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Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren)

Wissenschaftlicher Aufsatz, 2001, 54 Seiten
Autor: Dr. Wolfgang Ruttkowski
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 2001
Seiten: 54
Note: gedruckt publiziert
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V7730
ISBN (E-Book): 978-3-638-14888-7
ISBN (Buch): 978-3-638-83903-7
Dateigröße: 341 KB

Zusammenfassung / Abstract

Hier werden, aus komparatistischer und ethnopoetischer Sicht (also letztlich vom Standpunkt der „Interkulturalität“) und in der Form von Thesen mit Erläuterungen, die meisten Annahmen der konventionellen Literaturwissenschaft hinsichtlich des Zusammenhangs von ästhetischen Maßstäben und Kanonformation in Frage gestellt. (IVG-Vortrag, Universität Wien, 14.9.2000; In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Intercultural Studies Bd. 27, München: iudicium 2001, 71-103; und in modifizierter Form in: Acta Humanistica, Foreign Languages and lit. S. No. 28, March 2001, 77-119)


Textauszug (computergeneriert)

Kanon und Wert (10 Thesen mit Kommentaren)

Wolfgang RUTTKOWSKI

 

Keywords: Aesthetics, Canon, Value, Comparative Literature, Ethno-Poetics

 

Zusammenfassung: Hier werden, aus komparatistischer und ethnopoetischer Sicht (also letztlich vom Standpunkt der ,,Interkulturalität") und in der Form von Thesen1 mit Erläuterungen, die meisten Annahmen der konventionellen Literaturwissenschaft hinsichtlich des Zusammenhangs von ästhetischen Maßstäben und Kanonformation in Frage gestellt.

Summary: From the viewpoint of comparative ethnopoetics (that is from the ,,inter-cultural point of view") and in the form of summary statements with commentaries, most assumptions of conventional criticism concerning the connection between canon-formation and aesthetic values are put into question.

Vorbemerkung: Innerhalb unserer Fragestellung, ob die Werte, die unserem eigenen Literaturkanon zugrunde zu liegen scheinen, universal sind, ist es nur sinnvoll, Literaturen zu vergleichen, die sich noch nicht gegenseitig beeinflußt oder überlagert haben, also genau die Literaturen, die vor oder außerhalb dessen liegen, was Goethe mit dem Begriff "Weltliteratur" anzielte.

Für Reingard Nethersole ,,stellt die gegenwärtige Debatte um Kanon, Kanonizität und Kanonisierung [...] nur ein Symptom unter vielen dar, das auf einen sich immer stärker abzeichnenden Strukturwandel der Allgemeinen Literaturwissenschaft hindeutet."

2(108) Er stellt fest, daß ,,sich der altaufklärerische Traum, den okzidentalen, westlichen Kanon zur universalen Orientierungshilfe zu machen, trotz der Bemühungen seiner Verteidigung im Gewand einer Weltliteratur angesichts globaler gegenseitiger Abhängigkeit nicht weiter träumen läßt." (126) ,,Versteht sich die Komparatistik im engeren Sinn als vergleichende Wissenschaft von `Dichtung′, dann sollte sie eine zeitgemäße Ästhetik aufgrund eines Kanons möglicher Anschauung und Bewertung von Texten erarbeiten." (127) - Ob dies allerdings möglich ist, wird uns hier beschäftigen. Was wenn die ,,kanonischen" Werke fremder Literaturen gar nicht nach ästhetischen Kriterien ausgesucht worden sind? Und was, wenn es ,,universale" oder ,,zeitlose" Maßstäbe nicht gibt? Dann hilft es auch nicht, daß man den Horizont ,,möglicher Anschauung und Bewertung von Texten" weiter zieht als bisher.-

Wer sich die Auffassung von "Weltliteratur" zu eigen macht, die Horst Steinmetz (m.E. zu Recht) aus Goethes erstmaligem Gebrauch dieses schwierigen Begriffs destilliert, der bekommt eine genaue Vorstellung von der Periode, die wir in unserer Betrachtung ausklammern müssen, nämlich der Periode der gegenseitigen Kenntnisnahme und Beeinflussung der Literaturen der Welt. Steinmetz: "Weltliteratur ist als Produkt ökonomischer, historischer und geistiger Entwicklungen zunächst als eine Literatur zu definieren, die von vornherein nationale und sprachliche Barrieren überschreitet und überschreiten will. Dies nun jedoch nicht, weil sie sich durch besondere literarische oder andere Qualitäten auszeichne, sondern in erster Linie, weil sie auf Lebenssituationen reagiert, die insbesondere in den sogenannten kapitalistischen Ländern trotz unterschiedlicher nationaler Milieus einander in zunehmendem Maße gleichen."3- Besonders zu beachten an diesem Zitat ist in unserem Zusammenhang der ausdrückliche Hinweis auf die Irrelevanz ,,besonderer literarischer oder anderer Qualitäten".

