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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 28 Pages
Author: Nicole Singler
Subject: Sociology - Individual, Groups, Society
Details
Institution/College: University of Hamburg (Soziologie)
Tags: Kollektive, Erinnerungen, Oberseminar
Year: 2007
Pages: 28
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 19 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-71489-1
File size: 194 KB
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Abstract
’Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben’ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach. Miller beschäftigt sich in seinem Essay „Kollektive Erinnerungen und gesellschaftliche Lernprozesse: Zur Struktur sozialer Mechanismen der >Vergangenheitsbewältigung<“ mit der Frage, unter welchen diskursiven Bedingungen kollektive Erinnerungen entstehen können und ob man an ihnen erkennen kann, ob ein Lernprozess im Hinblick auf die Vergangenheit erfolgreich war oder gescheitert ist. Hierfür spielt die zentrale Fragestellung seines Werkes „Dissens“ eine essentielle Rolle: Was bedeuten Diskurse für individuelle Lernprozesse, können auch Gesellschaften lernen und in welchem Verhältnis stehen Gesellschaft und Individuum in dieser Hinsicht zueinander. Denn um lernen zu können, sind kollektive Erinnerungen notwendig, da man selbst nur selektiv kleine Ausschnitte der Vergangenheit als Erinnerung innehat. Erinnerung ist ebenso selektiv, wie der Akt der Perzeption. Ob und wie aus der Vergangenheit, aus den Erinnerungen, gelernt wird, hängt immer von der diskursiven Macht der Erinnerungen ab – inwieweit sich eine Erinnerung als Erinnerung diskursiv, also mit Hilfe von Kommunikation, durchsetzen kann. Die vorliegende Arbeit will versuchen, Millers Ansatz in die neuere Forschung zum Thema Kollektive Erinnerungen einzubetten. Es soll geklärt werden, unter welchen Umständen sich kollektive Erinnerungen wandeln können In diesem Zusammenhang wird intensiv auf das Phänomen der verzerrten Erinnerungen eingegangen. Es werden neben Millers Aufsatz neuere Quellen herangezogen. Hierdurch soll auch Millers Blick auf die moderne Forschung gerichtet und mit dieser verglichen werden. Beginnen wird diese Arbeit allerdings mit einer Retrospektive in die Vergangenheit, um den auf Halbwachs zurückgehenden Begriff „Kollektive Erinnerungen“ zu erklären. Im weiteren Verlauf geht es um das Phänomen der verzerrten Erinnerungen, auch als „false memories“ bezeichnet. Hier wird auf aktuelle Forschungen bei Individuen zu diesem Thema ebenso eingegangen, wie auf den Bezug zu kollektiven Erinnerungen. Nachdem der Blick auf die Bedeutung der Kommunikation für Erinnerungsschreibung gerichtet wird, befasst sich diese Arbeit mit den biologischen Grundlagen, also mit dem Thema, wie Erinnerung im Gehirn verarbeitet wird. Bevor zuletzt auf die Wandelbarkeit des Gedächtnisses eingegangen wird, soll auch die Bedeutung der Emotion angesprochen werden. Schlussendlich wird im Fazit auf die Frage eingegangen, welche Bedeutung sich wandelnde Erinnerungen tatsächlich für das Individual- und das Kollektivgedächtnis haben (sollten).
