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"Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind": Die Darstellung des Bombenkriegs in Gert Ledigs "Vergeltung"

Autor: Petra Maier
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

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Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 16
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 19  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 180 KB
Archivnummer: V43897
ISBN (E-Book): 978-3-638-41591-0

Textauszug (computergeneriert)

"Es helfen nur Menschen, wo Menschen sind": Die
Darstellung des Bombenkriegs in Gert Ledigs "Vergeltung"

von: Petra Maier

 


Inhalt

1) Einleitung 3

2) Der Titel: Vergeltung als Teufelskreis 4

3) Filmerische Mittel als Rhetorik der Unruhe 6

4) Und da ich schon wanderte im finsteren Tal…: Religion als Ausverkaufsware 8

5) „Es helfen keine Menschen, wo Maschinen sind“: Der Mensch als aussterbende Gattung 10

6) Ehre, Treue, Vaterlandsliebe, Heldentum: Radikale Absage an die Ideologie der Werte 12

7) Schluss 13

8) Literatur 15



 

Einleitung

„Ein 86- Millionen Volk, das man einst als Volk der Dichter und Denker rühmte, hat die schlimmste Katastrophe seiner jüngsten Geschichte mit Auslöschung seiner Städte und millionenfacher Vertreibung über sich ergehen lassen. Da fällt einem schwer zu glauben, dass diese Ereignisse nicht ein gewaltiges literarisches Echo gefunden haben.“1 Als Ende 1997 der in England lebende deutsche Schriftsteller Winfried G. Sebald in seiner Züricher Poetikvorlesung beklagt, die Bombardierung deutscher Städte sei als literarisches Thema weitgehend tabuisiert und zu einer „Spukexistenz im kollektiven Unbewussten der Deutschen“2 verdammt worden, ist Gert Ledigs Roman „Vergeltung“ noch verschollen.

1956 erscheint er zum ersten Mal, doch die Rezensionen sind fast durchgehend vernichtend. Es heißt, der Roman sei „peinlich“, „brutal“ und geschmacklos.3 Die FAZ empört sich über die „gewollt makabere Schreckensmalerei.“4 Die Zeit sieht den „Rahmen des Glaubwürdigen und Zumutbaren“5 verlassen. Der Rheinische Merkur glaubt „abscheuliche Perversität“ zu entdecken, ein „Gruselkabinett.“6 So kommt es, dass der Roman schnell in Vergessenheit gerät und mit ihm sein „Schöpfer“ Gert Ledig. Erst als sich die Debatte um den literarischen Niederschlag des Bombenkriegs entfacht, rückt der Roman ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Doch die Neuauflage erlebt der Autor nicht mehr. Kurz vor dem Erscheinen 1999 stirbt Gert Ledig in einem Krankenhaus in Landsberg.

Ich möchte in meiner Arbeit untersuchen, wie Gert Ledig seine literarische Annäherung an das Thema Bombenkrieg akzentuiert. Was hat es mit dem Titel auf sich? Warum bedient er sich filmerischer Mittel? Welche Funktion hat die Religion in „Vergeltung“, welches Menschenbild enthüllt der Roman, und wie steht es um die im Roman vermittelten Werte? Ferner versuche ich eine Idee davon zu bekommen, warum sein Roman bei der Ersterscheinung im Vergleich zur Neuauflage so große Ablehnung erfährt.

Als Quellen ziehe ich vor allem die Zeitungsrezensionen und Aufsätze heran, die in den letzten Jahren infolge der Bombenkriegsdebatte nach Sebalds Vorlesung erschienen sind. Hier ist insbesondere Gabriele Hundrieser heraus zu heben, die sich mit Ästhetik von Gewalt und der Sinnlosigkeit des Krieges bei Ledig auseinander setzt. Desweiteren sind zu nennen Jan- Pieter Barbian, der die Bedeutung von Ledigs Werken für das 20. Jahrhundert skizziert und der Aufsatz von Karsmaker, die eine detaillierte Analyse des Romans vorlegt. Wichtig für die Arbeit ist außerdem das Vorlesungsskript von W. G. Sebald, der mit seiner Vorlesung die Diskussion um die literarische Verarbeitung des Bombenkrieges entfacht. Ferner beziehe ich mich auf die Zeitungrezensionen, die infolge der Ersterscheinung gedruckt wurden.

