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Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit

Wissenschaftlicher Aufsatz, 1995, 25 Seiten
Autor: Dr. Mathias Schüz
Fach: Ethik

Details

Institut: Gerling Akademie für Risikoforschung
Tags: Mensch, Bedrohtheit, Verantwortlichkeit
Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 1995
Seiten: 25
Literaturverzeichnis: ~ 41 Fußnoten  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V56072
ISBN (E-Book): 978-3-638-50865-0

Dateigröße: 204 KB


Textauszug (computergeneriert)

Der Mensch zwischen Bedrohtheit und Verantwortlichkeit

erstmals veröffentlicht in:
Ethica – Wissenschaft und Verantwortung, 3. Jg., Nr. 1, (1995), S. 53-69
Dr. phil. Mathias Schüz, geb. 1956, Studium der Physik, Philosophie und Pädagogik
an der Universität Mainz, nach mehrjähriger Tätigkeit in der Computerindustrie
Gründungsmitglied und Direktor der Gerling Akademie für Risikoforschung AG in Zürich.

von

Mathias Schüz

 

 

Inhalt

INHALT 2

EINLEITUNG 3

1. MERKMALE DER BEDROHTEN WELT 5
1.1. Systematische Entleiblichung 5
1.2. Spaltung von Natur und Geist 7
1.3. Anthropozentrismus 9
1.4. Sinnverlust 10

2. MERKMALE FÜR DEN VERANTWORTLICHEN MENSCHEN 11
2.1 Wert- und Sinnorientierung 12
2.2. Erfahrung der Einheit 17
2.3. Einflußmöglichkeiten des einzelnen 18
2.4. Bewahrung und Vermehrung der Lebenschancen aller 20

 

 

Einleitung

Der Mensch und mit ihm die Menschheit als Ganzes sind durch Umweltzerstörung, Überbevölkerung, technische und politische Katastrophen bedroht. Wer oder was dafür verantwortlich ist, wird oft diskutiert. Der einzelne Mensch wird dabei häufig entlastet. Zwar ist er, zumindest in der westlichen Welt, Nutznießer von Technik, Wissenschaft und industrieller Massenproduktion und hat einen Lebensstandard, den sich in früheren Epochen nicht einmal Fürsten leisten konnten. Für die zerstörerischen Folgen jedoch wird er häufig als Opfer, weniger als Verantwortlicher gesehen. Eher werden anonyme Organisationen und verselbständigte Funktionen-Systeme der modernen Gesellschaft verantwortlich gemacht.

Verantwortung wird gerne bei der erst besten Gelegenheit abgewälzt. Es ist wie bei einem Überfall auf der Straße: Je mehr Augenzeugen es gibt, desto weniger fühlt sich der einzelne verantwortlich einzugreifen. Soziologen haben dieses Phänomen "Verantwortungsabschiebung oder -diffusion" („diffusion of responsibility“) genannt. Grundsätzlich schwindet die im Einzelmenschen allgemein vorhandene Fähigkeit, in einer Notsituation verantwortlich, mutig und selbstlos zu helfen, in dem Maße wie die Zahl der Zeugen zunimmt. Bereits ab einer Gruppengröße von sechs Personen läßt die aktive Hilfsbereitschaft drastisch nach.1 Beruht diese Lähmung darauf, daß jeder vom anderen den ersten Schritt erwartet?

Die Zeugen der Zerstörung unserer Überlebensbasis, der Tier-, Pflanzen- und Mineralreiche, sind wir alle. Die Erde als Mutter allen Lebens und mit ihr die Menschheit sind ernsthaft bedroht. Doch die meisten Erdenbürger lassen ihre Verantwortlichkeit etwa über die Massenmedien diffundieren.2

Worauf beruht nun die Bedrohlichkeit, die offenbar vom Menschen ausgeht, und ihn gleichzeitig selber bedroht? Was sind mögliche Gründe für sein selbstzerstörerisches Verhalten? Welche Möglichkeiten hat der Mensch angesichts der Bedrohtheit noch, verantwortlich zu handeln? Welche Grundregeln müßte er dabei beachten?

Der vorliegende Beitrag geht in zwei Schritten auf diese Fragen ein. Im ersten Teil werden Symptome und Gründe der Bedrohtheit anhand von vier Merkmalen skizziert und dazu korrespondierend im zweiten Teil vier Merkmale eines verantwortlichen Menschen aufgezeigt.

1. Merkmale der bedrohten Welt

Was sind wesentliche Symptome und Gründe für die Bedrohtheit der heutigen Welt? Ich halte vier Merkmale der bedrohten Lebenswelt für wesentlich:

• Systematische Entleiblichung der Lebenswelt,
• dualistische Spaltung von Geist und Natur,
• Anthropozentrismus,
• Sinnverlust

1.1. Systematische Entleiblichung

Im Jahre 1909 veröffentlichte der Futurist F. T. Marinetti im Pariser ′Figaro′ ein Manifest, das möglicherweise noch heute für viele Programm ist. Dort schreibt er: "Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. ... Besingen werden wir ... die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen ..., die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge." Und ein Jahr später stilisiert Marinetti die Geschwindigkeit gar zu einer neuen Religion hoch: "Mit hoher Geschwindigkeit rasen [ist] ein Gebet. Die Heiligkeit von Rädern und Schienen. Man muß auf den Geleisen knien, um zur göttlichen Geschwindigkeit zu beten ... Der Rausch hoher Geschwindigkeiten in Autos ist nichts anderes als das Hochgefühl, sich mit der einzigen Gottheit zu vereinigen. ...

[....]


1 Darley, J. G. / Latané, B.: Wann helfen Menschen ...? (1977), S. 108 ff..

2 Vgl. Verbeek, Bernhard: Die Anthropologie der Umweltzerstörung (1994), S. 3 f.


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