Excerpt (computer-generated)
Universität Hamburg, Institut für Soziologie
Oberseminar: „Systemisches Lernen“
Wintersemester 2006/ 2007
Kollektive Erinnerungen
von
Nicole Singler
Gliederung
I. Einleitung 3
II. Maurice Halbwachs hat Kollektive Erinnerungen 5
a. Die Bedeutung der Gruppe 5
b. Autobiographisches, historisches und kollektives Gedächtnis 6
III. False Memories und verzerrte Erinnerungen 8
a. Selektive Wahrnehmung 8
b. Mediale Bedeutung 10
c. Implantierte Erinnerungen 12
d. Verzerrte kollektive Erinnerungen 13
IV. Die Bedeutung von Kommunikation 15
V. Biologische Grundlagen 18
a. Drei Gedächtnisarten 18
b. Der Weg der Erinnerungen – Speicherung im Langzeitgedächtnis 18
c. Schemata und Skripte 19
VI. Welche Bedeutung haben Emotionen? 20
VII. Die Gestalt des kollektiven Gedächtnisses 21
a. Unterschiedliche Wahrnehmung kollektiver Erinnerung 21
b. Lernen durch kollektive Erinnerungen 22
VIII. Fazit 25
IX Literatur 27
I. Einleitung
’Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben’ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.1
Miller beschäftigt sich in seinem Essay „Kollektive Erinnerungen und gesellschaftliche Lernprozesse: Zur Struktur sozialer Mechanismen der >Vergangenheitsbewältigung<“2 mit der Frage, unter welchen diskursiven Bedingungen kollektive Erinnerungen entstehen können und ob man an ihnen erkennen kann, ob ein Lernprozess im Hinblick auf die Vergangenheit erfolgreich war oder gescheitert ist. Hierfür spielt die zentrale Fragestellung seines Werkes „Dissens“ eine essentielle Rolle: Was bedeuten Diskurse für individuelle Lernprozesse, können auch Gesellschaften lernen und in welchem Verhältnis stehen Gesellschaft und Individuum in dieser Hinsicht zueinander.3 Denn um lernen zu können, sind kollektive Erinnerungen notwendig, da man selbst nur selektiv kleine Ausschnitte der Vergangenheit als Erinnerung innehat. Erinnerung ist ebenso selektiv, wie der Akt der Perzeption. Ob und wie aus der Vergangenheit, aus den Erinnerungen, gelernt wird, hängt immer von der diskursiven Macht der Erinnerungen ab – inwieweit sich eine Erinnerung als Erinnerung diskursiv, also mit Hilfe von Kommunikation, durchsetzen kann.
Die vorliegende Arbeit will versuchen, Millers Ansatz in die neuere Forschung zum Thema Kollektive Erinnerungen einzubetten. Es soll geklärt werden, unter welchen Umständen sich kollektive Erinnerungen wandeln können In diesem Zusammenhang wird intensiv auf das Phänomen der verzerrten Erinnerungen eingegangen. Es werden neben Millers Aufsatz neuere Quellen herangezogen. Hierdurch soll auch Millers Blick auf die moderne Forschung gerichtet und mit dieser verglichen werden. Beginnen wird diese Arbeit allerdings mit einer Retrospektive in die Vergangenheit, um den auf Halbwachs zurückgehenden Begriff „Kollektive Erinnerungen“ zu erklären.
Im weiteren Verlauf geht es um das Phänomen der verzerrten Erinnerungen, auch als „false memories“ bezeichnet. Hier wird auf aktuelle Forschungen bei Individuen zu diesem Thema ebenso eingegangen, wie auf den Bezug zu kollektiven Erinnerungen. Nachdem der Blick auf die Bedeutung der Kommunikation für Erinnerungsschreibung gerichtet wird, befasst sich diese Arbeit mit den biologischen Grundlagen, also mit dem Thema, wie Erinnerung im Gehirn verarbeitet wird. Bevor zuletzt auf die Wandelbarkeit des Gedächtnisses eingegangen wird, soll auch die Bedeutung der Emotion angesprochen werden. Schlussendlich wird im Fazit auf die Frage eingegangen, welche Bedeutung sich wandelnde Erinnerungen tatsächlich für das Individual- und das Kollektivgedächtnis haben (sollten).
II. Maurice Halbwachs hat Kollektive Erinnerungen
Der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs schuf schon in den 1920er Jahren auf der Grundlage des Durkheimschen Begriffs „Kollektivbewusstsein“4 den Begriff des „kollektiven Gedächtnisses“5. Nach Halbwachs besteht das Kollektivgedächtnis aus symbolischen und verbalen Konventionen der Gesellschaftsmitglieder, welche die Basis interpersoneller Beziehungen herstellen. Hierbei verbindet das Kollektivgedächtnis durch einen sozialen Rahmen die individuellen Gedächtnisse miteinander.6 Ein Kollektivgedächtnis kann also nur innerhalb einer interagierenden Gruppe ent – und bestehen.
