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Das Private ist Politisch. Anna Seghers politische Konzeption in 'das wirkliche Blau"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 19 Pages
Author: Astrid Henning
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Hauptseminar "Kurzgeschichten Anna Seghers"
Institution/College: University of Hamburg (Germanistik II)
Tags: Private, Politisch, Anna, Seghers, Konzeption, Blau, Hauptseminar, Kurzgeschichten, Anna, Seghers
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 19
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V42847
ISBN (E-book): 978-3-638-40783-0

File size: 216 KB
Notes :
Hauptseminar an der Universität Hamburg, Methodische Grundlage: Figurenkonzeption nach M. Pfister.



Excerpt (computer-generated)

Das Private ist Politisch. Anna Seghers politische
Konzeption in „das wirkliche Blau"

von: Astrid Henning

 


I. Einleitung S. 1

II. Die Figurenkonzeption nach Manfred Pfister S. 2

III. Anna Seghers politische Ästhetik des Realismus S. 6

III.a.) Die kommunistische Literaturkritik als Basis des ästhetischen Selbstverständnis der jungen Anna Seghers S. 7
III.b.) Seghers ästhetisches Selbstverständnis in der Weimarer Republik S. 8
III.c.) Anna Seghers ästhetisches Verständnis in der DDR der 60er/70er Jahre S. 9

IV. Benito – die Entwicklung der sozialistischen Gesinnung S. 10

IV. Fazit S. 16

VI. Literaturverzeichnis S. 18



 

I. Einleitung

In literaturwissenschaftlichen Interpretationen ist Anna Seghers’ schriftstellerische Tätigkeit innerhalb der DDR bisher oft vor allem als Bekenntnis zum Sozialismus gewertet worden, welches vor allem ihre jeweiligen Figuren vermittelten. Eine solche Interpretation vernachlässigt Erzählungen, die vermehrt romantische Elemente aufweisen. Ohnehin sollte man sich vor dem eingeschränkten Blickwinkel einer Suche nach sozialistischer „political correctness“ hüten, weil er der ästhetischen Dimension im Werk der Autorin nicht gerecht würde, wie er sich von den literarischen Anfängen über die Mitgliedschaft im BPRS bis hin zu ihrem Tode entwickelt hat.

Das Spätwerk der Seghers ist meiner Ansicht nach mit den politisch-ästhetischen Direktiven ihrer Anfänge nicht vergleichbar, bei denen sie insbesondere sowjetische Kulturpolitik in ihre Werke einzubinden versuchte, aber auch nicht mit einzelnen Romanen wie „Die Ermittlung“ oder „Das Vertrauen“, die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in der DDR entstanden und in der westdeutschen Literaturkritik zumeist negativ besprochen worden sind.. In der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Erzählung „Das wirkliche Blau“ in den Kontext politischer wie ästhetischer Vorstellungen einer „späten“ Anna Seghers zu stellen. Ich gehe dabei von der These aus, daß sich ihre Grundgedanken zum Ästhetischen - wie in ihrer expressionistischen Phase! - nicht in der Darstellung politischer Gesamtverhältnisse erschöpfen, sondern individuelles Erleben eben jener Verhältnisse beleuchten. - Der Forschungsstand um die Erzählung „Das wirkliche Blau“ ist weit gefächert. Andreas Schrade bewertet die Erzählung als eine Beschreibung der Identitätsgewinnung1, nach welcher der Protagonist Benito seinen Erfahrungshorizont nicht vergrößere, aber vertiefe. Der Interpret beobachtet, daß sich im Laufe der Geschichte Benitos Identität, die aus der ökonomischen und künstlerischen Bedeutung des Blaus besteht, festigte. Sonja Hilzinger liest andererseits die mexikanische Erzählung als einen Erwerb von Klassenbewußtsein - dargestellt mit romantischen Elementen, deren Formgebung eine Opposition zur DDR Literaturdirektive darstelle2.

Wenn aber Hilzinger davon ausgeht, in den romantischen Elementen jener Erzählung eine Opposition zur DDR-Auftragsliteratur zu sehen, darüber hinaus Benito am Ende der Erzählung doch wieder ein erworbenes Klassenbewußtsein zuspricht, so geht mir die Argumentation nicht weit genug. Vielmehr interpretiere ich die Figur des Benito als eine, die keine Entwicklung auf ein historischmaterialistisches Bewußtsein hin entwickelt.

