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Horvath und der Mythos Don Juan. Untersucht an dem Theaterstück "Don Juan kommt aus dem Krieg"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 26 Pages
Author: Maik Lehmkuhl
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Der Mythos Don Juan - Hauptseminar
Institution/College: Carl von Ossietzky University of Oldenburg
Tags: Horvath, Mythos, Juan, Untersucht, Theaterstück, Juan, Krieg, Mythos, Juan, Hauptseminar
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 26
Grade: 2
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V38743
ISBN (E-book): 978-3-638-37722-5
ISBN (Book): 978-3-638-65456-2
File size: 251 KB
Notes :
Die Arbeit untersucht das Don Juan Sujet und Horvaths Adaption davon.


Abstract

Ödön von Horvath greift bei der Verfassung seines Werkes "Don Juan kommt aus dem Krieg" auf ein in der europäischen Literatur seit dem 17. Jahrhundert gängiges Sujet zurück: Den Mythos Don Juan. Diese Figur hat im Laufe von fast 400 Jahren Literaturgeschichte zahlreiche Autoren fasziniert und ist in mannigfaltigen Interpretationen auf unterschiedlichste Art und Weise gedeutet worden. Untersucht wird hier zunächst die Entstehungsgeschichte des Theaterstückes, sowie Horvaths schriftstellerische Selbstdefinition in Bezug auf das Werk. In einem folgenden Schritt wird die Schwierigkeit einer einheitlichen Deutung der Don Juan - Figur herausgestellt und eine Übersicht über die klassischen Motive gegeben, die das Don Juan – Sujet im Gros der Adaptionen auszeichnen. Der Vergleich mit Horvaths Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ wird zeigen, dass der Autor sich zwar einiger klassischer Motivkonstellationen bedient, im Gros aber eine Neugestaltung des Don Juan – Stoffes vornimmt. Eine vornehmliche Gewichtung legt Ödön von Horvath dabei auf die Umstände der Zeit, in der das Theaterstück spielt. Diese ist insbesondere durch das Ende des Ersten Weltkrieges und die daraufhin einsetzende Inflation bestimmt. Bereits im Vorwort des Werkes definiert Horvath seine Vorstellung von Inflation, die sich nicht allein auf den monetären Sektor bezieht, sondern einer generellen Verschiebung aller Werte, seien es moralische, ethische oder soziale, gleichkommt. Den Auswirkungen dieses Werteumbruchs auf die Figuren des Stückes – abgesehen von Don Juan sind dies nur Frauen – in einer nach dem Krieg veränderten Gesellschaft wird im letzten Kapitel der vorliegenden Ausarbeitung nachgegangen. Untersucht wird dabei der Grad der Anpassung der verschiedenen Frauen des Stückes an die neue Situation, sowie Don Juans Handlungen und Wirkungen ihnen gegenüber. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Analyse des (Frei-) Todes von Don Juan, wobei sich zeigen wird, dass er schon zu Beginn des Stückes einem unentrinnbaren Determinismus verhaftet ist, der nur mit seinem Tod ein Ende finden kann.


Excerpt (computer-generated)

Horvath und der Mythos Don Juan. Untersucht an dem
Theaterstück "Don Juan kommt aus dem Krieg"

von: Maik Lehmkul

 


Inhalt

Einleitung

I Ödön von Horvath und Don Juan 2

II Don Juan und der Mythos

II. I Zur Entwicklung und Deutung des Don Juan 6
II. II Don Juan als Lebemann und Sammler 8
II. III Don Juan und das göttliche Strafgericht 9
II. IV Don Juan und die Gesellschaft 10
II. V Don Juan als Repräsentant der männlichen Sexualität 11
II. VI Quo vadis Don Juan? 13

III Zeitumstände und Figuren in „Don Juan kommt aus dem Krieg“ 14

III. I Don Juan und seine Zeit 15
III. II Die Frauen und ihre Zeit 16
III. III Tragik und Tod Don Juans 19

Resümee


 

