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Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysisch-christlichen Denkens und Anmerkungen zur buddhistischen Philosophie

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 38 Pages
Author: Klaus Itta
Subject: Philosophy - Miscellaneous

Details

Event: Wozu Gott? Buddhistische Leidbewältigung als Provokation des Christentums
Institution/College: University of Freiburg (Theologische Fakultät)
Tags: Nihilismus, Eine, Krankheit, Genealogie, Denkens, Anmerkungen, Philosophie, Wozu, Gott, Buddhistische, Leidbewältigung, Provokation, Christentums
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 38
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V67940
ISBN (E-book): 978-3-638-58674-0
ISBN (Book): 978-3-638-67249-8
File size: 264 KB
Notes :
Entlang der Deutungen Nietzsches wollen wir uns auf den Weg machen, die wirkmächtigen Zuflüsterungen der abendländischen Philosophiegeschichte näher zu betrachten, die unser Vorverständnis und Denken ganz eigentlich bedingen. Wir wollen eintreten in jenen Dialog, der die fraglose Selbstverständlichkeit der abendländischen Metaphysik aufbricht und hinterfragt.


Abstract

Entlang der Deutungen Nietzsches wollen wir uns auf den Weg machen, die wirkmächtigen Zuflüsterungen der abendländischen Philosophiegeschichte näher zu betrachten, die unser Vorverständnis und Denken ganz eigentlich bedingen. Wir wollen eintreten in jenen Dialog, der die fraglose Selbstverständlichkeit der abendländischen Metaphysik aufbricht und hinterfragt. Auf diesem Wege wollen wir einige grundlegende Gedanken Friedrich Nietzsches, wie: „die ewige Wiederkehr des Gleichen“, „der Tod Gottes“, „der Übermensch“, „der Wille zur Macht“ und „Amor fati“ eingehender betrachten, um so einem Verständnis seiner Nihilismus-Auffassung näher zu kommen. Es wird indes deutlich werden, dass sich im Denken Nietzsches neben der Verkündigung vom Tode Gottes und dem daraus hervorgehenden Nihilismus auch Ansätze zur Überwindung des Nihilismus finden, die es, im Anblick dieser „Ehrfurcht gebietenden Katastrophe“, fortzuschreiben gilt. Eine Aufgabe des abendländischen Denkens wird es schließlich sein, Lebenslehren zu finden, welche die Heraufkunft einer neuen Kultur begünstigen, oder mit Nietzsche gesprochen, nach dem Zerbrechen der alten Tafeln neue Tafeln zu beschreiben. Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Überwindung des Nihilismus deutet Nietzsche selbst nach Indien, namentlich zur Lehre des Buddhismus.


Excerpt (computer-generated)

ALBERT-LUDWIGS-UNIVERSITÄT
FREIBURG

THEOLOGISCHE FAKULTÄT
WS 2005/2006

SEMINAR:

WOZU GOTT?
BUDDHISTISCHE LEIDBEWÄLTIGUNG ALS PROVOKATION DES CHRISTENTUMS?

NIHILISMUS - EINE OKZIDENTALE KRANKHEIT?

ZUR GENEALOGIE DES METAPHYSISCH-CHRISTLICHEN DENKENS
UND ANMERKUNGEN ZUR BUDDHISTISCHEN PHILOSOPHIE

AUTOR: KLAUS J. ITTA

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

E I N L E I T U N G 2

1. Nihilismus – Versuch einer Analyse 5
1.1 Das Licht der Vernunft – Der Schatten des Nihilismus 5
1.1.1 Vom „ersten Anfang“ der Metaphysik 6
1.2 Metaphysik – als Rache am Sein 11
1.3 Nihilismus – als Entwertung der obersten Werte 13

2. Ansätze zur Überwindung des Nihilismus 17
2.1 Das asketische Ideal 17
2.2 Eine neue Moral 21
2.3 Die ewige Wiederkehr des Gleichen 23
2.4 Vom Tode Gottes zu einem neuen religiösen Bewusstsein... 26
2.5 Amor fati – das dionysische Jasagen zum Leben 29

S C H L U S S B E T R A C H T U N G U N D A U S B L I C K 33

L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S 37

 

E I N L E I T U N G

„Ich beschreibe, was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: die Heraufkunft des Nihilismus. (...) Diese Zukunft redet schon in hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt überall sich an; für diese Musik der Zukunft sind alle Ohren bereits gespitzt. Unsre ganze europäische Cultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom der an´s Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen.“ 1

Inzwischen haben Weltkriege und Schreckensherrschaften die Prophezeiung Nietzsches wahrgemacht. Aber die Augen und Ohren sind vielleicht noch nicht genug gespitzt und die Bedeutung des von Nietzsche verkündeten Nihilismus ist noch nicht tief genug in unser Bewusstsein eingedrungen oder wird vielmehr herausgehalten. Nietzsche hatte noch keine Erfahrung mit dem Nationalsozialismus oder dem stalinistischen Totalitarismus, auch nicht mit der Möglichkeit der nuklearen Selbstvernichtung der Menschheit durch die Atombombe oder den destruktiven Konsequenzen einer globalisierten Marktwirtschaft. Insofern wird es interessant sein zu erfahren, welche Antwort jemand auf die Krise unseres Zeitalters gibt, der von all dem noch nichts wusste und den Nihilismus doch schon heraufdämmern sah.

