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Autismus

Termpaper, 2002, 96 Pages
Author: Anonym
Subject: Psychology - Biological Psychology

Details

Event: Gehirn und Bewusstsein
Institution/College: University of Frankfurt (Main) (Institut für Psychologie)
Tags: Autismus, Gehirn, Bewusstsein
Category: Termpaper
Year: 2002
Pages: 96
Grade: 1,0
Language: German
Archive No.: V7407
ISBN (E-book): 978-3-638-14677-7

File size: 1650 KB
Notes :
Die Downloaddatei enthält zusätzlich ein 19-seitiges Referatshandout mit Folien (PDF). 1,7 MB



Excerpt (computer-generated)

Veranstaltung: Kolloquium: Kognition und Bewusstsein

Autismus

 

Inhalt

1. Geschichte
1.1 Heutige Unterscheidung zwischen dem Kanner- und Asperger-Syndrom

2. Symptomatik
2.1 Ausräumen von Missverständnissen
2.2 Diagnostik nach DSM-IV- und ICD-10-Kriterien
2.3 Klinisches Bild
2.4 Erscheinungsformen autistischer Störungen

3. Differentialdiagnostik

4. Früherkennung
4.1 Verfahren zur Früherkennung

5. Epidemiologie, Verlauf und Nosologie

6. Ätiologie / Erklärungsansätze
6.1 Genetische Faktoren
6.2 Weitere Biologische Faktoren


6.2.1 Strukturelle Veränderungen des Zentralnervensystems
6.2.2 Neurophysiologische Befunde
6.2.3 Neurochemische Faktoren

6.3 Prä- und Perinatale Risikofaktoren
6.4 Das faktorentheoretische Modell: Informations- und/oder Wahrnehmungsverarbeitungsstörung
6.5 Ein psychologisches Erklärungsmodell

7. Therapie

8. Literatur

 

1. Geschichte

Anfänge der wissenschaftlichen Erforschung des Autismus

Die Entdeckung des Autismus begann mit dem austro-amerikanischen Kinderpsychiater Leo Kanner und dem österreichischen Pädiater Hans Asperger, die unhängig voneinander die ersten Berichte über diese Störung veröffentlichten.
Ihre Publikationen - die von Kanner 1943 in Baltimore veröffentlicht und die von Asperger im Jahr 1944 in Wien - enthielten detaillierte Fallbeschreibungen und unterbreiteten auch die ersten theoretischen Erklärungsversuche für die Störung. Beide Fachleute glaubten, dass von Geburt an eine tiefreichende Störung vorliege, die durch eine extreme Isolierung und Beziehungsstörung bzw. Einengung der Person auf sich selbst zu charakterisieren ist. Es scheint ein bemerkenswerter Zufall zu sein, dass beide das Wort ,,autistisch" wählten, um das Wesen der Störung zu kennzeichnen. Im Grunde ist das aber kein Zufall, denn der bedeutende Schweizer Psychiater Ernst Bleuler hatte die Bezeichnung 1911 eingeführt. Ursprünglich bezog sie sich auf ein Symptom bei der Schizophrenie, die Einengung der Beziehungen zu Menschen und zur Außenwelt, die so extrem ist, dass sie alles, außer dem eigenen Ich des Betroffenen, auszuschließen scheint. Diese Einengung konnte als Rückzug aus dem Gefüge des Soziallebens in das eigene Selbst beschrieben werden - daher das Wort ,,autistisch" vom griechischen autos für ,,selbst". Beide diagnostische Bezeichnungen - sowohl Kanners Autismus (,,early infantil autism") als auch Aspergers autistische Psychopathie - sind nicht ganz unproblematisch, da es sich in beiden Fällen nicht um einen aktiven Rückzug von der Außen- in die Innenwelt handelt, sondern um eine primäre Beeinträchtigung bzw. ein Defizit der sozialen Kontaktfähigkeit. Im Gegensatz zu Bleulers Schizophrenie lag zudem die Störung offenbar von Geburt an vor. Leo Kanner beschrieb dies unter dem Titel ,,Autistische Störungen des affektiven Kontakts" 1943 wie folgt: ,,Es handelt sich dabei nicht wie bei schizophrenen Kindern oder Erwachsenen um einen Rückzug von zunächst vorhandenen Beziehungen oder der Teilnahme an zuvor vorhandener Kommunikation. Vielmehr handelt es sich vom Anbeginn an um ein autistisches Alleinsein, welches alles, was von außen auf das Kind einwirkt, nicht beachtet, ignoriert und ausschließt. ...Wir müssen also annehmen, dass diese Kinder zur Welt gekommen sind mit einer angeborenen Unfähigkeit, normale und biologisch vorgesehene affektive Kontakte mit anderen Menschen herzustellen."
Kanners Aufsatz wurde zum meistzitierten in der gesamten Literatur über Autismus; Aspergers Artikel, in Deutsch abgefasst und während des Zweiten Weltkrieges veröffentlicht, wurde weitgehend ignoriert. Es hat sich die Meinung verbreitet, Asperger habe einen ganz anderen Typus Kind beschrieben als Kanner, was jedoch nicht richtig war. Aspergers Definition des Autismus ist weit umfassender als die von Kanner. Asperger bezog sowohl Fälle mit ein, die schwere organische Schäden aufwiesen, als auch solche, die in den Bereich des Normalen übergingen. Aspergers Verdienst waren vor allem seine Versuche, autistisches Verhalten mit normalen Varianten der Persönlichkeit und Intelligenz in Beziehung zu setzen.
Trotz der Vielfalt der individuellen Unterschiede, die in den Fallbeschreibungen auftraten, war Kanner überzeugt, dass nur zwei Merkmale zentrale Bedeutung hätten. Das heißt, er hielt sie für notwendig und hinreichend für die Diagnose "Autismus". Diese Kennzeichen beziehen sich nicht direkt auf das Verhalten, sondern auf psychologische Probleme auf einer so tiefen Ebene, dass sie ein breites Spektrum von Verhaltensweisen erklären.
Das Hauptmerkmal, dass der Störung seinen Namen gegeben hat, ist die autistische Isolation. Sie kann nicht mit einer einzelnen Verhaltensweise gleichgesetzt werden, sondern nur aus dem Verhalten erschlossen werden. Dieses Anderssein autistischer Kinder ist nicht gleichzusetzen mit Schüchternheit, Ablehnung oder Vermeidung menschlichen Kontaktes, obwohl autistisches Verhalten schon in dieser Weise interpretiert worden ist. Autistische Isolation hat nichts zu tun mit physischem Alleinsein, wohl aber mit psychischem Alleinsein.
Das zweite Kardinalsmerkmal bezeichnete Kanner als zwanghaftes Beharren auf Eintönigkeit.
Dieses knapp formulierte Konzept setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen: monotones Wiederholen (einfache, ständig wiederholte Bewegungen, Lautäußerungen und Gedanken), Rigidität (ritualisiertes Verhalten in Handlung, Sprache oder Denken, ohne erkennbaren Zweck), Engstirnigkeit (Verfolgung extrem enger Interessensgebiete, auf die sich die Betroffenen fast ausschließlich konzentrieren), Pedanterie und Unfähigkeit, die Bedeutung feiner Unterschiede zu beurteilen.