Einleitung

Gegenstand der folgenden Arbeit ist Ödön von Horvaths Theaterstück „Don Juan kommt aus dem Krieg“. Horvath greift bei der Verfassung des Werkes auf ein in der europäischen Literatur seit dem 17. Jahrhundert gängiges Sujet zurück: Den Mythos Don Juan. Diese literarische Figur hat im Laufe von fast 400 Jahren Literaturgeschichte zahlreiche Autoren fasziniert und ist in mannigfaltigen Interpretationen auf unterschiedlichste Art und Weise gedeutet worden. Untersucht wird zunächst die Entstehungsgeschichte des Theaterstückes, sowie Horvaths schriftstellerische Selbstdefinition in Bezug auf das Werk. In einem folgenden Schritt wird die Schwierigkeit einer einheitlichen Deutung der Don Juan - Figur herausgestellt und eine Übersicht über die klassischen Motive gegeben, die das Don Juan – Sujet im Gros der Adaptionen auszeichnen. Der Vergleich mit Horvaths Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ wird zeigen, dass der Autor sich zwar einiger klassischer Motivkonstellationen bedient, im Großen und Ganzen aber eine Neugestaltung des Don Juan – Stoffes vornimmt. Eine vornehmliche Gewichtung legt Ödön von Horvath dabei auf die Umstände der Zeit, in der das Theaterstück spielt. Diese ist insbesondere durch das Ende des Ersten Weltkrieges und die darauf hin einsetzende Inflation bestimmt. Bereits im Vorwort zu „Don Juan kommt aus dem Krieg“ definiert Horvath seine Vorstellung von Inflation, die sich nicht allein auf den monetären Sektor bezieht, sondern einer generellen Verschiebung aller Werte, seien es moralische, ethische oder soziale, gleichkommt. Den Auswirkungen dieses Werteumbruchs auf die Figuren des Stückes – abgesehen von Don Juan sind dies nur Frauen – in einer nach dem Krieg veränderten Gesellschaft wird im letzten Kapitel der Arbeit nachgegangen. Untersucht wird dabei der Grad der Anpassung der verschiedenen Frauen des Stückes an die neue Situation, sowie Don Juans Handlungen und Wirkungen ihnen gegenüber. Den Abschluß der Arbeit bildet eine Analyse des (Frei-) Todes von Don Juan, wobei sich zeigen wird, dass er schon zu Beginn des Stückes einem unentrinnbaren Determinismus verhaftet ist, der nur mit seinem Tod ein Ende finden kann.

I. Ödön von Horvath und Don Juan

Ödön von Horvath beendet im Juli 1936 sein Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“1. Das Don Juan Sujet, seit Tirso de Molinas „comedia“ „El Burlador de Sevillia y convidado de piedra“ von 16132, spätestens seit der bekanntesten Umsetzung des literarischen Stoffes in Mozarts und Da Pontes Oper „Il dissoluto punito o sia Il Don Giovanni“ aus dem Jahre 17873 ein in der europäischen Literatur häufig wiederkehrendes Motiv, beschäftigt Ödön von Horvath bereits Jahre vor der Fertigstellung. Im Juni 1934 schreibt ihm sein Freund Czokor: „Kommt bei Dir endlich das Don-Juan-Stück an die Reihe, von dem Du mir und Ibach erzähltest, als wir ihn im Spital besuchten?“4 Die langandauernde Beschäftigung mit dem Don-Juan Sujet rührt auch daher, dass von Horvath das Konzept seiner Don-Juan Bearbeitung zwischen erster Annäherung an das Thema und Fertigstellung des Theaterstücks mehrfach umwirft. So ist das Werk ursprünglich als Komödie konzipiert, dann als dramatische Ballade, als knappes Filmexpose und schließlich entscheidet sich Horvath für die Form des Romans, nicht ohne auch diese Entscheidung zugunsten eines Theaterstücks wieder aufzugeben. 5 Die langandauernde Suche nach der passenden literarischen Form und der letztendliche Entscheid für ein Theaterstück haben dabei zwei Ursachen. Zum einen muss Ödön von Horvath zu Recht annehmen, dass ein von ihm verfasstes Theaterstück ein größeres Publikum erreicht, als Roman oder Ballade. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Volksstücke, die sich bekannter Themen annahmen, in Mode und Horvath, als Träger des Kleist-Preises von 1931, konnte auf eine erfolgreiche Bühnenpräsens seiner Werke eher hoffen, als auf eine große Leserschaft.6 Zudem befindet sich Horvath im Jahre 1936 in einer finanziell prekären Lage 7, verursacht durch mehrfache Emigration, Ächtung durch das nationalsozialistische Regime in Deutschland aber auch durch einen verschwenderischen Lebensstil, und findet im Max Pfeffer Verlag schnell einen zahlungswilligen Abnehmer.8 Der wohl gewichtigere Grund für eine Verarbeitung des Don-Juan Sujets als Theaterstück liegt aber in Horvaths Selbstdefinition als Schriftsteller begründet. Horvath sieht sich als einen „treuen Chronisten“ seiner Zeit, dessen Bestrebungen, „die Hauptprobleme der Menschheit in erster Linie von sozialen Gesichtspunkten aus zu sehen“ und „die gesellschaftlichen Kräfte aufzuzeigen, aus denen politisches Verhalten entsteht“, in der literarischen Form des Theaterstücks am günstigsten sich darstellen lassen. 9

