Untertitel: Mythos und Inzest
Hausarbeit, 2006, 31 Seiten
Autor: Christian Stein
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Details
Institution/Hochschule: Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Tags: Tabu, Tabuwandel
Jahr: 2006
Seiten: 31
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 19 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-81887-2
ISBN (Buch): 978-3-638-82046-2
Dateigröße: 225 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Sicherlich hängen die beiden Themenkomplexe von Inzest und Mythos eng zusammen. So ist eine der ersten Assoziationen zum Thema Inzest sicherlich der Ödipusstoff und der Mythos selbst hat wiederum den Inzest und dessen Folgen als zentrales Thema. Dennoch lohnt es sich, die beiden Themen zunächst zu differenzieren, um beiden in ihrer jeweiligen Vielschichtigkeit gerecht werden zu können. So werde ich zunächst den Inzest unabhängig vom Ödipusmythos beleuchten – eine theoretische Voraussetzung die ich für notwendig erachte, um den emotional und historisch massiv aufgeladenen Begriff präziser zu definieren und so für diese Betrachtung wieder nutzbar zu machen. Im Anschluss werde ich zum Mythos und seiner Geschichte übergehen und dabei zunächst kurz klären, was ein Mythos überhaupt ist. Im Überblick folgen dann einige wichtige Bearbeitungen, die als besonders wirkungsmächtig gelten und den Stoff völlig unterschiedlich ausrichten. Die Interpretation des sophokleischen König Oidipus als der wichtigsten und frühsten Form nimmt dann die zentrale Rolle im Aufbau dieser Arbeit ein. Mit dieser Herangehensweise hoffe ich, die nötigen Perspektiven zum Verständnis des Stoffs aufzeigen und so diesem vielschichtigen Thema gerecht werden zu können, ohne im Dschungel der Rezeptionen und Interpretationen den Überblick zu verlieren.
Textauszug (computergeneriert)
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Hauptseminar: Tabu und Tabuwandel in der Literatur des Mittelalters
Sommersemester 2006
Ödipus
Mythos und Inzest
von
Christian Stein
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 DER INZEST 3
2.1 DAS INZESTTABU 4
2.2 INZEST AUS BIOLOGISCHER UND PSYCHOLOGISCHER SICHT 6
3 DER ÖDIPUS- MYTHOS UND SEINE GESCHICHTE 8
3.1 DER MYTHOS 8
3.2 DIE ERSTEN GRIECHISCHEN ÖDIPUS- BEARBEITUNGEN 9
3.3 SPÄTERE ÖDIPUS- BEARBEITUNGEN 11
4 INTERPRETATION DES SOPHOKLEISCHEN KÖNIG OIDIPUS 14
5 ZUSAMMENFASSUNG 29
6 LITERATURVERZEICHNIS 31
1 Einleitung
Sicherlich hängen die beiden Themenkomplexe von Inzest und Mythos eng zusammen. So ist eine der ersten Assoziationen zum Thema Inzest sicherlich der Ödipusstoff und der Mythos selbst hat wiederum den Inzest und dessen Folgen als zentrales Thema. Dennoch lohnt es sich, die beiden Themen zunächst zu differenzieren, um beiden in ihrer jeweiligen Vielschichtigkeit gerecht werden zu können. So werde ich zunächst den Inzest unabhängig vom Ödipusmythos beleuchten – eine theoretische Voraussetzung die ich für notwendig erachte, um den emotional und historisch massiv aufgeladenen Begriff präziser zu definieren und so für diese Betrachtung wieder nutzbar zu machen. Im Anschluss werde ich zum Mythos und seiner Geschichte übergehen und dabei zunächst kurz klären, was ein Mythos überhaupt ist. Im Überblick folgen dann einige wichtige Bearbeitungen, die als besonders wirkungsmächtig gelten und den Stoff völlig unterschiedlich ausrichten. Die Interpretation des sophokleischen König Oidipus als der wichtigsten und frühsten Form nimmt dann die zentrale Rolle im Aufbau dieser Arbeit ein. Mit dieser Herangehensweise hoffe ich, die nötigen Perspektiven zum Verständnis des Stoffs aufzeigen und so diesem vielschichtigen Thema gerecht werden zu können, ohne im Dschungel der Rezeptionen und Interpretationen den Überblick zu verlieren.
2 Der Inzest
Der Begriff Inzest leitet sich etymologisch vom lateinischen incestum her, einer Substantivierung von incestus, das „unrein, sündhaft, blutschänderisch“ bedeutet. Eine für unseren Sprachgebrauch präzisere Definition bietet der Fremdwörterduden: „Geschlechtsverkehr zwischen Blutsverwandten, zwischen Geschwistern od. zwischen Eltern u. Kindern; Blutschande;“. Die Perspektive auf den Inzest und dessen Konsequenzen sind zu allen Zeiten und in allen Kulturen äußerst wichtig und folgenreich gewesen.
2.1 Das Inzesttabu
Es gibt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, daß ein weiser Magier nur aus Inzest geboren werden könne.1 Ein Tabu bezeichnet generell eine Handlung, die verboten ist. Es verbietet nicht nur jeden Diskurs über das Tabu, sondern bedeutet auch gesellschaftlichen Ausschluss und harte Strafen für diejenigen, die es gebrochen haben. Tabus werden als Naturwidrigkeiten angesehen, die ausgeschlossen werden müssen, um die Gesellschaft zu schützen.
