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Multikulturelle Metropole am Bosporus

Subtitle: Konstantinopel in der Frühen Neuzeit

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 45 Pages
Author: Jörg Hauptmann
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Event: Die Stadt. Urbanisierung in vergleichender Sicht
Institution/College: Dresden Technical University (Institut für Geschichte)
Tags: Osmanen, Türken, Osmanisches Reich, Konstantinopel, Istanbul, Byzanz, Türkei, Mehmet II., Islam, Christentum, Balkan
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 45
Grade: 1
Bibliography: ~ 27  Entries
Language: German
Archive No.: V8183
ISBN (E-book): 978-3-638-15225-9
ISBN (Book): 978-3-638-64023-7
File size: 2763 KB

Abstract

Byzanz, Konstantinopel, Istanbul sind die drei bekanntesten Namen einer Stadt, die eine lange Geschichte aufzuweisen hat. An der Schnittstelle von Europa und Asien, Mittelmeer und Schwarzen Meer war sie schon immer eine Brücke für Waren, Menschen und Kultur. Nachdem Konstantinopel als Hauptstadt des (Ost-)Römischen Imperiums über ein Jahrtausend lang das antike Erbe bewahrt und überliefert hat, fand das Byzantinische Reich mit der Einnahme der Kaiserstadt durch die Osmanen 1453 sein Ende. Konstantinopel wurde nun erneut Machtzentrum eines Großreiches und erhielt ein zunehmend islamisches Gesicht. Besondere Bedeutung kam dabei vor allem zwei Sultanen zu, Mehmet II. (1451-1481) und Süleyman I. (1520-1566). In diesem „osmanischen Jahrhundert“ zwischen der Eroberung Konstantinopels 1453 und dem Tod Süleymans des Prächtigen 1566 entstanden die Strukturen, die das Stadtbild bis ins 19. Jahrhundert dominierten und die erst mit der verstärkten Europäisierung der Stadt vor allem im 20. Jahrhundert an Farbe verlieren. Die Hauptstadt des Osmanischen Staates war eine multikulturelle Stadt, in der zwar der Islam die vorherrschende und herrschende Religion war, in der sich aber auch die ethnisch-religiöse Buntheit des Vielvölkerreiches wiederspiegelte. Bei der Betrachtung der frühneuzeitlichen Entwicklung der multikulturellen Metropole am Bosporus muss daher sowohl auf muslimische als auch auf nichtmuslimische Elemente eingegangen werden. Auf der Suche nach dem Grundcharakter der Stadt liegt besonderes Augenmerk auf städtebaulichen und sozialen Strukturen. Ergänzt wird die Arbeit durch mehrere Karten bzw. Abbildungen.


Excerpt (computer-generated)

TU Dresden
Institut für Geschichte

Hauptseminar: Die Stadt. Urbanisierung in vergleichender Sicht
SS 2002

Multikulturelle Metropole am Bosporus

Konstantinopel in der Frühen Neuzeit

Jörg Hauptmann

Inhaltsverzeichnis


1. Einleitung ... 3

2. Der Naturraum ... 5

3. Aspekte einer islamischen Stadt ... 7

3.1. Der Grundriss der Stadt ... 7
3.2. Das Leben in den Wohn- und Geschäftsvierteln ... 9
3.3. Architektur ... 11

4. Die Stadt der ethnischen und religiösen Vielfalt ... 19

4.1. Die Eroberung ... 19
4.2. Bevölkerungsentwicklung ... 20
4.3. Christen und Juden ... 22
4.4. Pera-Galata - Das Tor nach Europa ... 27

5. Schlussbetrachtung ... 30

Anhang ... 32

Glossar ... 32
Abbildungen ... 35
Abbildungsnachweis ... 42
Literaturverzeichnis ... 43

 

 

