Subtitle: Wie eine stärkere Publikumsbeteiligung den Journalismus verändert
Scholarly Research Paper, 2006, 106 Pages
Authors: Daniela Bolsmann, Lisa Seiler
Subject: Communications: Journalism, Journalism Professions
Details
Tags: Mitmach-Medien
Year: 2006
Pages: 106
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 189 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-86886-0
File size: 767 KB
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Abstract
... Diese Arbeit widmet sich einer speziellen Form der Publikumsbeteiligung, die hier in Anlehnung an die Definition von Joyce Nip (2006) als „participatory journalism“, als par-tizipativer Journalismus also, bezeichnet wird. Unter diesem Stichwort versteht die vorlie-gende Arbeit einen Journalismus, der die Nähe seines Publikums sucht, indem er dieses an den eigenen Prozessen und Produkten beteiligt. Professionelle Journalisten werden dadurch nicht überflüssig, ihre Arbeit wird vom Publikum lediglich unterstützt bzw. ergänzt. Aufgrund seines hohen Potentials an Interaktivität ist das Internet für eine Zusammenarbeit mit dem Publikum besonders geeignet, aber auch in die Berichterstattung anderer Medien kann das Publikum stärker einbezogen werden. Eine solche Form von Journalismus ist aus zweierlei Gründen interessant. Die neue Vorgehensweise wendet sich klar gegen den traditionellen Journalismus, in dem ein passi-ves Publikum von einer journalistischen Elite informiert wird. Wie ein dominanter Vater glaubt diese Elite ganz genau zu wissen, was für die Schützlinge am besten ist. Der partizipative Journalismus wendet sich gegen diese elitäre Bevormundung, zugleich jedoch will er die Revolte der mündig gewordenen Schützlinge stoppen. Er grenzt sich damit ab von dem Phänomen, das sich als Gegenbewegung zum traditionellen Journalismus versteht: den neuen Formen von Amateurjournalismus im Internet. Interessanterweise versucht der partizipative Journalismus dabei den webbasierten Bürgerjournalismus mit den eigenen Waffen zu schlagen: mit mehr Interaktion und Transparenz, mit Blogs und Wikis. Der par-tizipative Journalismus folgt somit dem Leitspruch von Blogger Jarvis: „Online, you have to give up control to gain power“ (2003). Ziel dieser Arbeit ist es, den partizipativen Journalismus innerhalb des Spannungsfel-des zwischen den traditionellen und den von Amateuren bestimmten Formen zu verstehen: Wie ist er entstanden? Wie lassen sich partizipative Projekte umsetzen? Und wie wirken sie sich auf den Journalismus insgesamt aus? Die Literatur zum Thema hat diese Fragen bisher noch nicht systematisch und zusammenhängend beantwortet. Diese Arbeit wird die verschiedenen Ansätze daher systematisieren und modellhaft darstellen. ...
Excerpt (computer-generated)
Universität Dortmund, Studienarbeit am Institut für Journalistik
Abgabedatum: 31.August.2006
Mitmach-Medien
Wie eine stärkere Publikumsbeteiligung den Journalismus verändert
von
Daniela Bolsmann und Lisa Seiler
zur Arbeitsaufteilung:
Daniela Bolsmann hat folgende Unterkapitel verfasst:
2.2, 3.2, 3.3, 3.4.5 bis 3.4.7 und 4... 1
Lisa Seiler hat folgende Unterkapitel verfasst:
2.3, 3.1. 3.4.1 bis 3.4.4, 4.2 und 4... 3
Einleitung, Fazit und alle übrigen Unterkapitel wurden gemeinsam erstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus... 1
2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus... 4
2.1 Traditioneller Journalismus... 5
2.1.1 Begriffsbestimmung... 5
2.1.2 Kritik am traditionellen Journalismus... 6
2.1.3 Interaktionsmodell... 7
2.2 Public Journalism... 8
2.2.1 Begriffsbestimmung... 8
2.2.2 Entwicklung... 10
2.2.3 Philosophie und Ziele... 11
2.2.4 Vorgehensweise... 13
2.2.5 Kritik und Probleme... 15
2.2.6 Interaktionsmodell... 16
2.3 Webbasierter Bürgerjournalismus... 17
2.3.1 Begriffsbestimmung... 17
2.3.2 Entwicklung... 18
2.3.3 Formen des webbasierten Bürgerjournalismus... 19
2.3.3.1 Weblogs... 19
2.3.3.2 Podcasts... 21
2.3.3.3 Wikis... 22
2.3.4 Konkurrenzverhältnis... 23
2.3.5 Interaktionsmodell... 25
2.4 Partizipativer Journalismus... 26
2.4.1 Begriffsbestimmung... 26
