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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 20 Pages
Author: Daniela Esser
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Paderborn (Germanistik)
Tags: Heiner Müller, Macbeth, Drama des 20. Jahrhunderts
Year: 2000
Pages: 20
Grade: sehr gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-14112-3
File size: 94 KB
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Excerpt (computer-generated)
Universität Paderborn
Hauptseminar: Königsphantasien im
europäischen Drama des 20. Jahrhunderts
SS 2000
Der Macbeth Heiner Müllers - Bleibt alles anders?
Daniela Esser
10. Semester MA,
Anglistische Literaturwissenschaft, Neuere deutsche
Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft
Inhalt
1 Einleitung
2 "Die Welt hat keinen Ausgang als zum Schinder" - Die Gewalt, das Irreale und Geschichte als Zyklus
2.1 Gewalt als grauenhafte Realität
2.2 Das Irreale
2.3 Macbeth im "Räderwerk des blutigen Geschichtslaufs" : Geschichte im Stillstand
3 Schlußbemerkung
4 Bibliographie
1 Einleitung
In Shakespeares Macbeth wird direkt in der ersten Szene das Thema von der Umkehr aller Werte formuliert; die Welt des Grauenhaften, Dämonischen tritt dem Zuschauer/Leser entgegen durch das Treffen der drei Hexen. Diese Hexen standen in der elisabethanischen Weltordnung für das Böse. Ebenso ist der Aufruhr in der Natur eine Metapher für das Böse, die im Drama immer wieder auftaucht.
Heiner Müller dagegen beginnt seinen Macbeth mit der ursprünglichen zweiten Szene und setzt damit die Hexen sowie den Aufruhr in der Natur aus gutem Grund nicht als Ausgangspunkt des Übels. Es geht ihm darum, ein Machtspiel als Zyklus darzustellen und er integriert dabei das auf grausame Weise unterdrückte Volk. Müllers Stück beschreibt im Gegensatz zum linearen Tragödienmodell Shakespeares eine "dramaturgische Kreisform, die am Ende alles wieder auf Anfang stellt." Da Müller die "Monstrosität der geschilderten Verhältnisse als unaufgehobene Signatur eines Weltganzen [zeigt]" , wurde ihm Geschichtspessimismus vorgeworfen; seine Bearbeitung des Macbeth wurde sogar als Verirrung bezeichnet.
Lehmann argumentiert, das Drama beschreibe "Geschichte im Stillstand" und untersuche, unter welchen Bedingungen Geschichte stockt. Die Beschreibung des Dramas als Geschichte im Stillstand zeigt eine deutliche Parallele zu Kotts Interpretation der Shakespeareschen Königsdramen, nämlich daß die Feudalgeschichte als "Großer Mechanismus" dargestellt sei. Die Feudalgeschichte bei Shakespeare "ist eine große Treppe, über die ununterbrochen der Zug der Könige schreitet. Jede Stufe, jeder Schritt nach oben ist von Mord, Treubruch oder Verrat gezeichnet." Allerdings, räumt Kott ein, sei der Große Mechanismus nicht auf Shakespeares Macbeth anwendbar. Zu der von Müller gezeigten Geschichte im Stillstand in seiner Macbeth-Bearbeitung hingegen paßt die Interpretation der Geschichte als Großer Mechanismus sehrwohl.
2. "Die Welt hat keinen Ausgang als zum Schinder" - Die Gewalt, das Irreale und Geschichte als Zyklus
2.1 Die Gewalt als grauenhafte Realität
Seine Version der Tragödie Macbeth schrieb Heiner Müller 1971. Die Uraufführung fand im Theater Brandenburg im März 1972 statt, erstmals gedruckt wurde das Stück in "Theater heute" 6/1972. Müller hielt sich relativ eng an die Vorlage Shakespeares und nennt sein Stück somit auch im Untertitel "nach Shakespeare".
Müllers Macbeth ist eine Reduktion der Shakespeareschen Vorlage. Er erzählt die Tragödie des Königsmörders Macbeth "in einer zirkulär verlaufenden Geschichte" , deren plot und Charaktere zwar erhalten bleiben, die aber durch Kürzungen knapper ausfällt. Dadurch und durch die metaphernreiche Sprache kommt die Brutalität in diesem Machtspiel noch gedrängter und eindringlicher zur Wirkung. Die klassische Einteilung in fünf Akte zerfällt bei Müller in dreiundzwanzig Einzelszenen, die weitgehend die Handlungsabfolge von Shakespeares letzter großer Tragödie einhalten bzw. auch hinzugefügte Szenen des geschundenen Volkes beinhalten.
Anders als bei Shakespeare bezieht sich das Grauen bei Müller nicht auf die persönliche Schuld Macbeths; Macbeth ist keine Ausnahme im Zyklus der Macht, und das tragische Ende verweist auch nicht auf eine Änderung des Systems. Macbeth ist sogar Produkt und Repräsentant dieser Sozialordnung. Es geht also um das ewig gleiche Prinzip von Machtergreifung und -erhalt, in dem Macbeth gefangen ist:
[...]
1 Müller, Heiner: Macbeth. In: (ders.) Shakespeare Factory I. Berlin: Rotbuch 1986. S. 198.
2 Lehmann, Hans-Thies: Macbeth. In: Heiner Müller. Hg. v. Genia Schulz. Stuttgart: Metzler, 1980. S. 99.
3 Shakespeare, William: Macbeth. Hg. v. Barbara Rojahn-Deyk. Stuttgart: Reclam 1987.
4 Eke, Norbert Otto: Macbeth. In: (ders.) Heiner Müller. Stuttgart: Reclam 1999. S. 148.
5 Ebd., S. 149.
6 Harich, Wolfgang: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß – aus Anlaß der Macbeth-Bearbeitung von Heiner Müller. In: Sinn und Form 25/1 (1973). S. 189-218.
7 Vgl. Lehmann, Hans-Thies: Macbeth. In: Heiner Müller. Hg. v. Genia Schulz. Stuttgart: Metzler, 1980.
8 Kott, Jan: Die Könige. In (ders.): Shakespeare heute. München: Piper, 1970. S. 22.
9 Kott, Jan: „Macbeth oder die vom Tod Befallenen“. In: (ders.) Shakespeare heute. München: dtv 1980. Müller, Heiner: Macbeth. In: (ders.) Shakespeare Factory I. Berlin: Rotbuch 1986. S. 198.
11 Müller, Heiner: Macbeth. In: (ders.) Shakespeare Factory I. Berlin: Rotbuch 1986, S. 183-239.
12 Eke, Norbert Otto: Heiner Müller. Stuttgart: Reclam 1999. S. 146.
13 Vgl. Heise, Wolfgang: „Macbeth“ im Gespräch. Notwendige Fragestellung. In: Theater der Zeit 9/1972. S.45.
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