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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 32 Pages
Author: Sebastian Hanelt
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Göttingen (Seminar für Deutsche Philologie)
Tags: Digitale, Literatur, Merkmal, Gegenwart, Literatur, Medien
Year: 2006
Pages: 32
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 34 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-59288-8
ISBN (Book): 978-3-638-72525-5
File size: 241 KB
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Abstract
Dass es sich beim Internet um ein flüchtiges Medium handelt, dessen Inhalte nicht nur mit der Überarbeitung der Texte selbst, sondern unter Umständen auch im Rahmen des technischen Wandels des Mediums verschwinden, liefert eine veränderte Ausgangssituation für Autoren. Eine derartige Verknüpfung der Mediengeschichte mit der Literaturgeschichte ist dabei kein neuer Prozess. Spätestens mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts nach Christus wird dieser kulturhistorisch-literarische Zusammenhang überdeutlich, der aber auch schon vorher vorhanden war. Die Frage nach den Veränderungen, die ein neues Medium in der Gesellschaft und damit auch in der Literaturgeschichte bewirkt hat, ist jedoch in der Regel nur im historischen Rückblick für bereits abgeschlossene Prozesse eindeutig zu beantworten. Schwierig ist die Beantwortung hingegen bei aktuellen, noch nicht abgeschlossenen Entwicklungen. Bezüglich der gegenwärtigen Zeit nehmen die beobachtbaren Prozesse somit den Status von Indizienbeweisen für eine Umwälzung an, die häufig als ‚digitale Revolution’ bezeichnet wird. Sie ist vor allem gekennzeichnet durch die umfassende Veränderung aller Bereiche der Kommunikation und der gesamten Medienwelt durch die Entstehung des Universalmediums Computer. Die vorliegende Arbeit klärt anhand mehrerer exemplarischer Werkanalysen Digitaler Literatur, welche diesbezüglichen Merkmale als charakteristisch für unsere Gegenwart Eingang in die literaturhistorische Epochendiskussion finden könnten.
Excerpt (computer-generated)
MANUALGeorg-August-Universität Göttingen, Philosophische Fakultät
Hauptseminar „Literatur und Medien“
Sommersemester 2006, 7. Fachsemester
Digitale Literatur - liefert sie ein prägendes
Merkmal der literarischen Gegenwart?
von: Sebastian Hanelt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Digitale Literatur 3
2.1 Literarisches Schreiben im Netz 4
2.1.1 Gemeinsames Schreiben im Usenet 5
2.1.2 Gemeinsames Schreiben im World Wide Web 10
2.1.3 Projekt gvoon – w.w.words 15
2.2. Autorenblogs 18
3. Wofür sprechen die gesammelten Indizien? 21
Anhang I: Usenetthread zu Kapitel 2.1.1 25
Anhang II: Interview mit den Autorinnen zu Kapitel 2.1.1 27
Literaturverzeichnis 29
1. Einleitung
„Wenn ich den Computer nutze, um das Wort zu transportieren, geschieht etwas Seltsames, das mich stark von dem entfernt, was ich früher getan habe. Das Schreiben an sich wird anders. Schon wenn ich mit einem Computer als Schreibgerät umgehe, sind alle meine Vorversionen, alles, was ich nicht speichere, schon weg, wenn ich einfach die „Löschen“-Taste drücke. Es bleibt keine Spur, und Forscher, die nachvollziehen wollten, wie mein Text zu dem geworden ist, was er jetzt ist, würden keine Spur finden – keine Zettel, keine Randnotizen oder verworfenen Passagen. Alles ist nur virtuell, also nur fast real, aber eben nicht wirklich da.“1
