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Subtitle: Untersucht an Zeitungseditionen und anderen Kanonprojekten
Termpaper, 2007, 42 Pages
Author: Felix Strüning
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für deutsche Literatur)
Tags: Kanon, Theorie, Praxis, Schulkanonische, Literatur, Vertiefung
Year: 2007
Pages: 42
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 31 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-88535-5
File size: 159 KB
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Abstract
Ist ein Kanon heutzutage noch das richtige Modell, um Schülern, Studenten, Lehrern und allgemein Lesern zu sagen, was man lesen sollte? Oder gar gelesen haben muss, um von sich behaupten zu können, Allgemeinbildung zu haben? Literaturkenntnis ist schließlich kein entscheidender Faktor für das alltägliche Leben. Einerseits werden Leselisten vor allem von Studenten sehr gerne angenommen, da bei vollen Lehrplänen und umfangreichen Lektüreanforderungen die Zeit sehr kostbar wird. Sie mit ‚dem falschen’ Buch zu verbringen, wäre töricht. Auch scheint es in Zeiten von Multiple Choice Tests und „Wer wird Millionär?“-Sendungen immer mehr darauf hinauszulaufen, ein genau definiertes Kulturwissen anzustreben, eben einen Kanon, bei dem man weiß, wenn man ihn liest, hat man das Wichtigste ausgewählt. Bildung wird oft nicht mehr als offen und ständig zu erweiternd verstanden, sondern auf ‚key values’ reduziert. Am besten ist es, Wissen auf eine Auswahl aus einer beschränkten Anzahl von Möglichkeiten zu komprimieren. Wie Volker Hage und Johannes Saltzwedel im Spiegel schon 2001 konstatierten: „Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.“ Besten- und Empfehlungslisten haben bekanntlich eine lange Tradition, die ersten wurden schon in der Antike angefertigt. So z.B. durch die große Bibliothek von Alexandria und ihre Gelehrten, die nur drei Autoren in ihrem Mindestkanon auflisteten: Aischylos, Sophokles und Euripides. Aufgrund der massiven Ausschlussfunktion dieser antiken Bestimmungen, wurden nur sehr wenige Autoren und Texte tradiert und überliefert. Grund genug, dass heutige Kanonmacher ihre Listen meist nur als Vorschläge verstanden wissen wollen. Kanones vermitteln „Orientierung und ‚subjektive Sicherheit’“ , außerdem das Gefühl, Kultur zu besitzen und sie zu kennen.
Excerpt (computer-generated)
Kanon in Theorie und Praxis -
untersucht an Zeitungseditionen und anderen Kanonprojekten
HS: Schulkanonische Literatur im Überblick und in Vertiefung
WiSe 2006/2007
von
Felix Strüning
Inhalt
Inhalt 2
Einleitung 4
A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion 6
A.1 Kanonbegriff 6
A.2 Kanonisierungsprozesse und Kanon-Macher 7
A.3 Kanonarten 9
A.3.1 Materialer Kanon 9
A.3.2 Deutungskanon 10
A.3.3 Negativkanon 10
A.3.4 Gegenkanon 10
A.3.5 Akuter Kanon 11
A.4. Funktionsweisen von Kanon 12
A.4.1 Selbstbild 12
A.4.2. Kanon als Wertsprache für Literatur 13
A.4.3 Abgrenzung des Kanons 14
B. Kanon-„Praxis“ 16
B.1 Die „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ 16
B.2 Die „Zeit-Schülerbibliothek“ 16
B.3 Marcel Reich-Ranickis Kanonprojekte 17
B.3.1 Marcel Reich-Ranickis Literaturliste im Spiegel 17
B.3.2 Marcel Reich-Ranickis Kanon-Buchpakete 19
B.4 Die „SZ-Bibliothek“ 21
B.5 Die „Bild Bestseller Bibliothek“ 23
B.6 Die „Brigitte-Edition“ 24
B.7 Die „Spiegel-Edition – Die Bestseller“ 25
Fazit 27
Anhang 28
Autoren- und Titelverzeichnis der diskutierten Editionen 28
Die Zeit-Bibliothek der 100 Bücher 28
Die Zeit-Schülerbibliothek 31
Liste Marcel Reich-Ranickis im Spiegel 32
