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Analyse sozialer Netzwerke - Theorie und Methodik der modernen soziologischen Netzwerkanalyse

Wissenschaftlicher Aufsatz, 2005, 45 Seiten
Autor: Nadine Lange
Fach: Soziologie - Methodologie und Methoden

Details

Veranstaltung: Allgemeine Soziologie
Institution/Hochschule: Universität Hamburg (Institut für Soziologie)
Tags: Analyse, Netzwerke, Theorie, Methodik, Netzwerkanalyse, Allgemeine, Soziologie
Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 2005
Seiten: 45
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 6  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V35308
ISBN (E-Book): 978-3-638-35266-6
ISBN (Buch): 978-3-638-74296-2
Dateigröße: 264 KB

Zusammenfassung / Abstract

“Network analysis is a recent set of methods for the systematic study of social structures. (...) The decision to use this approach implies adopting a specific methodology but, at the very least, network analysis offers a new standpoint from which to judge social structures” (Degenne/Forsé, 1999, S. 1). Die Netzwerkanalyse ist statistisches Instrumentarium und Theorieperspektive zu gleich (Jansen, 2003, S.11 ff). Netzwerke sind von besonderer Bedeutung für die Handlungsmöglichkeiten der Akteure, der Menschen in den Netzwerken. Sie sind eine zusätzliche Ebene der Handlungskoordination „neben“ und „über“ den individuellen und korporativen Akteuren. Die Netzwerkanalyse ist das Instrument zur Verbindung von Akteurs- und Handlungstheorien mit Theorien über Institutionen, Strukturen und Systemen. Sie vereint Mikro- und Makroansätze sowie emergente und systematische Eigenschaften von Sozialsystemen oder soziale Tatsachen von Durkheim. Die Netzwerkanalyse verhält sich dabei theoretisch neutral. Sie dient der spezifischen, systematischen und quantifizierenden Beschreibung von Netzwerken. Dabei werden wenige Vorannahmen über den Begriff, die Struktur oder Leistungsfähigkeit des Netzwerkes gebraucht. So ist eine vergleichende Analyse oder Kombination verschiedener theoretischer Ansätze möglich. Formal definiert sich ein Netzwerk als abgegrenztes Set aus Knoten und ein Set der für diese Knoten definierten Kanten (Jansen, 2003, S. 13). Im ersten Teil dieser Arbeit wird näher auf die theoretischen Aspekte der Netzwerkanalyse eingegangen. Im zweiten Teil wird das Instrument der Netzwerkanalyse mit Definitionen, Erhebungsmethoden und Maßzahlen im Detail vorgestellt.


Textauszug (computergeneriert)

Analyse sozialer Netzwerke -
Theorie und Methodik der modernen soziologischen Netzwerkanalyse

von: Nadine Lange

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. Theorien sozialer Netzwerke und der Netzwerkanalyse 6

1.1 (Sozial-)Struktur und Structural Analysis 6
1.2 Strukturelle Handlungstheorien 8
1.3 Soziale Netzwerke und Rational Choice 10
1.4 Strukturale Analyse und Systemtheorie 11
1.5 Netzwerkanalyse und Soziales Kapital 13
1.6 Analyse sozialer Netzwerke heute 15

2. Methodik der Netzwerkanalyse 16

2.1 Merkmalsträger, Merkmale und Analyseebenen 16

2.1.1 Merkmale von Individuen 16
2.1.2 Merkmale von Kollektiven 17
2.1.3 Netzwerke, Relationen und Analyseebenen 17
2.1.4 Triaden- und Triplettzensus als Mittel der Strukturbeschreibung 20

2.1.4.1 Unbewertete gerichtete und vollständige bewertete gerichtete Graphen als Strukturrepräsentation 20
2.1.4.2 Tripletts und Triplett-Typen 21
2.1.4.3 Triaden- und Triplettzensus 22

2.2 Erhebung von Netzwerkdaten 23

2.2.1 Gesamtnetzwerke 24
2.2.2 Ego-zentrierte Netzwerke 26
2.2.3 Stichprobentheorie 27

2.3 Analyseverfahren der Netzwerkanalyse 27

2.3.1 Soziogramme und Graphentheorie 27
2.3.2 Soziomatrizen und Affiliations-Matrizen 28
2.3.3 Netzwerkanalytische Maßzahlen 29

2.3.3.1 Maßzahlen für einzelne Akteure 29

2.3.3.1.1 Degree 29
2.3.3.1.2 Indegree 29
2.3.3.1.3 Outdegree 30
2.3.3.1.4 Multiplexitätsgrad 30

2.3.3.2 Maßzahlen ego-zentrierter Netzwerke 31

2.3.3.2.1 Dichte 31
2.3.3.2.2 Multiplexität des Akteurs 32

2.3.3.3 Maßzahlen für das Gesamtnetzwerk 32

2.3.3.3.1 Netzwerkdichte 32
2.3.3.3.2 Netzwerk- Multiplexität 32
2.3.3.3.3 Netzwerkkohäsion 32

2.3.4 Die Erreichbarkeitsmatrix 33
2.3.5 Die Pfaddistanzmatrix 34

2.4 Zentralität und Prestige in Netzwerken 35

2.4.1 Zentralität und Zentralisierung 35

2.4.1.1 Zentralität einzelner Akteure 35
2.4.1.2 Zentralisierung von Netzwerken 37
2.4.1.3 Vergleich der Maßzahlen hinsichtlich der Reichweite ihrer jeweiligen Aussage 39

