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Werthers Krankheit zum Tode - Die Selbstmordthematik in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers"

Autor: Antje Minde
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Veranstaltung: Melancholie - Barock bis Weimarer Klassik
Institution/Hochschule: Christian-Albrechts-Universität Kiel
Tags: Werthers, Krankheit, Tode, Selbstmordthematik, Goethes, Leiden, Werthers, Melancholie, Barock, Weimarer, Klassik
Kategorie: Zwischenprüfungsarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 17
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 204 KB
Archivnummer: V37707
ISBN (E-Book): 978-3-638-36977-0
ISBN (Buch): 978-3-638-78159-6
Anmerkungen :
Welche Bedeutung hatte Suizid in der Goethezeit? Wir entwickelt sich der Selbstmordgedanke Werthers im Laufe des Geschehens?

Zusammenfassung / Abstract

Die Selbstmordproblematik in Goethes "Die Leiden des jungen Werther" gehört mit zu den interessantesten Themenbereichen in dem Briefroman. Sie lässt sich nicht nur textimmanent erschlüsseln, sondern auch die Kontroverse, die Goethe mit dem dramatischen Ende seines Protagonisten hervorrief, verdient einer Betrachtung. Um den Aufruhr, den Goethe verursachte, zu verstehen, bedarf es eines kleinen Überblicks über die Auffassung der damaligen Gesellschaft in Bezug auf den Freitod. Die Bürger des ausgehenden 17. Jahrhunderts durchliefen einen Wandel in ihrem moralischen Denken und der Suizid entwickelte sich von einem Werk des Teufels zu einer schweren psychischen Krankheit. Der Titel der Abhandlung "Krankheit zum Tode" deutet bereits auf die langwierige persönliche Entwicklung Werthers hin, die von einer anfänglichen Depression über eine schwermütige Melancholie hin bis zum Wahnsinn und Todeswunsch verläuft. Besonderer Beachtung bedürfen dabei die Vorausdeutungen in Hinblick auf Werthers Selbstmord, die zeigen, dass seine Entscheidung sich das Leben zu nehmen von langer Hand geplant und kein spontaner Akt war. Zur Vervollständigung der Suizidthematik dient die Ausarbeitung über die Rezeptionsgeschichte des Werkes, das als Meilenstein des Sturm und Drang angesehen werden kann und als solcher die Meinung der Gesellschaft auf das Extremste teilte.

Textauszug (computergeneriert)

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien
Proseminar: Melancholie (Barock bis Weimarer Klassik)
Semesterzahl: 3

Werthers Krankheit zum Tode

von: Antje Minde

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite 3

2. Der Selbstmord im Wandel der Zeit Seite 3

2.1 Die Philosophie und der Selbstmord in der Epoche der Aufklärung Seite 4

3. Werthers Krankheit zum Tode Seite 5

4. Die Rezeptionsgeschichte des Werthers Seite 13

4.1 Die Leiden des Werthers im Visier der Obrigkeit Seite 13
4.2 Der Wertherkult Seite 15

5. Fazit Seite 16

6. Literaturverzeichnis Seite 17


 

1. Einleitung

Meine Arbeit befasst sich mit der Selbstmordthematik in Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers. Um die Kontroverse, die Goethe mit seinem Briefroman hervorrief, zu verstehen, ist es notwendig, die Auffassung der Gesellschaft in Bezug auf den Freitod zu kennen. Daher soll im Folgenden gezeigt werden, welch einen Wandel die Bürger in ihrem moralischen Denken im ausgehenden 17. Jahrhundert durchlaufen haben und wie der Suizid von einem Werk des Teufels zu einer schweren psychischen Krankheit mutierte.

Des Weiteren werde ich in Goethes Roman die Vorausdeutungen in Hinblick auf Werthers Selbstmord untersuchen, so dass erkennbar wird, dass seine Entscheidung sich das Leben zu nehmen von langer Hand geplant und kein spontaner Akt war. Diese Analyse wird sich auf die erste Fassung Die Leiden des jungen Werthers von 1774 beziehen. Zur Vervollständigung meiner Arbeit dient die Ausarbeitung über die Rezeptionsgeschichte des Werkes, das als Meilenstein des Sturm und Drang angesehen werden kann und als solcher die Meinung der Gesellschaft auf das Extremste teilte.