a. Die Bedeutung der Gruppe
Jedes Individuum ist Mitglied mehrerer Gruppen. Diese Gruppen haben gruppenspezifische Grenzen, welche i. d. R. nicht übertreten werden. Nach Halbwachs gebe es für jede Gruppe verschiedene eigene kollektive Gedächtnisse, „die eine Zeitlang die Erinnerung an Ereignisse unterhalten, die nur für sie von Bedeutung sind, aber ihre Mitglieder um so mehr interessieren, je weniger zahlreich diese sind.“7 Die Erinnerung an die Geburt von Mark Meier ist in der Gruppe „Großstadt“ nicht relevant, während die Erinnerung an dieses Ereignis in seiner Gruppe „Dorf“ oder noch stärker in seiner Gruppe „Familie“ bestehen bleibt. Außerdem stellt Halbwachs fest, dass die Erinnerungen, z. B. die Geschichte der eigenen Nation, in einem sehr weitgefassten Rahmen zu finden sind, welche mit dem Individuum nur sehr wenige Berührungspunkte haben. Das kollektive Gedächtnis einer Gruppe ist allerdings auch nur so lange vorhanden, wie die Gruppe existiert. Löst sich die Gruppe auf, geht auch ihr Kollektivgedächtnis verloren. Es ist also zeitlich und räumlich begrenzt, da es eine ebenso begrenzte Gruppe als Träger hat.8
b. Autobiographisches, historisches und kollektives Gedächtnis
Halbwachs beginnt sein Werk „Das Kollektive Gedächtnis“ mit der Beschreibung eines Spazierganges durch das für ihn fremde London. Er beschreitet diesen Weg alleine – ist aber doch nie wirklich allein, sondern erinnert sich sehr poetisch mit jedem Schritt, den er selbst tut, an Gespräche mit Freunden über die Straße, in der er sich gerade befindet, an Reiseführer- Beschreibungen über den historischen Platz, den er betritt usw. Psychisch, so schreibt er, sei er also nie allein unterwegs, denn er teile auf diesem Wege die Erinnerungen der Anderen. Er benutze so ein kollektives Gedächtnis.
Das eben beschriebene Erlebnis von Halbwuchs kann auf viele Situationen bezogen werden. So findet man in Zeitungen und Fernsehberichten jedes Jahr zum Jahrestag des 11. September 2001 Interviews mit Menschen, die erzählen, wie sie sich an den Anschlag auf das World Trade Center erinnern. Für die meisten der Interviewten gilt aber Folgendes: Sie erinnern sich zwar an das individuelle Erleben der Nachricht, an die Fernsehbilder usw. – nicht aber an das Ereignis, an den Anschlag selbst. Denn sie waren nicht vor Ort. Sie verlassen sich auf die Erinnerungen der Zeitzeugen, wenn sie von diesem Ereignis erzählen. Nicht zuletzt aus diesem Grund konnte es überhaupt zu der langen und ausschweifenden Diskussion kommen, ob es sich um einen reellen Anschlag handelte, oder ob alles erfunden worden sei und das World Trade Center nie existiert habe. Nur diejenigen, die vor Ort waren und den Anschlag überlebt haben oder den Opfern geholfen haben, können tatsächlich von ihren Erinnerungen berichten. Dass auch diese Erkenntnis unter Umständen nicht vollkommen korrekt ist, wird im nächsten Kapitel gezeigt.
[...]
1 Nietzsche, Friedrich 1970; Jenseits von Gut und Böse, zitiert nach Miller 2006: 113
2 Miller 2006: 109 bis 128
3 vgl. ebd: 7
4 Kollektivbewusstsein ist die Gesamtheit der Vorstellungen und Ansichten, denen sich die Mitglieder derselben Gesellschaft unterordnen. Erst durch das Kollektivbewusstsein kann das Individuum seine „wirren, triebhaften Bedürfnisse“ ordnen und so ein soziales Wesen werden. Vgl. hierzu z. B. Hillmann 1994: 421 f.
5 Halbwachs 1985
6 vgl. Hillmann 1994: 260
7 Halbwachs 1985: 65
8 vgl. Halbwachs 1985: 64 ff.
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