Der Titel: Vergeltung als Teufelskreis

Der Titel von Ledigs Roman zieht sich als Leitmotiv durch den gesamten Roman. Er fungiert als Handlungsmotiv für viele Charaktere auf personaler Ebene, zwischen Gruppen und sogar zwischen Nationen. Bereits auf der ersten Seite des Romans zeigt sich der „Beginn“ der Vergeltung. Die erste amerikanische Bombe fällt auf die toten Körper deutscher Kinder und schleudert sie gegen die Friedhofsmauer, noch ehe man ihre Leichen identifizieren kann. „Sie waren vorgestern in einem Keller erstickt. (...) So sah die Vergeltung aus.“ (9) Der Grund für dieses Ziel wird einige Seiten später genannt: Sergeant Strenehen, der sich in dem entsprechenden Bomber befindet „hatte dieses Ziel gewählt, in der Hoffnung, dort träfe es nur Tote.“ (11) Doch ungewollt tritt er damit den nächsten Stein los. „Dass sie deswegen sechzig Minuten später einen der Ihren mit Schaufeln erschlagen würden, wusste er nicht.“ (11)

Strenehens Bomber gerät kurz darauf unter feindlichen Fliegerbeschuss. Dabei stirbt der Turmschützte durch ein Explosivgeschoss. Der Tod des Kameraden scheint Strenehen nicht zu berühren. Mechanisch tut er seinen Job weiter. Doch als er selbst im Turm sitzt packt ihn die Gier nach Rache: „Wenn jetzt der Deutsche käme: Er würde alles vergelten.“ (29) Die Erfüllung seines Wunsches lässt nicht lange auf sich warten. Die feindlichen Maschinen rasen aufeinander zu. „Jetzt, dachte Strenehen. (...) Der Deutsche war im Fadenkreuz. Die drei Maschinengewehre arbeiteten präzis. Er hielt auf den Piloten. Kein Schuss ging daneben. Die Leuchtfäden zischten alle ins Ziel. (…) (Strenehen; nach P.M.) war glücklich. Eine Sekunde lang grenzenlos glücklich. Bis er das Blut (seines Kameraden; nach P. M.) an den Händen sah, da wurde ihm schlecht.” (30) Zur erhofften Rückkehr nach England mit dem Geschwader kommt es nicht. Als die Staffel entlassen wird, streift die Nachbarmaschine Strenehens Bomber und bringt ihn zum Absturz. Strenehen rettet sich mit einem Fallschirm und sucht Schutz in der deutschen Stadt. Doch statt des erhofften Schutzes wird er wiederum Ziel eines deutschen Vergeltungswunsches. Ein Ingenieur und ein Mechaniker finden ihn, doch ersterer hat kein Mitleid mit ihm und weigert sich, ihm zu helfen: „,Das Dringendste, was er braucht, ist eine Hose!` (so der Mechaniker; nach P. M.) ,Wir dürfen ihm keine geben.` ,Warum nicht?` ,Das wissen Sie doch!`” (90) Für den Ingenieur ist Strenehens Nationalität Grund genug, ihn zu hassen und sogar zu töten. Er hat mitgeholfen „meine Frau umzubringen; mit seinen Bomben!“ (91) Der Ingenieur versucht seinen Mechaniker zu zwingen, den Amerikaner zu töten, doch dieser stößt Strenehen in einem unbeobachteten Moment hinaus auf die Straße und verriegelt die Tür hinter ihm. Er möchte ihn nicht töten, vermag aber auch nicht, ihn zu retten.

[...]


1 Sebald 1999, S. 96.

2 Sebald 1999, S. 21.

3 Hornung 1956, S. 5.

4 Schwerbrock 1956, o. S..

5 Hornung 1956, S. 5.

6 Dollontano 1956, o. S..

Kommentare

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