2.4.2 Prestige und Hierarchisierung in Netzwerken 40

2.4.2.1 Degree-Prestige 40
2.4.2.2 Proximity-Prestige 40
2.4.2.3 Rang-Prestige 41
2.4.2.4 Prestige von Statusgruppen 41
2.4.2.5 Vergleich dieser Maßzahlen hinsichtlich der Reichweite ihrer jeweiligen Aussage 42

2.4.3 Vergleich der Maßzahlen des Prestiges mit den Maßzahlen der Zentralität und Zentralisierung 42

2.5 Teilgruppen in Netzwerken 43

2.5.1 Die Konzepte von kohäsiven Subgruppen in Netzwerken 43
2.5.2 Cliquen, n-Cliquen und soziometrische n-Cliquen 43
2.5.3 K-Plexe und k-Cores 44
2.5.4 Soziale Kreise, k-zyklische Blöcke und F-Blöcke 44



1. Theorien sozialer Netzwerke und der Netzwerkanalyse

“Network analysis is a recent set of methods for the systematic study of social structures. (...) The decision to use this approach implies adopting a specific methodology but, at the very least, network analysis offers a new standpoint from which to judge social structures” (Degenne/Forsé, 1999, S. 1). Die Netzwerkanalyse ist statistisches Instrumentarium und Theorieperspektive zu gleich (Jansen, 2003, S.11 ff). Netzwerke sind von besonderer Bedeutung für die Handlungsmöglichkeiten der Akteure. Sie sind eine zusätzliche Ebene der Handlungskoordination „neben“ und „über“ den individuellen und korporativen Akteuren. Die Netzwerkanalyse ist das Instrument zur Verbindung von Akteurs- und Handlungstheorien mit Theorien über Institutionen, Strukturen und Systemen. Sie vereint Mikro- und Makroansätze sowie emergente und systematische Eigenschaften von Sozialsystemen oder soziale Tatsachen von Durkheim. Die Netzwerkanalyse verhält sich dabei theoretisch neutral. Sie dient der spezifischen, systematischen und quantifizierenden Beschreibung von Netzwerken. Dabei werden wenige Vorannahmen über den Begriff, die Struktur oder Leistungsfähigkeit des Netzwerkes gebraucht. So ist eine vergleichende Analyse oder Kombination verschiedener theoretischer Ansätze möglich. Formal definiert sich ein Netzwerk als abgegrenztes Set aus Knoten und ein Set der für diese Knoten definierten Kanten (Jansen, 2003, S. 13)
Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich näher auf die theoretischen Aspekte der Netzwerkanalyse eingehen. Im zweiten Teil werde ich das Instrument der Netzwerkanalyse mit Definitionen, Erhebungsmethoden und Maßzahlen vorstellen.

1.1 (Sozial-)Struktur und Structural Analysis

„Für den Soziologen ist die Netzwerkanalyse eine Methode zur Untersuchung von sozialen Strukturen. Eine Sozialstruktur wird repräsentiert durch die Beziehungen zwischen sozialen Einheiten wie Personen, Positionen, Gruppen, Organisationen usw. (…) Der theoretische Anspruch der Netzwerkanalytiker geht zunächst dahin, das Instrumentarium zur Entwicklung gehaltvoller Strukturtheorien bereitzustellen“ (Pappi, S.11). Mit der Netzwerkanalyse lassen sich sowohl Ansätze auf der Makroebene als auch zu Kleingruppen bearbeiten. Die Soziologen interessieren sich besonders für das Erstere. Für sie bietet die Netzwerkanalyse eine Methode zur Untersuchung von sozialen Strukturen. Die Verbindung zwischen Netzwerk und Struktur stellte bereits Radcliff-Brown 1940 her. Er benutze des Ausdruck „Sozialstruktur“ zur Beschreibung eines komplexen Netzwerkes sozialer Beziehungen. Das Wort „Netzwerk“ diente dort noch als Metapher, aber Mitchell versuchte 1969 daraus einen brauchbaren analytischen Begriff zu formen: Ein Netzwerk wird definiert durch Beziehungen eines bestimmten Typs verbundene Menge von sozialen Einheiten wie Personen, Positionen, Gruppen, Organisationen usw. (Vgl. Pappi, S. 11-13)