2.4.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den anderen Interaktionsmodellen... 27
3. Formen des partizipativen Journalismus... 31
3.1 Die Anfänge: Medien nutzen ihr Publikum... 31
3.1.1 Katastrophenberichterstattung – Augenzeugen beliefern Medien... 32
3.1.2 OhmyNews... 34
3.2 Grundsatzentscheidungen... 36
3.3 Modelle des partizipativen Journalismus... 43
3.3.1 Stufe 1 – Das Publikum als Kommentator... 44
3.3.2 Stufe 2 – Das Publikum als Assistent... 48
3.3.3 Stufe 3 – Das Publikum als Produzent... 50
3.3.4 Stufe 4 – Das Publikum als Redakteur (Wiki-Journalismus)... 53
3.3.5 Überblick über das Vier-Stufen-Modell... 55
3.4 Fallbeispiele... 57
3.4.1 Saarbrücker Zeitung: Leser-Reporter... 57
3.4.2 Rheinische Post: Opinio... 59
3.4.3 Netzeitung: Readers Edition... 60
3.4.4 Bakersfield Californian: Northwest Voice... 62
3.4.5 Minnesota Public Radio... 63
3.4.6 Current TV... 66
3.4.7 BBC... 68
4. Mögliche Folgen des partizipativen Journalismus... 72
4.1 Chancen... 72
4.1.1 Verbesserung der journalistischen Qualität... 72
4.1.2 Verbesserung der wirtschaftlichen Situation... 74
4.2 Risiken und Probleme... 77
4.3 Auswirkungen auf das journalistische Berufsbild... 82
5. Fazit und Ausblick... 86
Literaturverzeichnis 89
1. Einleitung - Publikumsbeteiligung im Journalismus
Seit 20 Jahren lehrt Jay Rosen an der New York University Journalismus. Im Jahr 2003 startete er sein Blog „Press Think“, in dem der Eintrag vom 27. Juni 2006 wie folgt beginnt: „The people formerly known as the audience wish to inform media people of our existence, and of a shift in power that goes with the platform shift you’ve all heard about.“ (Rosen, 2006a) Die neue Plattform, von der Rosen spricht, das Internet, hat viel Bewegung in den Journalismus gebracht – unter anderem in dessen Verhältnis zu seinem Publikum. Auch Jeff Jarvis, ebenfalls Blogger und Professor in New York, sieht den Einfluss des Publikums durch das Internet gestärkt: „The Internet is the first medium owned by the audience. [...] In the Internet, the audience finally gets a voice.” (Jarvis, 2002)
Das Internet gibt dem Publikum also mehr Macht. Es verwandelt passive Rezipienten in aktive Teilnehmer. Inhalte werden ihnen nicht einfach vorgesetzt, sondern die Rezipienten arbeitet aktiv mit an ihrer Konstruktion (Morris, 2002, 15). Der Blogger und Journalist Dan Gillmor ist davon überzeugt, dass die neue Rolle des Publikums den Journalismus tiefgreifend verändern wird: „Tomorrow’s news reporting and production will be more of a conversation, or a seminar. The lines will blur between producers and consumers, changing the role of both in ways we’re only beginning to grasp now.” (2006a, xxiv)
In einer Zeit, in der sich der Journalismus in ein Gespräch verwandelt, wird die Position der Journalisten radikal in Frage gestellt. Ihre Vormachtstellung als Gatekeeper, als Schleusenwärter von Informationen, wird ihnen streitig gemacht – ausgerechnet von dem Publikum1, dem sie dienen (Bowman/Willis, 2005, 5). In welchem Maße Journalisten dadurch an Bedeutung verlieren, hängt letztlich davon ab, ob und wie es ihnen gelingt, sich am „Gespräch Journalismus“ zu beteiligen (Gillmor, 2005, 11). Immer mehr Wissenschaftler sagen den Medien in ihrer jetzigen Form ihr Ende voraus, sollten sie es nicht schaffen, das Publikum stärker in die eigene Arbeit einzubinden (Bowman/Willis, 2003, 58; Lennon, 2003, 79; Marx, 2006; Pitzke, 2005). Die simple Botschaft der neuen Entwicklungen bringt der Journalist und Medienberater Tim Porter in seinem Blog auf den Punkt: „The ‚audience’ is out there. Journalists need to be out there, too.” (2006b)
