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Der Streit um die Neue Wache

Scholary Paper (Seminar), 2004, 27 Pages
Author: Helene Heise
Subject: Politics - Miscellaneous

Details

Event: Grundkurs, 2. Teil (Vergangenheitspolitik - Geschichtspolitik - Erinnerungspolitik)
Institution/College: University of Hamburg (Institut für Politische Wissenschaft)
Tags: Streit, Neue, Wache, Grundkurs, Teil, Geschichtspolitik, Erinnerungspolitik)
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 27
Grade: keine, aber positives Feedback
Bibliography: ~ 39  Entries
Language: German
Archive No.: V36329
ISBN (E-book): 978-3-638-35990-0

File size: 237 KB
Notes :
Die Arbeit analysiert eine der zentralen geschichtspolitischen Debatten der letzten Jahre - den Streit um die Neue Wache in Berlin als „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland“ für „die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ - als Beispiel für die Geschichtspolitik der Regierung Kohl nach 1989. Die Arbeit ist zwar in einem Grundkurs geschrieben, hatte aber in Absprache mit dem Seminarleiter den Umfang einer Hauptseminar-Arbeit und auch ein entsprechendes Niveau.



Excerpt (computer-generated)

Der Streit um die Neue Wache

von: Helene Heise

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  4

2. Die Vorgeschichte des Ortes  6

3. Die Vorgeschichte der Debatte 9

4. Die Debatte  13

4.1 Themen und Akteure  15
4.2 Das Geschichtsbild und sein Ausdruck in der Gestaltung 17
4.3 Rückschlüsse auf die Geschichtspolitik beider Gruppen  23

5. Schluss  24

6. Literatur  26


 

1. Einleitung

Am 14. November 1993, dem Volkstrauertag, wurde die Neue Wache unter den Linden als „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland“ für „die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ eingeweiht. Im von Karl Friedrich Schinkel erbauten Nutzbau, der nach Entwürfen Heinrich von Tessenows in den 1930er-Jahren zur Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet worden war und danach der DDR als zentrales Mahnmal für die „Opfer von Faschismus und Militarismus“ gedient hatte, befand sich nun eine auf Lebensgröße „aufgeblasene“1 Skulptur der Künstlerin Käthe Kollwitz, die „Mutter mit totem Sohn“. Der Einweihung der Gedenkstätte war ein kurzer, aber heftiger Streit um ihre künstlerische Gestaltung und die Widmung vorausgegangen.

Die Debatte um die Neue Wache hatte einmal mehr die Deutung der NSVergangenheit zum Thema, wie dies in den 1980er-Jahren schon in vielen Diskussionen um Geschichte, Erinnerung und Gedenken stattgefunden hatte. Ob in der Diskussion um Helmut Kohls „Museumsgeschenke“, ein zentrales „Ehrenmal“ für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Bonn, den 8. Mai 1985 oder dem Historikerstreit – immer wieder wurde die Geschichte zum Gegenstand innenpolitischer Auseinandersetzungen. In diesem Fall entzündete sich der Streit sowohl an dem durch die Umgestaltung der Neuen Wache ablesbaren Geschichtsbild wie an der Geschichte des Ortes selbst. Wiederholt wurde in Frage gestellt, ob die Neue Wache wegen der verschiedenen historischen Verwendungen als zentrale Gedenkstätte überhaupt geeignet sei. So hatte das Gebäude bereits vier verschiedenen politischen Systemen als Mahnmal oder Gedenkstätte gedient: Im Kaiserreich war sie Denkmal für die Befreiungskriege gewesen, in der Weimarer Republik Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, in der NS-Zeit wurde sie als „Reichsehrenmal“ in politisch- militärische Inszenierungen und Aufmärsche einbezogen und die DDR widmete sie zur zentralen Gedenkstätte für beide Weltkriege und den zum Gründungsmythos der DDR hochstilisierten Anti-Faschistischen Widerstand der NS-Zeit um. Im Folgenden soll der Streit um die Neue Wache von 1993 untersucht werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, welches Geschichtsbild die verschiedenen Akteure der Debatte vertreten. Lässt sich dieses auch in den Vorschlägen zur Gestaltung der Neuen Wache ablesen? Und inwiefern kann dieses Geschichtsbild in Geschichtspolitik2 umgesetzt werden? Der Geschichtspolitik dient in modernen Demokratien der Legitimation von Herrschaft. Mithilfe von Geschichte können Gruppenidentitäten hergestellt werden, indem auf gemeinsame Vergangenheit rekurriert wird. Erinnerungspolitik ist eine Unterform der Geschichtspolitik, die sich auf das Handlungsfeld der Erinnerungskultur bezieht, d.h. die Errichtung von Museen und Gedenkstätten, Denkmälern aber auch die Institutionalisierung von Gedenktagen an denen auf bestimmte Weise an bestimmte Ereignisse und Personengruppen erinnert wird – und an andere nicht. Politik mit der Erinnerung ist somit