Wie Kanner, jedoch unabhängig von ihm, vermutete auch Asperger, dass eine ,,Kontaktstörung" auf einer tiefen Ebene des Affekts und/oder des Triebes vorliege. Beide Autoren stellten die Besonderheiten der Kommunikation und die Schwierigkeiten der sozialen Anpassung autistischer Kinder heraus. Beide waren beeindruckt von gelegentlichen Beispielen überragender intellektueller Leistungsfähigkeit auf eng umgrenzten Gebieten.

1.1 Heutige Unterscheidung zwischen dem Kanner- und Asperger-Syndrom

Heute behält man die Bezeichnung ,,Asperger-Syndrom" eher dem außergewöhnlich intelligenten und sprachfähigen, fast normalen autistischen Kind vor. Das entspricht eindeutig nicht Aspergers Intention, doch diese besondere Kategorie hat sich als klinisch sinnvoll erwiesen. ,,Kanner-Syndrom" wird heute oft zur Kennzeichnung von Kindern benutzt, die ein klassisches ,,Kernsymptom" aufweisen, welches oft bis ins Detail den Merkmalen ähnelt, die Kanner herausgestellt hat.

Man nimmt an, dass Kinder mit Asperger-Störung sehr viele Gemeinsamkeiten mit hochintelligenten autistischen Kindern aufweisen. Neben autismusspezifischen Symptomen sind bei Kindern mit Asperger-Störung zusätzliche Störungen charakteristisch (vgl. Tab. 1):

  • ihr Sprachgebrauch ist relativ unbehindert (die frühe Sprachentwicklung ist altersentsprechend)
  • sie wünschen Beziehungen mit Gleichaltrigen, jedoch gelingt es ihnen nicht, sozial angepasst zu sein, da sie unangemessen auf soziale Kontaktangebote reagieren oder diese initiieren
  • sie sind auffallend ungeschickt