Die Reaktionen, die sich in unserem Kulturraum auf die gegenwärtigen Krisen hin zeitigen, richten sich vornehmlich mit den Mitteln der Vernunft auf ein Außen, auf eine Verbesserung der Um- und Mitwelt. So gilt es bspw. die zweifellos bedrohlichen Atomkraftwerke abzuschaffen, die Gentechnik streng zu kontrollieren und in der dritten Welt die Pille zu verteilen, um der Überbevölkerung entgegenzuwirken; für die Beseitigung des Übels in der Welt gilt es als unhinterfragbares Programm die Demokratie global zu verbreiten und wenn das politische System, möglicherweise der Weltstaat, diese politischen und technologischen Ideen realisiert, so die Hoffnung, wird sich das größtmögliche Wohl für die Mehrzahl der Menschen verwirklicht haben.

Nietzsche hingegen hat eine andere Antwort auf die Frage nach dem mieslichen Grundgefühl unserer Zeit gegeben. Ein zentraler Satz seines Philosophierens lautet: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet.“ Die Folge daraus ist die Sinnlosigkeit, der Nihilismus. Für Nietzsche ist es also das geschichtliche Ereignis des Nihilismus, durch das sich uns der Ekel vor dem Leben aufdrängt. Dieser Pfahl im Fleische, diese Gefahr der Gefahren, dass nichts mehr einen Sinn hat, treibt uns in tiefe Auseinandersetzungen mit den Fragen nach dem Sein oder vielmehr Nicht-Sein. Von diesem Geschehnis sagt Nietzsche, dass hiermit eine völlig neue Geschichte beginnt. Und all dies ist nur zu verstehen unter der Prämisse, dass Gott tot ist. Nietzsche hat sich drangemacht zu denken, was zu denken ist, wenn Gott tot ist, nachdem er von uns Menschen getötet wurde und er machte sich damit zum Wegbereiter der Postmoderne. Im Vollzug dieser Arbeit geht es darum ein verstehendes Annähern an das zu erreichen, was sich für Nietzsche mit dem „Tod Gottes“ begeben hat, zu welcher Existenz wir nun, seiner Auffassung gemäß, genötigt sind. Denn jetzt, so schreibt er in der fröhlichen Wissenschaft, bewegt sich der Mensch fort von allen Sonnen, stürzt fortwährend rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten. Es gibt kein oben und kein unten mehr, alle irren durch ein unendliches Nichts. Und Nietzsche fragt: „Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“2 Der fortgesetzte Prozess der Modernisierung in den säkularisierten Gesellschaften der westlichen Welt scheint dies zu bestätigen. Bei ihren individuellen Gliedern verbreiteten sich zunehmend Gefühle der Entfremdung und der Unsicherheit, wohl nicht zuletzt bedingt durch den Zerfall der Integrationskraft traditioneller metaphysisch verankerter Strukturen. Es zeitigt sich die Auflösung unserer Gesellschaft in viele bindungslose Einzelne. Die mühsam erkämpfte Freiheit, auf je eigene Art glücklich zu werden, erweist sich als Last. Und vielleicht ist es eine Überforderung, das individuell gestaltbare Leben in „transzendentaler Obdachlosigkeit“ zu bestehen, losgelöst von traditionellen Bindungen und Bräuchen, die hinfällig geworden bzw. nur noch für eine im schwinden begriffene Minderheit bedeutsam zu sein scheinen. Die erlangte Freiheit verlangt einen hohen Preis. Persönliche Identität ist zum Problem geworden. Der Inhalt des Lebens, für den sich ein Ich von sich aus entscheiden vermag, kann schon allein aus diesem Grunde als unverbindlich und kraftlos erscheinen, weil er nämlich eine Sache willkürlicher Entscheidung ist. Das Ende der Metaphysik bekommt, wenn wir diese Dimension sehen, eine geschichtsrevolutionäre Bedeutung.

[...]


1 Nietzsche: Der Wille zur Macht. Nr. 2, 3

2 Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft. KSA 3. 481.


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