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Jean-Jacques Rousseau als Kulturkritiker

Hausarbeit, 2003, 23 Seiten
Autor: Miriam Reiling
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Veranstaltung: Rhetorik der Kulturkritik
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Neuphilologie)
Tags: Jean-Jacques, Rousseau, Kulturkritiker, Rhetorik, Kulturkritik
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 23
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 14  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V80111
ISBN (E-Book): 978-3-638-86351-3
ISBN (Buch): 978-3-638-86623-1
Dateigröße: 224 KB

Zusammenfassung / Abstract

Wenn wir den Namen ‚Jean-Jacques Rousseau’ hören, so verbinden wir damit sicherlich zuallererst den Mythos des edlen Wilden („bon sauvage“). Und wenn es sich auch nur um einen Mythos zu handeln scheint, so weiss Rousseau doch genau, worüber er schreibt, denn: er hat ihn gelebt. Rousseau, der ja schliesslich auch in der zivilisierten Gesellschaft lebte, bekam auch diese Seite mit. Wer könnte also besser als er das Paradox, wie es in der Forschung heißt, zwischen dem „homme de la nature“ und dem „homme civilisé“ beschreiben? Doch da scheint auch das Problem zu liegen: Wenn wir nämlich die Forschung anschauen, so gibt es unendlich viel Literatur über genau dieses Thema. Vor allem geht es in der Forschung darum, zu beweisen, dass Rousseau mit seinem edlen Wilden und seinem zivilisierten Menschen ein Paradox aufgestellt hat. Unter anderem findet sich ein Artikel darüber im ‘Dictionnaire de Rousseau’. Das Thema des Paradoxes scheint also zur Genüge diskutiert worden zu sein. Trotzdem soll hier anhand der Konzepte des „homme de la nature“ und des „homme civilisé“ die Kritik Rousseaus an der Gesellschaft aufgezeigt werden. Dabei werden die beiden discours Rousseaus jedoch unter einem etwas anderen Gesichtspunkt miteinander verglichen: Es geht hier um die Frage, inwieweit sich vom ersten zum zweiten discours im Hinblick auf die Bilder der Gesellschaft eine Verschärfung der Kritik Rousseaus zeigt. Es werden sich sowohl Gemeinsamkeiten, wie aber auch Unterschiede in diesen beiden discours finden, was das Bild der Gesellschaft betrifft. Da in der Forschung eben oft der zweite discours hauptsächlich dazu herangezogen wird, um das Paradox zu erläutern, so soll hier eine Analyse des ersten discours zeigen, dass durchaus schon hier Vergleiche zwischen dem Naturmenschen und dem zivilisierten Menschen gemacht werden. Demnach beginnt auch schon hier die Kritik Rousseaus, die sich in drei zusammenhängende Hauptthesen gliedern läßt: „La nature avait fait l’homme bon, et la société l’a fait méchant ; la nature avait fait l’homme libre, et la société l’a fait esclave ; la nature a fait l’homme heureux, et la société l’a fait misérable.“ (Gustave Lanson: Histoire de la littérature française, Paris 1906, S. 770).


Textauszug (computergeneriert)

Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Seminar für Allgemeine Rhetorik
Seminar: Rhetorik als Kulturkritik
SS 2003

Jean-Jacques Rousseau als Kulturkritiker

von

Miriam Reiling

 


1. Rousseaus Arbeitsweise im Vergleich zu anderen Philosophen...  2

2. Der erste Discours... 4

2.1. Naturmensch und zivilisierter Mensch im Vergleich...  4
2.2. Beitrag der Wissenschaften zur Verderbtheit der Sitten... 10
2.3. Gibt es zwei Arten von Wissenschaften?... 13

3. Der zweite Discours - die beiden Gesellschaftsbilder im Vergleich... 15

4. Schlussbemerkung... 20

5. Bibliographie... 22



 

