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Eine vergleichende Untersuchung der Lebenswelten und Lebensentwürfe der Protagonisten aus Erich Kästners Werken „Emil und die Detektive“ (1929) und „Fabian - die Geschichte eines Moralisten“ (1931)

Examination Thesis, 2005, 103 Pages
Author: Kyra Damke
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2005
Pages: 103
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 62  Entries
Language: German
Archive No.: V57520
ISBN (E-book): 978-3-638-51968-7
ISBN (Book): 978-3-638-72478-4
File size: 467 KB

Abstract

Die Fragehaltung dieser Arbeit geht noch über die oben angemerkten. Erkenntnisse hinaus, indem sie den Bezug der Romancharaktere Emil Tischbein aus dem Kinderbuch Emil und die Detektive und Jakob Fabian aus der Erzählung für Erwachsene Fabian. Die Geschichte eines Moralisten untersuchen und die Erwachsenen- und Kinderwelt in Beziehung setzen wird: Ist Fabian der erwachsene Emil? Kann aus Emil tatsächlich ein tüchtiger Mann in Kästners Sinne werden? Bereitet er seine Buchkinder auf die Welt vor, in der Fabian sterben muss? Fred Rodrian stellte bereits 1960 die These auf: „Emil, das ist die Kindheit Fabians. Und als Fabian wird Emil vermutlich ertrinken.“ Die Romanfigur Fabian wird 1899 geboren und wächst im wilhelminischen Deutschland auf, erlebt die Umbruchzeit somit bewusst mit. Emil – ausgehend von der Entstehungszeit des Romans müsste demnach in dem beginnenden Krisenjahr 1919 geboren sein. Beide Erzählungen spielen in der Großstadt Berlin der ausgehenden Weimarer Republik. Unter Berücksichtigung der Entstehungszeit sollen in dieser Arbeit die Lebensentwürfe und Lebenswelten der beiden Protagonisten genauer untersucht werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Duisburg-Essen

Nur die Kinder sind für Ideale reif – Fabian, der Mann, der „Emil“ war: Eine vergleichende Untersuchung der Lebenswelten und Lebensentwürfe der Protagonisten aus Erich Kästners Werken „Emil und die Detektive“ (1929) und „Fabian - die Geschichte eines Moralisten“ (1931)

Kyra Damke

 

Inhaltsverzeichnis
 

0. Die Arbeit fängt noch gar nicht an - oder: Einleitende Worte ... 5

1. Ich setze mich gern zwischen Stühle - Kästner als Schriftsteller für Kinder und Erwachsene ... 9

2. Keiner blickt dir hinter das Gesicht - Kästner im Wandel der Zeit: Rezeptions – und Forschungsgeschichte ... 14

3. Die Zeit fährt Auto, doch kein Mensch kann lenken - Zeitgeschichtlicher Kontext und seine Folgen ... 19

3.1. Die gescheiterte Weimarer Republik ... 19
3.2. Weltwirtschaftskrise 1929 und die Auswirkungen auf Deutschland ... 20
3.3. ‚Neue Sachlichkeit’ ... 21

4. Weil man doch bloß über Dinge schreiben kann, die man kennt und gesehen hat - Die Romane und ihre Gattung ... 23

4.1. Emil – Das Kinderbuch ... 23
4.2. Was ist neu an Kästners Kinderbuch? ... 24
4.3. Fabian – Roman der Moderne ... 26
4.4. Sonderform Satire bei Fabian ... 27

5. In Berlin geht es anders zu - Emil und Fabian in Berlin ... 29

5.1. Orientierung und Desorientierung ... 29
5.2. Reduktion und Expansion ... 35
5.3. Tempo der Großstadt ... 38
5.4. Lichter der Großstadt ... 42
5.5. Resümee ... 45

6. Parole Emil! - Die Protagonisten im sozialen Gefüge ... 47

6.1. Solidarisierung und Einzelkämpfertum ... 47
6.2. Kommunikation und Isolation ... 52
6.3. Mädchen und Frau ... 55
6.4. Resümee ... 61

7. Und dabei schlief er ein - Von der Kraft der Symbolik und Metaphorik ... 63

7.1. Traumgeschehen ... 63
7.2. Metaphorik ... 67
7.2.1. Glas ... 67
7.2.2. Abgrund ... 70

8. So ein richtiger Kerl, aus dem später mal was werden wird - Gestaltung der Figuren: Fabian ist Emil ... 72

8.1. Herkunft ... 72
8.1.1. Familienkonstellation ... 74
8.1.2. Mutterrolle ... 75
8.2. Verhaltensmuster und Wertevorstellungen ... 81
8.2.1. Emil, der Musterknabe ... 81
8.2.2. Fabian, der Melancholiker ... 85
8.3. Moral und Ideal ... 88

9. Lernt schwimmen! ... 94

10. Nur die Kinder sind für Ideale reif ... 96

11. Literatur ... 99

 

 

