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Examination Thesis, 2005, 87 Pages
Author: Joachim Bahr
Subject: Musicology
Details
Tags: Bläserklassen, Studie
Year: 2005
Pages: 87
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-42367-0
ISBN (Book): 978-3-638-70737-4
File size: 378 KB
Bei einer Bläserklasse spielen alle Schüler ein (Blas-) Instrument und bilden von Beginn an ein Orchester. In einer empirischen Studie wurden sowohl Schulen besucht, an denen es Bläserklassen sowie solche, an denen es keine Bläserklassen, wohl aber klassenübergreifende Musik-AGs gibt. Die Hospitationsergebnisse sowie Ergebnisse von Fragebogenaktionen wurden ausgewertet und abschließend bewertet.
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Abstract
„Der Beitrag der Musikpädagogik zur Persönlichkeitsbildung kann meines Erachtens nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir müssen möglichst vielen jungen Menschen den Zugang zum aktiven Musizieren eröffnen. Leider wird der musischen Erziehung in und außerhalb der Schule eine nicht allzu hohe Priorität gegeben. ...” (Gerald Weiß, Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatssekretär a.D. (CDU/CSU), leider fehlt eine Angabe darüber, wann, wo und in welchem Zusammenhang diese Aussage gemacht wurde.) „Wer in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen die musische Erziehung vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn kaltherzige, brutale Charaktere dabei herauskommen. ... Ich bin ja sehr dafür, dass jedes Kind einen Zugang zum Computer hat, aber vielleicht wäre es auch gut, wenn jedes Kind einen Zugang zu einem Musikinstrument hätte!” (Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) in der Debatte über Anträge gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt im Deutschen Bundestag am 30.03.2001, seine Äußerung erhielt den spontanen Applaus aller Anwesenden.) Wohl jeder Musikpädagoge wird den hier zitierten Politikern uneingeschränkt zustimmen. Die m. E. berechtigte Forderung, im Musikunterricht Kindern und Jugendlichen mehr Gelegenheit zu aktivem Musizieren zu ermöglichen, motivierte mich, im Rahmen einer Staatsarbeit die bereits vielfach an Schulen durchgeführte Arbeit sogenannter „Bläserklassen“ vorzustellen. Mittels einer empirische Studie an ausgewählten Schulen konnte ich interessante Ergebnisse zusammentragen, die die Berechtigung und Notwendigkeit dieser Arbeit nicht nur aus musikpädagogischen Sicht belegen. Steinfurt, 05.07.2007 Joachim Bahr
Excerpt (computer-generated)
Westfälische Wilhelmsuniversität Münster
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Staatlichen Prüfung für das Lehramt Sekundarstufe I mit den Fächern Mathematik und Musik
Bläserklassen - eine empirische Studie
Verfasser: Joachim Bahr
2005
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Musikunterricht als „Bläserklasse“
III. Vorüberlegungen und Vorbereitung der empirischen Studie, Entwicklung von Hypothesen und Fragebögen für Schüler und Lehrer
IV. Durchführung der empirischen Studie: Datenerhebung, Hospitationsprotokolle
V. Auswertung der Fragebögen
VI. Bewertung
VII. Literaturverzeichnis
Anhang Schüler- und Lehrerfragebogen
I.Einleitung
„Der Beitrag der Musikpädagogik zur Persönlichkeitsbildung kann meines Erachtens nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir müssen möglichst vielen jungen Menschen den Zugang zum aktiven Musizieren eröffnen. Leider wird der musischen Erziehung in und außerhalb der Schule eine nicht allzu hohe Priorität gegeben. ...”1
Die „frühzeitige musikalische Erziehung [fördert] Intelligenz, Sozialverhalten und schulische Leistung und [gibt] damit letzlich der Entfaltung der Humanität Raum. Musik und Musizieren leisten so einen entscheidenden Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.”2
„Wer in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen die musische Erziehung vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn kaltherzige, brutale Charaktere dabei herauskommen. ... Ich bin ja sehr dafür, dass jedes Kind einen Zugang zum Computer hat, aber vielleicht wäre es auch gut, wenn jedes Kind einen Zugang zu einem Musikinstrument hätte!”3
Wohl jeder Musikpädagoge wird den drei hier zitierten Politikern uneingeschränkt zustimmen. Er wird sie aber auch fragen, warum diesen großartigen Plädoyers bislang nicht die dringend angesagten politischen Entscheidungen gefolgt sind, die es den Schulen ermöglichen würden, der Bedeutung des Musik- unterrichtes optimal Rechnung zu tragen - und das trotz der offenbar und selten genug anzutreffenden parteiübergreifenden Übereinstimmung!