Der Kanon. Die deutsche Literatur – Die Romane (Marcel Reich-Ranicki) 34
Joachim Kaiser Romankanon 34
Erich Loests Gegenkanon 35
SZ-Bibliothek 36
Bild Bestseller Bibliothek 37
Brigitte Edition (mit Elke Heidenreich) 38
Spiegel-Edition. Die Bestseller 39
Quellen 41
Literatur 41
Zeitungen / Zeitschriften / Periodika 41
Internet 42
Einleitung
Ist ein Kanon heutzutage noch das richtige Modell, um Schülern, Studenten, Lehrern und allgemein Lesern zu sagen, was man lesen sollte? Oder gar gelesen haben muss, um von sich behaupten zu können, Allgemeinbildung zu haben? Literaturkenntnis ist schließlich kein entscheidender Faktor für das alltägliche Leben.1 Einerseits werden Leselisten vor allem von Studenten sehr gerne angenommen, da bei vollen Lehrplänen und umfangreichen Lektüreanforderungen die Zeit sehr kostbar wird. Sie mit ‚dem falschen’ Buch zu verbringen, wäre töricht.2 Auch scheint es in Zeiten von Multiple Choice Tests und „Wer wird Millionär?“-Sendungen immer mehr darauf hinauszulaufen, ein genau definiertes Kulturwissen anzustreben, eben einen Kanon, bei dem man weiß, wenn man ihn liest, hat man das Wichtigste ausgewählt. Bildung wird oft nicht mehr als offen und ständig zu erweiternd verstanden, sondern auf ‚key values’ reduziert. Am besten ist es, Wissen auf eine Auswahl aus einer beschränkten Anzahl von Möglichkeiten zu komprimieren. Wie Volker Hage und Johannes Saltzwedel im Spiegel schon 2001 konstatierten: „Kultur hat es leichter, wenn sie vermessen wurde; als durchgerechnete Gegenwelt zur chaotischen Gegenwart und Zukunft.“3 Besten- und Empfehlungslisten haben bekanntlich eine lange Tradition, die ersten wurden schon in der Antike angefertigt. So z.B. durch die große Bibliothek von Alexandria und ihre Gelehrten, die nur drei Autoren in ihrem Mindestkanon auflisteten: Aischylos, Sophokles und Euripides. Aufgrund der massiven Ausschlussfunktion dieser antiken Bestimmungen, wurden nur sehr wenige Autoren und Texte tradiert und überliefert.4 Grund genug, dass heutige Kanonmacher ihre Listen meist nur als Vorschläge verstanden wissen wollen. Kanones vermitteln „Orientierung und ‚subjektive Sicherheit’“5, außerdem das Gefühl, Kultur zu besitzen und sie zu kennen.
Anderseits wird immer mehr eine Ablehnung von Kanones und verbindlichen Lektürelisten beklagt. Schulen und andere Bildungseinrichtungen, beziehungsweise die zuständigen Ministerien, stehen immer wieder vor der Frage, wie die Lektüreauswahl bei der Literaturvermittlung geschehen soll. Nennen die Listen Autoren und Titel oder nur Themengebiete? Sind bestimmte Autoren/Titel verbindlich, andere frei wählbar?
Nach einer Diskussion der aktuellen Kanondebatte und -auslegung soll sich diese Arbeit Buch- und Zeitungsprojekten der letzten Jahre zuwenden, um sie auf Kanonanspruch und Kanontauglichkeit zu untersuchen. Als erstes werden zwei kanonische Bibliotheken der Wochenzeitung „Die Zeit“ betrachtet. Anschließend widmet sich die Arbeit der vom Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki 2001 im „Spiegel“ veröffentlichten Lektüreliste und seinem in Folge dessen herausgegebenen Kanon als Buchkassetten. Schließlich wendet sich die Untersuchung vier Zeitungseditionen zu, die in den letzten Jahren kanonähnlich auf den deutschen Buchmarkt gebracht wurden. Dabei macht die „SZ Bibliothek“ der „Süddeutschen Zeitung“ den Anfang, die als Reaktion darauf erschienene „Bild Bestseller Bibliothek“ folgt. Anschließend kommt die von Elke Heidenreich verantwortete „Brigitte-Edition“ zur Diskussion und letzten Endes die „Spiegel Edition. Die Bestseller“.