Die Tabuisierung des Inzests ist indes schon sehr alt. Bereits bei den frühesten menschlichen Gesellschaftsformen kann man Hinweise auf die Existenz eines Inzest- Tabus feststellen. Historische Zeugnisse belegen zudem, dass der Inzest nicht nur in allen Kulturen bekannt war, sondern auch immer mit einem besonderen Interesse aufgegriffen und verarbeitet wurde. Sigmund Freud fasst diese Omnipräsenz als entscheidendes Kriterium für das Verständnis von Kultur an sich auf:
"das Inzestverbot geht durch alle Kulturen hindurch, und von der Erklärung dieses
allgemeinen Vorkommens hängt es ab, wie man sich das für jede Kulturtheorie
entscheidende Verhältnis zwischen Natur und Kultur denkt" 2
In seiner Folge beschäftigt sich auch Claude Levi-Strauss intensiv mit dem Inzest und seiner kulturellen Bedeutung. Auf der Suche nach allgemeinen Kriterien zur Klassifizierung sozialer Strukturen entdeckt er ein universelles Inzest- Tabu in allen Kulturen, das die Grundlage sämtlicher Heiratsregeln und Verwandtschaftsverhältnisse bildet. Er kann dadurch Verwandtschaftsmodelle als in sich geschlossene, symbolhafte Ordnungssysteme beschreiben, in denen Menschen nach Verwandten bzw. Nicht-Verwandten in differenzierten Abstufungen gruppiert werden können.
Das Verständnis von Inzest oder Blutschande hat sich in den verschiedenen Kulturen zu verschiedenen Zeiten allerdings stark unterschieden, so dass unsere heutige Definition bei weitem nicht immer in der Form gültig war. Der Tabu- Kern3 - also das, was dem Tabu zugeordnet wird – ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und kann sich in kleinen isolierten Gesellschaften oder abgegrenzten sozialen Schichten auch zu einem Inzestgebot umkehren. Oft wird ein solches Inzestgebot dann ideologisch mit der Reinerhaltung des Blutes, Ebenbürtigkeit oder Göttlichkeit begründet. So ist z.B. die Geschwisterehe des Pharaos in den Pharaonendynastien des antiken Ägypten vorgeschrieben, um die Göttlichkeit zu erhalten.
Doch bereits viel früher in kleineren Jäger und Sammler – Gruppen wird die Kreuzkusinenheirat (Heirat mit den Kindern des Bruders der Mutter oder der Schwester) als wirksames Mittel zur Festigung der Beziehungen zu anderen Gruppen angenommen. Bis in die Neuzeit hinein finden sich Fälle von generationsübergreifend regelmäßigem Inzest in kleinen nach außen abgeschlossenen Gruppen beispielsweise von Emigranten oder religiösen Gemeinschaften.
Viel weiter verbreitet als solche Inzestgebote sind jedoch die Inzestverbote. Die Fragen nach den Grenzen und Konsequenzen des Inzests werden dabei sehr unterschiedlich gehandhabt. In den sehr frühen menschlichen Gemeinschaften wird Inzest irrational hart bestraft – nämlich mit dem Tod. Da sich Verwandtschaft aufgrund ungefestigter Sexualbeziehungen jedoch nur matrilinear eindeutig bestimmen ließ, konnte der eventuelle Beischlaf des Vaters mit der Tochter nicht unter dieses Tabu fallen. Drastisch bestraften auch die Römer den Inzest, nämlich mit dem Zwang zum Selbstmord. Der Tabu- Kern zeigt sich hier allerdings erheblich ausgeweitet: Beischlaf bis zum 6. bzw. 7. Verwandtschaftsgrad wurde noch als Inzest gewertet und dementsprechend geahndet. Das alte Testament schreibt ebenfalls die Todesstrafe für den Inzest vor:
"Ihr sollt euch nicht, kein Mensch von euch, irgendeinem Nähern, der sein naher
Verwandter nach dem Fleische ist, um die Blöße aufzudecken. Ich bin Jahwe. Die
Blöße deines Vaters und die Blöße deiner Mutter sollst du nicht aufdecken. Sie ist
deine Mutter. Du sollst ihre Blöße nicht aufdecken. [...] Was die Blöße deiner
Schwester, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, betrifft, ob in
derselben Hausgemeinschaft oder außerhalb der selben geboren, du sollst ihre Blöße
nicht aufdecken. [...] Falls irgend jemand irgendwelche von all diesen
Abscheulichkeiten tut, dann sollen die Seelen, die sie tun, von den Reihen ihres
Volkes abgeschnitten werden." 4
Darüber hinaus wird auch der Verkehr zwischen Stiefeltern und Stiefkindern als Inzest gewertet. Diese religiös mit Unreinheit und Zügellosigkeit begründeten Verbote sind demzufolge auch heute noch im Judentum, Christentum und Islam gültig, wenn auch meistens mit weniger drastischen Konsequenzen. Selbst wenn die Todesstrafe nicht unmittelbar droht, ist ein Inzestvergehen überall mit gesellschaftlichem Ausschluss und Isolierung verbunden, was für die Betroffenen oft ähnlich schlimm ist. Zur Intensivierung dieser Abgrenzung ist es weit verbreitet, Kinder aus inzestuösen Beziehungen grundsätzlich und unabhängig von den biologischen Tatsachen als geistig behindert anzusehen. Daher ist nicht nur der Akt selbst, sondern auch das Thema im Gespräch Tabu. Das Aussprechen des Tabus kommt damit einer Verurteilung der Betroffenen gleich.
2.2 Inzest aus biologischer und psychologischer Sicht
[...]
1 NIETZSCHE (1872): Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Bd. 1, S. 55-56
2 LÉVI-STRAUSS (1993): Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft, S. 25
3 ebd., S. 155
4 Die Bibel, 3. Mose 18:6 - 7,9,29
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