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Spirituelle Grundlagen politischen Handelns im Umfeld der Vereinten Nationen

Autor: Manfred Kipfelsberger
Fach: Politik - Sonstige Themen

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Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 123
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1187 KB
Archivnummer: V41738
ISBN (E-Book): 978-3-638-39943-2
Anmerkungen :
Man kann das Wort ‚Spiritualität’ als Chiffre sehen, die für bestimmte Eigenschaften des menschlichen Bewußtseins stehen. Religion ist ein wichtiger gesellschaftlicher Ordnungsfaktor und ein oft entscheidendes Kritererium kultureller und individueller Identität. Von daher eignet sie sich, Anliegen globaler Politik zu den Menschen zu transportieren. Wie kann man das Phänomen der Spiritualität im politischen Kontext betrachten, wo liegt sein politischer Beitrag im internationalen Umfeld?

Textauszug (computergeneriert)

Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften
an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Spirituelle Grundlagen politischen Handelns
im Umfeld der Vereinten Nationen

Hausarbeit zur Erlangung des Grades des Magister Artium
der Politischen Wissenschaften

vorgelegt von 

Manfred Kipfelsberger

München, den 13. Oktober 2000

 

Inhalt

Einleitung ... 1
Das globale Umfeld 1 - Kulturelle Vermittlung 4 - Thema  ... 5

A. Spiritualität und Moderne  ... 8
Begriff und Definition der Spiritualität  ... 8

1. Kulturformen des Spirituellen  ... 11
a. Indigene Kulturen und natürliche Spiritualität ... 13
b. Weltreligionen und Heilsreligionen  ... 16
Hinduismus ... 18
Der Geist Chinas ... 20
Buddhismus ... 23
Judaismus ... 26
Christentum ... 28
Islam  ... 31
c. Die esoterischen Traditionen ... 33

2. Die Spiritualität der Moderne  ... 37
a. Neue Religiosität und New Age  ... 39
b. Struktur des Spirituellen ... 41

3. Spiritualität in politikwissenschaftlicher Perspektive  ... 43
a. Komplexität, Totalität, Realität  ... 43
b. Topologie der Metapher  ... 45
c. Operationalisierung ... 47
Handlung und Institution ... 48
Die internationale Dimension ... 50
Transkulturelle Institutionalisierung  ... 52

B. Die spirituelle Dimension der Politik und die Vereinten Nationen  ... 53

1. Der "spirituelle Kern" der Vereinten Nationen ... 56
a. Der Geist der Gründungsdokumente  ... 56
Die Charta der Vereinten Nationen 56 - Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte  ... 57
b. Der Faktor "Persönlichkeit"  ... 59
Dag Hammarskjold 60 - Robert Muller  ... 62

2. Die Ebene der Nichtregierungsorganisationen ... 63
a. NGOs und die internationale Zivilgesellschaft  ... 64
b. Rechtlicher Status und Formen der Mitwirkung  ... 66
c. Arbeitsbereiche religiöser, spiritueller oder weltanschaulicher Nichtregierungsorganisationen  ... 67
Politische Einflussnahme ... 67
Menschenrechte, Humanitäres ... 68
Konferenzen  ... 69

3. Aktivitäten ausgewählter NGOs im religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Bereich  ... 71
a. Christliche Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Organisationen ... 71
Katholische Kirche ... 71
Quaker UN Office ... 77
Interfaith Center of New York  ... 79
b. Theosophische Gruppen  ... 80
Die Theosophie ... 80
Lucis Trust Association und verwandte Organisationen  ... 82
c. Andere Gruppierungen  ... 86
Soka Gakkai ... 86
Baha′fi ... 90

C. Schluss  ... 97

Zusammenfassung ... 97
Befunde ... 98
Ausblick ... 100

Anmerkungen ... 103

Literatur  ... 114

 

 

Einleitung


"Im Vergleich zum Denken des 21. Jahrhunderts, das notwendig ist, damit die Menschheit überlebt, wird sich das Denken des 20. Jahrhunderts steinzeitlich ausnehmen."

