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Autor: Diplomökonom Felix Genze
Fach: Wirtschaft - Volkswirtschaftslehre
Details
Tags: Lohnzurückhaltung, Beschäftigung
Jahr: 2004
Seiten: 27
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 33 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 394 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-55265-3
ISBN (Buch): 978-3-638-66831-6
Zusammenfassung / Abstract
In ihrer Argumentation gleichen alle Sozialwissenschaften, also auch die Ökonomie, einem zweischneidigen Schwert. Auf der einen Seite ermöglicht das hermeneutisch-historische Wesen sozialwissenschaftlicher Theoriebildung ein unbekümmertes Aufstellen von Gesetzmäßigkeiten nach dem Motto "Ausnahmen bestätigen die Regel". Auf der anderen Seite hingegen verleiht genau diese Eigenschaft jedem sozialwissenschaftlichen Diskurs zu einem gewissen Grad den Charakter einer "Never ending story". Die Thematik der Lohnpolitik ist insbesondere deswegen ein „heißes Pflaster“, weil sie die Existenz der Tarifautonomie zu einem Wechselspiel verschiedenster Interessengruppen und Entscheidungsträger macht. Vor dem Hintergrund, dass zudem selbst innerhalb einer relativ überschaubaren ökonomischen Gruppierung – welche höchstes Ansehen unter dem Fachpublikum genießt – Uneinigkeit über elementare Ursache-Wirkungs-Beziehungen beschäftigungspolitischer Maßnahmen herrscht, lässt sich schlussfolgern, dass ein Ende der Debatte nicht in Sicht ist1. Verwunderlich ist gerade deswegen der oftmals geradezu apodiktisch anmutende Stil, in welchem Verlautbarungen zu dieser Problematik publik gemacht werden, deren wissenschaftlicher Status quo definitiv noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dies trifft mit Sicherheit auch auf vorliegende Arbeit zu - sie erhebt daher also weniger Anspruch darauf, eine weitere in der Sammlung gut gemeinter Arbeitsmarkttheorien zu sein, sondern soll eher als eine Zusammenstellung des theoretisch- empirischen State-of-the-Art in Sachen „Lohnzurückhaltung und Beschäftigung“ verstanden werden. Die vorliegende Arbeit gliedert sich grob in drei Teilbereiche. Das folgende Kapitel soll dem Leser einen Überblick bezüglich der gesamtwirtschaftlichen Wirkung von Löhnen geben. Im Weiteren werden die Wirkungen von Erwartungshaltungen auf den Märkten analysiert, es erfolgt ein Exkurs in den Diskurs um strukturelle Arbeitslosigkeit. Im dritten Kapitel wird die Wirkung nationaler Lohnpolitik hinsichtlich internationaler Wettbewerbsfähigkeit geprüft. Kapitel 4 beleuchtet die empirischen Entwicklungen und deren Kompatibilität mit vorgestellter Theorie. Hierbei wird insbesondere auch auf das exemplarische Beispiel Poldermodell eingegangen. Abschließend wird die deflationäre Wirkung von Lohnzurückhaltung vor dem Hintergrund der japanischen Rezession thematisiert und eine wirtschaftspolitische Schlussfolgerung gezogen.