1. Einleitung

Byzanz, Konstantinopel, Istanbul sind die drei bekanntesten Namen einer Stadt, die eine lange Geschichte aufzuweisen hat. An der Schnittstelle von Europa und Asien, Mittelmeer und Schwarzen Meer war sie schon immer eine Brücke für Waren, Menschen und Kultur. Im 7. vorchristlichen Jahrhundert als griechische Kolonie Byzantion gegründet, wurde sie unter Konstantin - ihrem neuen Namenspatron - im 4. Jahrhundert n. Chr. Hauptstadt des Römischen Imperiums und ein Kerngebiet der christlichen Kirche. Unter den oströmisch-byzantinischen Kaisern bewahrte und überlieferte Konstantinopel das antike Erbe und war der Mittelpunkt eines Reiches, dass sich ein Jahrtausend lang gegen Slawen, Perser, Araber und Türken behaupten konnte. Doch von der Eroberung durch lateinische Kreuzfahrer erholte es sich nicht mehr1. So nahmen die Osmanen im Jahr 1453 Konstantinopel ein. Nach dem Untergang von Byzanz erhielt die Stadt ein zunehmend islamisches Gesicht und wurde erneut Hauptstadt eines Großreiches2. Während der Sultanszeit behielt sie den Namen Konstantinopel bei, obwohl die Türken selbst meist die arabische Form Konstantiniya oder den Namen Islâmbol gebrauchten.3 Den heutigen Namen Istanbul trägt die Stadt erst seit 1930 offiziell. Ob sich der Name aus dem Griechischen eis ten polin, „in die Stadt“ herleitet, ist zumindest zweifelhaft. Wahrscheinlicher erscheint dagegen eine Verschleifung des langen und im alltäglichen Gebrauch unpraktischen griechischen Konstantinoúpolis zu (Kon)stan(tinoú)pol(is)4.
Die frühneuzeitliche Entwicklung der osmanisch-islamischen Machtzentrums soll nun näher betrachtet werden. Da die Faktoren, die diese Stadt beeinflussten und bestimmten, äußerst komplex und in sich stark vernetzt sind, kann diese Arbeit nur einen kurzen Einblick in die Strukturen Istanbuls geben. Besondere Aufmerksamkeit soll den muslimischen und den nichtmuslimischen Komponenten geschenkt werden. Die türkische Eroberung Istanbuls 1453 ist ein zentraler Wendepunkt in der Geschichte der Stadt wie auch des osmanischen Staates. Für beide markiert er den Beginn der Frühen Neuzeit5. Am Ende dieser Epoche fehlt ein derart einschneidendes Ereignis. Während die Türken für das christliche Europa des 15. und 16. Jahrhundert als ein übermächtiger Gegner erschienen, fühlte man sich im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend ebenbürtig. Nun standen Europäer und Osmanen einander als mehr oder minder gleichstarke Partner gegenüber. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts begann die dynamische Entwicklung einiger europäischer Länder im Osmanischen Reich langsam spürbar zu werden, während es selbst mit dieser Dynamik nicht Schritt halten konnte und wirtschaftliche, politischen und soziale Krisen zunahmen. Im Zeichen dieser Krise klingt die Frühe Neuzeit in den Jahrzehnten um 1800 aus6. Wichtiger als das Ende ist jedoch der Beginn der Epoche. Die Jahre nach der türkischen Eroberung haben für die Entwicklung des Osmanenstaates7, aber auch für die Stadt Istanbul eine herausragende Bedeutung. Besonderen Einfluss hatten dabei vor allem zwei Sultane, Mehmed II. (1451-1481) und Süleyman I. (1520-1566). Mehmed, der mit der Eroberung der Stadt 1453 den Beinamen Fatih - „der Eroberer“ - erhielt, ist verantwortlich für die Transformation der in die Jahre gekommenen, griechisch-orthodoxen Kaiserstadt in eine muslimisch dominierte, dynamische Metropole. Die Beinamen seines Urenkels Süleyman, der als „der Prächtige“ in die europäische und als Kanuni - „der Gesetzgeber“ in die muslimische Historiografie eingegangen ist, weisen auf die Blütezeit hin, die das Reich in den knapp fünf Jahrzehnten seiner Regierung gerade auch im Innern erfährt und die wohl nirgends deutlicher versinnbildlicht wurde als in Konstantinopel. In diesem „osmanischen Jahrhundert“ entstehen die Strukturen, die das Stadtbild bis ins 19. Jahrhundert dominieren8 und die erst mit der verstärkten Europäisierung der Stadt vor allem im 20. Jahrhundert an Farbe verlieren. Die Hauptstadt des Osmanischen Staates war eine multikulturelle Stadt, in der sich die ethnisch-religiöse Buntheit des Vielvölkerreiches wiederspiegelte, das sich unter Süleyman von der ungarischen Tiefebene im Norden bis nach Ägypten und in den Jemen im Süden und von Algerien im Westen bis ins Zweistromland im Osten erstreckte. Der Islam war die vorherrschende und herrschende Religion dieses Imperiums, doch bestand eine hohe Toleranz gegenüber Andersgläubigen.
Über Istanbul und insbesondere über seinen reichen architektonischen Fundus gibt es eine große Zahl von Studien9. Da die Einführung des Buchdruckes im Osmanenreich erst 1727 erfolgte, liegen für die Frühe Neuzeit vor allem handschriftliche, archivalische und oftmals undatierte Quellen vor, die aufgrund ihrer großen Zahl nur sehr unvollkommen erschlossen sind. Durch Verluste, etwa bei Stadtbränden, ist ein Großteil von Urkunden und Registern erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts erhalten. Besser zugänglich sind die vielen gedruckten Berichte europäischer Händler, Diplomaten und anderer Reisender10.