Die Netzwerkanalyse als strukturelle Analyse ist die formale Beschreibung von Strukturen als wesentliche soziale Eigenschaft. Sie dient der Erklärung individuellen Handelns im Netzwerk und die Folgen auf Entstehung oder Veränderungen der Strukturen im Netzwerk. Das Ganze (das Netzwerk) wird untersucht, um das Verhalten der Teile (die Netzwerkelemente) verstehen und erklären zu können.
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ (Jansen, 2003, 13) Dabei haben Netzwerke Eigenschaften, die Individuen nicht haben können (emergente Eigenschaften). Sie sind jedoch abhängig von den Individuen des Netzwerkes. Die Frage des Verhältnisses zwischen Individuen und Gesellschaft ist in der Soziologie bereits als das Problem sozialer Ordnung bekannt, welches allerdings meistens sehr einseitig angegangen worden ist. Mikrosoziologische Ansätze (bspw. Homans, Humml/Oppl) beschränken sich auf die Perspektive individuellen Handelns. So kann zwar das individuelle Handeln, aber nicht ganze gesellschaftliche Bewegungen und Trends erklärt werden. Vertreter der Makrosoziologie (z.B. Parsons) postulieren in ihren Ansätzen Entwicklungstendenzen für ganze Gesellschaften. Sie können die Entwicklungen aber nicht mehr mit den Beweggründen und Handlungsweisen einzelner Individuen verbinden. Stattdessen werden funktionale Erfordernisse für die Gesamtgesellschaft zur Erklärung herangezogen. (Vgl. Jansen, 2003, S. 14)

Coleman, der eigentlich nicht zu den Netzwerkanalytikern zu rechnen ist, kritisiert die Vernachlässigung der Mikro- Makro- Integration in der Soziologie. Ihm ging es um die Integration von Struktur/System und Akteur/Handlung. In seinem Aufsatz zu Sozialtheorie und Sozialforschung brachte er den Durchbruch der standardisierten Umfrageforschung in den USA der 40iger Jahre in Zusammenhang mit einem Wechsel der Theorieperspektive von makrosoziologischen hin zu individualistisch-behavioristischen Fragestellungen. Aber nicht die Erklärung individuellen Verhaltens sondern des Verhaltens zusammengesetzter Einheiten wie Gemeinden, Organisationen oder Gesamtgesellschaften sei zentrale Aufgabe der Sozialforschung. (Vgl. Jansen, 2003, S. 14/15.)
Anfang der 80iger Jahre haben Berkowitz, Blau und Burt die Strukturanalyse als wesentliche Vertreter theoretisch und empirisch vorangetrieben (Vgl. Ohlemacher S. 14-19). Im Fokus der Analyse stand dabei weniger der Zusammenhang von Struktur und Handeln sondern die Beschreibung von Strukturen sozialer Systeme. Dabei wird versucht eine Synthese der Ansätze der Mikro- und der Makrosoziologie zu erreichen. Burt versuchte dies 1982 indem der die formalen Modelle der Netzwerkanalyse aufgriff. Diese hatte sich in den 70iger Jahren emanzipiert und stellte ein differenziertes Instrumentarium zur formalisierten Beschreibung sozialer Strukturen dar. Ein wichtiger Beitrag war die Umsetzung der strukturellen Äquivalenz in mathematisch auswertbare Modelle. Dieses Modell geht davon aus, dass das Handeln eines Akteurs nicht nur durch die Nähe zu Anderen sondern signifikant auch durch Konkurrenz ihm unbekannten, aber strukturell ähnlich verankerten Akteuren bestimmt wird. Burt suchte dabei nicht den direkten Weg von Struktur nach Handlung. (Vgl. Burts strukturelle Handlungstheorie im Kapitel 1.2)

1.2 Strukturelle Handlungstheorien

Die Netzwerkanalyse hat als Methode und als theoretische Perspektive das Potential zur Lösung des zentralen Problems der Soziologie, der Integration von Struktur und Handeln. Im Zentrum der Analyse stehen die relationale Ordnung von Personen und deren relationalen Merkmale. Die Beziehungen der Individuen untereinander und ihre Einbettung in eine Struktur sind von zentralem Interesse. Sozialstruktur entsteht so durch die Beziehungen der Akteure. Erfolgsversprechend für die Integration von Mikro- und Makrosoziologie ist die gemäßigte strukturelle Analyse, wie sie von verschiedenen strukturellen Handlungstheoretikern (wie Burt, Granovetter, Wellman und später White) vertreten wird (Vgl. Jansen, 2003, S. 18). Diese Ansätze werden im Folgenden kurz vorgestellt.
In Auseinandersetzung mit Parsons entwickelte Burt seine strukturelle Handlungstheorie mit strukturellen und akteursbezogene Komponenten. Diese beruhen auf folgenden Grundannahmen (Jansen 2003, S 18/19):

1. Die Makroebene bildet die Gesellschaft als eine relationale und nach Positionen stratifizierte Sozialstruktur.
2. Entwicklung eigener Interessen durch einen Akteur wird durch seine Position in der Sozialstruktur geformt.
3. Die Position in der Sozialstruktur und die bereits durch die Position bestimmten Interessen sind die constraints für die Handlung.
4. Die Handlungen der zweckorientierten Akteure reproduzieren die soziale Struktur und verändern sie unter Umständen auch.

[...]


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