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Hauptseminararbeit, 2004, 27 Seiten
Autor: Christine Beier
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Institution/Hochschule: Philipps-Universität Marburg
Tags: Darstellung, Wahnsinns, Hoffmanns, Sandmann, Mittel, Erschütterung, Wirklichkeitswahrnehmung, Hauptseminar, Literatur, Psychiatrie, Romantik, Vormärz
Jahr: 2004
Seiten: 27
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 18 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-35602-2
Dateigröße: 280 KB
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Textauszug (computergeneriert)
Philipps-Universität Marburg
FB 09 Germanistik und Kunstwissenschaften
HS Literatur und Psychiatrie in Romantik und Vormärz
7. Semester
Die Darstellung des Wahnsinns in E. T. A. Hoffmanns
′Der Sandmann′ als rezeptionsästhetisches Mittel zur
Erschütterung der Wirklichkeitswahrnehmung
von: Christine Beier
Inhalt
I. Einleitung 4
II. Hauptteil 5
1. Dämonische Mächte im Sandmann – zwei Perspektiven 5
1.1. Nathanaels Wahnsinn - Folge einer äußeren Macht oder eines inneren Dämons? 5
1.2. Die naturphilosophische Sichtweise Schuberts: Nathanael als Empfänger übernatürlicher Kräfte 11
2. Die Multperspektivität als Mittel zur Verwischung der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn 18
2.1. Mehrdeutige Erzählhaltung 18
2.2. Der Dialog zwischen Autor und Leser 22
III. Schluss 25
IV. Literatur 27
I. Einleitung
In der Literatur der Romantik spielt die Beschäftigung mit der Wahnsinnsthematik eine besondere Rolle. Die literarische Verarbeitung dieses Themas steht in engem Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen psychologischen und psychiatrischen Diskurs dieser Zeit. An diesem Diskurs war offensichtlich auch E. T. A. Hoffmann äußerst interessiert, was sich in vielen seiner Werke zeigt.
In seiner 1815 entstandenen Erzählung Der Sandmann steht der Student Nathanael im Mittelpunkt, der fortschreitend an Wahnsinn leidet und schließlich auch daran zugrunde geht, dass er Realität und Vision nicht mehr trennen kann. Diese Arbeit soll zeigen, dass mit der Darstellung eines Wahnsinnigen nicht der Wahnsinn als Krankheit im Vordergrund steht und etwa Therapiemöglichkeiten vorgestellt würden. Hoffmann nutzt das Thema Wahnsinn vielmehr dazu, um mit den festgelegten Vorstellungen von Normalität und Wahnsinn zu ‚spielen’ und die Wirklichkeitswahrnehmung seiner Rezipienten zu erschüttern. Im ersten Teil der Arbeit geht es darum, die zwei Deutungsmöglichkeiten, die dem Leser in Bezug auf das ‚wahre’ Geschehen angeboten werden, zu analysieren und auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen. Dabei geht es besonders um die Frage, ob man das Auftauchen übernatürlicher Mächte eher auf die übermäßige Phantasietätigkeit und den Wahnsinn Nathanaels zurückführen oder aber ob man den Wahrnehmungen Nathanaels glauben solle. Grundsätzlich öffnet der Text dem Leser also zwei Möglichkeiten, wie die Geschehnisse und damit auch ihre Wahrnehmung durch Nathanael, gedeutet werden können. Diese unterschiedlichen Erklärungsmöglichkeiten Claras und Nathanaels korrespondieren mit zeitgenössischen Positionen in Bezug auf übernatürliche Phänomene und psychische Krankheit. Im zweiten Teil des ersten Kapitels soll daher ein Blick auf diesen Diskurs geworfen werden, wobei besonders die naturphilosophische Sichtweise berücksichtigt und darauf hingewiesen werden soll, welche Bedeutung Gotthilf Heinrich Schuberts Werk Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft für die Darstellung Nathanaels hat. Ziel dieser Analyse ist auch ein Verständnis für Hoffmanns Sicht auf die von ihm dargestellten unheimlichen, unerklärlichen Erscheinungen.
Schließlich geht es dann im zweiten Kapitel um die Erzähltechnik Hoffmanns, mit der er nicht zuletzt durch den häufigen Wechsel der Perspektive den Leser am Finden einer eindeutigen Interpretation des Gelesenen hindert. Dabei stellt sich die Frage nach der Absicht, die hinter Hoffmanns Verwirrspiel steht. Welche Wirkung erzielt Hoffmann mit seiner Inszenierung des Dialogs zwischen ihm und dem Leser bzw. zwischen Erzähler und Leser? Es gilt letztlich zu analysieren, welche Aussage Hoffmann mit seiner Erzähltechnik trifft, die dem Leser eine Auflösung, im Sinne einer Bestätigung der einen oder der anderen Wahrheit, schuldig bleibt.