Kennzeichnendes Merkmal der Asperger-Störung ist ebenfalls die Beeinträchtigung sozialer Interaktion sowie das deutlich eingeschränkte Repertoire sich wiederholender Verhaltensmuster, Aktivitäten und Interessen. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Syndromen liegen vor allem im Krankheitsbeginn, im sprachlichen und im intellektuellen Bereich sowie in den motorischen Besonderheiten. Kinder mit Asperger-Syndrom lernen früher sprechen, entwickeln oft auch eine differenziertere Sprache und weisen meist gute bis durchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten auf; sie sind sprachlich und kognitiv oft altersentsprechend entwickelt. Die Kinder mit Asperger-Störung haben aufgrund ihrer sprachlichen Kompetenzen und der hohen Intelligenz einen milderen Störungsverlauf als die Kinder mit frühkindlichem Autismus. Sie entwickeln oft ausgeprägte Sonderinteressen, mit denen sie sich nahezu ausschließlich beschäftigen, und zeigen, wenn sie älter sind, oft zwanghafte Verhaltensweisen. Kinder mit einer Asperger-Störung sind zudem motorisch auffällig, oft sehr ungeschickt. Sie haben Interesse an Beziehungen zu Gleichaltrigen, wählen aber oft sonderbare, unangemessene Verhaltensweisen zur Kontaktaufnahme (z.B. permanentes Fragenstellen).

Kinder mit Asperger-Störung werden von Kindern mit autistischer Störung vor allem aufgrund des Ausprägungsgrades der Verhaltensstörungen unterschieden. Zudem sollen die Symptome der ,,autistischen Psychopathie" im Sinne von Asperger erst nach dem dritten Lebensjahr in Erscheinung treten - nach einer zunächst unauffällig verlaufenden Entwicklung. Im Gegensatz dazu erhalten Kinder, die vor dem 3. Lebensjahr autistische Verhaltensweisen zeigen die Diagnose ,,frühkindlicher Autismus" (nach WHO). Unter Verwendung der ICD-10- und DSM-IV-Kriterien ist es jedoch schwierig, eine präzise Differentialdiagnose zu stellen. Die Symptome von Autismus und Asperger-Syndrom beinhalten vermutlich dieselben qualitativen Anteile, sind aber unterschiedlich ausgeprägt und entwickelt. In jüngster Zeit wird deshalb in Frage gestellt, ob es sich tatsächlich um zwei unterschiedliche Störungsformen handelt oder ob beide Zustände Varianten innerhalb eines ,,Autismusspektrums" seien. Ornitz und Ritvo (1976) sprechen lediglich von zwei verschiedenen Krankheitsverläufen, gehen jedoch wie andere Autoren davon aus, ,,dass das, was als Autismus bezeichnet wird, von Geburt an vorhanden ist". Harper und Williams (1975) konnten hingegen aufgrund einer Untersuchung eine Trennung zwischen einer ,,natal" und einer ,,aquired group" bestätigen, insbesondere aufgrund des negativen Entwicklungsverlaufs bei frühem Beginn. Sie sehen allerdings keine Veranlassung, von zwei verschieden Gruppierungen zu sprechen, sondern verstehen den frühen oder späteren Krankheitsbeginn als Teil eines kontinuierlichen Prozesses.

Tabelle 1: Differentialdiagnostik der autistischen Syndrome (Kanner-Syndrom, Asperger-Syndrom)

 
Frühkindlicher Autismus
(Kanner-Syndrom)

Autistische Psychopathie
(Asperger-Syndrom)

erste Auffälligkeiten

Blickkontakt

 

Sprache

 

 

 

Intelligenz

 

Motorik

meist in den ersten Lebensmonaten

zunächst of fehlend, später selten, flüchtig, ausweichend

später Sprachbeginn
in 50% Ausbleiben der Sprachentwicklung

stark verzögerte Sprachentwicklung

Sprache hat anfänglich keine kommunikative Funktion (Echolalie)

meist erheblich eingeschränkte intellektuelle Leistungen
charakteristische Intelligenzstruktur

keine Einschränkungen, sofern nicht eine zusätzliche Erkrankung vorliegt

markante Auffälligkeiten etwa vom 3. Lebensjahr an

selten, flüchtig

früher Sprachbeginn

rasche Entwicklung grammatikalisch und stilistisch

Sprache hat immer kommunikative Funktion, die allerdings gestört ist (Spontanrede)

gute bis überdurchschnittliche intellektuelle Leistungen
Intelligenzschwäche selten

auffällige Motorik: Ungeschicklichkeit, Koordinationsstörungen, ungelenk und linkisch

Ich möchte mich jedoch in meinem Referat auf die Darstellung des frühkindlichen Autismus beschränken und das Asperger-Syndrom, dass neben dem Atypischen Autismus und dem Rett-Syndrom zu den autistischen Störungen zu zählen ist, weitgehend außer acht lassen.
Die wichtigsten Merkmale des klassischen Autismus, die Kanner bereits klar beschrieben hat, sind: die autistische Isolation, das Bedürfnis nach Eintönigkeit und ,,Inselbegabungen". Diese Merkmale sind in allen echten Fällen auszumachen; sie weisen natürlich Variationen in Einzelheiten und auch zusätzlich bestehende Schwierigkeiten auf.

2. Symptomatik

[...]


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