1) Der Problemkomplex der Kanonformation, wie die "komparative Poetik" und "Ethnopoetik" ihn sehen, hängt sowohl mit dem Wertproblem wie auch mit unserem (verabsolutierten) Schönheitsbegriff zusammen wie die Endpunkte eines Dreiecks (d.h. jeder der drei Begriffe mit den beiden übrigen). Denn wir gehen von der, m.E. falschen, Annahme aus, daß wir nur den Kunstgegenständen "Wert" zugestehen und sie in den Kanon der "Meisterwerke" aufnehmen, die wir zugleich als "schön" bezeichnen. Wer aber an den philosophischen Nutzen des Schönheitsbegriffs nicht glaubt, weil Schönheit kulturrelativ ist, der wird auch weder an absolute (d.h. kulturunabhängige) ästhetische Werte noch an einen allgemeingültigen Kanon literarischer Meisterwerke für Literatur glauben.

Wenn man nicht an die ,,Existenz" von ästhetischen Werten glaubt, sondern nur an die von Werterlebnissen, die wir auf gewisse Gegenstände projizieren, dann werden Art und Anlaß unserer Wertprojektionen davon bestimmt, wie wir selbst geartet sind. Jeder projiziert anders und anderes, auf welchen Sachverhalt wir gewöhnlich mit den Begriffen ,,Geschmack" und ,,Erwartungshorizont" verweisen. Letzterer hängt wiederum zu großen Teilen von der kulturellen Umgebung, die uns geprägt hat, ab. Da diese in verschiedenen Kulturen nicht die gleiche sein kann (sonst sprächen wir eben nicht von ,,verschiedenen" Kulturen), können auch (noch) wahrhaft verschiedene Kulturen nicht gleiche Werterlebnisse ermöglichen.
Kürzlich ist, neben dem der "vergleichenden Ästhetik"4 der Begriff "Ethnopoetik"5 für kulturübergreifende Vergleiche poetischer Sprache und Darstellung kreiert worden. Dieser weist bereits als solcher auf eine Auffassung hin, die sich erst in unserer Zeit und nur bei einer "komparativ" eingestellten Literaturwissenschaft durchsetzt, nämlich daß es nicht nur eine Poetik gibt, mit ihren Schönheitskriterien und Wertmaßstäben, sondern mindestens so viele, wie es klar unterscheidbare Kulturen gibt, wahrscheinlich aber innerhalb dieser Kulturen außerdem noch mehr als eine, je nachdem, welchen Zeitabschnitt einer Kultur wir beleuchten. Die gegenteilige Auffassung wird jetzt gelegentlich als "eurozentrisch" verurteilt.
Diese Unterscheidung gilt natürlich nur, wenn wir "Poetik" als eine Disziplin auffassen, die bereits ein Wertsystem umfaßt, wie z.B. die sogen. "Abweichungspoetik", die sprachliche "Originalität" als ihr Hauptwertkriterium betrachtet. Wenn wir "Poetik" als wertfreie Disziplin betreiben, dann verstehen wir sie bereits als "komparative" oder eben "Ethnopoetik".
Eine relativ neue, von zwei Japanern geschriebene Analyse des japanischen Schönheitsbegriffs beginnt mit der bezeichnenden Feststellung: "Der japanische Sinn für Schönheit ... ist tatsächlich so radikal verschieden von dem, was normalerweise im Westen mit der ästhetischen Erfahrung assoziiert wird, daß er sogar mysteriös, rätselhaft oder esoterisch auf uns wirkt."6
Es braucht kaum besonders betont zu werden, daß wir hier, in Jörg Schönerts Worten, vom ,,transhistorischen Musterkanon" sprechen, ,,der in seinem Umfang prinzipiell nicht begrenzt ist, aber tendenziell mit Entschiedenheit begrenzt wird. Als konkurrierender Typus ist der `historische Kanon′ anzusprechen, der den Verlauf der Literaturgeschichte mit repräsentativen Texten dokumentiert. Dieser Kanon ist narrativ organisiert; an ihm wird ständig fortgeschrieben - im Gegensatz zum Musterkanon ..."7
Renate von Heydebrand scheint an die Existenz absoluter, nicht kultur-relativer ästhetischer Werte zu glauben, wenn sie von eben diesem ,,Spitzen- oder Musterkanon" sagt: ,,Er umfaßt weltliterarisch unangefochtene Werke/Autoren [...] diese [...] sind [...] unter künstlerischen und akademischen Kennern unstrittig. Dieser Kanon ist relativ stabil; seine Zeitresistenz scheint auf intraästhetischen Qualitäten zu beruhen [...] Er beruht weitgehend auf Konsens."8
Andererseits äußert sie sich zu ,,Genese und Intentionen von Kanonbildungen" viel vorsichtiger und auf eine Weise, der auch wir zustimmen können: ,,Die Genese von Kanones, zumal des absoluten Kanons, wird [...] auf intraästhetische Qualitäten der Werke zurückgeführt, deren Kriterien mit der Ausdifferenzierung spezifischer ästhetischer Felder oder Subsysteme in der Neuzeit eine gewisse Autonomie gewinnen.[...] Nicht Macht, sondern selbstverständlicher Konsens unter denen, die im ästhetischen Feld agieren, soll diesem Kanon zugrunde liegen [...] Solche den Werken inhärenten Qualitäten und ihnen zugeordnete Werte [...] sind auch in der Kanonforschung immer noch nicht überzeugend ausgearbeitet worden." (617). ,,Der ästhetische Kanon wird seit der Renaissance ausgebildet, ist aber von vornherein nicht geschlossen. [...] Mit der Genieästhetik wird im 18. Jahrhundert gegen die Herrschaft der Rhetorik die ästhetische Autonomie zur Kanonnorm [...] Die implizierte Innovationsnorm dynamisiert den Kanon, auch im Paradigma der Generationen." Über die Beiträge zum Kongreß, den sie leitete und über den sie berichtet, sagt sie: ,,Mit der Hilfe eines Kanons profiliert sich in der Renaissance jene Vorstellung von Künstlertum, für die bereits Originalität und ästhetische Innovation die maßgeblichen Kriterien sind [...] An den ästhetischen Diskursen und den Selbstinszenierungen von Autoren im 18. Jahrhundert wird die Ausdifferenzierung der Ästhetik als autonomer Bereich ablesbar ..." (624, meine Hervorhebungen).
Diese Äußerungen, sowohl von Heydebrand selbst wie von den referierten Kongreßbeiträgen, stehen im Widerspruch zu den Anschauungen der Abweichungspoetik: Wenn die Wertmaßstäbe der Innovation und Originalität sowie der ästhetischen Autonomie erst seit der Genieästhetik und höchstens seit der Renaissance in unserer Kultur existieren, können sie nicht auf andere Kulturen angewandt und damit verallgemeinert werden