 

[...]


1 Einen kurzen Abriss der byzantinischen Geschichte bietet Lilie, Byzanz.
2 Zur osmanischen Geschichte vgl. Kreiser, Der Osmanische Staat; Majoros/ Rill, Das Osmanische Reich; Gust, Imperium.
3 Çelik, Remaking of Istanbul, 22; Müller-Wiener, Topographie Istanbuls, 29.
4 Rahn, Entstehung des Armenischen Patriarchats, 30 f., Anm. 92.; Die Griechen sollen ihr Stadt bereits im 10. Jahrhundert Bulin bzw. Stanbulin genannt haben. Die armenische Form Stampul ist für das 12. Jahrhundert bezeugt. Zur Vermeidung von zwei Konsonanten im Anlaut, fügte die türkische Sprache einen Vokal hinzu: Istimboli, Ende des 14. Jahrhunderts bezeugt. Vgl. ebd.
5 Faroqhi, Formen historischen Verständnisses, 110 f.
6 Ebd., 112, 114; Das Osmanenreich konnte sich nicht mehr gegen die europäischen Mächte durchsetzen; diese mischten sich dagegen immer stärker in innere Angelegenheiten des Osmanenreiches ein. Die europäische Einmischung führte zum Verlust osmanischer Gebiete und förderte die Verselbständigung der übrigen Provinzen. Besonders dem aufkeimenden Nationalismus der christlichen Balkanvölker hatte das übernationale Reich kaum etwas entgegenzusetzen. Vgl. Majoros/ Rill, Das Osmanische Reich, 301-324; Hourani, Geschichte der arabischen Völker, 318-329.
7 In der Tradition der byzantinischen Kaiser erfolgte nach der Eroberung die Zentralisierung des gesamten Reiches. Sie war während der Frühen Neuzeit Grundlage der osmanischen Großmacht. Vgl. Odenthal, Istanbul, 48 f.
8 Çelik, Remaking of Istanbul, 29.
9 Kreiser, Der osmanische Staat, 139, 151; Hütteroth, Türkei, 478.
10 Kreiser, Der osmanische Staat, 94 f.


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