Diese Äußerung stellt Stefan Maskievicz seiner Betrachtung der Nutzung des Mediums Internet als Publikationsorgan für seine eigenen literarischen Werke voran. Er macht damit einen Ausschnitt der Tragweite deutlich, die die Nutzung moderner Medien für Literatur in der heutigen Zeit haben kann. Dass es sich beim Internet um ein flüchtiges Medium handelt, dessen Inhalte nicht nur mit der Überarbeitung der Texte selbst, sondern unter Umständen auch im Rahmen des technischen Wandels des Mediums verschwinden, liefert eine veränderte Ausgangssituation für den Autor.2 Eine derartige Verknüpfung der Mediengeschichte mit der Literaturgeschichte ist kein neuer Prozess. Spätestens mit der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts nach Christus wird dieser kulturhistorisch-literarische Zusammenhang überdeutlich, der aber auch schon vorher vorhanden war. So ist die Form der Abgrenzung zwischen mündlicher und handschriftlicher Tradierung von Wissen und literarischen Werken ein Gegenstand, der immer wieder zu Diskussionen innerhalb der Literaturwissenschaft führte und führt. Der eigentliche Kern solcher Debatten ist allerdings häufig inhaltlicher Art und nur am Rande vom neuen Medium ‚Schriftlichkeit’ beeinflusst.3 Die Frage nach den Veränderungen, die ein neues Medium in der Gesellschaft und damit auch in der Literaturgeschichte bewirkt hat, ist darüber hinaus nur im historischen Rückblick für bereits abgeschlossene Prozesse eindeutig bewertbar.4 Schwierig ist die Beurteilung hingegen bei aktuellen, noch nicht abgeschlossenen Entwicklungen. Bezüglich der gegenwärtigen Zeit nehmen die beobachtbaren Prozesse somit den Status von Indizienbeweisen für eine Umwälzung an, die häufig als ‚digitale Revolution’ bezeichnet wird. Sie ist vor allem gekennzeichnet durch die umfassende Veränderung aller Bereiche der Kommunikation und der gesamten Medienwelt durch die Entstehung des Universalmediums Computer.5 Das Internet als globales Netzwerk ist dabei ein bedeutender Teil der Veränderungen in der Kommunikations- und Medienwelt. Hieraus ergibt sich die Frage, welchen Einfluss diese aktuellen, ‚neuen Medien’ auf die Erscheinungsformen der Literatur und ihre Entstehung haben und welche neuen Formen im Umgang mit Literatur durch sie geschaffen werden. Ist es lediglich die mit dem Eingangszitat angesprochene ‚handwerkliche Flüchtigkeit’ digital gespeicherter Ideen, oder gibt es weitere, möglicherweise viel grundlegendere Veränderungen innerhalb der Produktion und Rezeption von Literatur? Was wird in 50 oder 100 Jahren als charakteristisches Merkmal unserer Zeit Eingang in die literaturhistorische Epochendiskussion gefunden haben?
Die abschließende Beantwortung dieser Frage im Rahmen einer einzelnen Seminararbeit zu leisten, ist in der Tat kaum möglich. Vielmehr geht es mir um die Beleuchtung ausgewählter Phänomene. Anhand dieser soll ein indizienartiger Einblick in das breite Feld der digitalen Literatur und aktueller Veränderungen in diesem Bereich entstehen. Die Darstellung unterschiedlicher verteilter (kollaborativer) Schreibprojekte in Kapitel 2.1 und die Betrachtung eines so genannten ‚Autorenblogs’ in Kapitel 2.2 liefern dabei das konkrete Indizienmaterial. Die gewonnenen Erkenntnisse werden zur Beantwortung der Fragestellung in Kapitel 3 zusammengeführt. Auf eine vorgezogene und gebündelte Darstellung von theoretischen Zusammenhängen und Begriffsdefinitionen werde ich aus Gründen des Praxisbezugs verzichten. Die notwendigen Erläuterungen werden vielmehr Teil der einzelnen Kapitel sein.
