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Mechanismen der Verführung - Analyse der Dialoge des Zehnakters 'Reigen' von Arthur Schnitzler

Termpaper, 2003, 31 Pages
Author: Angela Schaaf
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 31
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V44010
ISBN (E-book): 978-3-638-41680-1

File size: 259 KB


Excerpt (computer-generated)

Mechanismen der Verführung - Analyse der Dialoge
des Zehnakters ′Reigen′ von Arthur Schnitzler

von: Angela Schaaf

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite

1.1 Eine Gesellschaft im Umbruch: Wien zur Zeit des Fin de Siècle 3

1.1.1 Arthur Schnitzler – ein Kind seiner Zeit 7

2. Der Reigen

2.1.1 Rezeptionsgeschichte 8
2.1.2 Analyse der Dialoge 9
2.1.3 Die Dirne und der Soldat 10
2.1.4 Der Soldat und das Stubenmädchen 11
2.1.5 Das Stubenmädchen und der junge Herr 12
2.1.6 Der junge Herr und die junge Frau 13
2.1.7 Die junge Frau und der Ehemann 15
2.1.8 Der Ehemann und das süße Mädel 17
2.1.9 Das süße Mädel und der Dichter 20
2.1.10 Der Dichter und die Schauspielerin 22
2.1.11 Die Schauspielerin und der Graf 24
2.1.12 Der Graf und die Dirne 26

2.2 Ergebnisse 27

3. Schlußbemerkung 29

Anhang

- Literaturverzeichnis 30
- Eigenständigkeitserklärung 31



 

1.1 Eine Gesellschaft im Umbruch: Wien zur Zeit des Fin de Siècle

„Unsere bürgerliche Gesellschaft gleicht einer großen Karnevalsgesellschaft, in der Einer den Anderen zu täuschen und zum Narren zu halten versucht. Jeder trägt seine offizielle Verkleidung mit Würde, um nachher inoffiziell um so ungezügelter seinen Neigungen und Leidenschaften zu frönen. Und äußerlich trieft alles von Moral, Religion und Sittlichkeit.“1 August Bebel

Mit dem Machtantritt Kaiser Franz Josephs I. im Jahre 1848 beginnt in Wien, seit 1867 Hauptstadt des neu gegründeten Österreichisch-Ungarischen Reiches, eine Phase der Modernisierung und Liberalisierung. Vor allem die Zeit um die Jahrhundertwende – das Fin de Siècle – zeichnet sich aus durch Umbruch und Veränderung in nahezu allen Lebensbereichen, von denen die Industrialisierung wohl als eingreifendste Entwicklung bezeichnet werden kann. Sie löst einen Zuwanderungsstrom aus allen Teilen des Reiches in die Hauptstadt aus, welche sich innerhalb weniger Jahrzehnte von einer Halbmillionenstadt zur modernen Donaumetropole mit zwei Millionen Einwohnern im Jahr 1905 entwickelt. In positiver Hinsicht bewirkt jener Bevölkerungszuwachs eine ethnische, sprachliche und religiöse Vielfalt und damit einhergehende weltoffene Lebenseinstellung der Bürger Wiens. Negative Auswirkungen zeitigt allerdings das Problem der Unterbringung der neuen Einwohner: Bis an die Hänge des Wienerwaldes breitet sich bald ein gleichförmiges Raster vier- bis fünfgeschossiger Mietshausblöcke aus, in denen das Leben der Bewohner gekennzeichnet ist durch Armut, Beengtheit und mangelnde Hygiene. Doch nicht nur in ökonomischer Hinsicht ist das Fin de Siècle eine Zeit des Umbruchs. In der Architektur entstehen neben den weniger ansehnlichen Mietskasernen repräsentative Bauten an der neuen Ringstraße. In der Kunst spaltet sich eine Gruppe junger Künstler um Gustav Klimt vom traditionellen Kunstbetrieb ab und setzt als Wiener Secession neue Maßstäbe. Sigmund Freud entwickelt die Psychoanalyse und setzt „sich in seinen Texten radikal für gelockerte Sexual- und Partnerschaftsformen“2 ein.

