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Analyse von Arbeitswelt und Verkehr in Franz Kafkas "Der Verschollene"

Seminararbeit, 2005, 18 Seiten
Autor: Christian Werner
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 18
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 8  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V49580
ISBN (E-Book): 978-3-638-45994-5

Dateigröße: 232 KB


Textauszug (computergeneriert)

Universität Würzburg
Institut für deutsche Philologie
Proseminar: Wahrnehmungen von Stadt und Land um 1900
WS 2004/2005, 3. Fachsemester

Analyse von Arbeitswelt und Verkehr in Franz Kafkas
"Der Verschollene"

von: Christian Werner

 


Inhalt

1. Das Amerikabild in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts 3

2. Darstellungen des Verkehrs 4

3. Darstellung der Arbeitswelt

3.1. Der Onkel als Erziehungsinstanz 6
3.2. Die Arbeitswelt im Kontor des Onkels 8
3.3. Die Arbeitswelt im Hotel occidental 10
3.4. Hierarchische Strukturen 12

4. Georg Simmels Ansichten im Roman Der Verschollene

4.1. „Blasiertheit“ des Großstadtmenschen 13
4.2. Funktion des Geldes im großstädtischen Leben 15

5. Zeitlosigkeit des Amerika-Diskuses 17

Bibliographie 18




 

1. Das Amerikabild in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit Der Verschollene hat Franz Kafka einen Roman geschrieben, der die Lebensverhältnisse in der modernen amerikanischen Gesellschaft thematisiert und somit einen Beitrag zum Amerika-Diskurs seiner Zeit geleistet. Schon einige Zeit vor der Entstehung des Romans, etwa um 1900 kristallisierten sich in Deutschland die grundlegenden Positionen gegenüber „Amerika und den Ausprägungen der modernen Massenkultur“1 heraus. Schon im 19. Jahrhundert war das Amerikabild in der deutschen Literatur kontrovers diskutiert worden. Das entstehende Spannungsfeld wird durch Ernst Willkomms amerikafreundlichen Roman Die Europamüden (2 Bde., 1838) und der Gegenpolemik des Amerika-Müden (1855) von Ferdinand Kürnberger verdeutlicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein deutlicher Anstieg der Auseinandersetzungen mit der Neuen Welt auszumachen, der durch den fortschreitenden Modernisierungsprozess sowie der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Annährung zwischen Deutschland und den USA bedingt ist. Dabei lässt sich eine Funktionsverschiebung des Amerika-Bildes erkennen: Während im 19. Jahrhundert die beengenden europäischen Lebensverhältnisse eine Begeisterung für den unbegrenzt weiten Raum der Neuen Welt hervorriefen, gewann im 20. Jahrhundert immer mehr das Amerikaverständnis als Vorwegnahme der europäischen Zukunft an Bedeutung. Daraus entwickelte sich in der Folge eine Furcht vor schädlichem Einfluss der amerikanischen Kultur auf Europa, was verschiedene Publikationen aus diesem Zeitraum belegen. So sprachen Max Pranger in Die amerikanische Gefahr (1902) und Hugo Knebel Doebritz in Besteht für Deutschland eine amerikanische Gefahr? (1904) ihre Befürchtungen offen aus. Ein Zurücksinken auf eine niedrigere Kulturstufe und die „völlige entseelung der menschheit“2 wurden mit dem Begriff der „Amerikanisierung“ verbunden. Amerika diente also durchaus als Projektionsfläche für alle Begleiterscheinungen des modernen Lebens und seiner Erscheinungsformen wie Kapitalismus, Technologisierung, Urbanisierung und Industrialisierung, um die sozialen und kulturellen Umwälzungen in Europa zu thematisieren3.

Ich werde in meiner Arbeit zunächst den Straßenverkehr und die Arbeitswelt im Kontor des Onkels sowie im Hotel occidental analysieren. Die Arbeitsbedingungen, denen Karl und Robinson als „Diener“ im Hause Bruneldas unterworfen sind, werden nicht Gegenstand näherer Betrachtungen sein, da ich mich auf die Beschreibung der Phänomene der Arbeit in Betrieben des „kapitalistischen“ Amerika beschränken werde. Anschließend werde ich versuchen, einen Zusammenhang zwischen Kafkas Roman und den Gedanken Georg Simmels herzustellen.

2. Straßenverkehr

Der Autor schildert in seinem Roman sehr detailliert den Verkehr in den Großstädten New York und Ramses. In beiden Städten herrscht ein homogener Verkehrsfluss, der den Neuankömmling Karl sofort in den Bann schlägt. Für ihn stellt es ein Vergnügen dar, die Sinneseindrücke des New Yorker Straßenlebens auf sich einprasseln zu lassen. Diese Impressionen sind auch Gegenstand seiner Träume: S.40: Und morgen wie abend und in den Träumen der Nacht vollzog sich auf dieser Straße ein immer drängender Verkehr, der von oben gesehn sich als eine aus immer neuen Anfängen ineinandergestreute Mischung von verzerrten menschlichen Figuren und von Dächern der Fuhrwerke aller Art darstellte […]

Karl spricht weiterhin davon, dass die Quantität der für ihn als Europäer ungewohnten Eindrücke sein Auge betört (S.40). Der „immer drängende“ Verkehr resultiert aus der Eile, die allen Verkehrsteilnehmern aufgrund ihrer Pflichten geboten ist. Nicht zuletzt wird zudem auf die mit dem Verkehr verbundene Anonymität hingewiesen. Die einzelnen Menschen sind nicht mehr klar zu unterscheiden, sie stellen eine einzige verzerrte Masse dar. Das enorme Verkehrsaufkommen in dem als durchaus modern dargestellten New York charakterisiert sich durch eine allgemeine Hast, die die Menschen selbst in ihrer Freizeit antreibt. Karl beschreibt dieses Phänomen bei der Fahrt zu Herrn Pollunders Landhaus: S.52: Aus den Straßen, wo das Publikum in großer unverhüllter Furcht vor Verspätung im fliegenden Schritt der Fahrzeuge, die zu möglichster Eile gebracht waren, zu den Theatern drängte […] Auch in der zweiten beschriebenen Großstadt, Ramses, strömt der Verkehr „geradlinig“. Nicht nur die Autos, sondern selbst die Straßen „fliegen“ sternförmig von den großen Plätzen auseinander. Die Untergrundbahn wird genauso in atemberaubender Schnelligkeit „ohne jeden Widerstand hingerissen“, so dass die Fahrten „im Nu“ vergehen (S.135). Dabei geht der Verkehr nicht immer flüssig voran, was die Verkehrsteilnehmer mit einer unglaublichen Ruhe und Disziplin hinnehmen, die außer an großen Knotenpunkten keine polizeiliche Überwachung bedingen:

S.98: Über die allgemeine Ruhe staunte Karl am meisten. Wäre nicht das Geschrei der sorglosen Schlachttiere gewesen, man hätte vielleicht nichts gehört als das Klappern der Hufe und das Sausen der Antiderapants. Dabei war die Fahrtschnelligkeit natürlich nicht immer die gleiche. Wenn auf einzelnen Plätzen infolge allzu großen Andranges von den Seiten große Umstellungen vorgenommen werden mußten, stockten die ganzen Reihen und fuhren nur Schritt für Schritt, dann aber kam es auch wieder vor, daß für ein Weilchen alles blitzschnell vorbeijagte, bis es wie von einer einzigen Bremse regiert sich wieder besänftigte.

[...]


1 Heimböckel, S. 132.

2 Vgl. Heimböckel, S.134.

3 Absatz nach Heimböckel.


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