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Irmelin und die Logik des Monetären - Zur Verhandlung des ökonomischen und geldtheoretischen Diskurses in der Erzählung Irmelin Rose (1914) von Robert Müller

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 30 Pages
Author: Anne-Christin Sievers
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V64882
ISBN (E-book): 978-3-638-57579-9

File size: 201 KB


Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Deutsches Seminar
HS: Ästhetik von Waren und Reklame in der Literatur der Moderne
WS 2005/ 2006, 8. Fachsemester

Irmelin und die Logik des Monetären - Zur Verhandlung des
ökonomischen und geldtheoretischen Diskurses in der
Erzählung Irmelin Rose (1914) von Robert Müller

von: Anne-Christin Sievers

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1

2 Methodologische Vorbemerkungen: Zum Verhältnis von Ökonomie und Literatur 2

3 Analyse der Erzählung Irmelin Rose 5

3.1 Die Logik des Monetären 6
3.2 Tausch und Tod 14
3.3 Poetologische Reflexion des ökonomischen Diskurses 18

4 Schluss 26

5 Literaturverzeichnis 27




 

1 Einleitung

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich in Anlehnung an den Aufsatz von Robert Matthias Erdbeer Der Einkaufsbummel als Horrortrip den höchst enigmatischen Text Irmelin Rose (1914) von Robert Müller durch die Verwendung eines diskurstheoretischen Interpretationsansatzes erhellen. Jedoch soll im Gegensatz zum Ansatz Erdbeers nicht der ‚Schaufenster-Diskurs’ des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts für die Analyse herangezogen1, sondern der Versuch unternommen werden, die Verarbeitung der ökonomischen und geldtheoretischen Diskurse der Jahrhundertwende in der Erzählung aufzuzeigen. Dabei stehen die Fragen im Mittelpunkt, wie die Erzählung den ökonomischen Diskurs nutzt, um ihrer eigene Poetologie und die Krise der Sprache in der Moderne zu reflektieren, und wie dieser das Erzählverfahren des Textes, seine Semiotik, seine Metaphorik und seine Struktur verändert.

Zunächst werde ich in einem methodologischen Abschnitt die theoretischen Voraussetzungen eines Vergleichs zwischen literarischem und ökonomischem Diskurs erläutern. Nach einem kurzen Exkurs über Robert Müllers Verhältnis zum ökonomischen Raum der Großstadt widmet sich die Arbeit der Analyse der Erzählung und dem darin hervortretenden geldtheoretischen Diskurs der Jahrhundertwende am Beispiel der Philosophie des Geldes (1900) von Georg Simmel. Einer Einführung in Simmels Hauptwerk folgend, werden die Bezüge zwischen der Erzählung und dem monetären und ökonomischen Diskurs in drei Schritten herausgearbeitet. In einem ersten Schritt interpretiert die Untersuchung Irmelins Einkaufsverhalten und Verhältnis zu den Dingen als Ausdruck der Logik des Monetären. Es wird die These aufgestellt, dass Irmelin selbst als Verkörperung des Prinzips des Geldes als unendliche Möglichkeit gelesen werden kann, das zu einer Rastlosigkeit des Begehrens führt. Jedoch erscheint Irmelin durch ihre fehlende Distanz zu den Dingen und damit durch ihre Unfähigkeit zu einer ökonomischen Wertung als Fremdkörper des geldwirtschaftlichen Systems. In einem zweiten Schritt wird auf die Bedeutung von Irmelins Tod und dessen Beziehung zum ökonomischen System eingegangen und die Frage erörtert, ob sich der Tod in der Erzählung als unverrechenbare Individualität dem ökonomischen System entzieht oder ob er in dieses eingebunden ist. In einem dritten Schritt soll erläutert werden, wie die Erzählung den ökonomischen Diskurs nutzt, um ihre eigene Poetologie zu reflektieren, und wie sie diesen zugleich durch die Reflexion über das Ökonomische umformt und mitgestaltet.