Es geht bei dieser Arbeit nicht primär darum, wie ein Werk beschaffen sein muss, um kanonisierbar zu sein. Stattdessen wird diese übliche Perspektive fallengelassen und darauf geschaut, wie ein Kanon aufgebaut werden muss, um als solcher zu gelten. Kann man also Kriterien finden, mittels derer man sozusagen die leere Hülle eines Kanons – oder einer Edition, die selbigen Anspruch hat – mit Einzelwerken auffüllen kann? Auch wenn ‚Kanon’ eher als Problem denn Begriff der Literaturtheorie6 gesehen werden muss, können die im ersten Teil erarbeiteten Kriterien dazu dienen, die ausgewählten Druckerzeugnisse auf ihre Kanontauglichkeit zu untersuchen. Handelt es sich z.B. bei den Zeitungseditionen um Kanones oder nur um beliebte bzw. geschätzte Literatur? Gibt es Spezialformen von Kanones, denen die Zeitungseditionen formal entsprechen? Schließlich stellt sich die Frage, warum Projekte wie die „SZ Bibliothek“ in Zeiten abnehmender Kanonakzeptanz solchen wirtschaftlichen Erfolg haben.
A. Kanon-Begriff, -Theorie und -Diskussion
A.1 Kanonbegriff
Der Begriff des Kanons stammt ursprünglich aus den Sprachen des Sumerisch- Babylonischen, Griechischen und Latein. Er steht einerseits für Richtschnur beziehungsweise Leitfaden, andererseits für die Gesamtheit in einem Bereich geltender Vorschriften und Regeln beziehungsweise deren verbindliches Verzeichnis. Damit war vor allem die Zusammenstellung des Alten und Neuen Testamentes gemeint, aber auch Einzelbestimmungen des katholischen Kirchenrechts und das Hochgebet der Eucharistie in der katholischen Liturgie. Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts wird der Begriff auch auf literarische Texte angewendet.7 Aus Sicht der antiken Ethiker bedeutete Kanon ein „Vorbild, das zur ethischen Urteilsbildung dient“.8 Hier wird schon sichtbar, welche Funktionen ein literarischer Kanon haben kann. Man kann vom Kanon auch als „künstlerische[r] Musterlösung“9 sprechen. Heutzutage wird Kanon jedoch nicht nur im religiösen und literarischen Bereich angewandt, sondern z.B. auch in der Kunstgeschichte, im Recht und der Soziologie. Generell gilt Kanonisiertes als „heilig, verbindlich, vorbildlich“10.
[....]
1 Volker Hage, Johannes Saltzwedel, Arche Noah der Bücher, in: Der Spiegel, 25/2001, 18.06.2001, S. 208
2 Ebd., S. 210
3 Ebd., S. 208
4 Ebd., S. 209
5 Angelika Buß, Kanonprobleme, in: Michael Kämper-van den Boogaart, Deutschdidaktik, Berlin 2006, S. 3
6 Ebd., S. 2
7 Michael Kämper-van den Boogaart, Kanon, in: Erhard Schütz (Hrsg.), Das BuchMarktBuch, 2005, S. 1, und: Der Duden: Das Fremdwörterbuch, Mannheim 2001, S. 484
8 Marc-Aeilko Aris, Kanon und Entscheidung, Vortrag anlässlich des Symposiums „Nachdenken über Denkmalpflege“ (Teil 4), Berlin, 2. April 2005, zitiert nach http://www.kunsttexte.de, 2/2005, S. 1, 25.03.2007
9 Siegfried J. Schmidt, Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 337
10 Alois Hahn, Kanonisierungsstile, in: Aleida Assmann (Hrsg.), Kanon und Zensur. Archäologie der literarischen Kommunikation 2, München 1987, S. 28
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