Textauszug (computergeneriert)
Lohnzurückhaltung und Beschäftigung
von: Felix Genze
SS 2004
1 Einführung 2
2 Über den Nexus zwischen Lohn und Arbeit 3
2.1 Die Janusköpfigkeit des Lohnes 4
2.2 Exkurs: Erwartungen und akzellerierende Effekte 6
2.3 „5% Inflation sind besser als 5% Arbeitslosigkeit“ – die NAIRU 8
3 Globalisierungstendenzen – Chance oder Risiko? 10
3.1 Die Wirkung von Produktivität und technischem Fortschritt 10
3.2 Rückkopplungseffekte offener Volkswirtschaften 12
4 Lohnpolitik im Test 15
4.1 Empirische Evidenz – oder eher Auslegungssache? 15
4.2 Über Äpfel und Birnen – das Poldermodell 19
4.3 Die Deflationsgefahren zurückhaltender Lohnpolitik 20
5 Zusammenfassung und wirtschaftspolitische Schlussfolgerung 24
6 Literaturverzeichnis 25
1 Einführung
In ihrer Argumentation gleichen alle Sozialwissenschaften, also auch die Ökonomie, einem zweischneidigen Schwert. Auf der einen Seite ermöglicht das hermeneutisch-historische Wesen sozialwissenschaftlicher Theoriebildung ein unbekümmertes Aufstellen von Gesetzmäßigkeiten nach dem Motto "Ausnahmen bestätigen die Regel". Auf der anderen Seite hingegen verleiht genau diese Eigenschaft jedem sozialwissenschaftlichen Diskurs zu einem gewissen Grad den Charakter einer "Never ending story". Insofern ist auch die Diskussion um Beschäftigungswirkungen lohnpolitischer Maßnahmen ein wirtschaftspolitischer „Evergreen“. Die Thematik der Lohnpolitik ist insbesondere deswegen ein „heißes Pflaster“, weil sie die Existenz der Tarifautonomie zu einem Wechselspiel verschiedenster Interessengruppen und Entscheidungsträger macht. Vor dem Hintergrund, dass zudem selbst innerhalb einer relativ überschaubaren ökonomischen Gruppierung – welche höchstes Ansehen unter dem Fachpublikum genießt – Uneinigkeit über elementare Ursache-Wirkungs-Beziehungen beschäftigungspolitischer Maßnahmen herrscht, lässt sich schlussfolgern, dass ein Ende der Debatte nicht in Sicht ist1. Verwunderlich ist gerade deswegen der oftmals geradezu apodiktisch anmutende Stil, in welchem Verlautbarungen zu dieser Problematik publik gemacht werden, deren wissenschaftlicher Status quo definitiv noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dies trifft mit Sicherheit auch auf vorliegende Arbeit zu - sie erhebt daher also weniger Anspruch darauf, eine weitere in der Sammlung gut gemeinter Arbeitsmarkttheorien zu sein, sondern soll eher als eine Zusammenstellung des theoretisch- empirischen State-of-the-Art in Sachen „Lohnzurückhaltung und Beschäftigung“ verstanden werden. An dieser Stelle halte ich es für sinnvoll zunächst definitorische Klarheit über den Begriff „Lohnzurückhaltung“ zu schaffen. Der Unterschied zwischen einer absoluten Lohnkürzung und Lohnzurückhaltung ist, dass im ersten Fall eine nominelle Lohnsenkung stattfindet, im zweiten Fall hingegen die Lohnerhöhung hinter der Produktivitätsentwicklung und Geldentwertung zurück bleibt (vom Fall einer sich in der Deflation befindenden Volkswirtschaft sei an dieser Stelle einmal abgesehen). Faktisch kann Lohnzurückhaltung also auch als reale Lohnsenkung bezeichnet werden. Der Ausdruck Lohnerhöhung ist in vorliegender Arbeit analog zu verstehen - nicht nominelle Betrachtungen sind hier gemeint, Lohnerhöhungen sind immer abzüglich Produktivitäts- und Preisniveauentwicklung zu verstehen – sind also reale Veränderungen. Bei der sog. produktivitätsorientierten Lohnentwicklung verändert sich die Lohnquote2 nicht, der Reallohn bleibt folglich konstant. Sie trägt der Norm der Quantitätstheorie Rechnung, da gemäß dieser Geldmenge, Lohnsatz und Preisniveau Nominalvariablen des makroökonomischen Systems darstellen, und folglich in der langen Frist keine Auswirkungen auf reale Größen haben sollten3.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich grob in drei Teilbereiche. Das folgende Kapitel soll dem Leser einen Überblick bezüglich der gesamtwirtschaftlichen Wirkung von Löhnen geben. Im Weiteren werden die Wirkungen von Erwartungshaltungen auf den Märkten analysiert, es erfolgt ein Exkurs in den Diskurs um strukturelle Arbeitslosigkeit. Im dritten Kapitel wird die Wirkung nationaler Lohnpolitik hinsichtlich internationaler Wettbewerbsfähigkeit geprüft. Kapitel 4 beleuchtet die empirischen Entwicklungen und deren Kompatibilität mit vorgestellter Theorie. Hierbei wird insbesondere auch auf das exemplarische Beispiel Poldermodell eingegangen. Abschließend wird die deflationäre Wirkung von Lohnzurückhaltung vor dem Hintergrund der japanischen Rezession thematisiert und eine wirtschaftspolitische Schlussfolgerung gezogen.