Nahezu beispiellos scheint ebenso die literarische Schaffenskraft jener Zeit. Die Werke von Autoren wie Hugo von Hoffmannsthal, Richard Beer-Hofmann, Stefan Zweig und selbstverständlich Arthur Schnitzler legen bis heute anschaulich Zeugnis ab vom Geiste jener Auf- und Umbruchszeit. Eine weitere Errungenschaft jener Zeit ist die Entstehung von Frauenbewegungen, für die die industrielle Revolution die notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen schuf. Die Frauen der unteren Schichten wurden jetzt zu Lohnempfängerinnen in den neuen Fabriken, in welchen sie unter gefährlichen Arbeitsbedingungen und für einen weit geringeren Lohn als den der Männer arbeiteten. Dennoch lag darin der Beginn ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Ganz anders hingegen gestaltete sich die Entwicklung der Rolle der Frau im Bürgertum. Ihr wurde jede Möglichkeit eigenen Lohnerwerbs verwehrt, die Ehe war für „sie ihre einzige Bestimmung, ihre einzige Existenzberechtigung“.3 Im Zuge der allerorts spürbaren Umbruchsbestrebungen gerät zwar gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die

„Institution Ehe, die im bürgerlichen Zeitalter einen klar strukturierten gesellschaftlichen und moralischen Rahmen hatte (...) in eine Krise und wird zum Zentrum heftiger Kritik. (...) (D)er Heiratspolitik des Bürgertums, die die Ehe zu einem gesellschaftlichen und ökonomischen Vertrag bzw. zu einer reinen Versorgungsanstalt degradiert, werden das Konzept der Liebesehe sowie alternative Partnerschaftsformen entgegengehalten“.4 Unglücklicherweise jedoch werden jene Forderungen nach einer „neuen, modernen Ehe“ nicht von „konkreten oder konzeptuellen Vorschlägen einer neuen Sinnstiftung getragen“.5

Wenn man bedenkt, daß wenige Jahre zuvor Friedrich Nietzsche die Frau noch mit „einem zarteren, wunderlich wilden und oft angenehmen Haustiere“6 verglichen hatte, und Charles Darwin den „hauptsächlichste(n) Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter“ darin erkannte, „daß der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann“7, so scheint es nahezu verständlich, daß das Bürgertum auf jegliche Forderung nach Emanzipation mit Verunsicherung reagierte. Zum Unglück der Frauen bestand die vornehmlichste Reaktion des Patriarchats in einem um so rigideren Festhalten an der „Heiligkeit der Ehe“8, basierend auf der Negierung weiblicher Sexualität. Dieses Beharren an überholten Traditionen resultierte schließlich in jener eingangs von August Bebel angeprangerten gesellschaftlichen Doppelmoral, welche für Männer und Frauen diametral entgegengesetzte Wertmaßstäbe postulierte, denn daß „ein Mann Triebe empfinde und empfinden dürfe, mußte sogar die Konvention stillschweigend zugeben. Daß aber eine Frau gleichfalls ihnen unterworfen sein könne (...), dies ehrlich zuzugeben, hätte gegen den Begriff der >Heiligkeit der Frau< verstoßen“.9 Doch auch der Umgang mit der männlichen Sexualität ist gekennzeichnet durch „Heimlichkeit und Hinterhältigkeit“.10 Stefan Zweig schildert anschaulich das Dilemma, in dem ein junger Mann sich seinerzeit befand, der zwar „für die Natur mit sechzehn oder siebzehn“, für die Gesellschaft hingegen jedoch erst „mannbar (wurde), wenn er sich eine >soziale Position< geschaffen hatte, also kaum vor dem fünfundzwanzigsten (...) Lebensjahr“.11 Bis zu einer vermeintlichen Eheschließung blieb folglich ein Zeitraum von ca. acht Jahren zu überbrücken und so fällt in die Zeit des Fin de siècle außerdem „die Erfindung der Chambres séparées, Stundenhotels (und) die Einführung von Dirnenkasernen“12, in denen „der Mann diese peinliche Angelegenheit in irgendeiner unauffälligen Weise“13 erledigen konnte.

