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Die Funktion der Krankheitsdarstellung bei Thomas Bernhard

Hauptseminararbeit, 2004, 23 Seiten
Autor: Vera Allmanritter
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Hauptseminar: Kranke, Irre und Gestörte in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Institut für Germanistik)
Tags: Funktion, Krankheitsdarstellung, Thomas, Bernhard, Hauptseminar, Kranke, Irre, Gestörte, Literatur, Jahrhunderts
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 23
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 30  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V43198
ISBN (E-Book): 978-3-638-41052-6
ISBN (Buch): 978-3-640-12747-4
Dateigröße: 212 KB

Zusammenfassung / Abstract

In der Charakterisierung der Werke THOMAS BERNHARDs gehört das Wort „finster“ wohl zu den Hauptadjektiven der Rezeption. Dies dürfte ursächlich an der geradezu obsessiven Verwendung von Motiven liegen, welche die menschliche Existenz negativ beschreiben: Tod, Krankheit, Selbstmord und Vernichtung (Vgl.: Kohlhage 1987: 119). Schon bei der flüchtigen Lektüre der Texte THOMAS BERNHARDs fällt auf, dass die genannten Motive in seinem Werk omnipräsent sind (Vgl. bspw.: Schmidt-Dengler 19892: 7; Hillebrand 1999: 109). Gerade Krankheiten treten in der vom Autor dargestellten Welt so zahlreich und in so verschiedenartigen Formen auf, dass man geradezu von einer kranken Welt sprechen könnte (Vgl.: Jahraus 1991: 91; Jahraus 1992: 145): Ob Krankheiten nun ausführlich beschrieben oder beiläufig erwähnt werden, offensichtlich leiden fast alle Figuren unter mal schweren, mal weniger schweren Beeinträchtigungen und Schwächungen ihrer Gesundheit. Allerdings sind nicht nur die Menschen krank: ALLES in seinem Werk ist unabwendbar krank (Vgl.: Kohlhage 1987: 119f). Es drängt sich folglich die Vermutung auf, dass insbesondere der Krankheitsdarstellung eine machtvolle, konstitutive Funktion zukommt (Vgl.: Kohlhage 1987: 119; siehe auch: Fuest 2000: 13, 41). Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass THOMAS BERNHARD in seinem Werk mit den unterschiedlichsten Mitteln alle denkbaren menschlichen Existenzformen als sinnlos darzustellen versucht (Vgl. bspw.: Kohlhage 1987: 119; Jurdzinski 1984: 111). In dieser Arbeit soll die These vertreten werden, dass auch die Funktion der Krankheitsdarstellung im BERNHARDschen Werk darin liegt, diese Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit der Existenz des Menschen in aller Klarheit aufzuzeigen (Vgl.: Kohlhage 1987: 119; Jurdzinski 1984: 111).


Textauszug (computergeneriert)

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Germanistik
Hauptseminar: Kranke, Irre und Gestörte in der
deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts
11. Semester

Die Funktion der Krankheitsdarstellung
bei Thomas Bernhard

von: Vera Allmanritter

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 01

2. Das Motiv der Krankheit bei Thomas Bernhard 02

2.1. Eine Typologisierung: Die Stheniker und die Astheniker und deren Krankheiten 02

2.1.1. Die Stheniker 02
2.1.2. Die Astheniker 04

2.2. Die Stheniker und Astheniker und deren Krankheiten im Werk „Verstörung“ 05

2.2.1. Die Struktur des Werkes 05
2.2.2. Stheniker und Astheniker 07

2.2.2.1. Die Stheniker 07
2.2.2.2. Die Astheniker 08

2.3. Die Funktion der Krankheitsdarstellung 12

2.3.1. Krankheit als Chance 12
2.3.2 Die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz 13

3. Fazit 14

4. Literaturverzeichnis 17


 