Inzwischen existieren zahlreiche journalistische Reformbewegungen, die versuchen, genau das zu tun, was Porter verlangt: auf das eigene Publikum zugehen, ihm eine aktivere Rolle zusprechen. Die Begriffe, mit denen diese Versuche bezeichnet werden, sind enorm vielfältig. So ist in diesem Zusammenhang unter anderem die Rede von: Citizen Journalism/Media oder Bürgerjournalismus/-medien, Grassroots Journalism/Media, Individual Journalism, Open Content, Open Source Journalism, Participatory Journalism oder partizipativem Journalismus, Personal Journalism/Media, Public Journalism, User-Provided Content, User-Generated Content bzw. nutzergenerierten Inhalten und We Media (z.B. Lasica, 2003b; Witt, 2006). Wissenschaftlich problematisch ist, dass hinter keiner dieser Bezeichnungen ein klar definiertes und allgemein anerkanntes Konzept steckt. Nahezu jeder Autor, der sich mit dem Thema befasst, scheint eine andere Vorstellung von der Bedeutung der Begriffe zu haben, die er verwendet. „There is no agreed upon terminology“, konstatiert der Journalismus-Dozent Leonard Witt von der Kennesaw State University (2006). Der Mangel an allgemeingültigen Definitionen führt zu viel Verwirrung rund um die unterschiedlichen Ansätze (Outing, 2005a). In einigen Artikeln und Aufsätzen werden Begriffe synonym verwendet, die in anderen Publikationen scharf voneinander abgegrenzt werden (Henig, 2005; Rosenberry, 2004, 29). Weiter erschwert wird diese Problematik dadurch, dass sich das Phänomen der Publikumsbeteiligung im Journalismus, genau wie das Internet insgesamt, noch immer ständig weiterentwickelt und verändert: „The ever-changing, rapidly evolving nature of the online world adds to these problems by giving researchers a ‚moving target’ that they’re trying to hit.” (Rosenberry, 2004, 29)
Diese Arbeit widmet sich einer speziellen Form der Publikumsbeteiligung, die hier in Anlehnung an die Definition von Joyce Nip (2006) als „participatory journalism“, als partizipativer Journalismus also, bezeichnet wird. Unter diesem Stichwort versteht die vorliegende Arbeit einen Journalismus, der die Nähe seines Publikums sucht, indem er dieses an den eigenen Prozessen und Produkten beteiligt. Professionelle Journalisten werden dadurch nicht überflüssig, ihre Arbeit wird vom Publikum lediglich unterstützt bzw. ergänzt. Aufgrund seines hohen Potentials an Interaktivität ist das Internet für eine Zusammenarbeit mit dem Publikum besonders geeignet, aber auch in die Berichterstattung anderer Medien kann das Publikum stärker einbezogen werden. Eine solche Form von Journalismus ist aus zweierlei Gründen interessant. Die neue Vorgehensweise wendet sich klar gegen den traditionellen Journalismus, in dem ein passives Publikum von einer journalistischen Elite informiert wird. Wie ein dominanter Vater glaubt diese Elite ganz genau zu wissen, was für die Schützlinge am besten ist. Der partizipative Journa- lismus wendet sich gegen diese elitäre Bevormundung, zugleich jedoch will er die Revolte der mündig gewordenen Schützlinge stoppen. Er grenzt sich damit ab von dem Phänomen, das sich als Gegenbewegung zum traditionellen Journalismus versteht: den neuen Formen von Amateurjournalismus im Internet. Interessanterweise versucht der partizipative Journalismus dabei den webbasierten Bürgerjournalismus mit den eigenen Waffen zu schlagen: mit mehr Interaktion und Transparenz, mit Blogs und Wikis. Der partizipative Journalismus folgt somit dem Leitspruch von Blogger Jarvis: „Online, you have to give up control to gain power“ (2003).
Ziel dieser Arbeit ist es, den partizipativen Journalismus innerhalb des Spannungsfeldes zwischen den traditionellen und den von Amateuren bestimmten Formen zu verstehen: Wie ist er entstanden? Wie lassen sich partizipative Projekte umsetzen? Und wie wirken sie sich auf den Journalismus insgesamt aus? Die Literatur zum Thema hat diese Fragen bisher noch nicht systematisch und zusammenhängend beantwortet. Diese Arbeit wird die verschiedenen Ansätze daher systematisieren und modellhaft darstellen. Der partizipative Journalismus, den Joseph D. Lasica (2003c) zu Recht als „a slippery creature“, eine schwer zu fassende Kreatur also, kennzeichnet, wird in der vorliegenden Arbeit greifbar gemacht, indem das Phänomen in Kapitel 2 zunächst von den drei anderen Modellen der Beziehung zwischen Journalisten und Publikum abgegrenzt wird: dem traditionellen Journalismus, dem Public Journalism und dem webbasierten Bürgerjournalismus. Im Anschluss an die Abgrenzung wird der partizipative Journalismus definiert und die Interaktionsmodelle der vier Phänomene werden miteinander verglichen.
