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Nietzsches 'Fröhliche Wissenschaft' als alternative Philosophiekonzeption

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 20 Pages
Author: Axel Kannenberg
Subject: Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 20
Grade: 1.0
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V39030
ISBN (E-book): 978-3-638-37928-1

File size: 202 KB


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie
HS: Nietzsches Fröhliche Wissenschaft
Sommersemester 2004

Seminararbeit

Thema: 

Nietzsches ‚Fröhliche Wissenschaft’ als
alternative Philosophie-Konzeption

von

Axel Kannenberg

 

Inhaltsverzeichnis

0. Präambel  3

1. Einleitung   3

2. Problem und Ansatz   4

3. Nietzsches Perspektivismus   5
3.1. Perspektivismus im Selbstbezug  6

4. Das Dichter-Problem   7
4.1. Leseanweisungen   8

5. Nietzsches Sicht auf die Philosophie   10

6. Nietzsches Sicht auf die Wissenschaft   12

7. Dichtung und Leben   14

8. Nietzsches Alternative   16

9. Fazit  18

 

 

0. Präambel

„Die Söhne von protestantischen Geistlichen [..] erkennt man an der naiven Sicherheit, mit der sie als Gelehrte ihre Sache schon als bewiesen nehmen, wenn sie von ihnen eben erst nur herzhaft und mit Wärme vorgebracht worden ist; sie sind eben gründlich daran gewöhnt, dass man ihnen glaubt, - das gehörte bei ihren Vätern zum ‚Handwerk’!“

Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 348

„The only one who could ever teach me,/
Was the son of a preacher man,/
Yes he was, he was, oh yes he was.”
Aretha Franklin, The son of a preacher man

 

1. Einleitung

Eine der wichtigsten Eigenschaften des intellektuellen Unternehmens namens Philosophie dürfte wohl sein: Prinzipielle Unabschließbarkeit. Umso mehr ist jeder Philosophietreibende bemüht, seinen Gedanken die höchstmögliche Geschlossenheit zu geben. Es gilt, von den wenigen Mitteln sorgfältigsten Gebrauch zu machen, seine Grundgedanken plausibel auszuformen, sie durch gute Argumente schlüssig zu fundieren und behutsam und genau Unterscheidungen zu treffen. Wenn auch unerreichbar, so schwebt doch das vollkommen in sich abgerundete System als Idealziel über diesen Anstrengungen. Und auf dieser Basis bildet sich auch die stabile Erwartung darüber, was Philosophie ist und wie sie vorzugehen hat. Was aber, wenn plötzlich ein Philosoph wie Friedrich Nietzsche auf die Bühne tritt, der scheinbar alle Regeln der Kunst missachtet? Was, wenn er Grundgedanken lieber provokativ als plausibel formuliert, wenn ihm die stilistische Schärfe höher wiegt als die argumentative, er die Pointe dem Beweis vorzieht und maßlos und undifferenziert seine Gedanken vorpreschen lässt? Ein Philosoph, der sich denkbar unphilosophisch artikuliert – warum? Am Beispiel von Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft soll dies diskutiert werden.1 Wir werden den Blick auf die Schwierigkeiten richten, die die Lektüre bereitet, versuchen eine Struktur dahinter zu erkennen und prüfen, ob darin Korrelationen zu Nietzsches Ansichten liegen. Das Fernziel ist die Klärung der Frage: Was ist Fröhliche Wissenschaft?

2. Problem und Ansatz

383 kurze Texte - nennen wir sie ohne definitorischen Anspruch Aphorismen-, umrahmt von zwei Gedichtzyklen. In dieser Form präsentiert Nietzsche dem Leser seine Fröhliche Wissenschaft. Liest man die Texte ihrer nummerierten Reihenfolge nach, lässt sich schwerlich eine stringent durchgehaltene Argumentation ausmachen. Ein oberflächlicher Leser dürfte sich wohl die ganze Zeit fragen, worum es in diesem Buch nun eigentlich geht. Ein genauerer Leser wird immerhin in verschiedenen Formen wieder auftauchende Themen und Denkfiguren identifizieren und den einen oder anderen versteckten Bezug ausmachen können. Trotz der scheinbar einfachen und klaren Sprache, ist es schwer zu paraphrasieren: Was denkt Nietzsche?2 Das Problem ergibt sich aus dem offenbaren Mangel an Struktur. Wie aber muss man ein solch unstrukturiertes Buch lesen, um es mit Gewinn zu lesen?

Ein Blick auf die Vorrede schafft wenig Erhellung. Nietzsche führt sein Buch ein als das Werk eines von schwerer Krankheit Genesenen. Dementsprechend sei es auch von der „Trunkenheit der Genesung“ und dem „Frohlocken der wiederkehrenden Kraft“ durchzogen.3 Beigegeben sind dem „Lieder, in denen sich ein Dichter auf schwer verzeihliche Weise über alle Dichter lustig macht“.4 Schließt sich dieser Dichter in die Kollegenschelte mit ein? Das erfahren wir an dieser Stelle nicht. Immerhin führt Nietzsche aus, warum seine überwundene Krankheit so wichtig für die Gedanken seines Buches sein soll: Sie führte ihn auf die „Abwege“ und „Seitengassen des Gedankens“, zur Beziehung von körperlicher Gesundheit und Philosophie. Letztere sei nämlich die „unbewusste Verkleidung physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven“, mithin gar ein „Missverständnis des Leibes“.5 Also gilt dies auch für Nietzsches Philosophie? Und: Welche Konsequenz hat diese Einsicht für die Art des Philosophierens?

Eine der Konsequenzen ist nach Nietzsches Bekunden eine Vorsicht gegenüber dem Entschleiern von Wahrheiten, die sich aus der Einsicht speist, dass eine Wahrheit nicht mehr „Wahrheit bleibt, wenn man ihr den Schleier abzieht“. Nietzsche rät den Philosophen zur „Scham“ gegenüber der Wahrheit, zum Tasten an der „Oberfläche“, entlang „der Formen, der Töne, der Worte“. Ein Weg, der anscheinend zum „Künstler“ führt.6 Aber ein Weg durch das aphoristische Labyrinth seines Buches ist mit diesen kryptischen Ausführungen wohl kaum gebahnt. 

Lesen wir so, wie wir normalerweise ein philosophisches Buch lesen würden: Wir isolieren systematisch einen Gedanken. Als ersten zu verfolgenden Hauptgedanken schlage ich eine Theorie vor, für die Nietzsche als nahezu sprichwörtlicher Vertreter gilt, den Perspektivismus.

[....]


1 Grundlage ist die zweite Auflage der Fröhlichen Wissenschaft, die Nietzsche um ein fünftes Buch ergänzt hat. Ich betrachte sie als die eigentliche Fassung und übergehe editionsphilologische Fragen.

2 Das Urteil „transparente Sprache – schwer zu fassender Gedanke“ ist nahezu kanonisch in der Nietzsche-Literatur. Exemplarisch sei hier Walter Kaufmann zitiert: „So ist es wahrscheinlich einfacher, sich eine Meinung über die Grundgedanken von Kants Kritik der reinen Vernunft zu bilden, als die genaue Bedeutung einer beliebigen Anzahl von Sätzen aus diesem Werk zu erfassen – während in Nietzsches Büchern die einzelnen Sätze nichts an Klarheit zu wünschen übrig lassen und es der Gesamtentwurf ist, der uns Rätsel aufgibt.“ (Kaufmann, Walter, Nietzsche. Philosoph – Psychologe – Antichrist, S. 84.)

3 KSA 3, S. 345-346.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 348.

6 Ebd., S. 352.


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