1. Einleitung

In der Charakterisierung der Werke THOMAS BERNHARDs gehört das Wort „finster“ wohl zu den Hauptadjektiven der Rezeption. Dies dürfte ursächlich an der geradezu obsessiven Verwendung von Motiven liegen, welche die menschliche Existenz negativ beschreiben: Tod, Krankheit, Selbstmord und Vernichtung (Vgl.: Kohlhage 1987: 119). Schon bei der flüchtigen Lektüre der Texte THOMAS BERNHARDs fällt auf, dass die genannten Motive in seinem Werk omnipräsent sind (Vgl. bspw.: Schmidt-Dengler 19892: 7; Hillebrand 1999: 109). Gerade Krankheiten treten in der vom Autor dargestellten Welt so zahlreich und in so verschiedenartigen Formen auf, dass man geradezu von einer kranken Welt sprechen könnte (Vgl.: Jahraus 1991: 91; Jahraus 1992: 145): Ob Krankheiten nun ausführlich beschrieben oder beiläufig erwähnt werden, offensichtlich leiden fast alle Figuren unter mal schweren, mal weniger schweren Beeinträchtigungen und Schwächungen ihrer Gesundheit. Allerdings sind nicht nur die Menschen krank: ALLES in seinem Werk ist unabwendbar krank (Vgl.: Kohlhage 1987: 119f). Es drängt sich folglich die Vermutung auf, dass insbesondere der Krankheitsdarstellung eine machtvolle, konstitutive Funktion zukommt (Vgl.: Kohlhage 1987: 119; siehe auch: Fuest 2000: 13, 41). Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass THOMAS BERNHARD in seinem Werk mit den unterschiedlichsten Mitteln alle denkbaren menschlichen Existenzformen als sinnlos darzustellen versucht (Vgl. bspw.: Kohlhage 1987: 119; Jurdzinski 1984: 111). In dieser Arbeit soll die These vertreten werden, dass auch die Funktion der Krankheitsdarstellung im BERNHARDschen Werk darin liegt, diese Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit der Existenz des Menschen in aller Klarheit aufzuzeigen (Vgl.: Kohlhage 1987: 119; Jurdzinski 1984: 111).

Bei der Untersuchung dieser These stellt sich zunächst die Frage, wie Krankheit bei THOMAS BERNHARD allgemein dargestellt wird und welche Formen von Krankheit es gibt. Da in seinem Werk alle Menschen krank sind, findet sich hier keine Einteilung der Menschen in Kranke und Gesunde, sondern eine Einteilung in unterschiedliche Formen/Stufen des Krankseins und eine entsprechende Typologisierung von Krankheit und Kranken. Mit der Darstellung dieser Typologisierung soll hier begonnen werden. Da die hier behandelte Typologisierung von Krankheit in allen von BERNHARDs Werken in der systematischen Komposition des Romans „Verstörung“, im Folgenden in den Literaturangaben von mir als V. bezeichnet, am deutlichsten ersichtlich ist (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 24, Steinert 1984: 109), wird dieser im folgenden Abschnitt der Arbeit unter dem Aspekt der Krankheitstypologien exemplarisch untersucht. Abschließend wird überprüft, inwiefern die Krankheitsdarstellung die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz aufzeigt.

2. Das Motiv der Krankheit bei Thomas Bernhard

2.1. Eine Typologisierung: Die Stheniker und die Astheniker und deren Krankheiten

Die Typologisierung der Krankheitszustände01 der Figuren in THOMAS BERNHARDs Texten beruht wohl vor allem auf einem Gedankenmodell des Romantikers NOVALIS, der neben KIERKEGAARD, PASCAL und SCHOPENHAUER zu den wichtigsten Referenzfiguren des Autors zählt (Vgl.: Langer 1999: 180; Jurgensen 1998: 74). NOVALIS bezieht sich in seinen Fragmenten zur Physiologie und Medizin auf das Konzept der „Erregungslehre“ des schottischen Arztes JOHN BROWN, welcher eine generelle Unterscheidung zweier Krankheitszustände trifft: Die Unterscheidung zwischen Asthenie und Sthenie (Vgl.: Langer 1999: 180). Dabei entstehen Krankheiten entweder durch einen zu schwachen Erregungszustand (Asthenie) oder durch einen zu hohen Grad an Erregung (Sthenie). Novalis übernimmt diese Polarisierung und erweitert sie noch durch die Einbeziehung der Unterscheidung des Bamberger Arztes RÖSCHLAUB zwischen Reizbarkeit und Sensibilität. Die Begriffe Asthenie und Sthenie werden nun noch durch die Gegensatzpaare „schwach und stark, Seele und Körper, Innenwelt und Außenwelt“ (Zelinsky 1970: 25) und „introvertiert und extrovertiert“ (Strebel-Zeller 1975: 19) ergänzt (Vgl.: Zelinsky 1970: 25; Strebel-Zeller 1975: 13-22). In den Texten THOMAS BERNHARDs finden sich diese Typen in den verschiedensten Formen wieder. So unterscheidet CHRISTA STREBEL-ZELLER in Bezug auf die Stheniker hauptsächlich zwischen der großen Gruppe der Instinktmenschen und den relativ selten vorkommenden Erfolgsmenschen und in Bezug auf die Astheniker zwischen den Gefühlsmenschen und den Verstandesmenschen (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 13-22)02.