Mittels der Figurenanalyse nach Manfred Pfister werde ich untersuchen, ob Benito am Ende der Erzählung wirklich etwas gelernt hat. Von der Beantwortung der Frage hängt es meiner Meinung nach ab, ob Seghers die Figur des Benito genutzt hat, um gesamtgesellschaftliche Verhältnisse zu verdeutlichen, in denen sich der Protagonist am Ende zu einem sozialistischen Bewußtsein aufschwingt um im historisch materialistischen Sinne innerhalb der Arbeiterklasse eine neue Gesellschaftsordnung anzustreben.

II. Die Figurenkonzeption nach Manfred Pfister.

Manfred Pfister beendet in seiner Untersuchung der Figurenkonzeption im Drama die bis dahin bestehende wertende Unterscheidung von Handlung und Figur und stellt bei ihnen eine gegenseitige Abhängigkeit voneinander fest. Seiner Untersuchung nach definiert sich die Figur aus dem Kontext der Handlung des Stückes. Ihre Definition ist über die Handlung des Textes hinaus nicht möglich. Daraus ergibt sich für den/die RezipientIn, daß eine Charakterisierung nur über den dramatischen Text und seine Details möglich ist und nicht vom Handlungsverlauf losgelöst werden kann. Im Gegensatz zum Drama, in dem sich die Figur selbst oder durch andere Figuren erklärt, wird in Erzählungen und Romanen das Bewußtsein und das Sein der Figur überwiegend vom Erzähler dargelegt. Deshalb kommt dem Erzähler bei der Charakterisierung der Figur eine große Rolle zu. Er ist das „vermittelnde Kommunikationssystem„.3 Der/die ErzählerIn ist es auch, die das Bewußtsein der Figur darstellt.

Pfister setzt bestimmte Kriterien an um die Figuren zu charakterisieren. Zuerst erklärt er, daß sich der Charakter einer Figur aus seiner Abhängigkeit bzw. Abgrenzung oder Ähnlichkeit zu anderen Figuren der Handlung definiert. Dabei müssen die typischen Eigenschaften einer Figur nicht über den Text hinweg konstant bleiben, sie können sich auch während des Handlungsverlaufes entwickeln. Je komplexer dabei eine Figur ist, desto stärker entwickeln sich ihre Eigenschaften entweder konsequent aus ihrer Erstbeschreibung hinaus, oder widersprüchlich zu einem neuen Bewußtsein hin. Als Methode der Merkmalserkennung stellt er eine Matrix von Merkmalsoppositionen auf in der die „einzelne Figur als Bündel von Differenzmerkmalen“ erkennbar wird. Dabei spielen zunächst erst einmal statische Merkmale wie Sprache, Gender, Historizität, Intelligenz eine Rolle. Für die Erschließung der dynamischen Merkmale bedient sich Pfister der Methoden der Soziometrie, die der Untersuchung sozialer Gruppenstrukturen dient. Diese ermittelt die positiven, neutralen und negativen Beziehungen der einzelnen Figuren auf die anderen im Drama oder in narrativen Texten. Die einzelnen Funktionen, die auf Figuren zugeschrieben werden (Held, Gegenspieler, Helfer) lassen sich auch dynamisch analysieren. Eine Funktion kann auch innerhalb des Dramas von verschiedenen, gar von konkurrierenden Figuren besetzt sein. So kann der Gegenspieler in der nächsten Etappe des Handlungsverlaufes beispielsweise der Held sein.

[...]


1 Schrade, Andreas: Anna Seghers, Metzler Verlag Stuttgart/Weimar 1993.

2 Hilzinger, Sonja: Die „Blaue Blume“ und das „wirkliche Blau“. Zur Romantik-Rezeption in den Erzählungen „Das wirkliche Blau“ und „Die Reisebegegnung“ von Anna Seghers. In: Literatur für Leser, Bd. 11; Frankfurt/Main 1988.

3 Pfister, Manfred: „Das Drama. Theorie und Analyse„ 11. Auflage, Deutsche Bibliothek Wilhelm Fink Verlag München, 2001, S.223.


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