Ervin Laszlo

Eine der Grundvorstellungen der politiktheoretischen Strömung des 20. Jahrhunderts, die sich „Politische Theologie“1 nennt, ist die, daß die Ordnung der Gesellschaft und der Politik aus dem geistigen Grunde der Zeit schöpfen.2 Die institutionelle Verfassung des Politischen und die spirituelle Konstitution von Individuen und der Gesellschaft stehen so gesehen in einer engen Wechselbeziehung. Eric Voegelin betont die universale Bedingtheit des Politischen durch das ‚Bewußtsein’.3 Dabei ist das Spirituelle, das Geistig-Seelische, dasjenige Erfahrungsmoment menschlicher Existenz, das der Öffentlichkeit des gesellschaftlichen und politischen Alltagsbetriebes am meisten abgewandt scheint. Man verbindet damit Innenkehr, Meditation, Mystik, Schweigen. Das spirituelle Bewußtsein hat, wenn es sich auch zur Welt zurückwenden mag, doch die Transzendenz im Sinn und nicht die Immanenz. Von daher, in ihrer Haltung zur Welt, scheinen spirituelles und politisches Leben weitmöglichst voneinander entfernt. Aber zwischen den am weitest entfernten Polen herrscht oft die größte Spannung. Und so kann es sein, daß zum Beispiel im Ruf nach neuen Werten gerade das Bedürfnis nach einer erneuten Befruchtung der politischen durch die geistige Sphäre anklingt. Der Funke springt, wenn, dann meist auf dem Höhepunkt einer Krise über. Die Krise der Weltsituation heute schafft aber Bedingungen, die geschichtlich einzigartig dastehen, denn die Bedingungen der Möglichkeit einer geistigen Erneuerung sind am Anfang des neuen Jahrtausends auf globalen Maßstab angewachsen.

Das globale Umfeld

In der letzten Dekade des alten Jahrtausends ist (welt-)politisch vieles in Bewegung geraten. Der politische Handlungsspielraum des Nationalstaates wird mit fortschreitender Globalisierung und den Dominanzansprüchen der Ökonomie kleiner und kleiner. Aus der bipolaren Welt des Kalten Krieges ist eine Welt geworden, die sich zwar auf eine multipolare Ordnung hinbewegt, ihre gegenwärtige Stabilität aber aus der wirtschaftlichen Dominanz der Vereinigten Staaten bezieht. Mit dem Ende des Kalten Krieges scheint auch das Zeitalter der politischen Ideologien vorbei zu sein, und das Bewußtsein dafür wächst, daß viele Probleme - zum Beispiel im Umweltbereich - grenzüberschreitenden Charakter haben und nur von allen Nationen gemeinsam gelöst werden können. Gleichzeitig tun sich neue Konfliktlinien auf, die zwischen Kulturen und Religionen zu verlaufen scheinen. Das Projekt Moderne krankt an seiner eigenen Dynamik und ist in die Krise geraten. Zu dieser Krise tragen die Aporien des Wachstums und der Machbarkeit bei, die das westliche Kulturmodell selbst heraufbeschworen hat. Die ökologische Dimension der Endlichkeit der Ressourcen bedingt geradezu ein Umdenken. Zu diesem Umdenken gehört auch, die geistigen Grundlagen des Kulturprojekts Moderne zu überdenken.

Was kann am Ende dieser globalen Entwicklung stehen? Vorstellbar ist der Fehlschlag der globalen Integrationstendenzen, einfach weil die politischen und wirtschaftlichen Systeme mit der Dynamik der globalen Prozesse nicht Schritt halten können. Zu einem derartigen Alptraumszenario gehört die Bevölkerungsexplosion mit entsprechenden grenzüberschreitenden Wanderungsbewegungen, die Verknappung der Ressourcen, die Entfremdung des Menschen von der kulturellen Substanz seiner Menschlichkeit dadurch, daß die notwendigen Leistungen der Gemeinschaft (Sicherheit, Freiheit, Bildung, Lebenschancen), die zu seiner Entwickung nötig sind, nicht oder nicht in ausreichendem Maße erbracht werden. Am Ende einer derart negativen Entwicklung stünde der Zerfall des Weltsystems in kleinere Einheiten oder Parzellen, die sich in ihrer Entwicklung selbst überlassen bleiben. Dieses postnationale, quasi-anarchistische Szenario würde das Ende der westlichen Zivilisation, das Ende zentraler Konzepte wie Nationalstaat und Bürgerrecht und damit auch das Ende der Internationalismen (bsp. der Menschenrechte) bedeuten. Der Weltbevölkerung würde der Horizont ihrer Einheit wieder ganz verloren gegangen sein.