2. Der Selbstmord im Wandel der Zeit

Die Ächtung des Suizids ist bis in die vorchristliche Zeit zurückzuverfolgen und mit dem Beginn des Christentums wurde die Verurteilung noch rigoroser. Das Denken der Menschen beruhte darauf, dass der Selbstmord Teufelswerk sei und daher mit harten Sanktionen bestraft werden müsse. Zudem befürchtete die Obrigkeit im 16. und 17. Jahrhundert, dass die Gesellschaft die Selbsttötung als Ablehnung des Herrschers und Kritik am Staat ansehen könne. Das von William Blackstone 1765 verfasste Commentaries on the Laws of England beinhaltete genau diese Thematik. Der Selbstmord sei zu sanktionieren, da er eine Auflehnung gegen Gott und den Herrscher darstelle.1

Das Selbstmordverbot der Kirche sowie das Denken der Bürger führte zu einer schweren Ahndung der Suizidenten. Ihre Leichname wurden geschändet und hingerichtet. So erhielten sie auch kein ehrliches Begräbnis auf einem Friedhof, sondern wurden im Wald verscharrt oder unter einem Galgen begraben. Diese Form der Bestattung wurde als „Eselsbegräbnis“2 bezeichnet. Mit dem Beginn der Neuzeit begann sich die Auffassung der Gelehrten in Bezug auf die Frage des Selbstmordes zu wandeln. Man erkannte, dass die Suizidenten nicht vom Teufel besessen waren, sondern einer psychischen Krankheit unterlagen. Daher wurde der Selbstmordkomplex auch immer mehr zum Thema der Medizin und Psychologie als der Theologie. Robert Burton gab schon 1621 in seinem Werk The Anatomy of Melancholy bekannt, dass die Melancholie der Auslöser des Suizids sei, da diese den Menschen innerlich zermürbe und ihm das Leben ausweglos erscheinen ließe.3 Mit der Erkenntnis, dass Selbstmord und Wahnsinn im Zusammenhang stehen, wurde zunächst eine Minimierung der strafrechtlichen Maßnahmen bewirkt, bis sie 1794 im Preußischen Allgemeinen Landrecht vollkommen aufgehoben wurden. Die Selbstmörder erhielten nun das „stille Begräbnis“4, bei dem sie auf einem Friedhof bestattet wurden und keinerlei Schmähung und Schimpfung ausgesetzt waren. 5

2.1 Die Philosophie und der Selbstmord in der Epoche der Aufklärung

Für die Philosophen der Aufklärung stand fest, dass der Mensch aufgrund des Nutzen seines Verstandes die Freiheit über sein Leben besäße, somit sei es ihm auch gestattet, den Zeitpunkt seines Todes zu bestimmen. Allerdings gab es bei den einzelnen Philosophen Variationen in ihrer Grundhaltung bzgl. der Thematik des Selbstmordes. Daher möchte ich an dieser Stelle zwei divergierende Meinungen vorstellen, die des schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) und die des Königsberger Geisteswissenschaftlers Immanuel Kant (1724-1804). In Humes Essay Of Suicide wird deutlich, dass der Autor die Ansicht besitzt, der Mensch habe das Recht, über das eigene Leben und seinen Tod zu entscheiden. Der Selbstmord stelle keine Pflichtverletzung gegenüber sich selbst, der Gesellschaft und Gott dar, wie es Thomas von Aquin kanonisiert hatte. Die Gesellschaft erfahre durch den Freitod keinen Schaden und auch Gottes Planung sei durch den Suizid nicht beeinträchtigt.6

Für Kant hingegen ist im Einklang mit dem christlichen Glauben die Selbsttötung moralisch nicht vertretbar. Der Mensch habe nämlich die Aufgabe, sich selbst am Leben zu erhalten um in der Welt die Sittlichkeit zu realisieren. Auch Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft und Gott ließen den Selbstmord nicht zu. 7

[...]


1 Vgl. Gerd Mischler. Von der Freiheit das Leben zu lassen. Kulturgeschichte des Suizids. Wien. Europa Verlag Hamburg 2000. S. 67.

2 Ursula Baum. Vom Recht auf den eigenen Tod. Die Geschichte des Suizids vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Weimar. Verlag Herman Böhlaus 2001. S. 18.

3 Vgl. Gerd Mischler: a.a.O., S. 69.

4 Ursula Baum: a.a.O., S. 24.

5 Vgl. ebd., S. 23f.

6 Vgl. Gerd Mischler: a.a.O., S. 74.

7 Vgl. Ursula Baumann: a.a.O., S. 133.

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