[...]

1 Vorgetragen am 14.9. 2000 anlässlich des X. Internationalen Germanistenkongresses an der Universität Wien. Volle Version in Acta Humanistica Universitatis Sangio Kyotiensis, Foreign Languages and Literature Series No. 28 (Kyoto, Japan, March 2001) 71-119. Eine veränderte Fassung unter dem Titel "Kanon und Wert. Zur Kritik leitender Annahmen. Neun Thesen mit Kommentaren" in Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache. Intercultural German Studies, Bd. 27 (München: iudicium 2001) 71-103. Eine Version in englischer Sprache unter dem Titel ,,East and West and the Concept of Literature" in Journal of Comparative Literature and Aesthetics Vol. XXIV, Nos. 1-2 (Sambalpur University, Jyoti Vihar, Orissa, Indien 2001) 89-125.

2 ,,Macht und Ohnmacht des Kanons im Widerspiel etablierter und emergenter Literaturen" In: Kanon und Theorie . Marie Moog-Grünewald . Hrsg., (Heidelberg: Winter 1997) 108-127. Vergl. Ebenda auch Thomas Wägenbaur: ,,Aufklärung über die Aufklärung hieße einmal, ihre eurozentrischen Katgorien insoweit in Frage zu stellen, daß man sich von andern in ihrer Sprache sagen läßt, was sie davon halten. So wird ihr universalistischer Geltungsanspruch auch einmal ausgesetzt. [...] Erst wenn euro-amerikanische Dominanz auf allen Ebenen abgebaut würde, könnte international [...] über andere Welt-Kanones verhandelt werden." (,,Gegen-Welt-Literatur", 128-138, 138).

3 Literatur und Geschichte, München 1988, 103-141, 113. Vergl. H. S.: ,,Weltliteratur- Umriß eines literaturgeschichtlichen Konzepts", sowie die anschließende Kontroverse zwischen Steinmetz, Claus Clüver, und Zoran Konstantinovic im Yearbook of Comparative and General Literature 37, 1988, 131-144.

4 Eliot Deutsch: Comparative Aesthetics. in: Encyclopedia of Aesthetics, ed. Michael Kelly, New York: Oxford UP 1988, I, 409-412.

5 Tim Ingold, Hrsg.: Companion Encyclopedia of Anthropology. London/New York 1994, 870.

6 Isutzu, Toshihiko and Toyo: The Theory of Beauty in the Classical Aesthetics of Japan. The Hague 1981; dt. hg. Franziska Ehmcke: Die Theorie des Schönen in Japan - Beiträge zur klassischen japanischen Ästhetik. Dumont Taschenbücher 1981, ix, meine Übers.

7 Einführung. In: Heydebrand, Hg., Kanon Macht Kultur - Versuch einer Zusammenfassung Germanistische Symposien Berichtsbände XIX, Stuttgart: Metzler 1998, 317.

8 In: Heydebrand, Hrg. 1998, 615.


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