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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Helmut Wagner
Subject: Politics - International Politics - General
Details
Institution/College: LMU Munich (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Tags: Toleranz, Grundlage, Internationalen, Beziehungen, Eine, Argumentation, Bewusstsein, Hauptseminar, Normative, Theorien, Internationalen, Beziehungen
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 25 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-61252-4
ISBN (Book): 978-3-638-72170-7
File size: 252 KB
Korrektur: ergänzte Quellenangaben
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Abstract
Diese Arbeit beruht auf der Überzeugung, dass im derzeitigen System des Gegeneinanders ein Zustand wirklichen Friedens zwischen den Menschen aller Kulturen nicht zu erreichen ist. Da die derzeitige Ordnung als problematisch angesehen wird, hat die Arbeit die normative Zielsetzung der Schaffung eines entsprechenden Problembewusstseins. Wir befinden uns an einem Scheideweg der menschlichen Zivilisation, an dem wir zurückblicken können auf einen ungeheuren materiellen Fortschritt. Doch was nutzen all die unglaublichen Errungenschaften auf den Gebieten der Technologie, Ökonomie und Wissenschaft, wenn Egoismus und ein Klima der Intoleranz verhindern, dass wir sie zum Wohle der gesamten Menschheit einsetzen? Ein Umdenken muss also stattfinden. Die materielle Entwicklung muss einhergehen mit einer geistig-spirituellen Entwicklung, ansonsten drohen eine gewaltsame Erosion der jetzigen Ordnung und Chaos. Notwendig ist ein Bewusstseinswandel, der seinen Ausgangspunkt im Individuum hat. Die Selbsterkenntnis als geistige Wesen bildet die Basis für eine Abkehr vom Prinzip des Gegeneinanders hin zu einem friedlichen Miteinander. Zentral hierfür ist die Überwindung des Egoismus durch ein Bewusstsein der Toleranz, das den Blick für die Bedürfnisse und die geistige Wirklichkeit des Anderen nicht länger verstellt. Unsere innere Lebendigkeit verbindet uns über alle äußeren kulturellen und nationalen Barrieren hinweg und macht uns zu geistigen Brüdern. Gegenseitige Achtung in Brüderlichkeit wird dann als allgemeine Grundlage der menschlichen Beziehungen auch zum Grundprinzip der Internationalen Beziehungen. Wir leben in einer Welt der Pluralität, in der Toleranz für ein friedliches Miteinander unbedingt erforderlich ist. Betrachtet man den Anderen als Feind und nicht als Bruder, so sind ethnische Konflikte, Terrorismus und Krieg die logische Konsequenz. Eine wahrhaft friedliche Ordnung kann nicht von außen aufgezwungen werden, schon gar nicht durch militärische Gewalt. Eine dauerhaft stabile, friedliche Ordnung kommt von innen – sie beruht auf Bewusstheit und Toleranz. Auszug aus der Bewertung: » Die Arbeit macht ein konsistentes Argument für eine neue Toleranz in den internationalen Beziehungen. Der Dreh- und Angelpunkt dieses Arguments ist das Individuum, das durch Selbsterkenntnis […] zu einem neuen ethischen Bewusstsein gelangen soll. [...] Die Arbeit ist interessant, weil sie einen frischen, spirituellen/psychologischen Blick auf die Toleranzfrage wirft. «
Excerpt (computer-generated)
LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Hauptseminar: Normative Theorien in den Internationalen Beziehungen
Sommersemester 2006, 15. Oktober 2006
Toleranz als Grundlage der Internationalen Beziehungen -
Eine Argumentation für ein neues ethisches Bewusstsein
von: Helmut Wagner
INHALTSVERZEICHNIS
A Intoleranz als Ursache von Leid ............................................................................. 2
B Toleranz als Grundlage der Internationalen Beziehungen ................................... 3
I. Das derzeitige System des Gegeneinanders.......................................... 3
II. Wende durch Bewusstheit ..................................................................... 5
1. Selbsterkenntnis durch Blick nach Innen ............................................. 5
2. Selbsttransformation durch Verinnerlichung von Tugenden................ 6
III. Ethisches Bewusstsein der Toleranz ................................................. 9
1. Konzeption und Ziel ............................................................................. 9
2. Umsetzung in die Praxis..................................................................... 13
IV. Was beinhaltet Toleranz in zentralen Fragen der IB?.................. 17
C Fazit........................................................................................................................ 20
-Literaturverzeichnis- .................................................................................................... 22
A INTOLERANZ ALS URSACHE VON LEID
Die Frage von Krieg und Frieden ist seit jeher das zentrale Leitmotiv der politikwissenschaftlichen Teildisziplin Internationale Beziehungen. Doch alle Hoffnungen auf dauerhaften Frieden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges erwiesen sich als illusionär. Ethnische Konflikte nehmen zu, die Gefahr des globalen Terrorismus wird immer präsenter und sogar die umstrittene These eines Clash of the Civilizations1 ist in pessimistischen Szenarien durchaus denkbar. Die hohen Erwartungen, die in die Globalisierung gesetzt wurden, wurden bitter enttäuscht. Eintrat
das Gegenteil: die derzeitige globale Weltordnung birgt enormes Konfliktpotential in sich und kann in dieser Form nicht lange überdauern.2 Die Globalisierung wird immer mehr zu einer Quelle von Unsicherheit und Gewalt. Viele Menschen fühlen sich in ihrer Identität bedroht im Zuge der Entwurzelung traditioneller Strukturen, ein wachsender Konkurrenzdruck erzeugt weltweit ein Klima von Egoismus und Intoleranz - die Gewalt nimmt auf allen Ebenen zu. Gleichzeitig ist eine verstärkte Suche nach Halt in religiösen und spirituellen Werten zu beobachten. Ein solcher Bewusstseinswandel
muss zweifelsohne stattfinden, denn der materielle Fortschritt allein wird den Frieden nicht bringen. Für ein friedliches Miteinander aller Kulturen bedarf es zusätzlich eines geistig-spirituellen Fortschritts im Sinne einer Bewusstseinserweiterung.