2. Digitale Literatur
Spricht man von digitaler Literatur in ihrer Gesamtheit, stößt man in den deutschsprachigen literaturwissenschaftlichen Fachtexten auf eine große Anzahl von konkurrierenden Begriffen.6 Teilweise ausgeführt als verschiedene Bezeichnungen für ähnliche Phänomene, teilweise aber auch bei unterschiedlichen Autoren mit unterschiedlicher Bedeutung belegt, ergibt sich kaum ein einheitliches Gesamtbild des Bedeutungsfeldes ‚digitale Literatur’. Trotz dieser begrifflichen Vielfalt existiert doch immerhin eine wesentliche Unterscheidung zwischen zwei großen Teilgebieten, die Auftrennung in „Literatur im Netz“ und „Netzliteratur“.7 Der Bereich der Literatur im Netz ist dabei für diese Arbeit eher von untergeordneter Bedeutung. Zwar bringt die Publikation von literarischen Texten im Internet einige Strukturmerkmale mit sich, die in Büchern in dieser Form nicht zu finden sind8, jedoch geht es in erster Linie um das Ausnutzen eines neuen Mediums für prinzipiell auch in anderer Form publizierbare Inhalte, also um die Nutzung von Parallelmedien. Ob sich dieser Bereich in der Praxisbetrachtung allerdings komplett aussparen lässt, muss sich im Rahmen der Beschäftigung mit den jeweiligen Projekten herausstellen. Interessanter ist im Hinblick auf die formulierte Fragestellung in jedem Fall die Betrachtung der Netzliteratur. Zusammenfassen lassen sich unter diesem Begriff alle Werke, die speziell für das Internet geschrieben worden sind, beziehungsweise erst durch dieses entstehen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die besonderen (technischen) Bedingungen des Internets für ihre produktionsästhetischen Zwecke nutzen.9 Teil dieser Bedingungen sind auch die sozialen Beziehungen, in erster Linie die Kommunikation einzelner Personen in einem Netzwerk. Besonders deutlich wird diese Entwicklung im Bereich der kollaborativen Schreibprojekte, denen im folgenden Kapitel die erste genauere Betrachtung gilt.
2.1 Literarisches Schreiben im Netz
[...]
1 Maskiewicz, Stefan: Schreiben an der Web|kante. In: Digitalität und Literalität. Zur Zukunft der Literatur, hrsg. v. Harro Segeberg u. Simone Winko, München 2005, S. 179-198, hier S. 180.
2 Vgl. ebd., S. 181.
3 Ein Beispiel hierfür ist die Diskussion im Rahmen der Überlieferungsgeschichte der mittelhochdeutschen Lieder Neidharts aus dem frühen 13. Jahrhundert. Sie bewegt sich im Wesentlichen entlang der Frage der Autor-Authentizität von vormals nur mündlich tradierten und erst später im Rahmen des Mediums „Handschrift“ festgehaltenen Texten. Die mediengeschichtliche Diskussion ist in einem solchen Fall also nur sekundär von Interesse. Ähnliches gilt auch für das Nibelungenlied, bei dem die Grenzstellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit als Mediendiskussion in die Literaturwissenschaft Eingang findet. Vgl. Schütz, Erhard/ Wegmann, Thomas: Literatur und Medien. In: Gründzüge der Literaturwissenschaft, hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold und Heinrich Detering, 3. Aufl. München 1999, S. 52-78, hier S. 55.
4 Die zunehmende Alphabetisierung der Bevölkerung und die eng damit verknüpfte Veränderung im Leseverhalten der Menschen in Folge der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg ist hierfür das bekannteste Beispiel. Vgl. Schön, Erich: Geschichte des Lesens. In: Handbuch Lesen, hrsg. v. Bodo Franzmann, Klaus Hasemann, Dietrich Löffler u. Erich Schön, München 1999, S. 1-85.
5 Vgl. Manovich, Lev: The Language of New Media. Cambridge 2001, S. 19.
6 Vgl. Winko, Simone: Hyper-Text-Literatur. Digitale Literatur als Herausforderung an die Literaturwissenschaft. In: Segeberg, Winko, 2005, s. Anm. 1, S. 137-157, hier S. 137, Anm. 1.
7 Vgl. Böhler, Christine: Das Netz beschreiben. In: Segeberg, Winko, 2005, s. Anm. 1, S. 57-67.
8 Beispiele hierfür finden sich etwa überall dort, wo Fachtexte für das Internet aufbereitet werden. Die textinterne Verlinkung einzelner Kapitel ist dabei das auffälligste Merkmal solcher Auftritte. Häufig ist auch die zusätzliche Anreicherung mit Bildmaterial, ergänzenden Links zu anderen Onlineauftritten oder auch die zusätzliche Kommentierung bestimmter Abschnitte zu finden. Bei literarischen Texten im Internet ist dies ähnlich, hier steht allerdings noch häufiger die Eins-zu-eins- Wiedergabe des Textes im Vordergrund. Insgesamt handelt es sich aber in sämtlichen Fällen nicht um eine neue Form des Werks, sondern eben schlicht um eine an die Besonderheiten des Mediums Internet angepasste Textvariante.
9 Vgl. Simanowski, Roberto: Die Kinetisierung konkreter Poesie. In: Segeberg, Winko, 2005, s. Anm. 1, S. 161-177, hier S. 164.
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