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Multiethnizität in Norwegen. Das Selbstverständnis einer Nation im Wandel

Termpaper, 2005, 33 Pages
Author: Birgit George
Subject: Sociology - Culture, Technology, Peoples / Nations

Details

Category: Termpaper
Year: 2005
Pages: 33
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 32  Entries
Language: German
Archive No.: V56916
ISBN (E-book): 978-3-638-51480-4

File size: 306 KB
Notes :
Seit den siebziger Jahren muss sich auch Norwegen mit dem Thema Einwanderung, Multikulturalismus und religiöser Pluralität befassen. Ausgehend von der historischen und soziokulturellen Gesamtsituation soll diese Arbeit am Beispiel von Norwegen aufzeigen, inwieweit sich die Beziehungen von Christen und Muslimen bzgl. des Verhältnisses von Staat und Religion und damit einhergehenden normativen Grundentscheidungen entwickelt haben.



Excerpt (computer-generated)

HUMBOLDT UNIVERSITÄT ZU BERLIN
Institut für Sozialwissenschaften
Europäische Öffentlichkeit und Islam.
SS 2005

Multiethnizität in Norwegen. Das Selbstverständnis
einer Nation im Wandel

von: Birgit George

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG 3

2. MULTIETHNIZITÄT IN NORWEGEN 4

2.1 HISTORIE UND DEMOGRAFIE - EINWANDERUNG IN NORWEGEN 4
2.2 SELBSTVERSTÄNDNIS EINER NATION 6
2.3 ZENTRALITÄT VON GENDER-THEMATIKEN IN DER NORWEGISCHEN GESELLSCHAFT 8

3. RELIGION UND KIRCHE IN NORWEGEN 10

3.1 DIE LUTHERISCH-EVANGELISCHE STAATSKIRCHE - EIN HISTORISCHER ÜBERBLICK 10
3.2 ORGANISIERTE RELIGION 11

3.2.1 RELIGIONSUNTERRICHT AN SCHULEN 11
3.2.2 REFORMIERUNGSPROZESS DES STAATSKIRCHENSYSTEMS 15

3.3 PRO UND CONTRA DER KOPFTUCHDEBATTE IN NORWEGEN 16

3.3.1 DER HUMAN RIGHTS SERVICE UND HEGE STORHAUG 16
3.3.2 DAS GLEICHSTELLUNGSZENTRUM UND LONG LITT WOON 20

BIBLIOGRAPHIE 24

ABBILDUNGSVERZEICHNIS 28

ANHANG 29

BEVÖLKERUNGSZAHL NACH URSPRUNGSLAND. 1970-2005. 30



 

 

1. Einleitung

Seit den Anschlägen vom 11. September auf das World Trade Center ist die islamische Kultur ins Zentrum des Interesses der so genannten westlichen Welt gerückt. Insbesondere die in Europa nach dem in Frankreich 2003 ausgesprochenen Kopftuchverbot für muslimische Schülerinnen an öffentlichen Schulen geführte „Kopftuchdebatte“ sorgte für vermehrte Beachtung der muslimischen Bevölkerung. In Deutschland gab das BVerfG 2003 den Fall der angehenden Lehrerin Fereshta Ludin, welche sich weigerte, das Kopftuch während des Unterrichts abzulegen, an die Landesparlamente ab. Bis dato sprachen sich sechs Landesparlamente für ein Verbot des Kopftuchtragens von Lehrerinnen aus. Viele europäische Gesellschaften werden sich öffentlich wie auch politisch verstärkt ihrer nationalen Minderheiten bewusst. Zumeist werden hierbei Problematiken im Zusammenhang mit Integration und der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Migrationshintergrund debattiert. In solchen gesellschaftlichen Spannungsfeldern erkennt man die Notwendigkeit für sachlichere und vermehrt akademischere Diskussionen, welche sich mit den neuen multikulturellen Gegebenheiten befassen und nach adäquaten Lösungen suchen, um den demographischen und ethnischen Veränderungen zu begegnen.

