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Universität Potsdam, Kollegium LER
Studienelement: Der Islam
Die Genese der Aleviten
von: Steffen Lasch
Inhalt
Einleitung 2
1. Genese der Kızılbaş 3
1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien 4
1.2. Die Anfänge des Osmanischen Reiches und Der Bektaşi-Orden 6
1.3. Der Sufi-Orden der Safawiden in Persien und seine Auswirkungen auf die anatolische Peripherie 9
1.4. Die Kızılbaş-Aufstände und ihre Folgen 12
1.5. Die Kızılbaş und der Bektaşi-Orden 13
2. Die Aleviten und die türkische Republik 17
2.1. Die Aleviten und Atatürk 17
2.2. Die jüngste Vergangenheit 17
3. Auszüge aus dem religiösen Leben der Aleviten 18
4. Diskussion und Fazit 19
Literatur 21
Einleitung
Das Wort Rotkopf (türk.: Kızılbaş) wird in der heutigen Türkei häufig gebraucht. Es ist abschätzig besetzt mit Eigenschaften wie Rückständigkeit, Ketzertum und sexuellen Ausschweifungen. Rotkopf bezeichnet aber nicht nur die Vorurteile einer Gesellschaft gegen anscheinend rückständige und ungläubige Elemente in ihren eigenen Reihen, Rotkopf ist die ursprüngliche Bezeichnung der anatolischen Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die in der heutigen Türkei zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dass diese zweitgrößte türkische Religionsgemeinschaft bis in die letzten Jahrzehnte in der Türkei weniger präsent war als ihr negativ besetzter Name ist nicht unwesentlich Folge ihrer in den letzten Jahrhunderten gepflegten Praktik der takiya (Verstecken, Geheimhaltung), mit der sie ihre Identität vor ihren mehrheitlich sunnitischen Mitmenschen verbargen. Die takiya ist natürlich kein Selbstzweck, sondern aus einer Notwendigkeit heraus entstanden.
Wie es zur Herausformung einer solchen nach innen gewandten Religionsgemeinschaft kam und um welche Art von Religion es sich hier überhaupt handelt, dem wollen wir im folgenden Kapitel nachspüren. Um uns ein geeignetes Bild zeichnen zu können werden wir, einigen ausgewählten Autoren folgend, die regionale Geschichte seit dem Beginn türkischer Herrschaftsansprüche in Anatolien bezüglich der zur Herausbildung der Kızılbaş relevanten Faktoren untersuchen. Denn die Aleviten sind, wie im folgenden verdeutlicht werden soll, nicht nur türkische Minderheit, sondern zugleich Überrest von Vertretern eines speziell türkischen Islamverständnisses.
Einige der typischen alevitischen Attribute aus Religionspraxis und Sozialleben werden sich durch ihren geschichtlichen Entstehungsprozess erklären, in Kapitel 3 werden dann noch einige Einblicke geschaffen in die Grundsätze alevitischer Religiosität. Das Alevitum hat in der jüngeren Geschichte eine Renaissance erlebt. Aleviten bekennen sich heute häufiger zu ihrem Glauben. Das hat zum einen mit der Gründung der laizistischen Türkei zu tun, an der Aleviten aktiv mitgewirkt haben und in die sie anfangs große Hoffnung gesteckt hatten. Zum anderen konnte das Alevitum in der Diaspora, besonders in Deutschland, zu neuem Selbstbewusstsein kommen, da sich ein prozentual größerer Anteil der hier lebenden Türken (verglichen mit der Türkei) dem Alevitum zurechnet und hier neue Organisationsformen gefunden hat. Dieses Erstarken fern der Heimat hat wiederum in der Türkei seinen Effekt gezeigt. Alevitisches Leben kann heute auch in seinem Heimatland wieder öffentlich stattfinden, was nicht heißt, dass es keinen Repressalien mehr ausgesetzt ist. Auf diese neuere Geschichte des Alevitums werden wir im dritten Kapitel dieser Arbeit knapp eingehen. Das Hauptinteresse soll aber den Entwicklungen seit Ende des 11. Jahrhunderts bis hin zur Gründung der türkischen Republik (1923) gelten.
1. Genese der Kızılbaş
Wie bei allen religiösen Gruppen gibt es auch bei den Aleviten eine Diskrepanz zwischen der eigenen Geschichtsschreibung und den teilweise dieser widersprechenden historischen Quellen. In diesem Kapitel werden wir zum einen die alevitische Sichtweise auf die eigene Geschichte einfließen lassen, wie sie der Autor in der Publikation von Karin Vorhoff (1995) kritisch analysiert vorfand. Mehr Bedeutung freilich soll der sich aus historischen Quellen speisenden Geschichtsschreibung zuteil werden, die für diese Arbeit hauptsächlich aus den Publikationen von Gümüs (2001), Kehl-Bodrogi (1988) und Dressler (2002) referiert wird. Wie ihr Name schon impliziert, besteht eine enge Bindung der Aleviten an Ali, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Ihre eigene Geschichtsschreibung beginnt folgerichtig bei Mohammed und sie referieren „die proalidische religiöse Tradition, die sich in dieser Hinsicht mit der schiitischen Sicht deckt.“ 1
Die folgenden Jahrhunderte der alevitischen Selbstsicht sind also weitgehend fiktiv bzw. identisch und mit der schiitischen Geschichtsschreibung und tragen noch keine für uns relevanten speziell alevitischen Charakteristika in sich. Markus Dressler beschreibt in seinem Buch Die Alevitische Religion (2002) den sogenannten Babaî-Aufstand, der um 1240 in Zentral- und Südostanatolien stattfand als einen Ursprung für die alevitische Identitätsbildung. Dressler sieht den Charakter der Aleviten/Kızılbaş bereits zu einem großen Teil repräsentiert in den frühen Aufständen der anatolischen Peripherie gegen die sie beherrschenden städtischen Hochkulturen. Im folgenden sollen die Umstände und der Charakter dieser Aufstände beschrieben werden.
1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien
[...]
1 Vorhoff 1995, S. 122
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