2 Methodologische Vorbemerkungen:

Zum Verhältnis von Ökonomie und Literatur

Gerade Wirtschaft und Literatur gelten als nicht verbundene, getrennte und voneinander unabhängige Bereiche, zumindest wenn es nach dem Selbstverständnis beider Wissenschaften geht. Und wenn überhaupt ein Verhältnis zwischen beiden angenommen wird, so ist es meist das der Opposition. Die „Geisteswissenschaftler, die ja nicht umsonst so heißen wollen, [halten es] lieber mit dem Geist als mit dem unfeinen, geistlosen, ja schnöden Mammon“2, um die Unabhängigkeit der Literatur von wirtschaftlichen Zwängen zu behaupten. Und Wirtschaftswissenschaftler grenzen ihren eigenen, als pragmatisch und objektiv verstandenen Arbeitsbereich gern vom literarischen als schöngeistig, beliebig und unwissenschaftlich ab. Im Folgenden soll erläutert werden, warum ein Dialog zwischen den Disziplinen für beide Seiten dennoch fruchtbar ist und wie, auf welcher theoretischen Grundlage Literatur und Ökonomie überhaupt verglichen und in Beziehung zueinander gesetzt werden können. Als Ausgangspunkt dient die auf das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit ausgerichtete Fragestellung von Moritz Baßler: „[A]ls was, auf welcher Basis, auf welchem methodischen Tableau [können] solche ‚lebensweltlichen’ Bezüge [wie die des wirtschaftlichen Austausches und der Geldwirtschaft] denn Objekte wissenschaftlicher Analyse und vergleichender Betrachtung werden“3 und mit einem literarisch-fiktionalen Text in Beziehung gesetzt werden? Baßler beruft sich zur Lösung dieser Frage auf einen semiotischen Kulturbegriff, der lebensweltliche, kulturelle (und damit auch ökonomische) Ereignisse und Handlungen als Texte aus Signifikanten begreift, die im System der Kultur Bedeutung tragen und hervorbringen. Also lautet die Antwort, dass in der vorliegenden Arbeit ökonomische und literarische Phänomene auf einer textuellen Ebene des Vergleiches in Anlehnung an das Verständnis des New Historicism zusammen betrachtet werden können. Der Ansatz des New Historicism untersucht „die Herkunft der sprachlichen, inhaltlichen und rhetorischen Elemente von Kunstwerken“4 und verfolgt „die ‚Fäden’, die aus den unterschiedlichsten kulturellen Bereichen in einen Text hinein[] und auch wieder aus ihm hinaus[führen]“5. Der partikulare literarische Text wird dabei in den Bezug zu jeweils partikularen geschichtlichen, philosophischen, ökonomischen und populären Texten gestellt, um verallgemeinernde, vereinfachende Metanarrationen über eine Epoche, die problematische und abweichende Strömungen ausblenden, zu vermeiden. So erscheint das einst als autonom angenommene literarische Kunstwerk als Teil eines umfassenderen Textes der Kultur, als eingebunden in den Zusammenhang eines Feldes synchroner Texte, die an dem Diskurs einer Zeitspanne partizipieren. Der Vorteil der literaturwissenschaftlichen Methode des Historical Criticism liegt durch seinen semiotischen Kulturbegriff vor allem in der Möglichkeit, auch den Diskurs populärer und wissenschaftlicher Texte z. B. der ökonomischen Theorie, die zuvor nicht im Zusammenhang mit Literatur gesehen wurden, in der Poesie aufzuspüren. Durch diese Neu- Kontextualisierung kann die Interpretation nicht nur zu völlig neuen Lesarten gelangen, sondern auch die Partizipation der Literatur an gesellschaftlichen Diskursen und deren Formung und Beeinflussung durch die poetische Reflexion offen gelegt werden.6

Um jedoch nicht nur das wirtschaftliche Handeln, sondern auch die Wirtschaftstheorie als Teil des kulturellen Kontextes begreifen zu können, muss die Ökonomie im Sinne des New Economic Criticism als diskursiv geformte Kulturwissenschaft verstanden werden, die durch Narrative, Rhetorik und Metaphorik Bedeutung erzeugt. Der New Economic Criticism untersucht als poststrukturalistische Bewegung in den Wirtschaftswissenschaften „the use of metaphors in economic analysis“7 und identifiziert „dominant metaphors shaping economic arguments“8. Ziel ist die Dekonstruktion der ökonomischen Theorie, die Offenlegung ihrer Annahmen und die Erlangung von Akzeptanz der diskursiven Konstruktion der Wissenschaft im Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis als objektive Naturwissenschaft: „To claim that metaphors are fundamental to economic claims is trite for those relatively few economists who think of knowledge as discursive.”9 Jedoch ist das Selbstverständnis der Wirtschaftswissenschaft durch Objektivität, Positivismus sowie mathematische und statistische Überprüfbarkeit geprägt und es herrscht noch immer die Überzeugung vor, „that economists are convinced by facts (always established by careful observation […]) and logic (reliable, unemotional, and often intricate)“10.

[...]


1 Vgl. Erdbeer, Robert Matthias: Der Einkaufsbummel als Horrortrip. Ein diskursgeschichtlicher Versuch zur Attraktionskultur in Robert Müllers Erzählung Irmelin Rose (1914). In: Hofmannsthal-Jahrbuch zur europäische Moderne 8 (2000), S. 311 – 355.

2 Hörisch, Jochen: Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes. Frankfurt a. M. 1996, S. 22.

3 Baßler, Moritz: New Historicism, Cultural Materialism und Cultural Studies. In: Konzepte der Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven. Hrsg. von Ansgar Nünning und Vera Nünning. Stuttgart 2003, S. 148.

4 Baßler 2003, S. 134.

5 Ebd., S. 134.

6 Vgl. ebd., S. 136.

7 Browne, M. Neil/ Quinn, J. Kevin : Dominant Economic Metaphors and the Postmodern Subversion of the Subject. In: Woodmansee, Martha/ Osteen, Marc (Hg.): The New Economic Criticism. Studies at the Intersection of Literature and Economics. London 1999, S. 131.

8 Browne/ Quinn 1999, S. 134.

9 Ebd., S. 133.

10 Ebd., S. 133.


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