Auch nach erfolgter Vermählung ist der Mann keineswegs an sein Treuegelöbnis gebunden, sondern „werden dem Mann außereheliche Amouren (durchaus) zugestanden“.14 Von den betrogenen Gattinnen wurde erwartet, „daß sie die Eskapaden ihrer Ehemänner gelassen duldeten. Ein solches geduldiges Zusehen gab ihnen dann das Recht auf ein wenig Achtung und Mitgefühl ihrer Umgebung“.15 Während es den jungen Männern somit in aller Heimlichkeit gestattet war, „sich die Hörner abzulaufen“16, wurde der Aspekt der Sexualität aus der Erziehung der jungen Mädchen mit äußerster Rigidität ausgegrenzt. Dies hatte zur Folge, daß diese zwar „in praktischen, den Haushalt betreffenden sowie gesellschaftlichen, repräsentativen Dingen auf die Ehe vorbereitet, in sexueller Hinsicht (...) (jedoch) als tabula rasa an den Altar geführt“17 wurden. Die Erziehungsmaßnahmen, mit welchen man ihre körperlichen Empfindungen im Zaum zu halten suchte, gingen mitunter soweit, daß „in den Pensionaten und Klöstern (...) die jungen Mädchen, um zu vergessen, daß sie einen Körper besaßen, sogar ihr häusliches Bad in langen, weißen Hemden nehmen“18 mußten.

[...]


1 August Bebel, zit. in: Barbara Gutt: Emanzipation bei Arthur Schnitzler, S. 23, Verlag Volker Spiess, Berlin, 1978

2 Andreas Wicke: Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne, S. 185, Carl Böschen Verlag, Siegen, 2000

3 Jenneke Oosterhoff: Die Männer sind infam, solange sie Männer sind. Konstruktionen der Männlichkeit in den Werken Arthur Schnitzlers, S. 133, Stauffenberg Verlag, Tübingen, 2000

4 Andreas Wicke: Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne, S. 11f, Carl Böschen Verlag, Siegen, 2000

5 ebenda, S. 172

6 Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Bd. II, Karl Schlechta (Hrsg.), S. 701f zit. in: Barbara Gutt: Emanzipation bei Arthur Schnitzler, S. 19, Verlag Volker Spieß, Berlin, 1978

7 Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl, Bd. II, S. 305 & 308, Stuttgart, 1875, zit. in: Barbara Gutt: Emanzipation bei Arthur Schnitzler, S. 19

8 Barbara Gutt: Emanzipation bei Arthur Schnitzler, S. 20

9 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, S. 97, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1998

10 ebenda, S. 87

11 ebenda, S. 102

12 Barbara Gutt: Emanzipation bei Arthur Schnitzler, S. 23, Verlag Volker Spieß, Berlin, 1978

13 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, S. 88

14 Andreas Wicke: Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne, S. 64, Carl Böschen Verlag, Siegen, 2000

15 Ute Frevert: Mann und Weib und Weib und Mann. Geschlechterdifferenzen in der Moderne, Beck, München, 1995, S. 187, zit. in: Jenneke Oosterhoff: Die Männer sind infam, solange sie Männer sind. Konstruktionen der Männlichkeit in den Werken Arthur Schnitzlers, S. 133, Stauffenberg Verlag, Tübingen, 2000

16 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, S. 97

17 Jenneke Oosterhoff: Die Männer sind infam, solange sie Männer sind. Konstruktionen der Männlichkeit in den Werken Arthur Schnitzlers, S. 133

18 Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, S. 94


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