1. Rousseaus Arbeitsweise im Vergleich zu anderen Philosophen

Wenn wir den Namen ‚Jean-Jacques Rousseau’ hören, so verbinden wir damit sicherlich zuallererst den Mythos des edlen Wilden („bon sauvage“). Und wenn es sich auch nur um einen Mythos zu handeln scheint, so weiss Rousseau doch genau, worüber er schreibt, denn: er hat ihn gelebt. So schreibt Gustave Lanson: „Rousseau eut ce bonheur de vivre hors de la société jusqu’à quarante ans, ou à peu près. L’homme de la nature, le sauvage, il l’a été, il l’a vécu, avant de le décrire [...].“1 Und das ist es, was Rousseau auch von den Philosophen seiner Zeit unterscheidet: Er lebt seine Philosophie.
Mais la différence essentielle, la voici: parmi tous les intellectuels qui l’entourent, Rousseau est un sensitif. Au milieu de gens occupés à penser, il s’occupe à jouir et à souffrir. D’autres étaient arrivés par l’analyse à l’idée du sentiment : Rousseau, par son tempérament, a la réalité du sentiment ; ceux-là dissertent, il vit ; toute son (?)uvre découle de là.2
Kritisch stellt sich Rousseau seinen philosophischen Zeitgenossen gegenüber, wenn sie die Philosophie wie folgt auffassen: „Philosopher est une manière de paraître et non d’être.“3 Denn unter Philosophie versteht er eben nicht eine Wissenschaft, die man nur für die anderen, nicht aber für sich selbst ausübt: „Ils [die anderen Philosophen] étudiaient la nature humaine pour en pouvoir parler savamment, mais non pas pour se connaître. (…) Pour moi, quand j’ai désiré d’apprendre, c’était pour savoir moi-même, et non pour enseigner; j’ai toujours cru avant d’instruire les autres, il fallait commencer par savoir assez pour soi."4 Kritisiert Rousseau bei seinen Zeitgenossen, dass sie über den Dingen stehen würden, ohne sie richtig zu begreifen, so wird die Philosophie für ihn zu einem richigen Geständnis, zu einer „histoire de son âme“5 wie es Bernhard Groethuysen beschreibt. Deshalb ist es nicht erstaunlich, wenn wir auch in den beiden discours Spuren von Rousseaus Lebenserfahrung finden. Und es sind genau diese Spuren, die auch andere Autoren beeindruckt haben.
François-Marie Arouet, besser bekannt auch unter dem Namen Voltaire, schreibt so zum Beispiel in einem Antwortbrief an Rousseau nach der Lektüre des ersten discours: „ On n’a jamais employé tant d’esprit à vouloir nous rendre bêtes ; il prend envie de marcher à quatre pattes, quand on lit cette ouvrage.“6 Sicherlich schwingt, wie so oft bei Voltaire, ein unüberhörbarer Ton der Ironie mit, aber er scheint doch auch fasziniert zu sein. Rousseau, der ja schliesslich auch in der zivilisierten Gesellschaft lebte, bekam auch diese Seite mit. Wer könnte also besser als er das Paradox, wie es in der Forschung heißt, zwischen dem „homme de la nature“ und dem „homme civilisé“ beschreiben?
Doch da scheint auch das Problem zu liegen: Wenn wir nämlich die Forschung anschauen, so gibt es unendlich viel Literatur über genau dieses Thema. Vor allem geht es in der Forschung darum, zu beweisen, dass Rousseau mit seinem edlen Wilden und seinem zivilisierten Menschen ein Paradox aufgestellt hat. Dabei berufen sie sich oft auf ein Zitat aus dem zweiten discours: „l’homme sauvage et l’homme policé diffèrent tellement par le fond du c(?)ur et des inclinations, que ce qui fait le bonheur suprême de l’un réduirait l’autre au désespoir.“7 Michèle Crogiez sieht dies als ein Paradox an, da die Natur und die Kultur bei Rousseau scheinbar nicht vereinbar sind: „[...] pour Rousseau, la nature est le monde de l’indépendance et même de la liberté, la vie sociale celui de la contrainte. [...] Rousseau insiste sur l’indépendance de l’homme de nature, au moment où le progrès des relations humaines le met au bord de la perdre.“8 Aber nicht nur bei ihr, auch bei anderen Forschern taucht der Begriff des Paradoxes immer wieder in Zusammenhang mit Rousseau auf. Selbst in dem ‚Dictionnaire de Rousseau’ ist hierüber ein Artikel zu finden.9 Das Thema des Paradoxes scheint also zur Genüge diskutiert worden zu sein.
Trotzdem soll hier anhand der Konzepte des „homme de la nature“ und des „homme civilisé“ die Kritik Rousseaus an der Gesellschaft aufgezeigt werden. Dabei werden die beiden discours Rousseaus jedoch unter einem etwas anderen Gesichtspunkt miteinander verglichen: Es geht hier um die Frage, inwieweit sich vom ersten zum zweiten discours im Hinblick auf die Bilder der Gesellschaft eine Verschärfung der Kritik Rousseaus zeigt. Dieser Vergleich bietet sich deshalb an, da der zweite discours von Rousseau auch dazu dient „d’approfondir et d’affiner la réflexion philosophique entreprise dans la premier Discours, avec d’autant plus de liberté et d’audace […]“10. Es werden sich demnach sowohl Gemeinsamkeiten, wie aber auch Unterschiede in diesen beiden discours finden, was das Bild der Gesellschaft betrifft. Da in der Forschung eben oft der zweite discours hauptsächlich dazu herangezogen wird, um das Paradox zu erläutern, so soll hier eine Analyse des ersten discours zeigen, dass durchaus schon hier Vergleiche zwischen dem Naturmenschen und dem zivilisierten Menschen gemacht werden. Demnach beginnt auch schon hier die Kritik Rousseaus, die sich in drei zusmmenhängende Hauptthesen gliedern läßt: „La nature avait fait l’homme bon, et la société l’a fait méchant ; la nature avait fait l’homme libre, et la société l’a fait esclave ; la nature a fait l’homme heureux, et la société l’a fait misérable.“11

2. Der erste Discours

2.1. Naturmensch und zivilisierter Mensch im Vergleich

[...]


1 Gustave Lanson: Histoire de la littérature française, Paris 1906, S. 763.

2 Ebd. S. 763.

3 Bernhard Gr(?)thuysen: Jean-Jacques Rousseau, Saint-Amand (Cher) 1983, S. 9f.

4 Ebd. S. 10.

5 Ebd. S. 10.

6 Jean-Jacques Rousseau: discours sur les sciences et les arts ; discours sur l’origine de l’inégalité, chronologie et introdution par Jacques Roger, Paris 1992, S. 259.

7 Jean-Jacques Rousseau: Schriften zur Kulturkritik. Über Kunst und Wissenschaft (1750). Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755), eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von Kurt Weigand, Hamburg 1983, S. 264.

8 Michèle Crogiez: Rousseau et le paradoxe, S. 524.

9 Michèle Crogiez: paradoxe, in: Dictionnaire de Rousseau, S. 683-685.

10 Xavier Darcos/ Bernard Tartayre: Le XVIIIe siècle en littérature, Saint-Amand 1990, S. 238.

11 Gustave Lanson: Histoire, S. 770.


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