2 Über den Nexus zwischen Lohn und Arbeit
Besonderes Augenmerk will ich zu Beginn der Arbeit auf das Verständnis der bewussten Unterscheidung von Mikro- und Makromärkten legen. Auch Leser, die bei dem Term "Slutsky-Zerlegung" primär an die sowjetische Produktionsmittel-Demontage im Land unserer Brüder und Schwestern denken, dürften zumindest aus Supermarkt-Besuchen die mikroökonomische Erkenntnis gewonnen haben, dass bei fallenden Preisen die nachgefragte Menge eines Gutes steigt (von dem Giffen-Fall sehe ich im Rahmen dieser Arbeit ab). Wiewohl sich der Arbeitsmarkt in vieler Hinsicht von klassischen Warenmärkten unterscheidet, so wird er in der Wirtschaftstheorie prinzipiell ebenso wie ein Warenmarkt behandelt – mit Lohnsatz als Preis für Arbeit und entsprechenden Reaktionen auf Nachfrage- und Angebotsseite. Solange die Angestellten eines Unternehmers nicht gleichzeitig dessen einzige Kunden sind (welcher Tatbestand im 21.Jahrhundert wohl für nahezu alle Unternehmen erfüllt sein dürfte) ist der Kostensenkungseffekt einer Lohnkürzung größer als der negative Einkommenseffekt aufgrund gesunkener Nachfrage durch eigene (nun schlechter entlohnte) Mitarbeiter. Der Unter- nehmer kann folglich billiger anbieten, seinen Absatz erhöhen und deswegen mehr Arbeitskräfte einstellen.
2.1 Die Janusköpfigkeit des Lohnes
Was aber würde - von eben dargestellten Beispiel ausgehend - passieren, wenn sämtliche Löhne einer Volkswirtschaft auf einmal gekürzt würden? Für die Neoklassik ist diese Frage nicht von Relevanz. Sie unterstellt grundsätzlich die Homogenität von Güter- und Arbeitsmärkten (bezüglich deren Gleichgewichtsbedingungen) und der Möglichkeit deren Räumung über flexible Preise. Unter dem Postulat vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten (inkl. Arbeitsmarkt) sowie sofortiger Markträumung zu jedem Zeitpunkt infolge völlig flexibler Löhne und Preise kann eine hinreichend große Anpassung der Löhne ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht erzeugen (falls die Möglichkeit zur Einstellung eines Gleichgewichts auf Angebots- und Nachfrageseite gegeben ist)4. Dies hätte in der Theorie also eine Verbilligung des Produktionsfaktors Arbeit in Relation zu Kapital zur Folge und zöge eine arbeitsintensivere Produktionsweise nach sich, die wiederum eine Steigerung der Beschäftigung bewirke. Ob allerdings dieser klassisch gütermarktliche Effekt des markträumenden Preises existiert – der Lohnsatz also das Faktoreinsatzverhältnis der Produktion bestimmt – ist unklar; insbesondere dann, wenn sogar der, zum größten Teil, neoklassisch gesinnte SVR diesen Sachverhalt bezweifelt.5
[...]
1 Die Rede ist hier vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), dessen ehemaliges Mitglied Jürgen Kromphardt in den Gutachten des Rates jahrelang eine grundsätzlich andere Meinung vertrat als seine Kollegen, was auf den Gutachten am Prädikat "darunter: abweichende Meinung" auf dem Deckblatt zu erkennen ist. Vgl. SVR [Jahresgutachten 2003/2004].
2 Die Lohnquote liegt in Deutschland seit 1970 bei etwa 70%.
3 Vgl. Spahn [Wechselkurs], S.1.
4 Vgl. Groh [Beschäftigungswirkung], S.10.
5 "Der besondere Charakter des Produktionsfaktors Kapital würde [...] verkannt, wenn man die Substitution zwischen Arbeit und Kapital als allein vom Lohn-Zins-Verhältnis abhängig betrachtete". SVR [Jahresgutachten 1997], Ziffer 371.
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