2.1.1. Die Stheniker

Die Stheniker sind Menschen, welche über Dinge und Sachverhalte um sie herum nicht tiefer nachdenken, ihnen fehlt jede Differenziertheit (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 12, 19). Sie sind vom Typ her eher robuster, härter und stumpfer (Vgl.: Fuest 2000: 59). Oft werden sie durch den vitalen und teilweise auch brutalen „Muskelmenschen“ (Strebel-Zeller 1975: 19) vertreten (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 19). Sie stellen die anonyme Masse der Menschheit dar (Vgl.: Fuest 2000: 61). Instinktmenschen als erste Untergruppe der Stheniker existieren in der Gegenwart und reflektieren ihr Handeln nic ht. Sie handeln instinktiv und sind sich ihrer selbst nicht als Subjekt bewusst. Aus dieser „Selbstbewußtlosigkeit“ (Strebel-Zeller 1975: 13) entsteht ein „naiver Egoismus“ (Strebel-Zeller 1975: 13), der dazu führt, dass sich Instinktmenschen zeitweise wie der Mittelpunkt der Welt fühlen. Ihre Unreflektiertheit bewirkt eine Horizontlosigkeit des Daseins und zumeist eine Einschränkung des Handelns auf die „Re-Aktion“ (Strebel-Zeller 1975: 13). Im Vordergrund steht hier die tierhafte Komponente des beschriebenen Typus Mensch. In THOMAS BERNHARDs 1965 veröffentlichtem Werk „Frost“03, im Folgenden in den Literaturangaben mit F. abgekürzt, werden Instinktmenschen als „Menschen im „Urzustand“ (F.: 14 zitiert nach Strebel-Zeller 1975: 14) beschrieben, „ihr soziales, geistiges und kulturelles Niveau ist tief, ihre Existenz ist ein Dahinvegetieren, ihr Leben ist ein ‚Geschlechtsleben’“ (F: 14 zitiert nach Strebel-Zeller 1975: 14). Instinktmenschen haben ganz bestimmte, als „niedrig“ empfundene Berufe wie zum Beispiel den des Fleischers, des Viehhändlers, des Gastwirts, des Holzfällers, des Abdeckers oder des Totengräbers und sie wohnen meist im Tiefland, in Tälern oder Schluchten (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 14f). Die Unreflektiertheit ihres Daseins birgt den Vorteil, dass sie eine gewisse „Geistesnaivität“ (Strebel-Zeller 1975: 15) besitzen, die sie von der Frage nach dem Sinn des Lebens abhält und sie dem Tod recht gleichgültig gegenüber stehen lässt.

[...]


01. Eine ausführliche Auflistung zu den unterschiedlichsten Formen der Krankheit im Werk Thomas Bernhards findet sich bei: Kohlhage 1987: 90f.

02. Andere Formen der Stheniker wie die „normalen Menschen“ oder die „inkonsequente Jugend“ (Vgl.: Strebel-Zeller 1975: 18) treten in Thomas Bernhards Werk kaum auf und werden hier entsprechend vernachlässigt.

03. Vgl.: Bernhard, Thomas: Frost. Frankfurt am Main 1972.


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