machen. Er wird zum Forscher in Borges Universum. Diese Arbeit untersucht Borges' Kurzgeschichte "Die Lotterie in Babylon" anhand ihrer Rosinen. Der Text ist ein schoenes Beispiel fuer Borges' Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und der Metaphysik.
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Excerpt (computer-generated)
Borges′ Rosinen
von: Dinah Stratenwerth
Inhalt
Einleitung 4
1) Die vier Stufe n der Lotterie 5
2) Die Erklärungsversuche in der Erzählung 7
3) Die „Rosinen“ 9
4) Das Problem der Existenz 11
5) Schluß 13
Literaturverzeichnis 15
Einleitung
Es muss wohl zuerst der Titel dieser Arbeit erklärt werden: Der Begriff „Rosinen“ in dem Sinne, in dem ich ihn verwenden werde, ist von Vladimir Nabokov und beschreibt Anspielungen, die sich in seinen Romanen finden und sich auf Details aus eigenen oder fremden Werken beziehen. Die Textstelle, die diesen Ausdruck enthält, stammt aus seiner Autobiographie „Erinnerung, sprich“. Nabokov, der begeisterter Schmetterlingssammler war, glaubte als neunjähriger Junge, einen neuen Nachtfalter entdeckt zu haben, erfuhr jedoch durch einen Experten, dass das Tier längst von einem anderen beschrieben wurde. „Ich nahm die traurige Nachricht (,,,)“, schrieb er, „mit größtem Stoizismus entgegen, doch viele Jahre später rechnete ich mittels eines geglückten Stoßes (ich weiß, daß ich die Leute nicht auf diese Rosinen aufmerksam machen sollte), mit dem Entdecker meines Nachtfalters ab, indem ich einem Blinden in einem Roman seinen Namen gab.“ (Nabokov 1995: 179) Bei der Beschäftigung mit dem erzählerischen Werk von Jorge Luis Borges wurde ich an dieses Zitat erinnert, da ich auch in seinen Erzählungen auf solche „Rosinen“ zu stoßen glaubte. Um welche Anspielungen es sich handelt und was sie zum Verstehen der Geschichte beitragen, möchte ich in dieser Arbeit untersuchen. Ich beschäftige mich dabei nicht mit dem gesamten erzählerischen Werk von Borges, sondern wähle als Betrachtungsobjekt eine Geschichte, mit deren Deutung ich mich unter Beachtung der in ihr enthaltenen „Rosinen“ auseinandersetze.
Ich habe „La Lotería en Babilonia“ gewählt, weil ich sie für ein besonders schönes Beispiel für Borges` Auseinandersetzung mit der Metaphysik halte. Dieses Auswahlkriterium ist natürlich nicht wissenschaftlich, sondern persönliche Präferenz, doch ich werde in meiner Wahl unterstützt durch die Tatsache, dass ich in der von mir konsultierten Literatur nicht sehr viel über diese Erzählung gefunden habe und ich daher glaube, dass es sich lohnt, sie einer näheren Betrachtung zu unterziehen.
Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte werde ich die in ihr auftretenden Namen und Begriffe erklären und der Frage nachgehen, warum sie in Babylon spielt. Ich beginne dabei bewusst mit der Geschichte selbst und sage erst danach etwas zu ihrer Entstehung. 1 In einem weiteren Kapitel behandele ich ihre philosophischen Aspekte, wobei ich auch andere Erzählungen des Autors in meine Betrachtungen mit einbeziehe.
1) Die vier Stufen der Lotterie
„La Loteria en Babilonia“ beschreibt die Entwicklung eines Landes namens Babylon hin zu einer Gesellschaft, in der alles durch den Zufall, durch das Ziehen von Losen in einer Lotterie, bestimmt ist. Diese Entwicklung verläuft in vier Stufen, die von einem Erzähler in der ersten Person beschrieben werden.
Die Geschichte beginnt mit einer Einleitung in zwei Teilen (BF 66, Z.1 - 67, Z. 24). Die im ersten Satz enthaltenen Gegensätze („Como todos los hombres de Babilonia, he sido procónsul, como todos, esclavo; también he conocido la omnipotenc ia, el oprobio, las carceles.“, ebd Z.1-4) zeigen, dass sich offensichtlich alle Babylonier schon in allen verschiedenen gesellschaftlichen Stellungen befunden haben. Von dieser umfassenden Aussage geht der Erzähler zur Beschreibung von Einzelheiten wie dem Fehlen seines Zeigefingers (ebd., Z.4) über. Der erste Teil der Einleitung schließt ab mit einer allgemeinen Anspielung auf die griechische Philosophie („He conocido lo que ignoran los griegos: La incertidumbre“, BF 66/67, Z. 15/16) und einem erneuten Übergang zum Detail: Es wird erwähnt, dass laut einer antiken Quelle Pythagoras imstande war, sich zu erinnern, wer er in seinen vorigen Leben war. Der Erzähler behauptet, ähnliches erlebt zu haben, und dass dies weder mit Schicksal noch mit Betrug zu tun hat (BF S. 67, Z.7-9). Das zu erwartende „sondern“ nach diesem Satz ist der Anfang des zweiten Teils der Einleitung. Während dem Leser bis zu diesem Punkt keinerlei Erklärung gegeben wurde und er wahrscheinlich nicht weiß, worum es geht, beginnt nun die eige ntliche Einleitung für die Entstehungsgeschichte der Lotterie. Der Erzähler versichert darin, dass er, solange er noch in Babylon lebte, nie über dieses Phänomen nachgedacht hatte, da es ein so selbstverständlicher Teil der Realität war, dass es keiner Reflexion darüber bedurfte ( „(...) hasta el dia de hoy, he pensado tán poco en ella como en la conducta de los dioses indiscefrables o de mi corazón.“ BF S. 67, Z. 18-20) Erst jetzt, wo er, wie der Leser erfährt, weit weg von Babylon ist, beginnt er sich über die Lotterie zu wundern. Wer der Erzähler ist und warum er nicht mehr in Babylon ist, wird nicht erklärt, ich werde darauf aber am Schluss zurückkommen. Bei der anschließenden Beschreibung der Entstehung der Lotterie beruft er sich auf seinen Vater, der vom Beginn des Lotteriespiels vor langer Zeit berichtete. Dieses „antiguamente“ ist allerdings keine Umschreibung für einen klar umrissenen Zeitraum, wie der Einschub „cuestión de siglos, de anos ?“ zeigt.
Zu Beginn war die Lotterie in Babylon eine gewöhnliche Lotterie, wie sie heute in vielen Ländern der Welt gespielt wird: Es wurden mit Symbolen verzierte Plättchen verkauft und eine Ziehung entschied, welches Symbol etwas gewonnen hatte. Diese erste Stufe der Lotterie scheiterte jedoch, da sie, so der Erzähler, die Menschen langweilte, denn „No se dirigían a todas las facultades del hombre: únicamente a su esperanza.
[...]
1 Um besser auf Textstellen hinweisen zu können, habe ich die Erzählung jeweils seitenweise mit Zeilennummern versehen, die sich auf die Madrider Ausgabe der „Ficciones“ im Verlag Alianza Editorial von 1997 beziehen. Ich kürze sie im Folgenden mit „BF“ ab.
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