Ein mögliche Antwort auf die politischen Unwägbarkeiten einer solch negativen Entwicklung wäre die forcierte Dominanz eines einzelnen Gesellschafts- und Denkmodells, das die Bewegungsfreiheit seiner Mitglieder und den Zugang zu verfügbaren Ressourcen restriktiv reguliert, die Antworten auf zentrale Lebensfragen standardisiert und die Freiheit zur Wahl der Lebensweise einschränkt. In gewissem Sinne war der Kalte Krieg (sofern man überhaupt von einer ‚geplanten’ Entwicklung sprechen kann) eine Strategie, die Konflikte einer zunehmend selbstbewußten Menschheit durch die Koppelung an einen Monopolkonflikt zu kontrollieren und über die wirtschaftlichen Belange zu steuern. Und heute – nach dem Zusammenbruch des Monopolkonfliktes und der Alternativideologien zum Kapitalismus – scheint der ökonomische Trilateralismus Japans, Deutschlands (bzw. der EU) und der USA die einzige ordnende Kraft in der Welt zu sein.4 Aber die weltpolitische Situation ist seit 1989 sehr viel unberechenbarer geworden, wie beispielsweise John Mearsheimer in einem vielzitierten Artikel des Jahres 1990 beklagte.5 Wenn Samuel Huntington davon spricht, daß die USA die Weltgeschicke am liebsten unilateral regeln würden und nach einem Zusammenrücken der atlantischen Wertegemeinschaft ruft, um das westliche System auch in das 21. Jahrhundert zu retten, dann schlägt er eine Lösung vor, die mit den vielen Unwägbarkeiten einer multipolaren Welt auch die vielen Chancen einer kulturell ‚offenen’ Weltgesellschaft unterdrücken würde.

Je globaler der Horizont der Wahrnehmung, der sich uns heute eröffnet, desto deutlicher wird, daß eine Vielzahl von Lebensweisen und Weltsichten nebeneinander existiert und existieren soll. Was für die pluralistischen Gesellschaften des Westens gilt, muß für die ‚Weltgesellschaft’ umso mehr gelten: das Gebot der Vielfalt gerät aber dort zum Problem, wo die Einzelperspektiven miteinander konkurrieren und die Toleranz oder die nötige Vermittlung fehlt. Die existierenden Vorstellungen vom ‚rechten Leben’ sind hinsichtlich der Ordnungsvorstellungen miteinander oft nicht kompatibel. Und sie werden von unterschiedlichen geistigen Grundverfassungen informiert. Man könnte typisierend diese weltweit auftretenden kulturellen Fronten auf das Gegensatzpaar Okzident – Orient reduzieren, wie dies einleitend Johan Galtung in seinem Buch über Menschenrechte tut.6 In Bezug auf die Menschenrechte melden sich die selbstbewußtesten Stimmen aus Asien und dem Nahen Osten: aber Tatsache ist, daß sich alle Nationen, nicht nur die orientalischen, am westlichen Kulturmodell orientieren und seiner Mechanismen und Institutionen bedienen, Tatsache ist, daß das gesamte Weltsystem von der technischen Rationalität des Abendlandes geleitet wird: mit dem Verweis auf ihre Souveränität, mit dem manche Länder gegen den universalistischen Anspruch der Menschenrechte protestieren, bestätigen sie eines der zentralen Prinzipien im Politikverständnis des Westens.