II. Hauptteil
1. Dämonische Mächte im Sandmann – zwei Perspektiven
1.1. Nathanaels Wahnsinn - Folge einer äußeren Macht oder eines inneren Dämons?
Nathanael glaubt, in seiner Kindheit das erste Mal in Berührung mit einer dämonischen, äußeren Macht gekommen zu sein. Reizt ihn in frühster Jugend zunächst noch das Wunderbare im Sinne eines Abenteuers (vgl. S. 333), ist der Brief, den Nathanael in der Zeit seines Studiums an Lothar schreibt, ein Zeugnis seiner ernsthaften Angst: „Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten!“1 Darauf erklärt er, dass es der Besuch eines Wetterglashändlers war, der ihm diesen „tödlichen Eindruck“ (331) hinterließ.
Er ist sich sicher, dass der Wetterglashändler die Fortsetzung eines dämonischen Wirkens ist, das in seiner Kindheit begonnen hat. Auch wenn sich dieser Dämon Nathanael zu unterschiedlichen Lebensabschnitten unter verschiedenen Namen zeigte (Sandmann, Coppelius, Coppola), bleibt es für ihn immer die gleiche Angst, die darin besteht, dass eine feindliche Macht sein Leben beherrsche und letztendlich zerstören werde. Er differenziert auch bezüglich der Bezeichnung des Dämons nicht zwischen dem Sandmann, der ihn in seiner Kindheit in Angst und Schrecken versetzt hat, dem Advokaten Coppelius, den er später als Sandmann identifiziert, und dem Wetterglashändler Coppola. Selbst als Nathanael in seinem zweiten Brief an Lothar schreibt, es sei nun „gewiß, daß der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keineswegs der alte Advokat Coppelius“ sei, wird ein paar Zeilen weiter klar, dass in seinem Innern die beiden Figuren doch identisch bleiben: „Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet ihr, Du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppelius’ verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, daß er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt.“ (342)
Der Leser erfährt aus Nathanaels Sicht, was diesem Unglaubliches in seiner Kindheit geschehen ist und muss auf der Grundlage dieses Erlebnisberichts und dem eigenen Weltbild bezüglich Trennung von Phantasie und Wirklichkeit zu einer Einordnung bzw. Wertung der Ereignisse gelangen. Nathanaels Beschreibung des Sandmanns lassen den Leser zunächst darauf schließen, dass sich hinter dem Sandmann wirklich die Verkörperung alles Bösen verbirgt. Sein äußeres Erscheinungsbild lässt ihn tatsächlich als etwas Nicht-Menschliches, Dämonisches erscheinen: „Denke dir einen großen, breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigen grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe gezogenen Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; [...] Die ganze Figur war überhaupt widrig und abscheulich [...].“ (334f.)
Obwohl Nathanael zu diesem Zeitpunkt weiß, dass es nicht jene Märchengestalt aus dem Ammenmärchen ist, die den Vater regelmäßig besucht, trägt diese Beschreibung märchenhafte Züge, worauf besonders die grünlichen Katzenaugen und das schiefe Maul hinweisen. Aber auch wenn einige Merkmale auf eine diabolische Gestalt hinweisen, ergibt sich kein eindeutig teuflisches Bild, wie Günter Hartung richtig feststellt. Für ihn ist Coppelius „eine aus ‚heterogenen Elementen’ zusammengesetzte Gestalt, an der gerade noch so viele traditionelle Vorstellungselemente beteiligt sind, daß sich die Resultante eines in Menschgestalt erscheinenden ‚teuflischen Prinzips’ ergibt.“2 Damit erreiche Hoffmann, dass man Coppelius weder als Gestalt einer realen Welt identifizieren, noch der Sphäre des Phantastischen zuordnen könne.3 Dies entspricht – so könnte man annehmen - der Absicht Hoffmanns, die Ebenen des Wirklichen und des Phantastischen zu verwischen.
[...]
1 E. T. A. Hoffmann, Der Sandmann, in: Sämtliche Werke, Band 1: Fantasie- und Nachtstücke, nach dem Text der Erstdrucke, Darmstadt 1962, S. 331. Alle hier angeführten Zitate des Primärtextes beziehen sich auf diese Ausgabe, die Seitenangaben werden im Folgenden in Klammern hinter die zitierten Textstellen gestellt.
2 Günter Hartung: Anatomie des Sandmanns, in Weimarer Beiträge 23 (1977), Heft 9, S. 59
3 Vgl. ebd. S. 58
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