0. Die Arbeit fängt noch gar nicht an - oder: Einleitende Worte

Aufgewachsen in einem kleinbürgerlichen Milieu - geprägt durch die soziale und materielle Krisenlage des untergehenden Kaiserreiches - aber als junger Mann bereits ein Vertreter der bürgerlichen intellektuellen Schicht der Weimarer Republik, spricht Kästner in seinen Werken die untere Bürgerschicht seiner Herkunft an und vertritt ihre moralischen Grundsätze. Er - als Mitglied der geistigen Führungsschicht - fühlt sich als Vermittler zwischen sogenannten einfachen Leuten des Kleinbürgertums und Intellektuellen.
Die Pädagogik sowie ihre Lehren erfuhren seit Beginn des 20.Jahrhunderts stetige Reformen und Veränderungen, die auch Kästners Schreiben und Denken beeinflussten. Im Gegensatz zu den traditionellen Maßstäben der Erwachsenenwelt, die bis dahin als Ausdruck der gesellschaftlichen Ordnung des Kaiserreiches die Erziehung der Kinder bestimmte, bildet nun die pädagogische Orientierung an den Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes den Kern der neuen Erziehungsideale.
Er selbst hat sich - vor allem in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg - gerne als schriftstellernder Pädagoge dargestellt:


Unser Gast, meine Damen und Herren, ist kein Schöngeist, sondern ein Schulmeister! Betrachtet man seine Arbeiten – vom Bilderbuch bis zum verfänglichsten Gedicht – unter diesem Gesichtspunkte, so geht die Rechnung ohne Bruch auf. Er ist ein Moralist. Er ist ein Rationalist. Er ist ein Urenkel der deutschen Aufklärung, spinnefeind der unechten ‚Tiefe’, die im Lande der Dichter und Denker nie aus der Mode kommt, untertan und zugetan den drei unveräußerlichen Forderungen: nach der Aufrichtigkeit des Empfindens, nach der Klarheit des Denkens und nach der Einfachheit in Wort und Satz.1

Ebenso sieht er sich rückblickend als „zornigen jungen Mann“2, der in den ausgehenden modernen 20er Jahren die Zustände attackiert3 und etwas verändern möchte. So entstehen in dieser Zeit bissige und  zeitkritische Gedichte, Kinderbücher sowie Erwachsenenliteratur über denen der erhobene Zeigefinder des Autors mahnend steht. Es drängt sich die Frage auf, ob er zu jener Zeit tatsächlich bereits in dem Maße erziehen wollte oder ob er dies auf sein Leben rückblickend gerne so sehen möchte. Tatsächlich wurde der nicht direkt erzieherisch tätig, denn Kästners einziger Sohn Thomas wuchs nicht bei ihm auf. Tatsache ist, dass Kästner Karriere machen wollte und das Schreiben von erfolgreichen Kinderbüchern diese beschleunigte und zudem eine schnelle Einnahmequelle darstellte.4
Unbestritten ist aber auch, dass Kästner ab Mitte der 20er Jahre seine pädagogisch – aufklärerische Haltung und politisch antimilitärische Einstellung in verschiedenen Veröffentlichungen bekundet. Die Satire stellt für ihn das Mittel und einzig wirksame Erziehungsmodell dar, um die Erwachsenenwelt mit Hilfe eines satirischen Zerrspiegels auf Missstände des Zeitgeschehens aufmerksam zu machen. Idealistisch nimmt er Stellung zur deutschen Gesellschaft auf der Schwelle zur Modernen und ihren damit verbundenen Veränderungen. Eine Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Missstände sowie die Aufrechterhaltung bürgerlicher Tugenden und Moral kann nur durch Einsicht und somit also durch Erziehung gewährleistet werden. Und eben diese muss bereits im Kindesalter ansetzen, um die nachfolgenden Generationen sittlich und moralisch zu bessern, auch wenn er die Hoffnung für die eigene Generation aufgegeben zu haben scheint .5

 

[...]


1 Kästner, Erich: Kästner über Kästner.(1949) In: Kästner, Erich: Werke (in neun Bänden). Hrsg. von Franz Josef Görtz. München. 1998. Bd.II. S. 323 – 328. Hier: S. 326.
2 Kästner, Erich: Zur Naturgeschichte des Jugendschriftstellers.(1960) In: Kästner, Erich: Werke. Bd. VI. S. 654 – 662. Hier: S. 659.
3 ebd. S. 659.
4 vgl. Karrenbrock, Helga: Das ‚Kästnern’ – oder: Über die schriftstellerische Herstellung eines Einverständnisses. In: Asholt, Wolfgang et. al.: Unruhe und Engagement. Blickeröffnung für das Andere. Festschrift für Walther Fähnders zum 60. Geburtstag. Bielefeld. 2004. S.335 – 347. Hier: S.339.
5 vgl. Haywood, Susanne: Kinderliteratur als Zeitdokument. Alltagsnormalität der Weimarer Republik in Erich Kästners Kinderromanen. Frankfurt am Main, 1998. S.132.


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