Die moderne Welt beruht auf dem Prinzip der Pluralität. Damit Pluralität nicht als Bedrohung empfunden wird, ist ein ethisches Bewusstsein von Toleranz notwendig. Nur wenn der Andere in seiner Andersheit geachtet werden kann, ist dauerhafter Frieden im Sinne eines harmonischen Miteinanders möglich. Dazu bedarf es jedoch eines Wandels im Bewusstsein der Individuen. Im Zuge dieses Wandels müssen Egoismus und Konkurrenz überwunden werden, um den Blick für den Anderen, sein wahres Sein und seine Bedürfnisse zu öffnen. Dieser Bewusstseinswandel in den Individuen ist die Voraussetzung für eine Veränderung der Strukturen auf systemischer Ebene. Die Arbeit soll zeigen, dass ein friedliches Miteinander in Pluralität möglich ist, wenn Toleranz zur Grundlage der menschlichen Beziehungen wird. Sie beginnt mit einer Charakterisierung des derzeitigen Systems des Gegeneinanders. Sodann werden die Etappen einer Wende durch Bewusstheit erläutert. Darauf aufbauend wird in Anlehnung an Emmanuel Lévinas eine Konzeption von Toleranzbewusstsein als ethische Optik für eine gerechte Begegnung mit dem Anderen entworfen. Es folgt eine Skizzierung der Umsetzung von Toleranz in die Praxis. Nach einer Stellungnahme zum Inhalt des Toleranzprinzips in zentralen Fragen der IB endet die Arbeit dann mit einem Fazit meinerseits.
B TOLERANZ ALS GRUNDLAGE DER INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN
I. Das derzeitige System des Gegeneinanders
Warum ist ein friedvolles, harmonisches Zusammenleben der Menschen auf Erden zu Beginn des 21. Jahrhunderts in so weite Ferne gerückt? Unser Entwicklungsstand in Technologie, Wissenschaft und Ökonomie sollte uns doch schon längst dazu in die Lage versetzen. Doch trotz des enormen materiellen Fortschritts der Menschheit nehmen Gewalt und Verrohung der (Welt-)Gesellschaft immer mehr zu. Die Lage der Menschheit erscheint immer verfahrener und komplexer. Egoismus und Konkurrenzdenken verhindern, dass wir unsere unglaublichen Errungenschaften auf den Gebieten der Technologie, Ökonomie und Wissenschaft für Frieden und Wohlstand der gesamten Menschheit einsetzen. Die Ursache dafür liegt in einem grundsätzlichen Prinzip des Gegeneinanders. Dieses Gegeneinander ist Ergebnis des Strebens egoistischer Individuen um begrenzte äußere Güter.3 Im Kampf um diese begrenzten materiellen Güter wird der Andere zum Konkurrenten, zum Feind.
Dieses egoistische Bewusstsein spiegelt sich letztlich auch in den (Macht-)Strukturen des Internationalen Systems wieder. Die Anarchie auf internationaler Ebene wird in Übereinstimmung mit dem Neorealismus als das Produkt der Handlung individueller, egoistischer Akteure erachtet4. Egoismus und Intoleranz auf individueller Ebene begründen die anarchische Ordnung des Gegeneinanders auf internationaler Ebene, deren zentrale Parameter Konkurrenzprinzip und Machtkampf sind. Im Laufe der Zeit entstand eine sich gegenseitig bestärkende Wechselwirkung von systemischen Imperativen und individuellem Bewusstsein, von Konkurrenzprinzip und Egoismus. Später hat sich dann jedoch das internationale System immer mehr verselbständigt und übt nun Zwang auf die Akteure selbst aus. Insbesondere im Zuge der Globalisierung werden die systemischen Imperative immer stärker. Diese Entwicklung geht mit einem zunehmenden Verlust an Autonomie der individuellen Akteure einher. Das »autonome« Individuum wird immer mehr zum Sklaven von Handlungszwängen und entfremdet sich damit zunehmend von sich selbst.
[...]
1 Vgl. Huntington, S.: Clash of Civilizations, 1996
2 Vgl. Kapstein, E.: Global Economy, 2000
3 Vgl. Hobbes, Th.: Leviathan, 1984, S.75-98: diesem rastlosen Streben liegt ein triebhaftes Verlangen zugrunde. Um eine Eskalation dieses Gegeneinanders hin zu einem Kriege eines jeder gegen jeden zu verhindern, bedarf es einer übergeordneten Macht, die die Menschen im Zaume halten kann – den Staat.
4 Vgl. Waltz, K.: International Politics, 1979
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