Das dritte Kapitel setzt sich dann mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen von partizipativem Journalismus auseinander. Nach einem Überblick über die Anfänge des Phänomens werden die Grundsatzentscheidungen dargestellt, die jede Redaktion treffen muss, wenn sie sich partizipativen Formen widmen möchte. Anschließend wird ein vierstufiges Schema der verschiedenen Modelle von partizipativem Journalismus etabliert. Um eine konkrete Vorstellung davon zu vermitteln, wie die theoretischen Modelle in der Praxis in Deutschland, den USA und Großbritannien tatsächlich umgesetzt werden, wird dann auf sieben Fallbeispiele genauer eingegangen. Bevor der partizipative Journalismus im Fazit der vorliegenden Arbeit abschließend diskutiert und bewertet wird, widmet sich das vierte Kapitel den möglichen Folgen des neuen Phänomens. Sowohl die Chancen, Probleme und Risiken, die dieser mit sich bringt, als auch die Auswirkungen auf das journalistische Berufsbild werden dabei angesprochen.
2. Abgrenzung und Definition von partizipativem Journalismus
Der partizipative Journalismus wird in diesem Kapitel gegen drei andere journalistische Formen abgegrenzt: den traditionellen Journalismus, den Public Journalism und den webbasierten Bürgerjournalismus. Alle vier genannten Phänomene werden in dieser Arbeit als Journalismus bezeichnet, was jedoch keine journalismustheoretische Wertung darstellt. Eine Erörterung der Frage, welche Formen von Publikumsbeteiligung sich zu Recht als Journalismus bezeichnen lassen, wäre im Rahmen dieser Arbeit nicht zielführend. Denn der Gegenstand der Untersuchung, der partizipative Journalismus, soll nicht mit Hilfe vorgefertigter Kategorien bewertet, sondern deskriptiv erfasst werden2.
Die Benennung als „Journalismus“ spiegelt hier zum einen den allgemeinen Sprachgebrauch wider. Zum anderen setzt eine Beschäftigung mit der wachsenden Publikumsbeteiligung im Journalismus automatisch eine weit gefasste Journalismus-Definition voraus. Schließlich würden beispielsweise akteurszentrierte Ansätze, die mit Kriterien journalistischer Professionalität arbeiten und die Zugehörigkeit zu bestimmten Medieninstitutionen zur Voraussetzung für journalistische Tätigkeit machen, Bürgerjournalismus jeglicher Art von vornherein ausschließen3.
Das Verständnis von Journalismus, das dieser Arbeit zugrunde liegt, ist daher funktional bzw. inhaltlich geprägt. Es orientiert sich etwa an der „besonderen Zuständigkeit“, die der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg dem Journalismus in seinem systemtheoretischen Ansatz zuweist. Aufgabe von Journalismus ist es demzufolge, „Themen zu selektieren und zu präsentieren, die neu, relevant und faktisch sind“ (Weischenberg, 2005, 132). Ganz ähnlich argumentiert William Woo von der Stanford University, für den ein essentielles Merkmal von Journalismus dessen öffentlicher Nutzen ist (2005, 31). Journalismus wird in dieser Arbeit zudem, in Übereinstimmung mit Weischenberg, als eine soziale Konstruktion begriffen, „die in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit bestimmte Merkmale aufweist“. Es gibt folglich kein eigentliches und unabänderliches „Wesen“ des Journalismus (Weischenberg, 2005, 133).
2.1 Traditioneller Journalismus
2.1.1 Begriffsbestimmung
Essentielles Kriterium des traditionellen Journalismus4 ist ein weitgehender Verzicht auf Interaktion mit dem Publikum. Informationen fließen fast ausschließlich in eine Richtung: vom Journalisten als Kommunikator zum Publikum als Rezipient. Morris charakterisiert den traditionellen Journalismus daher als einen „one-way, delivery-of-information product approach“ (2002, 1). Den Journalisten ist dabei die aktive, dem Publikum die passive Rolle zugeordnet – ein Rollentausch ist unmöglich (Kunczik/Zipfel, 2005, 50).