Aber verbirgt sich hinter der Notwendigkeit, diese Probleme zu diskutieren nicht auch die Erkenntnis: Das Fach Musik an den Schulen ist in der Krise! So sieht es zumindest Altbundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog, wenn er sagt:
„Darum versäume ich in diesem Zusammenhang nie, warnend auf den in den letzten Jahrzehnten stetig darbenden Musikunterricht an unseren Schulen hinzuweisen. Wenn wir einschlafen lassen, was da an Potenzial vorhanden ist, dann sägen wir an dem Kreativitätsast, auf dem wir alle miteinander sitzen.“4
Nun soll hier nicht über die politischen Notwendigkeiten für einen gut funktionierenden Musikunterricht lamentiert, sondern das Zitat von Prof. Dr. Roman Herzog eher mit einem großen Maß an pädagogischer Selbstkritik bedacht werden. Liegt doch die Qualität des Musikunterrichtes sehr oft auch aufgrund mangelndem Engagement und nicht ausreichender Kompetenz des Lehrers im Argen. Folgende Beobachtungen während meiner Unterrichtshospitationen im Rahmen der schulpraktischen Studien beschreiben einen durchaus unbefriedigend zu nennenden Musikunterricht - sie sind natürlich nicht allgemeingültig, aber, so ist zumindest anzunehmen, auch nicht gerade selten in ähnlicher Form anzutreffen.
- Vier Seiten eines Musikbuches über das Thema „Aufnahmetechnik“ dienten zur Einführung in „Schallplatte“ (1. Stunde) und „CD“ (2. Stunde). Der im Musikbuch abgedruckte Text wurde vorgelesen, der Lehrer versuchte anschließend den nicht leicht verständlichen Text zu erläutern, in der jeweiligen Folgestunde wurde das Verständnis bei den Schülern abgefragt.
- Zum „Muntermachen“ der Klasse in der ersten Stunde am Montagmorgen lud der Musiklehrer ein zum Mitsingen. Er legte eine CD mit dem Lied „In the Jungle“ auf, das er in der letzten Stunde vorgestellt hatte. Es sang niemand mit, auch der Lehrer nicht!
- An einer Realschule erhielt die Frage, weshalb denn nur in der 5. und 6. Klasse und dann erst wieder in der 10. Klasse unterrichtet würde, folgende Antwort: „Die Jugendlichen haben während der Pubertät keine Lust auf Musik. Den Stress, sie dann zu unterrichten, tun wir uns nicht an. In Klasse 10 sind es diejenigen, die das Fach gewählt haben, da geht es dann wieder!“
- Notenkunde: Den Schülern der 5. und 6. Klasse wurden ausführlich die Positionen der Noten c’ bis g’ im Violinschlüssel erklärt. Ein Instrument wurde dafür nicht benötigt.
- Die Teilnehmer der „Bläserklasse“, die allerdings nicht als Klassenunterricht sondern als freiwillige AG in den Nachmittagsstunden durchgeführt wurde, haben offensichtlich nicht sehr viel Spaß. Der fachfremd eingesetzte Lehrer ist zwar engagiert, kann das Ensemble aber nicht in der erforderlichen Qualität betreuen. Der Ablauf des Unterrichtes ist sehr unkonzentriert und ineffizient, offensichtliche spiel- und haltungstechnische Fehler von Schülern werden nicht korrigiert.
Im Sportunterricht würde niemand auf die Idee kommen, Theoriestunden zur Regelkunde des Fußballspiels oder eine Einführung in die Techniken des Bodenturnens zu geben. Zumindest nicht ohne Verbindung der Theorie mit der Praxis auf dem Fußballplatz oder in der Sporthalle.
Warum macht man das im Musikunterricht? Die berechtigte Forderung von Herrn Weiß, jungen Menschen Zugang zum aktiven Musizieren zu eröffnen, wäre in allen vier genannten Beispielen ohne Schwierigkeiten und ohne nennenswerten Aufwand zu realisieren gewesen.
- In der Musiktechnikstunde könnte man beispielsweise den Schülern aufgeben, zu Hause einmal zu überprüfen, ob es noch Schallplatten gibt oder sie bitten, ihre Lieblings-CD mitzubringen. Vielleicht gäbe es auch etwas aufzunehmen - z. B. ein gemeinsam einstudiertes Lied. In diesem Zusammenhang könnte man die technischen Details beim Bespielen einer CD besprechen.