Solche normativen Grundentscheidungen bezüglich des Verhältnisses von Staat und Religion, wie sie in der Kopftuchdebatte in Frankreich oder auch Deutschland getroffen wurden, betreffen die Chancen und Grenzen kultureller Pluralisierung einer Gesellschaft. Norwegen hat in ähnlich geführter Debatte eine der französischen entgegengesetzte Entscheidung getroffen und gegen ein Kopftuchverbot votiert. Norwegen ist eine sehr junge Nation, welche erst 1905 gegründet wurde. Sie setzt sich stark für Menschenrechte und Prinzipien der Nicht-Diskriminierung ein. Doch Norwegen ist ebenso ein Staat mit einer christlichen Staatskirche. Seit den siebziger Jahren muss sich auch Norwegen der Situation stellen, ein Einwanderungsland zu sein und sich mit religiöser Pluralität zu befassen. Ausgehend von der historischen und soziokulturellen Gesamtsituation soll diese Arbeit am Beispiel von Norwegen aufzeigen, inwieweit sich die Beziehungen von Christen und Muslimen entwickelt haben. Ich werde diese Thematik anhand des veränderten Selbstverständnisses dieser noch sehr jungen Nation diskutieren und den Schwerpunkt auf Religion in der Schule und das Verhältnis zwischen Staat und Religion und damit einhergehende Debatten und Problematiken setzen, um daraufhin die Kopftuchdebatte einzubeziehen.

2. Multiethnizität in Norwegen

2.1 Historie und Demografie - Einwanderung in Norwegen

Oftmals wird Norwegen als eine homogene Nation aufgefasst, welche sich durch eine geringe Einwohnerzahl, dünne Besiedlung des Landes und geringfügige kulturelle Unterschiede auszeichnet. Doch nicht nur außerhalb des Landes wird diese Ansicht vertreten, bis vor kurzem war man sich der eigenen kulturellen Diversität kaum bewusst. Zu den bekanntesten Minderheiten in den sechziger Jahren zählten die samischen und finnischen Gruppen im Norden sowie Gypsies, Tater und Juden. Aber auch seit dem Mittelalter in Wellen eingewanderte Deutsche, Dänen, Schweden und Finnen gehören zur norwegischen Gesellschaft.

Jedoch erst Mitte der neunziger Jahre rückten Fragen im Zusammenhang mit ethnischen Minderheiten in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Bis 1995 wurde die Immigrationsthematik verdrängt und teilweise tabuisiert. Die öffentliche Diskussion drehte sich vielmehr um die Frage nach dem „Wie viel können oder sollen wie noch aufnehmen“. Die Politik befasste sich überhaupt nicht mit den Problemen, denen sich die bereits im Land lebenden Immigranten ausgesetzt sahen wie Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot. Jede öffentliche Meinungsäußerung wurde kritisch unter dem Aspekt des möglichen Rassismus’ untersucht. Eine sachliche Debatte fand kaum statt - bis zur Veröffentlichung der Osloer Studie 1995. Diese untersuchte erstmals die Situation von in Norwegen lebenden Ausländern und stellte u.a. fest, dass unter Flüchtlingen, die bereits seit 6-7 Jahren in Norwegen leben, eine Arbeitslosenquote von 60% herrscht.1

Bis Ende der 1960er Jahre gab es praktisch keine größere Migration von anderen Ländern nach Norwegen. Demzufolge betrieb Norwegen eine sehr liberale Immigrationspolitik in den sechziger und siebziger Jahren, um den heimischen Bedarf an Arbeitskräften in den Nachkriegsjahren zu befriedigen. Die erste und bis heute größte Gruppe von außereuropäischen Migranten stammte aus Pakistan2. Weitere Gruppen folgten, hauptsächlich aus dem Mittleren Osten, Nordafrika und Südasien. Die zweitgrößte Gruppe stellen Vietnamesen dar. Im Gegensatz z.B. zu Deutschland gab es jedoch keine institutionalisierten Bemühungen, weitere Gastarbeiter anzuwerben, so scheint es, als sei die Immigration von außerhalb gestartet auf der Suche nach neuen Möglichkeiten. Als „Immigrant“ wird in Norwegen eine Person mit „im Ausland geborenen Eltern“ definiert, wobei westliche Immigranten wie Dänen oder Schweden durch die Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden.