„in ihrer Wahrnehmung selektiv und in ihrer Strategie konfliktorientiert angelegt. Immer geht es um symbolische Besetzung von Gedächtnisorten und die Aneignung bzw. Nutzung der Ressource Geschichte für die eigene Traditionsbestimmung und Herrschaftslegitimierung.“ Um die oben aufgeführte Fragestellung beantworten zu können, soll jedoch zunächst eine kurze Geschichte der Neuen Wache und ihrer Nutzung in den letzten knapp 200 Jahren als Hintergrund für den Streit von 1993 vorangestellt werden, um die von den Kontrahenten auf beiden Seiten der Debatte herangezogene Baugeschichte und ihre Bedeutung beurteilen zu können. Danach folgt eine knappe Beschreibung der in den 1980er-Jahren statt- findenden zentralen geschichtspolitischen Debatten, besonders jedoch des Streits um ein „zentrales Ehrenmal“ in Bonn ab 1983, die auf bereits vor der Debatte von 1993 bestehende Konflikte und Streitlinien eingehen wird. Damit soll später dann auch der Frage nachgegangen werden, ob es sich beim Streit um die Neue Wache eigentlich um eine neuartige Debatte handelte, die nach der Wiedervereinigung schon auf die Debatten der späten 90er verwies, oder ob die Kontroverse um die Neue Wache nicht eher deutlich geprägt ist vom Umgang mit Geschichte in der Ära Kohl.

2. Die Vorgeschichte des Ortes

Die Neue Wache wurde von Karl Friedrich Schinkel 1816-18 als Wachlokal mit Arrestzellen und Sitz der zentralen Berliner Garnisonsbehörden erbaut. Sie war in der Form an ein „römisches Castrum“ angelehnt, d.h. ein annähernd quadratischer Grundriss wird von vier turmartigen Vorsprüngen an den Ecken eingerahmt und erinnert so an eine Burg. Das eher wuchtige Erscheinungsbild dieses Grundrisses durchbricht eine vorgelagerte dorische Säulenhalle. Gleichzeitig war die Wache als Denkmal für die Befreiungskriege konzipiert. Im Giebelfeld der Säulenhalle ist eine 1846 nachträglich hinzugefügte, aber von Schinkel bereits geplante Szene zu sehen: Die Siegesgöttin Victoria im Zentrum bekrönt die siegreichen Kämpfer. Die Säulen werden von zehn schwebenden Victorien betont. Zur Gesamtanlage gehörten auch die Denkmäler der Generäle Scharnhorst und von Bülow auf beiden Seiten der Neuen Wache.4 Im Kaiserreich wurde die Neue Wache durch das tägliche Zeremoniell der Wachablösung zur (Touristen-)Attraktion. Sie fügte sich damit ein in die militaristische Ausrichtung und Traditionen des Kaiserreichs.5

[...]


1 Die Kritiker bezeichneten die Vergrößerung der Kollwitz-Skulptur wahlweise als „Blowup“, aufgepumpt oder aufgeblasen. Vgl. Walter Jens: Vorwort. In: Akademie der Künste (Hg.): Streit um die Neue Wache. Zur Gestaltung einer zentralen Gedenkstätte. Berlin 1993, S. 5; vgl. Walter Jens: Offener Brief an den Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. In: Christoph Stölzl (Hg.): Die Neue Wache unter den Linden. Ein deutsches Denkmal im Wandel der Geschichte. München/Berlin 1993, S. 189; vgl auch der Diskussionsbeitrag Eberhard Roters in der Debatte in der Akademie der Künste am 24. März 1993. In: Akademie der Künste, S. 65.

2 Geschichtspolitik soll hier nach Edgar Wolfrum verstanden werden als „ein Handlungs- und Politikfeld, auf dem verschiedene Akteure Geschichte mit ihren spezifischen Interessen befrachten und politisch zu nutzen suchen. Sie zielt auf die Öffentlichkeit und trachtet nach legitimierenden, mobilisierenden, skandalisierenden, diffamierenden usw. Wirkungen in der politischen Auseinandersetzung. Bei den beteiligten Akteuren handelt es sich im weiteren Sinne um konkurrierende Deutungseliten, um Politiker, Journalisten, Intellektuelle und Wissenschaftler (…).“ Edgar Wolfrum: Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-1990. Darmstadt 1999, S. 25f.

3 Peter Reichel: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit. München/Wien 1995, S. 325.

4 Vgl. Jürgen Tietz: Schinkels Neue Wache unter den Linden. Baugeschichte 1816-1993. In: Stölzl, S. 9-93, hier S.10-21; vgl. Hanna Vorholt: Die Neue Wache. Berlin 2001. (Berliner Ansichten Bd. 19); Stefanie Endlich: Die Neue Wache 1818-1993. Stationen eines Bauwerks. In: Sekretariat für kulturelle Zusammenarbeit nichttheatertragender Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen (Hg.): Deutsche Nationaldenkmale 1790-1990. Bielefeld 1993. S. 101-113, hier S. 101f.

5 vgl. Vorholt, S. 10-28; vgl. auch Anja Büchten: Hundert Jahre im Dienst der Krone. In: Anja Büchten, Daniela Frey (Hg.): Im Irrgarten deutscher Ge schichte. Die Neue Wache 1818-1993. Berlin 1993. S. 11-19.


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