Mit dieser einseitigen Informationsvermittlung ist der traditionelle Journalismus derzeit noch das klar dominierende Interaktions-Modell auf dem Medienmarkt. Weischenberg zufolge zeigt die empirische Evidenz, „dass Leser/Hörer/Zuschauer zwar eine zentrale Referenz des Journalismus bilden, aber bei der Aussagenentstehung schon aufgrund der Rollentrennung zwischen Produzenten und Rezipienten nur über Erwartungserwartungen mitwirken“ (2005, 134). Abgesehen von einer solchen indirekten Form der Mitwirkung bleiben dem Publikum im traditionellen Journalismus nur wenige Möglichkeiten. „The people do not play any part in the news process except as news sources from which journalists gather information and opinion“, schreibt beispielsweise Nip. „But most people, except government officials and those who bear titles, have little chance of becoming news sources.“ (Nip, 2006, 216) Der Philosoph Vilém Flusser merkt an, dass die Distanz zwischen Journalisten und ihrem Publikum so groß geworden sei, dass letzteres für Journalisten nahezu unsichtbar werde. Aus journalistischer Perspektive befinde sich das Publikum „am Horizont, beinahe schon außerhalb des Diskurses“ (Flusser, 1998, 28).
Dennoch sind traditionell arbeitende Journalisten heute nicht gänzlich von ihrem Publikum abgeschottet. Niemand kann einen Leser, Hörer oder Zuschauer von einem Anruf in der Redaktion eines Mediums abhalten, und es steht dem Publikum ebenfalls frei, Leserbriefe zu verfassen. Ein geringes Maß an Interaktion ist also möglich. Es werde jedoch zu wenig Wert auf den Kontakt zum Publikum gelegt, meint Morris: „Interactivity was secondary in the traditional journalism of the past half-century; it was typically referred to as feedback and treated as incidental to the main business of information delivery.” (2002, 3) Nur in Ausnahmefällen wird vom Publikum generiertes Material wie Texte, Bilder oder Filmaufnahmen über traditionell arbeitende Medien verbreitet. Ein besonders frühes und prominentes Beispiel für eine solche Ausnahme sind die Fernsehbilder von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, die ein Amateur mit der eigenen Kamera festgehalten hatte (Merritt, 1995, 36). Es handelt sich hierbei jedoch eher um Zufälle. Der traditionelle Journalismus fordert sein Publikum nicht explizit zur Mitwirkung an seinen Produkten auf.
2.1.2 Kritik am traditionellen Journalismus
[...]
1 Der Begriff Publikum ist in dieser Arbeit sehr weit gefasst und bezeichnet alle potentiellen Konsumenten journalistischer Medien – sei es Print, Online, Radio oder Fernsehen. Die Gruppe der Konsumenten bzw. des Publikums bestimmt sich in Abgrenzung von denjenigen Personen, die als professionelle Journalisten an den Inhalten der Medien haupt- oder freiberuflich mitarbeiten. Das Publikum besteht also aus journalistischen Amateuren, es hat – im Gegensatz zu professionellen Journalisten – in der Regel keine journalistische Ausbildung und verdient kein Geld durch journalistische Tätigkeiten. Die hier verwendete Definition von professionellen Journalisten orientiert sich an der Begriffsbestimmung von Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl (2006, 347).
2 Mit den Grenzen des Journalismus im Bereich der Bürgerbeteiligung befassen sich beispielsweise Armborst (2005), Dudek (2006), Henig (2005), Stegers (2005b) und Woo (2005).
3 Ein Beispiel für eine eng gefasste Journalismusdefinition, die auf mehreren Ebenen Kriterien für journalistisches Handeln aufstellt, bietet die Arbeit von Armin Scholl (1997). Scholls Ziel ist es „Journalismus von Public Relations, Werbung, Kunst, Publizistik und Laien-Kommunikation unterscheiden zu können“ (482f.). Im Gegensatz zum Journalismus sei Laien-Kommunikation beispielsweise erkennbar „an Ehrenamtlichkeit oder am fehlenden Presseausweis“ (474).
4 Ist in dieser Arbeit von „traditionellem Journalismus“ die Rede, so bezieht sich „traditionell“ nicht auf die Art des Mediums, in welchem Journalismus praktiziert wird, sondern auf die Form der Interaktion mit dem Publikum. Oft werden als „traditionelle Medien“ Print, Radio und Fernsehen bezeichnet – in Abgrenzung zu neueren Medien wie dem Internet, so auch in dieser Arbeit. Traditioneller Journalismus, im Sinne dieser Arbeit, kann durchaus auch im Internet praktiziert werden. „Die Massenmedien übertragen im Wesentlichen den traditionellen Journalismus ins Internet“, stellt Neuberger (2004) fest und spezifiziert diese Diagnose in Bezug auf die zugrunde liegende Interaktionsform wie folgt: „Die Kommunikation verläuft überwiegend einseitig, unter Verzicht auf die interaktiven Möglichkeiten des Internets.“
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