2005 leben 365.000 Immigranten in Norwegen, was 8 % der Bevölkerung ausmacht und sich seit 1980 verdreifacht hat. Davon stammen 53.000 Personen aus anderen nordischen Ländern, 45.000 aus dem restlichen West-Europa und Nordamerika, 61.000 aus Ost-Europa und 205.000 aus der Türkei oder einem Land aus Asien, Afrika oder Südamerika.3 Schon im Jahre 2000 wohnen mehr als 100.000 Nichteuropäer im Land, das sind rund 2,5 % der Bevölkerung4. Dies mag kein hoher Wert im Vergleich zu Deutschland sein, dennoch dreht sich in der öffentlichen Debatte viel um die neu geschaffene multikulturelle Situation, was insbesondere am Zuzug von Migranten aus nicht EU-Staaten liegt. 1975 führte auch Norwegen kurz nach Deutschland einen Immigrationsstop durch. Wie in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern veränderte sich die Konjunktur, die Arbeitslosigkeit stieg und der Bedarf an ungelernten Arbeitern nahm ab. In Folge dessen veränderte sich in Norwegen die Art der Immigration.

Abbildung 1: Einwanderungsbevölkerung in Norwegen, nach Ursprungsland. Stand: 1. Januar 2005. Weltgebiete. Prozent [Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]

Anstelle der Arbeitsmigration ging es politisch nun um das Praktizieren von Menschrechten. Neben dem Familiennachzug5 bestand im Asylgesuch die einzige legale Möglichkeit, nach Norwegen zu migrieren. Faktisch änderte der Immigrationsstop in Norwegen an der Zahl der Immigranten nichts. Nur 9,3 % aller Immigranten kamen vor 1975. 67 % aller Immigranten kamen nach 19856. Norwegen betrieb nun unter der christlich-demokratischen Regierung eine humanitäre Flüchtlingspolitik, wodurch in den achtziger und neunziger Jahren hauptsächlich politische Flüchtlinge u.a. aus Chile, dem Iran, Vietnam oder dem ehemaligen Jugoslawien kamen.

Wie andere europäische Länder war und ist bis heute auch Norwegen durch diese veränderte Einwanderung vor neue politische und soziale Herausforderungen gestellt. Die norwegischen Behörden jedoch waren unvorbereitet und die gesellschaftliche und politische Debatte bewegte sich hauptsächlich um Moralität und möglichen Rassismus statt um Abhilfe. Bis 1995 (Veröffentlichung der Oslo Studie) war eine statistische Erfassung der faktischen Lebensumstände der Immigranten nicht erfolgt. Die Frage nach Möglichkeiten für wirtschaftliche und soziale Verbesserungen unter Immigranten blieb undiskutiert. Nicht nur materielle Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit und die Schwierigkeiten in der Wohnungssuche unter Immigranten sind von Belang, sondern insbesondere Bedürfnisse nach Selbstachtung und sozialem Respekt, welche durch die norwegische Immigrationspolitik unbeachtet blieben. Bis heute mangelt es an wissenschaftlichen Studien zu den Lebensumständen der Immigranten, welche die unterschiedlichen Ethnien berücksichtigen.

2.2 Selbstverständnis einer Nation

[...]


1 Vgl. Wikan, 2002: 31-66

2 Hylland Ericson, 2000

3 http://www.ssb.no/innvandring/ 10.10.05

4 Hylland Ericson, 2000

5 Ausländische Arbeitnehmer konnten in den siebziger und achtziger Jahren weiterhin im Zuge der Familienzusammenführung einreisen.

6 Vgl. hierzu Wikan, 2002: 31-66


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