Angesichts der selbsterzeugten Herausforderungen kann sich die technologische Rationalität des Okzidents ihrer Fähigkeit zur hegemonialen Integration des Weltsystems nicht mehr sicher sein.7 Die Antworten der Moderne stoßen an die erwähnten Grenzen der Ökologie und der systemimmanenten Restriktionen.8 Zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist die Errichtung von Dependenz- oder Interdependenzstrukturen nicht ausreichend: heute wird deutlich, daß eine neue Qualität der internationalen Kooperation gefordert ist, um den ‚Terror der Ökonomie’9 zu bremsen und den ‚Kampf der Kulturen’10 zu vermeiden. Eine der Annahmen der vorliegenden Arbeit ist, daß diese neue Qualität die kulturelle und geistige Dimension miteinbeziehen muß. Die neue Qualität besteht in einer Qualifizierung weltpolitischer Strukturen und Institutionen, vor allem auch deswegen, weil die ökonomischen und sozialen Transformationen11 zu Ängsten vor dem Verlust der Identität und zu entsprechenden Protesten führen. Die jüngsten Unruhen in Seattle beim Vorbereitungstreffen für die nächste Liberalisierungsrunde der WTO und bei der Tagung des World Economic Forum in Davos lassen nur ahnen, wie sich entsprechende Konflikte zwischen der ökonomischen Weltelite und einer immer besser organisierten transnationalen Zivilgesellschaft in Zukunft entwickeln könnten.

[...]


1 und damit ist nicht die katholische ‚Politische Theologie’ etwa nach Johann Baptist Metz gemeint, sondern die Strömung der po¬li¬tischen Theorie, die sich dem Phänomen des Politischen über seine geistigen und religiösen Bedingungen nähern will. Politische Theologie ist natürlich keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, Beispiele sind die politische Theologie der Stoa über die Staatsmetaphysik im römischen Staatskult zu Augustinus’ De Civitate Dei. Als Vertreter einer derartigen Intention kann man – so unterschiedlich sie in ihren Annahmen und Schlußfolgerungen auch sonst sein mögen - Carl Schmitt, Leo Strauss oder Eric Voegelin sehen.

2 Voegelin (1938), S. 12: „...wir müssen den Begriff des Staates daraufhin prüfen, ob er wirklich nichts anderes betrifft als weltlich-menschliche Organisationsverhältnisse ohne Beziehung zum Bereich des Religiösen.“

3 Voegelin (1966), S. 1

4 Der Grundgedanke des Trilateralismus ist die Organisation bzw. Kontrolle der Weltentwicklung durch die drei Wirtschaftsmächte USA, Deutschland und Japan. Die Trilaterale Kommission, die formal 1973 gegründet wurde und als beratende Nichtregierungsorganisation in Erscheinung tritt (dies aber auf höchster Ebene) widmet sich diesen Zielen.

5 John J. Mearsheimer gab mit seinem Artikel „Why we soon will miss the cold war“ (1990) der Sorge über eine sicherheitspolitisch nicht mehr zu kontrollierende Situation Ausdruck.

6 Galtung (1997)

7 Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ruft Huntington zu einem transatlantischen Schulterschluß auf. Er sagt: „Eine intensivere Kooperation zwischen Europa und Amerika ist essentiell für den Erhalt und die Lebenskraft westlicher Werte und darüber hinaus für den Erhalt westlichen Einflusses in der multipolaren und multikulturellen Welt des 21. Jahrhunderts.“ Vgl. Huntington (2000), S. 151

8 siehe Barney, G.O.: Global 2000 Revisited; ders.: Global 2000; World Watch Institute, Bericht zur Lage der Welt 1999; die Stimmen zur geistigen Krise der Moderne, inklusive jener, die bereits eine Postmoderne apostrophieren, sind zahllos. Interessant auch Dennis L. Meadows (1999), der mit seinem Welt-3-Modell glaubt, nun endlich korrekte Prognosen zu stellen und zu dem Schluß kommt, daß die Katastrophe tatsächlich unausweichlich geworden ist.

9 siehe Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie, 1998. Die Autorin des Buches, das weltweit monatelang auf den Bestsellerlisten zu finden war, ist mit ihrem Vortrag auch auf dem World Economic Forum 1998 auf großes Interesse gestoßen.

10 vgl. Huntington (1995)

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