Diesem Prinzip, das die literarische Form des Theaterstückes vor anderen begünstigt, wird Horvath in den folgenden Jahren seines schriftstellerischen Schaffens mit Werken wie „Jugend ohne Gott“ und „Ein Kind unserer Zeit“ wieder untreu. Der Anspruch, als „treuer Chronist“ einen Kritiker seiner Zeit darzustellen, bleibt indes bestehen. Wie ein roter Faden durchzieht diese Ambition nicht nur das Spätwerk Horvaths. Auch und gerade in „Don Juan kommt aus dem Krieg“ übt Horvath Kritik an den zeitgenössischen, auf Gleichschaltung des Menschen im faschistischem Sinne hins trebenden, Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Bereits der Titel deutet dies an: Don Juan, eine literaturhistorische Figur der ferneren Vergangenheit wird mit dem Ende des Ersten Weltkrieges in Verbindung gebracht, dessen soziale, politische und wirtschaftliche Konsequenzen Horvath und seinen Zeitgenossen allgegenwärtig sind. Im Vorwort zu „Don Juan kommt aus dem Krieg“ schreibt Horvath: „Ich habe es mir also erlaubt, einen Don Juan unserer Zeit zu schildern, weil uns die eigene Zeit immer näher liegt.“10 Ursprünglich trägt Horvath sich mit dem Gedanken, sein Stück „Ein Don Juan unserer Zeit oder Die Sage von Don Juan in unserer Zeit“ zu nennen, verwirft dies aber, da ihm das Wort „Krieg“ plastischer erscheint, als die Formulierung „unsere Zeit“. 11 Es bleibt aber der selbe Gedanke Urheber des Titels.

Horvath möchte sein Theaterstück als tragische Heimkehr eines nunmehr Heimatlosen verstanden wissen, dessen innerstes Wesen von den allgemeinen Katastrophen der Zeit derart in Mitleidenschaft gezogen ist, dass nur Selbstbetrug und die verzweifelte Suche nach einem nicht mehr bestehendem Ideal den begrenzten Zeitraum ausfüllen können, der beginnend mit dem Waffenstillstand sein Ende durch den sicheren Tod der Figur markiert sieht.12 Eine nähere Interpretation dieser Vorstellung folgt in Kapitel III. An dieser Stelle ist jedoch die Einsicht entscheidend, dass Horvath nicht einfach einen Don Juan, sondern einen Don Juan seiner Zeit schildert, wobei der Schwerpunkt auf dem zeitgeschichtlichen Kontext, auf der für Horvath auch 1936 noch gegenwärtigen Inflation von sozialen, moralischen und emotionalen Werten liegt.13

[...]


1 Traugott Krischke.Ödön von Horvath. Kind seiner Zeit. Originalausgabe, Wilhelm Heyne Verlag. München 1980. (fortan: Krischke). Seite 220

2 übersetzt nach: Beatrix Müller-Kampel (Hrsg.). Mythos Don Juan. Zur Entwicklung eines männlichen Konzepts. Erste Auflage, Reclam Verlag. Leipzig 1999. (fortan: Müller-Kampel). Seite 12: „Der Spötter von Sevillia und der steinerne Gast“

3 übersetzt nach: Müller-Kampel S. 14: „Der bestrafte Verführer oder Don Giovanni“

4 zitiert nach Krischke S. 220

5 Krischke S. 220

6 Axel Fritz. Ödön von Horvath als Kritiker seiner Zeit. Studien zum Werk in seinem Verhältnis zum politischen, sozialen und kulturellen Zeitgeschehen. Originalausgabe, Paul List Ve rlag KG. München 1973. (fortan: Fritz). Seite: 16f

7 Christian Schnitzler. Der politische Horvath. Untersuchung zu Leben und Werk. Marburger Germanistische Studien, Band 11. Peter Lang Verlag. Frankfurt am Main 1990. (fortan: Schnitzler). Seite: 173f

8 Traugott Krischke. Horvath Chronik. Daten zu Leben und Werk. Erste Auflage, Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1988. (fortan: Chronik). Seite: 124

9 zitiert nach: Fritz S. 21

10 Ödön von Horvath. Don Juan kommt aus dem Krieg. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Band 9. Hrsg: Traugott Krischke. Erste Auflage Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1987. (fortan: Don Juan). Seite: 11

11 Krischke S. 220

12 siehe dazu: Don Juan S. 11, Vorwort

13 siehe dazu: Don Juan S. 11, Vorwort


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