- Einem Musiklehrer, der selber nicht mitsingt, gehört meines Erachtens die Berechtigung zum Unterrichten des Faches Musik aberkannt! Bei dem Lied „In the Jungle“ wäre es zudem ein Leichtes gewesen, die Kinder über den Gesang hinaus zum Instrumentalspiel anzuhalten. Das Lied hat einfache Harmonien und lustige, eingängige Rhythmen - bestens geeignet für instrumentale und tänzerische Aktivitäten.
- Betrachtet man den großen Andrang, den Musikschulen und Amateurorchester bei Kindern und Jugendlichen verzeichnen, mutet eine solche Äußerung geradezu als Armutszeugnis eines hilflosen Lehrers an. Gerade Jugendliche in der Pubertät, die intensiv ihre Körperlichkeit entdecken, mögen Aktion mit Bewegung, Tanz und Musik und sind sehr gut für aktives Musizieren zu begeistern, wenn es denn durch den Lehrer mit der notwendigen Sensibilität erfolgt. Die Kritik an dieser Stelle bedarf allerdings der Einschränkung, da viele Lehrpläne den Musikunterricht in den genannten Klassen nicht vorsehen.
- Vokabeln muss man lernen, wenn man sich in einer Fremdsprache unterhalten möchte. Niemand lernt Vokabeln einer Sprache, die er nicht sprechen möchte. Notenkenntnisse braucht derjenige, der nicht aktiv musiziert, überhaupt nicht. Könnte man durch spielerische Übungen das Notenlesenlernen erleichtern (Beispiel: Wörter bilden mit den Musikbuchstaben5, siehe auch Graphik auf Seite 7), stellt sich die Frage, warum nicht gerade zu diesem Thema aktiv musiziert wird! Man könnte ja zumindest auf dem Klavier verschiedene Töne vorspielen um zu zeigen, dass - sinnvollerweise - ein hoher Ton im Notensystem weiter oben steht als ein tiefer Ton. Noch viel besser wäre es, Schüler, die ein Instrument spielen, zu bitten, dieses der Klasse vorzustellen. Ein Lied spielen lassen, Noten zeigen lassen - und schon ist die Notwendigkeit einer Notenschrift für alle Schüler nachvollziehbar. Möglicherweise wird durch das Beispiel des Mitschülers sogar das Interesse geweckt, selber ein Instrument spielen zu wollen!
- Glaubt man, dass das „aktive Musikmachen“ größte Bedeutung hat für einen erfolgreichen und effizienten Musikunterricht, so gilt - zurückzuführen auf meine Arbeit als Instrumentallehrer - mein besonderes Interesse dem Thema „Klassenmusizieren” bzw. dem „Musikunterricht als Bläserklasse“.
Anknüpfend an das letzte Beispiel wird daher im Rahmen dieser Staatsarbeit die Idee der „Bläserklasse“ vorgestellt. Eine empirische Studie an verschiedenen Schulen soll Ergebnisse liefern zu der Frage, wie erfolgreich diese Art des Musikunterrichtes Schüler zu dem von Herrn Weiß geforderten „aktiven Musizieren“ motivieren kann.
Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird während der dieser Ausführungen das generische Maskulinum verwendet. Die Formulierung „Schüler“ und „Lehrer“ schließt immer die jeweilige weibliche Form mit ein, sofern dies nicht ausdrücklich anders gesagt wird.
[...]
1 zitiert am 23.03.2005 aus http://www.musikpaedagogik.de/ - Hyperlink „Statements“: Gerald Weiß, Mitglied des Deutschen Bundestages, Staatssekretär a.D. (CDU/CSU), leider fehlt eine Angabe darüber, wann, wo und in welchem Zusammenhang diese Aussage gemacht wurde.
2 siehe 1: Christian Wulff in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, auch hier fehlt eine Angabe darüber, wann, wo und in welchem Zusammenhang diese Aussage gemacht wurde.
3 siehe 1: Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) in der Debatte über Anträge gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt im Deutschen Bundestag am 30.03.2001, seine Äußerung erhielt den spontanen Applaus aller Anwesenden.
4 siehe 1: Altbundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog, leider fehlt eine Angabe darüber, wann, wo und in welchem Zusammenhang diese Aussage gemacht wurde.
5 aus: Hören, lesen & spielen, Schule für Tenorhorn, Band 1, Seite 29
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